Persönlich akzentuierte Erfahrungen zwischen Ost und West mit einer heraus
fordernden Theologie
1. Mit dem Anfang anfangen
Der Schweizer Theologe Karl Barth hat im vorigen Jahrhundert
wie kaum ein anderer den Weg der deutschen Kirchen geprägt und mit
seinen Einsichten in der theologischen Landschaft sowohl der
Universitäten wie der Kirche Markenzeichen gesetzt. Mit seinem
Namen ist der theologische Aufbruch der sogenannten „dialektische
Theologie“ nach dem Ersten Weltkrieg verbunden, der die
theologischen Auseinandersetzungen der zwanziger Jahre bestimmte.
Sein Wirken in Deutschland als Professor für systematische
Theologie in Göttingen, Münster und Bonn hat ihn zum führenden
Kopf der Bekennenden Kirche werden lassen, die sich zu Beginn der
dreißiger Jahre gegen das Eindringen der „Deutschen Christen“ in
die Evangelischen Kirchen formierte. Aus seiner Feder stammt im
Wesentlichen der Text der Barmer Theologischen Erklärung, der
heute zu den Bekenntnisgrundlagen der reformierten und unierten
Landeskirchen gehört. Er repräsentiert auch den ziemlich
singulären politischen Widerstand gegen das Naziregime aus
dem Raum der Theologie heraus, zu dem er, nachdem man ihm 1934 in
Bonn die Professur entzogen hatte, von Basel aus als eine
„Schweizer Stimme“ unermüdlich aufgerufen hat. Sein Name steht in
den Auseinandersetzungen der 50ger Jahre um die Atombewaffnung
Westdeutschlands für eine entschlossene Ablehnung dieser Rüstung
gut. Er hat im politischen Felde nicht weniger für viel Aufregung
gesorgt, als er sich weigerte, in die antikommunistische
Propaganda des „Westens“ gegen den „Osten“ einzustimmen – eine
Weigerung, die ihn in seinem Heimatlande bei Vielen in den Ruf
eines „Kommunisten“ (was immer das sein sollte) gebracht hat.
Seine Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmanns Programm der
„Entmythologisierung neutestamentlicher Texte“ bestimmte bis in
die sechziger Jahre hinein die theologischen Fronten in Kirche und
Theologie. Mit der Ablehnung der Kindertaufe als einer „tief
unordentlichen Taufpraxis“ hat sich gegen Ende seines Lebens in
den Kirchen noch einmal richtig unbeliebt gemacht.
Das alles und noch viel mehr ist heute – über vierzig
Jahre nach Barths Tode – Historie. Das gilt auch von dem
Monumentalwerk, welches er uns hinterlassen hat: 13 Bände
„Kirchliche Dogmatik“ und eine noch längst nicht zum Abschluss
gekommene Gesamtausgabe seiner Schriften, Predigten, Briefe,
Gespräche, die unterdessen bei Band 47 angekommen ist. In meinem
Bücherregal nimmt Barth nicht weniger als vier Meter ein. Einem
Menschen, der sich heute dieses Werk selbst erschließen will, wird
also viel zugemutet. Er muss nicht nur die andere Zeit verstehen,
in der es entstand. Er muss sich an die Sprache und an den
Denkstil gewöhnen, den Barth pflegte. Das ist eine sich vorwärts
tastende Sprache und ein sich gewissermaßen in Spiralen bewegendes
selbstreflexives Denken, das die eigenen Einsichten immer aufs
Neue noch einmal aufnimmt, um sie in Nuancen zu präzisieren und
weiter zu entwickeln. Man kann diesen Denk- und Sprachstil sogar
den Manuskripten ansehen. Sie zeigen uns eine Art Fließtext fast
ohne Absätze, die dann erst später für den Druck eingefügt wurden.
Das Geschriebene in der Ursprungsfassung sieht aus wie ein Strom,
auch wenn der immer wieder durch Selbsteinwendungen und Umwege
verlangsamt wird. „Wir müssen jetzt noch tiefer bohren“, lautet
z.B. eine immer wieder kehrende Wendung in der „Kirchlichen
Dogmatik“, mit der ein neuer Gedankenschritt eingeleitet wird.
Weithin gewinnt diese Dogmatik darum ein fast epische Breite. Man
muss sich Zeit nehmen, wenn man Barth liest. Für das heute in den
schnellen Bachelor- und Masterstudiengängen so beliebte Verfahren,
ein paar Seiten aus einem Buch in „hand-outs“ zugänglich zu
machen, eigenen sich diese Texte überhaupt nicht. Es ist also für
einen jüngeren Menschen nicht ganz einfach, Karl Barth durch seine
Texte heute zum „Gesprächspartner“ zu gewinnen.
Die andere Seite der Sache ist, dass diejenigen, die
in jenem Strom eintauchen, in Gefahr geraten, einfach
mitzuschwimmen und dabei das eigene „Nachbohren“ zu vergessen. Das
hängt auch damit zusammen, dass Karl Barths Sprache weithin einen
kerygmatischen, verkündigenden Charakter hat und sogar
bekenntnishafte Züge annimmt. Die „Kirchliche Dogmatik“ will ja
kritische Prüfung der Verkündigung und Praxis der Kirche sein und
zielt zugleich auf eine bestimmte Art dieser Verkündigung und
Praxis. Zumal wenn es um Sein und Nichtsein der Kirche ging, wie
es in der Zeit des Nationalsozialismus der Fall war, drängt sie
auf die Verbindlichkeit der theologischen Einsichten, die
der Kirche helfen, wahrhaft Kirche Jesu Christi zu sein. Das hat
da und dort nach 1945 in den Landeskirchen dazu geführt, dass
Barths Theologie eine Art Haus- und Hoftheologie wurde und das
Phänomen des Barthianismus entstand. Barth war dann nicht
mehr „Gesprächspartner“, sondern Haupt einer theologischen Schule,
die seine Einsichten nur wiederholte.
Im Sinne unseres Baselers war das nicht. Gefragt, was
er denn von „Barthianern“ halte, hat er geantwortet: „Ich bin
jedenfalls keiner“. Er wollte „Gesprächspartner“ von Theologie und
Kirche sein, der sie (wie Johannes mit seinem langen,
ausgestreckten Zeigefinger auf dem Isenheimer Altar) immer aufs
Neue auf ein Ereignis hinweist, an dem sie sich zu
orientieren hat. Er wollte sie nicht auf noch so richtige
theologische Prinzipien oder Systeme festlegen. Voraussetzung
dabei war allerdings, dass in Theologie und Kirche Einigkeit
darüber herrscht, dass jenes Ereignis ihr Lebensquell in jeder
Hinsicht ist. Nicht die Religion als Praxis menschlicher
Frömmigkeit, nicht der Kultus, nicht das Walten Gottes in der
Geschichte, nicht die Ethik mit ihren Werten und erst recht nicht
die Politik garantiert der Kirche ihr Leben und erteilt ihr die
Aufgaben. Das alles kann an seiner Stelle zu seinem Recht kommen.
Aber das Entscheidende ist das Ereignis des Kommens Gottes
in die menschliche Geschichte, das sich im Menschen Jesus
ereignete und kraft des Wortes und Geistes Gottes Ereignis bleibt.
Mit diesem Anfang haben Kirche und Theologie immer wieder aufs
Neue anzufangen, wie Barth besonders gerne sagte. Sie haben sich
nicht auf irgendeiner Kanalisierung dieses Anfangs auszuruhen oder
jenen Anfang in allen möglichen „ismen“, zu denen dann auch der
Barthianismus zu zählen wäre, abzutöten.
2. Theologie der Partnerschaft zwischen Gott und Mensch
Als ein Theologe, der auf die beschriebene Weise immer mit dem
Anfang angefangen hat, verstand Karl Barth sich selbst und nicht
zuletzt darum ist seine Dogmatik so dick geworden. Er hat immer
schon Gedachtes im Lichte jenes Ereignisses immer noch einmal neu
bedacht, Unzureichendes korrigiert, Vernachlässigtes neu gewürdigt
und Abgelehntes noch einmal geprüft und ihm das Beste abgewonnen.
Anders denn als „Gesprächspartner“, der sich auf außergewöhnlich
intensive Weise mit der Frage beschäftigt, was die Zentralstellung
des Ereignisses Jesus Christus für die Kirche, für die Welt und
nicht zuletzt das eigene Leben bedeutet, konnte ich auch selbst
Barth in seinem theologischen Denken gar nicht wahrnehmen, als ich
– zunächst unbeleckt von allen Kenntnissen über Barths kirchliche
und politische Bedeutung – vor nun beinahe 50 Jahren begonnen
habe, in der „Kirchlichen Dogmatik“ zu lesen.
Ich erinnere mich
noch ziemlich genau an die Umstände, unter denen das geschah. Das
war im Herbst 1961. Ich wohnte damals als Student in einem
Zimmerchen im 4.Stock des Berliner Sprachenkonvikts, der halb
illegalen Kirchlichen Hochschule der Berlin-Brandenburgischen
Landeskirche-Ost. Durch das Fenster konnte ich direkt auf die
gerade errichtete Berliner Mauer quer über die Gartenstraße sehen.
Abends wurde sie angestrahlt und der Osten donnerte mit sog.
Schallkanonen den Freiheitschor aus Verdis Nabucco in den Westen,
worauf der Westen mit dem Freiheitschor aus Beethovens Fidelio
antwortete. Vielleicht war’s auch umgekehrt. Ich aber las im
Scheine einer funzlichen Lampe, die mir die Augen verdorben hat,
in der „Kirchlichen Dogmatik“ III/2, der Theologischen
Anthropologie. Denn mein Lehrer, der fast so jung war wie ich,
Eberhard Jüngel, hatte gerade einen Aufsatz geschrieben, der noch
heute als das Gescheiteste gelten kann, was zu Barths
Anthropologie geschrieben wurde, aber den ich Anfänger in der
Theologie trotzdem nicht recht verstanden hatte. Darum habe ich
zum „Urtext“ gegriffen und bin in jenen Strom des Nachsinnens bis
der Morgen graute und die Schallkanonen schwiegen, eingestiegen.
Er erschloss mir Sichtweisen auf uns Menschen, die mir vorher noch
niemals in den Sinn gekommen waren und er machte mir das Herz
leicht. Denn mich faszinierte mit Blick auf die Mauer die
Grundgestimmtheit dieser Lehre vom Menschen auf die Freiheit
von uns Menschen vor Gott und der von einem feinen Humor
unterfangene Realitätssinn, mit dem beschrieben wird, was wir
Menschen aus dieser Freiheit machen.
Seitdem ist
Karl Barth ein „Gesprächspartner“ auf meinem theologischen Wege
geblieben. Ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt. Ein
Stipendium für ein Studium in Basel, das er mir zugedacht hatte,
durfte ich nicht annehmen, weil mir die DDR-Behörden als einem
wegen „Hetze und staatsgefährdender Propaganda“ Verurteiltem die
Ausreise verweigerten. So ist es bei einem Gespräch geblieben, wie
es auch heute Jeder und Jede führen können, die sich einen
Menschen durch die Texte begegnen lassen, in denen ausgedrückt
ist, was er dachte und wollte und vielleicht sogar, was er war.
Ich selber hege, das kann ich nicht verhehlen, so etwas wie
Hochachtung vor dem Lebenswerk dieses Theologen. Denn was
eigentlich auf den ersten Blick so selbstverständlich klingt,
nämlich dass die christliche Theologie in jeder Hinsicht dem
Zentralereignis des christlichen Glaubens, Jesus Christus,
verpflichtet ist, erweist sich im Horizont der Theologie- und
Kirchengeschichte und erst recht der Theologie, die heute nicht
nur an den Universitäten getrieben wird, sicherlich nicht als
selbstverständlich. Karl Barth hat die Entscheidung zu einer
christozentrischen Theologie, die er zu Beginn der 30ger Jahre
getroffen hat, mit den Worten beschrieben: „Ich hatte [...]zu
lernen, daß die christliche Lehre ausschließlich und folgerichtig
und in allen ihren Aussagen direkt oder indirekt Lehre von Jesus
Christus als von dem uns gesagten lebendigen Wort Gottes sein muß,
um ihren Namen zu verdienen und um die christliche Kirche in der
Welt zu erbauen, wie sie als christliche Kirche erbaut sein will“
(How my mind has changed, in: Karl Kupisch [Hg.], Karl Barth, „Der
Götze wackelt“, Berlin 1964, 2.Aufl., 185).
Barth hat damals
sicherlich selber noch nicht abgesehen, was diese Einsicht für den
Problembestand der christlichen Theologie und für Zumutungen an
die Kirche bedeutete. Denn alle christliche Theologie, angefangen
von der Alten Kirche bis zu den Kirchen der Reformation und erst
recht zu den Kirchen und Theologien unter dem Eindruck der
europäischen Aufklärung und der Neuzeit haben sich der Geltung des
christlichen Glaubens auch ohne Jesus Christus mit
Argumenten aus Vernunft und Wissenschaft, aus religiöser Erfahrung
und Welterfahrung vergewissert und sie so abgesichert. Barths
Theologie arbeitet ohne ein derartiges Netz. Sie atmet das
Zutrauen dazu, dass Alles, was Menschen zwischen Himmel und Erde
bewegt und umtreibt, vom Kommen Gottes in unsere Welt gehalten und
orientiert ist.
Das führt in der
„Kirchlichen Dogmatik“ zu einem Umbau und zu einer Neufassung fast
aller dogmatischen loci, der in der Theologiegeschichte
einzigartig ist. Gott im ewigen Anfang aller seiner Wege und
Werke, der Kosmos und die Menschheit auf ihren Wegen, das Ende der
irdischen Welt und der Tod werden in das Licht des in Jesus
Christus begegnenden Gottes gestellt und in diesem Lichte der
Geschichte der Gnade Gottes mit der Menschheit zugeordnet. Die
Darstellung des Zentrums dieser Geschichte in der Versöhnungslehre
ist schon rein architektonisch ein Meisterwerk. In der Sache
entfaltet sie, dass das Verhältnis zwischen Gott und der
Menschheit als Geschichte einer Partnerschaft zu verstehen
ist, für die der menschenfreundliche Gott unter uns Menschen
eintritt und uns befähigt, selber als freie Partnerinnen und
Partner Gottes ein Leben zu führen, das wahrhaft menschlich zu
heißen verdient.
Barth hatte seinen
theologischen Weg mit der Auslegung des Römerbriefes einmal
begonnen, indem er angesichts der religiösen Verweltlichung Gottes
in der Kirche scharf und streng den „unendlichen qualitativen
Unterschied zwischen Gott und Mensch“ einzuüben trachtete. In der
„Kirchlichen Dogmatik“ dagegen ist er unermüdlich dabei, dem
unendlichen Reichtum nachzudenken, der für die Kirche und die
Menschheit im Zusammensein von Gott und Mensch, für das der
Name Jesu Christi gut steht, beschlossen ist. Seine Theologie der
Partnerschaft zwischen Gott und Mensch lässt ihn darum
Gesprächspartner für Alle bleiben, die es als Aufgabe von
Theologie und Kirche erkannt haben, inmitten der Fragen und
Herausforderungen ihrer Zeit von den Möglichkeiten Gebrauch zu
machen, die Gott als Partner und Freund der Menschen aller Welt
und jedem Menschen erschlossen hat.
Es gäbe nun viele
Möglichkeiten, das anhand engerer theologischer Fragen zu
illustrieren. Barth hat z.B. große Verdienste um die Neubelebung
des trinitarischen Denkens im vorigen Jahrhundert, um die
Begründung und Entfaltung des Schöpfungsglaubens, um die
Verbindung dogmatischer Reflexion und Ethik. Zur Eschatologie,
also zur Entfaltung des Wesens der christlichen Hoffnung ist er
nicht mehr gekommen. Das, was davon in der „Kirchlichen Dogmatik“
schon erkennbar ist, reizt aber zur eigenen Entfaltung. Seine
Kritik an der Kindertaufe dürfte immer noch aktuell sein. Es gäbe
also viele theologische Bereiche, in denen Barth auch heute ein
äußerst inspirierender Gesprächpartner ist. Ich begnüge mich hier
damit, an die Bedeutung zu erinnern, die er für den Weg der
Kirchen Deutschlands nach 1945 und besonders für den Weg der
Kirchen in der DDR hatte, um von dort aus die Notwendigkeit zu
unterstreichen, mit seine Theologie auch heute im Gespräch zu
bleiben,.
3. Karl Barth und die Kirche unter Druck
Um zu verstehen, worum es mir im Folgenden geht, ist es
erforderlich, dass wir uns kurz das Profil der deutschen Kirchen
nach 1945 vor Augen führen. Es hat nach dem Ende der
Naziherrschaft viele Menschen gegeben, welche der „Bekennenden
Kirche“ angehörten, die hofften, die Deutsche Evangelische Kirche
würde sich auf der Grundlage der theologischen Einsichten, die in
der Zeit des Kirchenkampfes gewonnen und in der Barmer
Theologischen Erklärung formuliert worden waren, neu
konstituieren. Ihnen schwebte eine Neuordnung der Kirche vor,
welche sich von der Versammlung der Gemeinde und ihrem
Verkündigungsauftrag und Dienst in der Partnerschaft mit Gott her
vollzieht. Sie intendierten eine „bruderschaftliche Leitung“, wie
es gemäß dem Verständnis der Kirche als „Gemeinde von Brüdern“
(Barmen III) und als Dienstgemeinschaft (Barmen IV) her geboten
erschien. Sie wollten Institutionen der Kirche, die auf diesen
Dienstauftrag hin durchsichtig sind und also selbst
Zeugnischarakter haben.
Das alles waren
Intentionen von Barths Verständnis der Kirche als einer „Zeugnis-
und Dienstgemeinschaft“, die er später noch durch die wunderbare
Formulierung, die Kirche sei die „vorläufige Repräsentantin der
ganzen in Christus versöhnten Menschenwelt“, ergänzt hat. Dass der
Neukonstitution der deutschen Landeskirchen nach 1945 solche
Intentionen vor Augen schwebten, aber wird man ganz gewiss nicht
sagen können. Es wurde vielmehr die Art und Verfassung der Kirchen
wiederhergestellt, wie sie vor 1933 bestanden hatte, d.h. die
Kirchen formierten sich – staatskirchenrechtlich abgesichert – als
Religion in der Gesellschaft, deren Mitgliederschaft durch
ein breites Spektrum religiöser Orientierungen charakterisiert ist
und für die Teilnahme an Zeugnis und Dienst der Kirche nicht
Bedingung der Mitgliedschaft ist. Nennen wir das kurz
„Volkskirche“, obwohl es zu diesem Begriff viel zu sagen gäbe.
Aus der Sicht von
Barths Verständnis der Kirche gehört zur Volkskirche jedenfalls
auch die Möglichkeit, dass unter ihrem Dach bekennende Gemeinden
entstehen und dass Kirchenleitungen und Theologie das, was die
Kirche eigentlich ist und sein sollte, wach halten. Durch die
Besetzung vieler Ämter durch Leute aus der Bekennenden Kirche ist
das auch geschehen. Entsprechendes geschah bei der Besetzung der
Lehrstühle an den theologischen Fakultäten. Zu meinen Lehrern
zählt z.B. auch der Weggefährte Karl Barths Heinrich Vogel, der
1946 einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität Berlin bekam,
obwohl er wissenschaftlich dafür nicht qualifiziert war. Im
Übrigen aber bildeten sich in manchen Landeskirchen sogenannte
„Bruderschaften“ von Theologen und auch von Theologinnen, die sich
gewissermaßen als Stimme Karl Barths immer wieder in den Gang der
kirchlichen und auch politischen Dinge zu Worte meldeten und
einmischten.
So sah die
kirchliche Landschaft in Deutschland im Grunde auch noch immer
aus, als ich 1961 begann, mir die „Kirchliche Dogmatik“ zu
erschließen. Nur eines hatte sich gravierend geändert: Die Kirchen
des Ostens Deutschlands waren unter das Regime eines atheistisch
ausgerichteten Weltanschauungsstaates geraten. Was das bedeute,
war mir aus eigenem Erleben hautnah gegenwärtig. Dieser Staat
zielte mit seinen Machtmitteln darauf, die Kirche, die er gemäß
seiner Religionstheorie als Repräsentantin des „Klassenfeindes“
verstand,
wenn nicht zu eliminieren, so doch zu dezimieren und ihres
Einflusses auf die Menschen zu berauben. Dabei zeigte sich bald,
dass die lockeren Partizipanten an der „Volkskirche“ dem nicht
viel Widerstand entgegen zu setzen hatten. Die Kirche verlor den
Kampf um die Aufrechterhaltung der Konfirmation für alle Kinder
christlicher Eltern. Die fügten sich der Jugendweihe und nahmen
sie schließlich als selbstverständlich in ihre Lebensführung auf –
eine Selbstverständlichkeit, die bis heute andauert. Repressionen
und Drohungen vieler Art sorgten dafür, dass nach und nach immer
mehr Menschen ihre Kirchenzugehörigkeit fahren ließen oder in den
Westen flohen.
Karl Barth hat –
sicherlich durch Berichte aus der DDR unterrichtet – die Situation
der Kirche damals als die einer „Kirche unter Druck“ treffend
beschrieben. Das ist nämlich eine Kirche, der durch eine
allmächtige Staatspartei der Mund verschlossen werden soll; eine
Kirche, die man von der Gesellschaft und insbesondere von der
Jugend abschneiden will; eine Kirche, die man auf den Kult zu
reduzieren und in den Winkel zu drängen trachtet, „um sie dort um
so leichter lächerlich, verächtlich, auch wohl verhasst“ zu
machen; die Kirche leider auch, deren „wichtigste Wortführer“ man
von ihr zu isolieren versucht und die dann „vermöge der
öffentlichen und geheimen Organe“ sehr energisch vom Staat selbst
geführt werden soll (so KD IV/2, 750). Ganz richtig, ganz
zutreffend, tausendfach belegbar ist diese Beschreibung der
„Kirche unter Druck“.
Umso mehr aber hat
es mich irritiert, wie Karl Barth sich zu dem Staat
geäußert hat, der die Kirche Jesu Christi derartig unter Druck
setzte. Es ist unvermeidlich, dass der theologisch-politisch
argumentierende Gesprächspartner Karl Barth in den Blick tritt,
wenn es um seine Bedeutung für die „Kirche unter Druck“ geht.
4. Eine schwierige Gesprächlage
Ich hatte damals am Beginn meines Studiums keine Ahnung von
theologischen Staatstheorien. Aber es war mir klar, dass ich mir
über diesen sozialistischen Staat ein auch theologisch haltbares
Urteil bilden musste, wenn ich unter seiner, die Menschen
ganz beschlagnahmenden Machtentfaltung ein Pfarrer werden wollte.
Dazu hatte ich mich nach dem Aufenthalt im Zuchthaus entschlossen,
weil ich mir sagte, dass aus diesem Lande nicht alle Christinnen
und Christen weglaufen dürfen und dass es eine große Lebensaufgabe
ist, unter diesen Bedingungen für die Wahrheit des Evangeliums
einzutreten. Mir hat darum das Kirchenverständnis Karl Barths
sofort eingeleuchtet. Es stärkt die Gewissheit, dass Gott die
Kirche erhält, auch wenn in ihr nicht die „triumphierende
Anhängerschaft einer sogenannten Weltreligion“ versammelt ist. Es
übt die Verantwortlichkeit aller glaubenden Partnerinnen und
Partner Gottes für das Zeugnis von Gottes Menschenfreundlichkeit
und eines freien Menschseins in Wort und Tat ein. Beides wird
dafür sorgen, dass das Evangelium in diesem Lande nicht verstummt
– dachte ich mir.
Aber war im
Evangelium nicht auch das Interesse daran verankert, dass der
Staat seine Ordnungsaufgabe zugunsten der Menschen
wahrnimmt? Ist eine Christin und ein Christ darum nicht auch
verantwortlich für den Staat? Weil Karl Barths Theologie der
Partnerschaft nun eben einmal das, was mir verschwommen
vorschwebte, in eine gewisse Ordnung brachte, habe ich ziemlich
bald, nachdem ich mit der Anthropologie durch war, „Rechtfertigung
und Recht“ und „Christengemeinde und Bürgergemeinde“ gelesen. Dort
aber las ich, dass das Evangelium eine „Affinität zur Demokratie“,
zur Verantwortlichkeit Aller für den Staat hat. In dieser
Verantwortlichkeit aber sei ein Staat, der seine Macht zur
Verbreitung einer Weltanschauung einsetzt, ist, „rundweg zu
verneinen“ (Rechtfertigung und Recht, ThSt 1, 1944, 42). In der
letzten Vorlesung Barths in den Jahren 1959-1961, der Ethik der
Versöhnungslehre, heißt es dementsprechend: „Wenn die Macht sich
vom Recht löst [...], dann entsteht [...] die Dämonie des
Politischen“, die die Staatlichkeit des Staates zugrunde
richtet wie im „Faschismus, im Nationalsozialismus, im
Stalinismus“ (Das christliche Leben, Karl Barth, Gesamtausgabe II,
Zürich 1976, 374; 377). Daraus war nur zur folgern, dass das
Eintreten für einen demokratischen Rechtsstaat und nicht für einen
Machtstaat zur Mission der Christenheit in diesem Lande gehörte.
Es hat mich darum,
wie gesagt, irritiert, dass Karl Barth gerade diesen Gesichtspunkt
nicht geltend gemacht hat, als im Jahre 1959 der sogenannte
„Obrigkeitsstreit“ tobte. Er war vom Berliner Bischof Otto
Dibelius, einem alten Kontrahenten Barths, ausgelöst worden.
Dibelius hatte die Auffassung vertreten, einem Staat, bei dem die
Macht das Recht dominiere, sei ein Christ in seinem Gewissen nicht
zum Gehorsam verpflichtet. Das Verständnis des Staates als
„Obrigkeit“ sei überhaupt geschichtlich überholt. Man müsse heute
Römer 13 so lesen: Alle rechtmäßige und nicht die unrechtmäßige
Gewalt sei von Gott. Dibelius hatte sich für diese Position auch
ausdrücklich auf Karl Barth berufen. Die Schüler Barths in den
Kirchenleitungen und in der Theologie aber verfochten mit Vehemenz
die Ansicht, das jede gegebene Obrigkeit gleich welcher Art
Gottes „Anordnung“ sei. Der Staat sei vom Evangelium „unter die
gnädige Anordnung Gottes“ gerückt, die in Geltung steht,
„unabhängig von dem Zustandekommen der staatlichen Gewalt oder
ihrer politischen Gestalt“, lautete die Formel, die auf einer
EKD-Synode von 1956 geprägt wurde.
Ich aber fand,
dass diese Formel durch Barths theologisches Staatsverständnis
nicht gedeckt ist. Er wollte den Staat doch gerade nicht als eine
Anordnung Gottes gleich welcher Art verstehen. Die Rede von einem
von Gott wie auch immer „gegebenen“ Staat kommt bei seiner
Begründung des Staatsverständnisses nicht vor. Solcher Metaphysik
des Staates an sich gräbt auch die 5. These der Barmer
Theologischen Erklärung das Wasser ab. Denn sie sagt nicht, dass
jeder Staat eine Anordnung Gottes sei, sondern das jeder
Staat nach Gottes Anordnung in menschlicher
Verantwortlichkeit bestimmte Funktionen wahrnehmen soll,
nämlich für Recht und Frieden zu sorgen, was man vom DDR-Staat nur
ziemlich eingeschränkt sagen konnte. Barth aber wurde in jenem
Streit für die theologische Legitimation des nun einmal
„gegebenen“ DDR-Staates, also als „Obrigkeit“ in Anspruch
genommen. Sie geriet darum in die Nähe der von Barth bekämpften „Zwei-Reiche-Lehre“,
die in der DDR an hervor gehobener Stelle der Thüringische Bischof
Moritz Mitzenheim vertrat. Er billigte der in diesem Staat
konzentrierten „Diktatur des Proletariats“ fast alles zu, weil
Gott mit seinem Gesetz die Welt nun einmal nach anderen Gesetzen
regiert als die Kirche.
Für mich
Studienanfänger war das damals alles sehr verwirrend. Ich habe mir
darum Barths „Brief an einen Pfarrer in der DDR“ aus dem Jahre
1958 vorgenommen, der in der DDR nie veröffentlicht werden durfte.
In diesem Brief versuchte Barth auf die mit vielen Erzählungen von
unerträglichen Machttaten des DDR-Staates illustrierten Fragen
dieses Pfarrers zu antworten. Er hat sich damit große Mühe gegeben
und nichts klein geredet. Dennoch empfahl er der DDR-Christenheit
„Loyalität“ gegenüber diesem Staat; eine Loyalität allerdings, die
„den Vorbehalt der Gedankenfreiheit gegenüber der Ideologie, aber
auch den Vorbehalt des Widerspruchs, eventuell des Widerstandes
gegen bestimmte Explikationen und Applikationen einer vorgegebenen
(sic!) Staatsordnung in sich“ bergen (Brief, 429). Geschluckt habe
ich jedoch, als Barth zu erwägen gab, ob der stark an der sozialen
Frage orientierte Totalitarismus des kommunistischen Staates nicht
als „arg verzerrtes und verfinstertes [...] Gleichnis“ der aufs
Ganze gehenden freien Gnade Gottes zu verstehen sei (Offene Briefe
1945-1968, Karl Barth, Gesamtausgabe V, 1984, 421). Diese Erwägung
war für einen jungen Menschen wie mich, der ein Stasi-Gefängnis
beim besten Willen nicht als Abglanz der freien Gnade Gottes
wahrzunehmen vermochte, gänzlich nicht nachvollziehbar. Dass mir
Barths Intention jenes Briefes dennoch nahe blieb, verdankt sich
paradoxerweise einem schweren Schnitzer, den er sich gegen Ende
dieses Briefes geleistet hat.
Da grüßt er
nämlich die Menschen in der Mark, in Pommern, in Thüringen und
Sachsen und anderen Landen und dazwischen auch im „Warthegau“(a.a.O.,
438). Der Warthegau aber war seit 1945 ein Teil der Volksrepublik
Polen. Bei aller Anteilnahme an der Situation der Christenheit in
der DDR aus der Ferne hatte Barth von der Realität dort
offenkundig keine rechte Vorstellung. Seine Position war, dass es
darauf ankomme, dass sich die Kirche ihre Freiheit
gegenüber den in den „kalten Krieg“ verwickelten westlichen wie
östlichen Lagern erhalten müsse und keine Partei für eines der
Lager ergreifen dürfe. Dass Dibelius das tat und die Kirche mit
dem „westlichen Lager“ verwechselbar machte, hat er ihm
vorgeworfen. Doch seine eigene Position war zweifelsfrei auch mit
der westlichen politischen Perspektive verbunden. Denn seine
Kritik am Westen zielte auf die westliche Politik der
Abgrenzung und Verteufelung des Ostens. Sie war aber keine
Infragestellung der demokratischen Konstitution der
westlichen Gesellschaft; im Gegenteil: Barth hat immer wieder
hervor gehoben, dass sie entschieden gegenüber dem Totalitarismus
des Ostens vorzuziehen sein. Der Christenheit im Osten aber
empfahl er, ohne hinreichende innere Begründung (verfinstertes
Gleichnis der Gnade!), sich dem vorgegebenen Staatswesen zu fügen
und in Einzelfällen „Widerspruch, ja Widerstand“ zu leisten.
Aber es gab auch
nicht wenige, die Barths Kritik an der westlichen Politik im
kalten Kriege und seine Versuche, dem real-sozialistischen Staats-
und Gesellschaftswesen das Beste abzugewinnen, auf die Mühlen des
Selbstverständnisses des DDR-Staates geleitet haben. SED und
Ost-CDU haben versucht, das für ihre Propaganda auszunutzen.
Nebenbei: Eine absurde Fußnote dessen hat Barth auf köstliche
Weise beschrieben. Zu seinem 80. Geburtstag tauchte zur
Verwunderung des ganzen Baseler Bruderholzes nämlich eine „riesige
russische Limosine“ vor seinem Hause auf, in dem – bewaffnet mit
einem Meißner Tee-Service – der Staatssekretär für Kirchenfragen
Seigeweiser und der Ost-CDU-Vorsitzende Götting saßen. Es gibt
auch einen Stasibericht von diesem Besuch. Darin haben die
Funktionäre bekundet, dass Barth ihnen „unsympathisch“ sei.
Doch die
Anspruchnahme Barths für den DDR-Sozialismus hatte auch eine
ziemlich ernste Seite, die uns besonders in Berlin arg zu schaffen
gemacht hat. Der Schüler von Heinrich Vogel Hanfried Müller
entwarf nämlich unter Berufung auf Barth und Dietrich Bonhoeffer
ein Konzept der völligen Bejahung der marxistisch-leninistischen
Weltanschauung durch die Kirche, bei dem jegliche Kritik am Staat
als „Klerikalismus“ ausgeschlossen wurde. „Barthianismus“ wurde
auf Staatsebene gar zur Bezeichnung dieses Konzepts, als Müller
Mitte der 60ger Jahre mit Hilfe des Staatssicherheitsdienstes
versuchte, eine „linkbruderschaftliche“ Fakultät an der
Humboldt-Universität zu errichten. Das Gespräch mit Karl Barth
wurde durch diesen und andere Vorgänge, die zu schildern hier zu
weit führen würde, zugleich zur Auseinandersetzung über das rechte
Verständnis der Theologie Barths.
Zu einer
vergleichbaren Auseinandersetzung forderte in den 70ger und 80ger
Jahren aber auch die sozialistische Lesart der Theologie
Barths in der Bundesrepublik und in Westberlin heraus. Barth wurde
hier in Anspruch genommen, um die Notwendigkeit der
sozialistischen Umgestaltung des „kapitalistischen Systems“, ja
sogar eine „Revolution“ im marxistischen Sinne zu begründen und zu
fordern. Ich erinnere mich noch gut an eine der ersten Reisen, die
mir 1979 zu einer Leuenberg-Barth-Tagung in die Schweiz erlaubt
wurde. Das war herrlich. Vier Tage Urlaub von der Diktatur! Doch
er wurde nicht die reine Freude. Denn auf dem Leuenberg begegnete
mir der sog. „Linksbarthianismus“ nicht nur in Büchern und
Schriften, sondern zum ersten Mal in Breite life. Zu meinem
großen Erstaunen wollten mir da viele seiner Vertreter beibringen,
dass ich in der DDR eigentlich im Grundsatz in einer besseren
Gesellschaftsordnung als sie lebte, deren kleine Mängel sicherlich
bald überwunden werden würden. Sie waren enttäuscht von mir, dass
ich diese Ansicht gar nicht teilen konnte und die Festlegung der
politischen Ethik Barths auf die Ideologie des Marxismus als einen
Missbrauch seines Wollens ansah. Sie konnten mich deshalb auch
nicht dafür gewinnen, auf einer Tagung, die seiner Theologie galt,
am Abend in die „Internationale“ einzustimmen.
Ich mache einen
Sprung. Das Ende der DDR gehört in den großen Zusammenhang des
Scheiterns des sozialistischen Weltsystems. In der DDR war es
damit verbunden, dass das in der Kirche hier verbreitete
demokratische Staatsverständnis öffentlich laut und öffentlich
wirksam wurde. Post festum aber hat es unserer Kirche und
auch der Theologie mit Recht eine kritische Aufarbeitung ihrer
Vergangenheit zur Aufgabe gemacht. Sie hat viel ans Licht
gebracht, auf das wir wirklich nicht stolz sein können. Ich meine
damit nicht bloß die spektakulären Fälle der heimlichen und
offenbaren Verquickung der Kirche und der Theologie mit der
Partei- und Staatsmacht. Ich meine Alle, welche in diesem
Weltanschauungsstaat versucht haben, der Kirche und der Stimme des
Evangeliums eine Zukunft zu geben, welche auch irgendwie mit den
Repräsentanten der Macht abzustimmen war. Aus diktatorischen
Verhältnissen der geschilderten Art kommt am Ende niemand als ganz
weißes Schaf heraus, zumal niemand damit gerechnet hat, dass wir
da überhaupt heraus kommen. Aber die Aufarbeitung fand
wenigstens statt, auch wenn sie zu manchen schmerzliche
Fehlurteilen im Nachhinein geführt hat.
Das jedoch kann
man von der Inanspruchnahme der Theologie Karl Barths für den
Sozialismus in der Bundesrepublik nicht in vergleichbarer Weise
sagen. Von einigen Ausnahmen abgesehen haben die Meisten, die sich
daran in Kirche und Universität beteiligt haben, als der
real-existierende Sozialismus am Ende war, mit dem Barth-haft
theologisch unterfütterten Marxismus bloß sang- und klanglos
aufgehört und sich anderen Ideologien zugewandt. Das hat – um es
vorsichtig zu sagen – die Stimme Karl Barths in der Kirche und in
der theologischen Wissenschaft von heute nicht gerade gestärkt,
sondern seinen Teil zum Anwachsen von Vorurteilen gegenüber seiner
Theologie beigetragen.
Ich kann heute
kaum einen Vortrag zu Themen von Barths Theologie halten, ohne
mich mit den immer wieder aktualisierten Einwänden auseinander zu
setzen, sein Denken sei totalitär und autoritär, Menschen in ihrer
Wirklichkeit vergewaltigend wie der Sozialismus. Damit ich
demgegenüber nicht meinerseits in einer fruchtlose Polemik gegen
den Kulturprotestantismus von heute verfalle, dessen Vordringen in
Kirche und Theologie ja unübersehbar ist, wappne ich mich für
solche Aufgaben, Barth zu interpretieren, einfach damit, dass ich
seine Texte mit seinen „Bohrungen“ im Geiste des Evangeliums lese
als wäre es das erste Mal. Dabei ergeht es mir fast regelmäßig so,
dass ich auf etwas stoße, was ich bisher übersehen hatte und was
mich zum kritischen Weiterdenken anregt.
Noch mehr aber ist
es die eigenartige Atmosphäre von Freiheit, Entschiedenheit und
Humor, welche diese Texte der Partnerschaft zwischen Gott und
uns Menschen atmen, die mich da anrührt und bewegt. Ich wünschte
mir, eine heran wachsende Generation von Theologinnen und
Theologen würde sie zum Segen unserer Kirche als Zeugin der
Partnerschaft von Gott und uns Menschen im Unterschied zum
Bierernst von religiös verbrämten Ideologien schätzen lernen und
selbst verbreiten.