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Der Glaube an den einen Gott im Judentum, Christentum und
Islam
1. Drei Religionen – ein Gott?
Der Islam bzw. seine Einschätzung in unserem Lande sorgt
derzeit für eine nicht geringe Aufregung. Erst hatte Thilo Sarazin in
seinem Buche „Deutschland schafft sich ab“ die Integrationsfähigkeit
der angeblich über 4 Millionen Muslime in unserem Lande in Frage
gestellt und das mit einer fragwürdigen Inanspruchnahme von
Vererbungstheorien begründet. Dann hat der Bundespräsident Christian
Wulff in seiner Rede aus Anlass der Feier des 20. Jahrestages der
deutschen Einheit den Satz gesprochen: auch „der Islam gehört zu
Deutschland“. Sofern damit gemeint war, auch die eingewanderten
Muslime aus verschiedenen Ländern, die hier leben und wirken, gehörten
zu Deutschland, ist dagegen nichts zu sagen. Indem Wulff aber von „dem
Islam“ geredet hat, hat er den Eindruck erweckt, die Religion des
Islam gehöre zu den kulturellen, den ethischen und ästhetischen
Grundlagen unserer Gesellschaft. Er hat sich damit vergleichbar viele
Proteste eingehandelt, wie Sarazin aus umgekehrtem Grunde. Während dem
einem vorgeworfen wird, er wolle die Menschen muslimischen Glaubens
diskreditieren, wird dem anderen unterstellt, er befördere eine von
vielen befürchtete Islamisierung und damit eine Verfremdung unserer
Gesellschaft und Kultur.
Kaum eine Rolle spielt
in dieser erregten Diskussion aber die religiöse Grundlage des
Islam, d.h. der besondere Charakter des Gottesglaubens der Muslime.
Was Probleme bereitet und was diskutiert wird, sind die kulturellen
Eigentümlichkeiten, die sich mit diesem Glauben verbunden haben. Dazu
zählen z.B. die Rechtsauffassungen der Scharia, das Verständnis der
Rolle der Frauen und mancherlei bei uns befremdliches Brauchtum. Mit
diesem Befremdlichen verbinden sich soziale und bildungspolitische
Probleme und Konflikte mancher muslimischer Bevölkerungsgruppen, die
wir in Berlin hautnah zu spüren bekommen. Ich gehe heute auf das Alles
nicht ein und verweise stattdessen auf die Handreichung der
Evangelischen Kirche in Deutschland „Klarheit und gute Nachbarschaft“
von 2006, an der ich mitgearbeitet habe und in der zu den Problemen
der gesellschaftlichen Integration, der kulturellen und ethischen
Besonderheiten des Lebens der Muslime ausführlich Stellung bezogen
wird.
Unsere Fragestellung
heute ist ein andere. Sie lautet: Können die christlichen Kirchen
nicht dazu beitragen, dass die Gemeinsamkeiten und Berührungen des
Gottesglaubens im Judentum, im Christentum und im Islam zu einer
Quelle der Verständigung und des guten Zusammenlebens von Juden,
Christen und Muslimen in unserer Gesellschaft werden? Denn schließlich
eint sie im Unterschied zu anderen Religionen etwas Fundamentales. Sie
sind monotheistische Religionen; Religionen, die an nur
einen außerweltlichen Gott glauben. Mehr noch: Sie haben diesen
Glauben auf der Grundlage der gleichen religiösen Traditionen
gewonnen.
Der Monotheismus, der
sich – historisch gesehen – im 6. Jahrhundert vor Christus in Israel
ausbildete, ist das Charakteristikum des jüdischen, des christlichen
und des muslimischen Gottesglaubens. Die alttestamentliche Tradition
hat das Entstehen dieses Monotheismus in graue Urzeiten zurück
projiziert und dem Glauben eines Urvaters Israels zugeschrieben. Das
ist Abraham. Sowohl das Judentum wie das Christentum wie der Islam
berufen oder beziehen sich auf diesen Urvater, wenn sie die Wurzeln
ihres monotheistischen Gottesglauben benennen. Sie werden deshalb in
der Religionswissenschaft auch „abrahamitische“ Religionen genannt.
Für uns als christliche Gemeinde klingt diese Bezeichnung sicher
ungewöhnlich. Denn obwohl Paulus Abraham den „Vater aller Glaubenden“
nennt und das Neue Testament verschiedentlich auf die Frömmigkeit
Abrahams zu sprechen kommt, weist der Name Jesus Christus die
christliche Identität aus. Dennoch ist nicht in Abrede zu stellen,
dass Judentum, Christentum und Islam mit ihrem auf Abraham zurück
geführten Monotheismus Religionen eines gleichen Typos sind.
Sie verneinen
gemeinsam den Polytheismus, d.h. die religiöse Vorstellung, dass
unsere Welt von Göttern oder göttlichen Naturmächten durchwaltet sei.
Der Monotheismus hat die Welt „entgöttert“, indem er den einen Gott
ganz jenseitig verstand, sagen die Theologie und die
Religionswissenschaften. Im Glauben an den einen außerweltlichen Gott
ist diese Welt nichts als Welt; Gottes Schöpfung im Unterschied
zu Gott, der kein Teil der Welt ist. In dieser religiösen Anschauung
steckt ein großes Potential der Freisetzung von menschlicher
Verantwortlichkeit für diese Welt. Die monotheistischen Religionen
sind welthistorisch betrachtet der Nährboden für das Entstehen freier
Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, also der
Naturwissenschaften. Sie sind Triebkraft einer Ethik, in der Menschen
von Gott aufgerufen sind, für die von ihm geschaffene Welt
Verantwortung zu übernehmen.
Eigentlich und
bisschen abstrakt gesehen setzt also das gemeinsame Wesen der
monotheistischen, „abrahamitischen“ Religionen phantastische
Möglichkeiten frei, sich bei Aufgaben der Gestaltung von Gottes
Schöpfung und des menschlichen Zusammenlebens miteinander zu
verbünden. Der Islam hat in seiner Blütezeit vor der Jahrtausendwende
unter Beweis gestellt, welche wissenschaftliche und kulturelle Energie
in ihm steckt. Wir bewundern das noch heute in Südspanien und an
anderen Orten der muslimischen Welt. Warum diese Energie erschlafft
ist und der Islam heute als eine Religion erscheint, die sich nur
mühsam in den Entwicklungen der wissenschaftlich-technischen Welt und
den dadurch ausgelösten Veränderungen des Menschenbildes zurecht
findet, ist eine Frage, an der sich wissenschaftliche Untersuchungen
die Zähne ausbeißen. Jedenfalls ist es nicht zur gemeinsamen
Inanspruchnahme jener Möglichkeiten verantwortlicher Weltgestaltung
durch die drei monotheistischen Religionen gekommen. Die Geschichte
hat diese drei miteinander verwandten Religionen vielmehr nachhaltig
gegeneinander getrieben. Antisemitismus in der Christenheit,
Verketzerung der Muslime, gewaltsame Ausbreitung des Islam und
Kreuzzüge haben unvernarbte Wunden in ihr Verhältnis zueinander
geschlagen. „Ewiger Zwist“ um den „stärkeren Gott“ hat der „Spiegel“
hat in seiner Weihnachtsausgabe 2009 dieses Verhältnis genannt.
Das ist sicherlich eine falsche Beschreibung, sofern
sich Juden, Christen und Muslime gemeinsam auf den in der Bibel
bezeugten einen Gott beziehen und nicht auf verschiedene
„starke“ oder „stärkere“ Götter. Es ist aber richtig, sofern die Art
und Weise, in der sie das tun, zur Abgrenzung gegeneinander führt. Das
Judentum bestreitet den christlichen Glauben, dass Gott in seinem
Sohne Jesus Christus in die Welt gekommen sei. Das Christentum
bestreitet dem Judentum die Meinung, dass die Christusoffenbarung mit
dem Glauben an den Gott Israels unvereinbar sei. Der Islam hält das
Judentum und das Christentum für eine Verfälschung der wahren
Gottesverehrung Abrahams, während Judentum und Christentum zusammen
dem Islam eine fälschliche Inanspruchnahme alttestamentlicher und
neutestamentlicher Traditionen vorhalten. Um uns in diesem Gestrüpp
von wechselseitigen und sich überkreuzenden Anschuldigungen und
Abgrenzungen zurecht zu finden, tun wir gut daran, ein paar nüchterne
Feststellungen zu treffen.
2. Besonderheiten der Gottesverehrung in den drei „abrahamitischen“
Religionen
Was zunächst das Verhältnis des Christentums zum Judentum
betrifft, so können wir heute nur mit Beschämung, ja angesichts des
holocaust nur mit Entsetzen auf das blicken, was Antisemitismus und
Rassenhass hier angerichtet haben. Dadurch ist bis zur Unkenntlichkeit
verdunkelt worden, dass das Judentum für das Christentum streng
genommen keine andere Religion ist. Es gehört mit seinem Glauben an
den das Volk Israel zum Bunde mit sich erwählenden Gott unlöslich mit
der Geschichte des Christentums zusammen. Der Jude Jesus prägt das
unübersehbar ein. Das Judentum repräsentiert darum – wenn auch unter
Ablehnung Jesu Christi – die bleibende Herkunft der Kirche aus
Israel und die unwiderrufene Verheißung Gottes für dieses Volk (vgl.
Römer 9-11). Im Gottes-, Welt- und Menschenverständnis sind Judentum
und Christentum sich von Hause aus nahe. Die Texte des Judentums sind
im Unterschied zu denen des Koran auch die Texte der christlichen
Verkündigung. Das Gebetbuch das Psalmen übt Juden und Christen in das
Sprechen mit Gott ein. Gottes Gebot, wie es in den 10 Geboten
konzentriert ist, ist für Juden und Christen lebensorientierend. Auch
wenn das Christentum das Alles ins Licht einer neuen Glaubenserfahrung
stellt und es deshalb eine Rückkehr der Kirche aus Juden und Menschen
aus allen Völkern zum Judentum nicht geben wird, sind jene
Gemeinsamkeiten ein starkes Band. Es fest zu knüpfen und allem
Antisemitismus das Wasser abzugraben, kann und muss heute ein
wesentliches Anliegen aller Christinnen und Christen sein.
Mit dem Islam
verbindet Judentum und Christen nicht ein vergleichbar starkes Band.
Das hängt erstens damit zusammen, dass er ca 700 Jahre nach dem
Auftreten Jesu Christi aufgrund der Offenbarungserfahrungen Muhammeds
in Arabien entstanden ist. Er ist also eine zum Judentum und
Christentum hinzu gekommene Religion. Zweitens hat Muhammed von
den biblischen Traditionen sowohl des Alten wie des Neuen Testaments
in einer Weise Gebrauch gemacht, die für Juden und Christen
befremdlich ist. Sie führt im Endeffekt zur scharfen Ablehnung der
zentralen Glaubenswahrheiten Israels und der Kirche. Dem Judentum wird
bestritten, das erwählte Volk Gottes zu sein. Der christliche Glaube
an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus gilt dem Islam als
Menschenvergötzung und der trinitarische Gottesglaube als Rückkehr zum
Polytheismus.
Der Grund dafür ist,
dass Muhammed beanspruchte, die ursprüngliche monotheistische
Frömmigkeit Abrahams – der im Koran Ibrahim heißt – letztgültig
zur Geltung zu bringen. Ibrahim gilt ihm erster Gerechter und Hanif
(wahrhaft Gott hingegebener Muslim), weil er erkannte, dass es nur
einen einzigen Gott gibt (Sure 2:135). Seine Gotteshingabe wurde von
seinem ältesten Sohn bewahrt, den er mit seiner Magd Hagar gezeugt
hatte. Das war Ismael, den Muhammad als Stammvater der Araber
verstand und auf den er selbst auch seine Abstammung zurück führte.
Ismael ist es denn auch (und nicht Isaak wie im Alten Testament), den
Gott nach dem Koran dem Ibrahim zu opfern befiehlt, um seinen Gehorsam
zu prüfen. Als Ibrahim zu diesem Opfer bereit ist, erlässt Gott ihm
die Tötung seines Sohnes. Stattdessen soll er einen Widder opfern. Das
rituelle Opfern von Schlachtvieh und das islamische Opferfest
vergegenwärtigen diesen Vorgang.
Auf Ibrahim wird auch
die Wallfahrt nach Mekka zur Kaaba, einem schwarzen Stein
(wahrscheinlich ein Meteorit) zurückgeführt. In vorislamischer Zeit
war das eine Kultstätte verschiedener altarabischer Gottheiten. Nach
muslimischen Verständnis ist es das erste monotheistische Gotteshaus,
das der Prophet Adam errichtet hat und dann nach seiner
polytheistischen Entfremdung von Ibrahim und schließlich von Muhammads
erneuert wurde. Die Wallfahrt zur Kaaba, die 7 mal zu umrunden ist,
gilt neben dem Glaubensbekenntnis („Ich bezeuge, dass es keine
Gottheit außer Gott gibt und dass Mohammed der Gesandte Gottes ist“),
dem rituellen Gebet, der Almosensteuer und dem Fasten als eine der 5
Säulen des Islam.
Wir können hier in der
Kürze der Zeit nicht weiter schildern, wie das Alles im Koran, in der
Sunna (Geschichten aus dem Leben Muhammads) und in der auslegenden
Tradition weiter entfaltet wird und sich in die verschiedenen
muslimischen Richtungen differenziert hat. Unsere Frage ist ja:
Erkennen wir in der muslimischen Gotteshingabe noch den Gott des Alten
und des Neuen Testaments, so dass im Glauben an ihn auch ein
belastungsfähiges religiöses Band zwischen Judentum und Christentum
einerseits und Islam andererseits gegeben ist?
3. Gemeinsame Ziele
Es gibt heute nicht unwesentliche Strömungen in der
evangelischen und in der römisch-katholischen Theologie, welche die
Berufung der Muslime auf die Gestalt Abrahams theologisch sehr hoch
anbinden. Es sei derselbe Gott, der unter Berufung auf Abraham
im Judentum, im Christentum und im Islam Verehrung findet, wird dabei
geltend gemacht. Es sei zu würdigen, dass die Muslime einige
alttestamentliche Propheten und auch Jesus als Künder des wahren
monotheistischen Gottesglaubens und Vorläufer Muhammads anerkennen.
Sie teilen darüber hinaus mit dem Judentum und dem Christentum
wesentliche Konkretionen des Glaubens an den einen Gott. Er wird als
Schöpfer der Welt und als Weltenrichter am Ende der Zeiten verstanden.
Das Alles berechtigt
nach der Überzeugung z.B. von meinem katholischen Kollegen Hans Küng
in Tübingen oder von meinem evangelischen Kollegen Berthold Klappert
in Wuppertal, eine „abrahamitische Ökumene“ anzustreben, die sich im
Bekenntnis zum Gott Abrahams, Isaaks und Ismaels zusammen
findet. Die rheinische Landeskirche hat sich unter der Federführung
unseres jetzigen Bischofs Markus Dröge im vorigen Jahre auf den Weg
gemacht, in einer freilich etwas verschwommenen „Arbeitshilfe“
dergleichen Ökumene in unserer Evangelischen Kirche heimisch werden zu
lassen.
Doch zunächst einmal
ist der Begriff „Ökumene“ ungeeignet, das Verhältnis der drei
monotheistischen Religionen auf einen Nenner zu bringen. „Ökumene“ ist
ein christlicher Begriff und meint einen Verständigungsprozess
zwischen den christlichen Konfessionen, der zur Einheit Bekennens an
Gott in Jesus Christus und zu gemeinsamer kirchlicher Praxis führt.
Von solcher Einheit des Bekennens kann in Bezug auf den Islam nicht
die Rede sein. Im Koran wird nicht nur das trinitarische
Gottesbekenntnis und die Gottessohnschaft Jesu Christi bestritten,
sondern auch der Tod Jesu am Kreuz. Sowohl das Judentum wie das
Christentum unterliegen trotz der Anerkennung einiger
alttestamentlichen Propheten und Jesu als Vorläufer des Propheten
Muhammad dem definitiven Urteil, Verfälschungen des wahren
Ein-Gott-Glaubens Abrahams zu sein. Die Dialoge mit Vertretern des
Islam und auch die jüdisch-christlich-muslimischen „Trialoge“ haben
nicht erkennen lassen, dass sich an diesem Urteil etwas ändern wird.
Das Herzstück des christlichen Glaubens ist von muslimischer Seite
nicht mit dem Glauben Ibrahims zu reimen. Auf der anderen Seite sind
die Hinzufügungen zum biblischen Zeugnis und seine eigenartigen
Umdeutungen, die sich im Koran finden, so gravierend, dass sie
schwerlich mit der Grundlage des christlichen Glaubens, der Bibel,
zusammen stimmen.
Dennoch bleibt es
dabei, dass die Muslime – vermittelt durch die Abraham-Tradition –
denselben Gott meinen. Judentum, Christentum und Islam sind sich darum
zusammen näher als anderen Religionen. Von einem gemeinsamen
Glauben im eigentlichen Sinne des Begriffs kann aber schwerlich die
Rede sein. So wie im Christentum an Gott geglaubt wird, können die
Muslime eben nicht auf Gott vertrauen, ihr Herz an ihn hängen und
Zuflucht zu ihm haben in allen Nöten (M.Luther). Angemessen ist es
vielmehr zu sagen: Es gibt Berührungspunkte und strukturelle
Ähnlichkeiten zwischen beiden Glaubensformen, wie den Glauben an
den einen welttranszendenten Gott, den Schöpfer und Richter. Diese
Berührungspunkte und Ähnlichkeiten können es muslimischen
Gemeinschaften und den Kirchen ermöglichen, gemeinsame Ziele
verfolgen. Ich denke da z.B. an die Verantwortung für Gottes
Schöpfung. Denn im muslimisch und im christlich geprägten Glauben
Abrahams ist das Anliegen verankert, diese Welt vor aller Vergötzung
von Irdischem zu beschützen und sie als Schöpfung Gottes so zu
bebauen und bewahren, dass menschliches Leben in Dankbarkeit gegen den
Geber des Lebens aufblühen kann, wie in den maurischen Gärten.
Vor allem aber ist es
meine Hoffnung, dass die Rückbesinnung auf den Glauben Abrahams ein
Anstoß werden möge, mit denen Traditionen der Gewalt und der
Intoleranz zwischen beiden Religionen überzeugend zu brechen. Abraham,
den der Jakobusbrief mit einem Jesajazitat wegen seiner Werke der
Liebe einen „Freund Gottes“ nennt (Jakobus 2, 23), sollte auch die
Muslime ermutigen, die Texte, die im Koran zur Bekämpfung der
Ungläubigen aufrufen, gegenüber denen hintanzustellen, die zum
friedlichen Zusammenleben mit Juden und Christen aufrufen. Den Glauben
an Gott kann man auch nach der Überzeugung des Koran niemals
erzwingen. Der Anspruch auf Wahrheit kann in jeder Religion überhaupt
nur in der Kraft eines menschenfreundlichen Geistes unter Beweis
gestellt werden, der Gottes Geschöpfen kein Leid antut. Herrscht
dieser Geist, der in allen drei monotheistischen Religionen
anzutreffen ist, dann kann der Streit um die Wahrheit zwischen den
Religionen ein edler Streit in einem Dialog werden, der von
Respekt und Achtung vor den Menschen einer anderen Religion getragen
ist.
Ich will schließen, indem ich als ein Theologe, der
im Osten Deutschlands beheimatet ist, dem ausschließlich westlich
geprägten Bemühen um die muslimisch-christliche Verständigung eine
mehr persönliche Erfahrung hinzufüge. Im Osten Deutschland verstehen
sich auch 20 Jahre nach 4 Jahrzehnten einer atheistischen
Weltanschauungsdiktatur drei Viertel der Bevölkerung als Atheisten. In
manchen Teilen von Berlin sind es sogar ca 95 %. Das Merkmal dieser
Atheisten ist, dass sie alle Religion für überholten Aberglauben
halten und darum zwischen der Kirche und den Muslimen keinen
Unterschied machen. Es wäre darum gut, wenn sich die Muslime in
unserem Lande auch dessen bewusst sein könnten, dass sie gemeinsam mit
den Gliedern der Kirche Verantwortung dafür tragen, wie sich Religion
im Gegenüber zu den Atheisten darstellt. Das Gespräch über Abrahams
Glauben an den einen Gott sollte deshalb in unserem Lande nicht nur am
Leitfaden von Fragestellungen der Vergangenheit religiös in sich
selbst kreisen. Es sollte bei allen Differenzen, die bleiben, vielmehr
drauf zielen, Menschen, die Gott vergessen haben, überzeugend zum
Glauben an Gott zu reizen. |
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