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Erschaffen und
erforscht
Der Mensch im Lichte
der Naturwissenschaften und des Gottesglaubens
I. Der Mensch als
Natur und als Wesen der Freiheit
Dass die
Naturwissenschaften uns Menschen in einer anderen Perspektive
wahrnehmen als der Glaube an Gott, bedarf keiner langen Belege. Wir
können es uns gleich zu Beginn unserer Überlegungen zum Verständnis
des Menschen im Lichte der Naturwissenschaften und des Gottesglaubens
an zwei exemplarischen Zitaten klar machen. Das erste entnehmen wir
Psalm 8. Dort heißt es in der Übersetzung M. Luthers: „Wenn ich sehe
die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du
bereitet hast: Was ist der Mensch, dass Du seiner gedenkst und des
Menschen Kind, dass Du Dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig
niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn
gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über Deiner Hände Werk. Alles
hast Du unter seine Füße getan“. Gottes Ebenbild wird der
Mensch darum gleich zu Beginn der Bibel im 1. Schöpfungsmythos genannt
– ein Wesen also, mit dem es göttlich weit her ist. Dagegen heißt es
bei dem weltbekannten Geologen und Zoologen Stephen J. Gould:
„Menschen sind...ein zufälliger kosmischer Nachzügler, ein winzig
kleiner Zweig an dem unglaublich üppigen Busch des Lebens, der, würde
er ein zweites Mal aus dem Samen heranwachsen, mit ziemlicher
Sicherheit noch nicht einmal diesen Zweig oder überhaupt einen Zweig
mit einer Eigenschaft, die wir Bewusstsein nennen könnten,
hervorbringen würde“.
Der Mensch als Geschöpf – griechisch als Kreatur
– auf der einen Seite und der Mensch als Gegenstand objektivierender
wissenschaftlicher Forschung, in diesem Falle der Evolutionsforschung,
– als Natur – auf der anderen! Das scheint scharf auseinander
zu gehen. Dort das Staunen über so wunderbare Wesen, wie wir Kreaturen
es sind. Hier die Degradierung unserer Art zu einem unwahrscheinlichen
Zufall im Naturablauf, im interesselosen Werden des Universums und im
Spiel der Mutationen der Substanz des Lebens, welchen sich die
Vielfalt des Lebendigen verdankt. Dort das Bewusstsein einer
besonderen und großen Aufgabe, die mit unserem Dasein verbunden ist.
Hier, um mit Brian Goodwin zu reden, das Herumgewirbeltwerden von
einem „Tanz“, der kein Ziel hat.
Dort ein Auge und ein Ohr, das die Stimme der Kreatur mit ihrer
Erfahrung von Transzendenz, von Übersteigung des physikalisch und
biologisch Objektivierbaren, vernimmt. Hier die Bescheinigung durch
den Nobelpreisträger J. Monod, dass wir unserer Natur nach „Zigeuner
am Rande des Universums“ seien, das für unsere „Musik taub“ und
unseren Hoffnungen, Leiden und Verbrechen gegenüber gleichgültig ist.
Doch wir müssen vorsichtig sein, uns durch derartige
Äußerungen aus dem Bereich der Wissenschaft auf einen prinzipiellen
Gegensatz zwischen der naturwissenschaftlichen Erforschung des
Menschen und Glaubensaussagen über den Menschen einschwören zu lassen.
Wertungen unseres menschlichen Daseins als sinnloser Eskapade der
Lebensevolution sind selbst keine exakten naturwissenschaftlichen
Aussagen mehr. Es sind Deutungen, mit denen Wissenschaftler die
Ergebnisse ihrer objektivierenden Forschungen verarbeiten und
Konsequenzen für unser Selbstverständnis als Menschen zu ziehen
versuchen. Richard Dawkins zum Beispiel, der mit seinem Bestseller
„Der Gotteswahn“ gerade von sich reden macht, deutet z.B. die
Entstehung von menschlichem Bewusstsein so, dass uns die Evolution die
Möglichkeit zugespielt hat, uns über unsere Bedeutungslosigkeit
gefährliche religiöse Illusionen zu machen. Nach seiner Logik – so
folgere ich – wäre es für das Lebendige wohltuender gewesen, wenn die
Evolution des Lebens in der Bewusstlosigkeit ihrer Hervorbringungen
verharrt hätte. Deshalb wendet Dawkins viel Mühe daran, den mit seinem
Bewusstsein über Alles Objektivierbare hinaus schweifenden Menschen
auf das Niveau von Belebtheit ohne tragenden Sinn und gültigen
Horizont zu reduzieren.
Verneint wird dabei, dass die besonderen Erfahrungen, die
Menschen existenziell machen, indem sie mit ihrem Bewusstsein
alles Objektivierbare überschreiten, irgendeine Art von Geltung,
d.h. von Wahrheit beanspruchen können. Geltung kommt alleine dem
Objektivierbaren zu, also dem, was sich als physikalisch oder
biologische Tatsache anhand von Fakten erweisen, im Experiment
beweisen oder hypothetisch errechnen lässt. Darum werden die in dieser
Perspektive gewonnenen Einsichten in Anweisungen für das
lebensweltliche Verständnis unseres Menschseins zu verwandelt. Die
zitierten Äußerungen von Evolutionsforschern sind dafür typisch. Aus
der naturwissenschaftlich wahrscheinlichen Einmaligkeit und
Zufälligkeit unseres Daseins wird die Unwichtigkeit, ja vielleicht
sogar Nichtigkeit unseres Daseins als Ausgangsposition unserer
Selbsteinschätzung und unseres Verhaltens gefolgert. D.h. unser Dasein
und unser Leben werden von den biologischen Gegebenheiten und
chemischen wie physikalischen Bedingungen unserer Natur her bewertet
und normiert.
Mit anderer Pointe hat das in extremer Weise der sog.
„dialektische und historische Materialismus“ exerziert, indem er die
Gesetze der Geschichte und des individuellen Lebens im Sinne von
„Klassenkämpfen“ als Fortsetzung der Naturgesetze auf höherer Ebene
interpretiert hat. Das Erste, was dabei auf der Strecke blieb, war
die Freiheit unserer Selbsterfahrung und unseres Handelns und
Verhaltens, die nun von denen, die das Gesetz der Notwendigkeit zu
kennen meinten, unterdrückt werden musste. Dazu bekennt sich mit
Ausnahme von ein paar alten Parteikadern aus sozialistischen Zeiten
heute niemand mehr. Aber in der Wut, mit der z.B. Richard Dawkins auf
die Religion einprügelt, spiegelt sich noch etwas von der Lust an der
Destruktion von Erfahrungen, die Menschen als Wesen der Freiheit mit
einer nun gerade nicht naturgesetzlich zu objektivierenden
Wirklichkeit machen.
Das aber ist eindeutig eine Kompetenzüberschreitung der
Möglichkeiten, die uns naturwissenschaftliche Einsichten in das Werden
der menschlichen Gattung und in die biologische und chemische
Konstitution des menschlichen Dasein eröffnen. Sie beruht auf dem sog.
naturalistischen Fehlschluss bzw. – mit J. Habermas gesprochen – auf
dem „szientistischen Selbstmissverständnis“ der Naturwissenschaften,
das seit Immanuel Kants Zeiten als ein wissenschaftliches Unding
gelten kann. Freiheitserfahrungen, die ohne Zweifel die menschliche
Spezies auszeichnen, führen in eine Dimension von Wirklichkeit mit
eigener Geltung, die keinen naturgesetzlichen Zwängen unterliegen.
Schon das simpelste Beispiel kann das klar machen. Ob ich, indem ich
diesen Vortrag schreibe, mit dem nächsten Satz so oder so oder anders
fortfahre, ist Sache einer echten Entscheidung in einer anderen
Dimension von Wirklichkeit als der eines biologisch gesteuerten
Funktionsablaufes. Wer Freiheit, wie es heute da und dort in der
Hirnforschung versucht wird, lediglich als genetisch festgelegtes
Muster unseres Agierens und Reagierens verstehen will, verfehlt das
Wesen der Freiheit, die uns Menschen zumutet, uns nicht
naturgesetzlich determinierten Zusammenhängen auszusetzen und uns in
ihnen zurecht zu finden.
Das Alles besagt noch nichts im Hinblick auf die Berechtigung,
uns Menschen als Geschöpfe Gottes zu verstehen. Es stellt nur die
Relationen der Wahrnahme unserer spezifisch menschlichen Wirklichkeit
klar. Hier hat beim ersten Zusehen Folgendes zu gelten.
1) Naturwissenschaftlich objektivierbare Fakten über uns
Menschen sind als solche wertneutral und enthalten keine direkten
Anweisungen für unsere Bewusstseinsbildung und unsere Lebensführung.
Werden sie in solche Anweisungen unter Ausblendung und Abwertung der
Vielfalt menschlicher Freiheitserfahrungen verwandelt, dann handelt es
sich nicht mehr um Wissenschaft, sondern um eine Ideologie, die einen
Aspekt unserer menschlichen Lebenserfahrung – nämlich den Aspekt
biologischer und chemischer Determiniertheit allen Lebens – zum
absoluten Gesichtspunkt der Bewertung des menschlichen Daseins erhebt.
2) Gotteserfahrung, welche den Glauben an die Geschöpflichkeit
von Menschen begründet, ist kein Wissen über die objektivierbare
Konstitution des Menschseins in seinem Werden. Gotteserfahrung und
damit Erfahrung von Geschöpflichkeit gehört in die Dimension von
Freiheitserfahrung, die Menschen auf einen ihnen unverfügbaren
Grund ihres Daseins verweist. Gotteserfahrung führt demnach nicht zu
empirischen Tatsachenbehauptungen, sondern zum Vertrauen zu einem uns
unverfügbaren Sinn unseres Daseins.
Wer beides –
objektivierbares Wissen und die Geltung von Freiheitserfahrungen –
nicht zu unterscheiden vermag, sondern beides miteinander vermengt,
kann keinen sinnvollen Beitrag zum Verhältnis unseres menschlichen
Daseins als Natur und als Kreatur leisten.
II. Die Bejahung wissenschaftlicher Forschung durch den Glauben an den
Schöpfer
Die Unterscheidung
zwischen naturwissenschaftlich objektivierbarem Wissen über uns
Menschen und der nur in Freiheit erfahrbaren Wirklichkeitsdimensionen
unseres Daseins führt nicht nur zur Kritik biologistischer Ideologien.
Sie nötigt Kirche und Theologie, sich endgültig von einer Tradition zu
verabschieden, in welcher der Glaube an den Schöpfergott als Wissen
über die Uranfänge der Menschheit verstanden wurde. Indem die
biblischen Schöpfungsgeschichten mit solchem Wissen verwechselt
wurden, haben sich Kirche und Theologie zu Beginn der Neuzeit in einen
Abwehrkampf gegen das kopernikanische Weltbild und im 19. Jahrhundert
gegen die Darwinsche Evolutionstheorie verwickeln lassen. Dieser
Abwehrkampf dauert an, wo heute die sog. „Kreationisten“ mit
Unterstützung der Theorie des „intelligent design“ die
Evolutionstheorie negieren und die Vorstellung von einer vom
Schöpfergeist fertig geschaffenen Gestalt des Menschen beweisen
wollen. Der Gedanke der Entwicklung der Menschheit aus dem Tierreich
gilt hier als unverträglich mit dem Glauben an Gott als dem Schöpfer
von Menschen.
Doch unser gesamtes Wissen von der Vererbung des Lebens und
damit die ganze genetische Forschung beruhen auf der
Evolutionstheorie. Ohne sie wäre z.B. die Erforschung der
Genomvariabilität von Krankheitserregern und ihrer medizinischen
Bekämpfung gar nicht möglich. Auch wenn es im Rahmen dieser Theorie
noch viele ungeklärte Probleme gibt und das Gesetz von Mutation des
Erbguts und Selektion durch die Umwelt durch viele andere Faktoren zu
ergänzen ist, hat die Evolutionstheorie uns ein Wissen erschlossen,
das Menschen zugute kommt. Dagegen im Namen des Schöpfers anzugehen,
ist im Grunde unverantwortlich. Es diskreditiert die Freiheit der
Forschung, aber auch diesen Glauben selbst. Denn Glaube an Gott
bedeutet, auf Grund von Freiheitserfahrungen, die uns die Bibel
erschließt, einer uns grundsätzlich entzogenen, jenseitigen
Wirklichkeit vertrauen, die unser Dasein gründet. Der göttliche Akt
dieses Gründens aber unterliegt nicht unserem Zugriff. Würden wir ihn
gewissermaßen in die Hand bekommen, dann könnten wir ihn nachmachen
und selber Gott spielen. Wäre er objektiv als ein in Raum und Zeit zu
analysierender Vorgang beweisbar, dann hörte er auf, ein göttlicher
Akt zu sein.
Schon die vorneuzeitliche Theologie in Gestalt des Augustinus
hat darum den Schöpfungsakt als einen ewigen und nicht
zeitlichen Akt interpretiert. Das bedeutet: Gott setzt aus seiner
Ewigkeit heraus das zeitliche Werden beständig frei, bleibt diesem
Werden gegenüber aber selber frei und wird nicht zu einem ihm
immanenten Faktor. Die Bedeutung dieser Glaubenseinsicht kann gar
nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie gestattet nicht nur den
Gedanken einer Entwicklung der geschöpflichen Wirklichkeit, der
sich in der Tat schon in Augustins Auslegung des mythisch
beschriebenen 6-Tage-Werkes Gottes findet. Sie erlaubt der Menschheit
auch, die irdische Natur mit ihrer Vernunft zu erforschen und zu
erschließen. Darin liegt sogar die eigentliche weltgeschichtliche
Bedeutung des biblischen Schöpfungsglaubens. Die Welt wird nicht mehr,
wie in den Religionen des vorderen Orients und im Polytheismus noch
heute als ein von göttlichen Kräften durchwalteter Kosmos verstanden,
denen nur mit magischen Praktiken beizukommen ist. Sie ist kein
unberührbarer, tabuisierter Ausfluss Gottes, nicht Spielplatz von
mythischen Göttergeschichten.
Der biblische Schöpfungsglaube hat die Welt entgöttert.
Durch ihn wurde sie als selbständiges Gegenüber Gottes ganz irdisch.
In solchem Gegenüber, so dürfen wir vielleicht im Anschluss an Ps.
31,9 sagen, sind nicht nur unsere Füße, sondern auch unser Verstand in
einen „weiten Raum“ gestellt. Darum ist es nicht einfach ein Zufall,
dass die moderne Naturwissenschaft trotz aller Kämpfe und Verwerfungen
mit Theologie und Kirche, die ihr Siegeszug gekostet hat, auf dem
Boden der vom biblischen Schöpfungsglauben geprägten Welt groß
geworden ist und nicht anderswo in der Welt der Religionen. Die
Freiheit zur vernünftigen Erkenntnis der Welt und damit auch unseres
menschlichen Daseins ist dem Schöpfungsglauben von Hause aus
mitgegeben.
Die Erkenntnis dessen kann durchaus als eine Frucht
reformatorischer Theologie gelten. Denn bei der Reformation des 16.
Jahrhunderts ging es auch darum, sog.„weltliche Dinge“, zu denen die
Welterkenntnis gehört, kirchlicher, den Glauben missbrauchender
Bevormundung zu entziehen. Im Jahre 1543 wurde darum z.B. vom
lutherischen Theologen Andreas Osiander in Nürnberg das grundstürzende
Werk des Nicolaus Kopernikus „De revolutionibus orbium coelestium“
veröffentlicht. In einem Vorwort erklärte Osiander, es handele sich
hier um diskussionswürdige Hypothesen, die angesichts der
Ungereimtheiten des ptolomäischen Systems von der Mittelpunktstellung
der Erde im Universum bessere Berechungen des Laufes der
Himmelsgestirne ermöglichten.
An die Universität Wittenberg wurde das kopernikanische System
ungehindert gelehrt. Johannes Kepler (1571 - 1630), ebenso
lutherischer Theologe wie Astronom, dessen Erklärung des Universums
erst die eigentliche Wendung zur neuzeitlichen Astronomie darstellt,
konnte das neue Weltbild geradezu im
Lichte der lutherischen Rechtfertigungslehre interpretieren. Die
Randstellung der Erde im Universum belege, dass Gott das Geringste –
er sagt die „Kloake des Universums“ – erwählt habe, um sein Heil kund
werden zu lassen.
Die Möglichkeit, die biblischen Schöpfungsvorstellungen als
Hypothesen anzusehen, die durch andere Hypothesen überboten werden
können, war also auf dem Boden der Reformation durchaus gegeben. Warum
diese Möglichkeit dann doch nicht das kirchliche Verhältnis zu der
aufkommenden neuen Naturwissenschaft bestimmt hat, ist eine lange
Geschichte, die uns zu weit von unserem Thema abführen würde. Es hat
jedenfalls noch ungefähr 250 Jahre gedauert, ehe der Berliner Theologe
Friedrich Schleiermacher die Klärung des Verhältnisses von Glaube und
Naturwissenschaften geradezu als Vollendung der Reformation
proklamiert hat. Er gehe darum, „einen ewigen Vertrag zu stiften
zwischen dem lebendigen christlichen Glauben und der nach allen Seiten
freigelassenen...wissenschaftlichen Forschung, so dass jener diese
nicht hindert und diese jenen nicht ausschließt“.
Von der „nach allen Seiten freigelassenen wissenschaftlichen
Forschung“ werden wir zwar heute nicht mehr so ungebrochen reden, wie
nicht nur die gerade aktuelle Diskussion um die Genforschung und die
biologischen Grundlagen unseres Lebens eindrücklich zeigt. Aber
Schleiermachers Idee eines solchen „Vertrages“ beruht doch auf der
richtigen Einsicht, dass die Perspektiven des Schöpfungsglaubens und
der Naturwissenschaften sich gegenseitig ihr Recht und ihre Wahrheit
zubilligen können, ja müssen. Der Glaube kann und muss zugeben, dass
er nicht so etwas besitzt wie wissende Einblicke in die
Schöpferwerkstatt Gottes. Und aus naturwissenschaftlicher Perspektive
kann und muss eingeräumt werden, dass die objektivierende Forschung
nicht das Ganze der menschlichen Wirklichkeitserfahrung abdeckt. Oder
positiv formuliert: Der Glaube an den Schöpfer der Welt und des
Menschen gibt dem menschlichen Dasein einen bejahbaren Sinn. Denn
„Sinn“ bedeutet, einen umgreifenden Zusammenhang erfahren, in den
menschliches Dasein gehört. Sinnlosigkeit ist das Herausfallen aus
allen bejahbaren Zusammenhängen. Die Naturwissenschaft lehrt den
Menschen dagegen, die natürlichen Bedingungen seines Daseins zu
verstehen und das Wissen, dass er dabei gewinnt, zum Wohle des
Menschen einzusetzen.
III. Zur Allgemeingültigkeit des Glaubens an Gott den Schöpfer
Das gezeichnete Bild
eines harmonischen Zusammenstimmens der naturwissenschaftlichen
Erforschung des Universums wie des Menschen und des Glaubens an den
Schöpfer scheint bei näherem Zusehen jedoch allzu harmonisch zu sein.
Ich meine das nicht nur in Hinblick auf die faktischen
Konflikte, die zwischen Naturwissenschaft und Glaube immer wieder
aufbrechen. Der methodische Atheismus der wissenschaftlichen Forschung
hat eine gewisse Verführungskraft zum Fundamentalatheismus und der
Glaube an den Schöpfer ist offenbar anfällig für einen archaischen
religiösen Fundamentalismus. Die Auseinandersetzungen zwischen den
sog. „brights“ und einigen konservativen Kirchen in den USA von heute
belegen das drastisch.
Ich habe jedoch ein anderes Problem im Blick, das mit dem
Zugang zur wissenschaftlichen Forschung einerseits und zum Glauben
andererseits gegeben ist. Die wissenschaftliche Forschung kann
beanspruchen, allgemein zugängliche Einsichten für Alle zu
vermitteln, die sich Ihres Verstandes bedienen. Der Glaube an den
Schöpfer aber ist abhängig von spezifischen existenziellen und
geschichtlichen Erfahrungen, die durchaus nicht von allen Menschen
geteilt werden müssen. Den Religionen Asiens ist der Schöpfungsglaube
z.B. gänzlich fremd. Der konfessionslosen Bevölkerung des Osten
Deutschlands und nicht nur ihr ist das Leben ohne Gotteserfahrung zur
Gewohnheit geworden. Es gibt offenkundig nicht so etwas wie eine mit
dem Menschsein gegebene Nötigung, einem Schöpfergott zu vertrauen. In
der Abhängigkeit von besonderen geschichtlichen und existenziellen
Erfahrungen mit Gott hinkt der Glaube an den Schöpfer der allgemeinen
Evidenz wissenschaftlicher Erkenntnis darum, obwohl er auch allgemein
gültige Bedeutung beansprucht, offenkundig hinterher.
Dieses Problem ist im Grunde nicht zu umgehen. Man kann keinen
Menschen zum Schöpfungsglauben nötigen – so wie man ihn mit
Verstandeskraft nötigen kann, die Mendelschen Vererbungsgesetze
anzuerkennen. Der Glaube an den Schöpfer kann sich, weil er eine
Freiheitserfahrung ist, nur in Freiheit einstellen. Das ist,
wenn man so will, seine ideologische Schwäche. Wer die Erfahrungen mit
Gott nicht selber macht, die zur Glaubensgewissheit des Schöpfers
führen, wird diesem Glauben verständnislos gegenüber stehen. Die
Aufgabe der christlichen Kirche kann demgegenüber nur sein, Menschen
an den Ort zu verweisen und auch zu führen, an dem sich diese
Gewissheit einstellen kann. Das ist im christlichen Falle der Ort der
geschichtlicher, existenzieller Gotteserfahrung, wie sie Jesus
Christus und Israel eröffnen. Gott, wie er hier begegnet, ist nicht
eine zusammenhangslose jenseitige Hinzufügung zur Welt und zum
Menschen. Es begegnet so, dass er sich von Hause aus zutiefst auf die
Welt und die Menschen versteht, weil er ihr Schöpfer ist und Menschen
so werden ließ, dass sie strukturell für die Begegnung mit ihm
geöffnet sind. Wir können darum den Menschen regelrecht als ein Wesen
definieren, das in der Beziehung zu Gott steht – ganz gleich ob
er diese Beziehung nun selbst gestaltet oder nicht.
Von daher gilt aber in jedem Falle: An Gott zu glauben, ist
nicht irgendetwas widersinnig Extravagantes, im Grunde gar nichts für
den Menschen Passendes oder Verrücktes. Es ist sozusagen das
Normalste für ein Wesen, das mit seinem Bewusstsein über Alles
Objektivierbare hinaus drängt. Darum begleiten die christliche
Theologie von den Zeiten der Alten Kirche an bis heute Versuche, den
Glauben an Gott zugleich als das Vernünftigste für Wesen
unserer Art zu erweisen. Ich kann die lange Geschichte dieser Versuche
hier nicht erzählen, sondern begnüge mich mit einem Beispiel aus der
Gegenwart. Thomas Rentsch, Professor für Praktische Philosophie in
Dresden, hat in seinem im Jahre 2005 veröffentlichten Büchlein „Gott“
angesichts der Fragen, die heute an den Gottesglauben gestellt werden,
die These vertreten, dass der Glaube an den Schöpfer auch heute eine
allgemein gültige und vernünftige Evidenz hat. Ausgangspunkt
seiner Argumentation ist, dass die Frage nach Sinn unseres
menschlichen Daseins, die der Schöpfungsglaube beantwortet,
keinesfalls eine Panne oder ein unerfreuliches Nebenprodukt der
Evolution menschlichen Lebens ist. Sie gehört zu uns und deshalb – so
seine Argumentation – gehört auch der Glaube an Gott zu uns.
Denn bei der Wahrnehmung jedes Dings und jeder
Naturerscheinung und erst recht des menschlichen Lebens und seiner
Grenzen stoßen wir auf die Dimension eines Geheimnisses, dessen
wir als unerklärlichem Ursprung alles Gewordenen inne werden. Wir
erleben die Transzendenz mitten in der Immanenz etwa bei der
Betrachtung einer Rose oder beim Erleben von Kunst oder bei
Erfahrungen von Glück und Unglück oder bei der Begegnung mit anderen
Menschen in ihrer Freiheit als „innere Unendlichkeit der
Wirklichkeit“.
Sie ist die Dimension einer Sinneröffnung für unser endliches Dasein,
dem die Religionen mit Recht den Namen „Gott“ geben und die auch der
Philosoph als „Eigennamen des einzigartigen Dass des Seins des Sinns“
explizieren kann.
Er bedient sich dabei der Vorstellung von Gott als Schöpfer, ja
er will diese Vorstellung regelrecht „rehabilitieren“.
Denn Gott als Sinneröffnung für den Menschen kann nicht anders
verstanden werden denn „als (selbst unerklärbarer) Grund und Ursprung
der unerklärlichen und dauernden Schöpfung aus Nichts [...], die – auf
unerklärliche Weise – Sein, Sinn, Freiheit und Vernunft hervorgehen
lässt“.
Rentsch geht darum mit Kritiken des Gottesglaubens von der Art
der Dawkinschen hart ins Gericht. Sie disqualifizieren sich als
Wissenschaft, wenn sie Aussagen über Gott als Sein von Sinn wie
empirische Tatsachenbehauptungen behandeln. Sinn und damit Gott kann
nicht objektiv bewiesen werden. Einen Gott, den es gibt, wie einen
Stein, eine Pflanze, ein Säugetier oder auch ein Atom, wäre gar nicht
Gott. Einen Sinn, den wir behandeln wie etwas Materielles wäre kein
Sinn. Zu ihm gehört die Unverfügbarkeit für uns ebenso wie die
Unfassbarkeit, Unsagbarkeit und Verborgenheit Gottes. Könnten wir über
Gott verfügen, wie über die Welt, würde Gott aufhören, Gott zu sein.
Würden wir Sinn in die Grenzen unserer Endlichkeit einsperren, hört er
auf Sinn zu sein. Er wäre bloß Fessel. Sinn dagegen lässt uns aus
einem Geheimnis unseres Daseins heraus leben, das Geltung
beansprucht, obwohl wir nicht darüber verfügen.
Daran ändert unser Wissen vom Urknall nichts, nichts die
string-Theoerie, nichts unsere Kenntnis von schwarzen Löchern und
roten Riesen im Universum, nichts unsere Einsicht, dass sich das Leben
auf dieser Erde aus dem Wasser entwickelt hat. An der Geltung von
Transzendenzerfahrung als Sinnerfahrung ändern aber auch ihre
Pervertierungen in den Religionen nichts, die mit der atheistischen
Religionskritik kritisiert werden müssen. Dogmatismus, veräußerlichte
Ritualisierung, Gewaltrechtfertigung, Unterdrückung, Unvernunft und
vieles Andere mehr gehören nicht zum Wesen der Religion, sondern zu
ihrem Missbrauch. Dieser Missbrauch aber hebt die Geltung nicht auf,
mit der Gott als Sein von Sinn jedes menschliche Leben beansprucht.
Mehr kann und will die philosophische Theologie nicht sagen.
Es geht ihr nicht um religiöse Positionen beim Verständnis Gottes, wie
sie in der christlichen Theologie aufgrund von konkreten Erfahrungen
mit dem geschichtlichen Offenbarwerden Gottes unvermeidlich sind. Sie
will zeigen, dass Menschen nicht umhinkommen, mit einer transzendenten
Wirklichkeitsdimension, die wir Gott nennen, zu leben. Würden wir
dagegen annehmen, die Dimension der Wirklichkeit, in die wir uns
hinein transzendieren, sei das Nichts, dann würden wir von daher den
Aufruf zu unserer Selbstvernichtung vernehmen. Dem aber verweigert
sich selbst der härteste Atheist, der die Leugnung der Geltung von
Sinn nicht durchhält, ohne zu einem Ersatzsinn und damit zu einer
großen oder kleinen Ersatzgottheit zu greifen, der die Nichtigkeit auf
der Stirn geschrieben steht. Atheismus ist von daher als die
zukunftsloseste aller menschlichen Ideologien zu beurteilen, wie der
Niedergang eines atheistischen Weltsystems, das im vorigen Jahrhundert
die halbe Welt beherrscht hat, auf seine Weise unterstreicht.
Der christliche Glaube und damit die christliche Theologie
haben darum allen Anlass, den allgemein gültigen Segen des Glaubens
an den Schöpfer für die Menschlichkeit des Menschen zur Geltung zu
bringen. Das geschieht nicht auf den Wegen der philosophischen
Theologie, mit der im Übrigen darüber zu reden ist, ob Sinn und Gott
tatsächlich einfach zu identifizieren sind oder ob Gott nicht vielmehr
als Grund von Sinn verstanden werden muss. Aber das Lob jenes Segens
kann doch in dem Bewusstsein geschehen, dass der Glaube an Gott, den
Schöpfer, auf ausgezeichnete Weise dem Sein von Menschen gerecht wird.
IV. Gottes Ebenbild
als Pointe der Evolution des Lebens
Darum gehört die Anerkennung unserer Zusammengehörigkeit mit
der Welt belebter Organismen mit zum Selbstverständnis eines
Ebenbildes Gottes. Das ist im Prinzip ja nichts Neues. Jahrhunderte
lang wurde der Mensch als animal rationale, als
vernunftbegabtes Tier, definiert. Deshalb ist auch die Erkenntnis
nicht erschütternd, dass viele Fähigkeiten, die früher als spezifisch
menschlich galten, wie das Fühlen oder der Werkzeuggebrauch und sogar
eine Art von Bewusstsein heute auch bei Tieren entdeckt werden. Obwohl
hier noch ein offenes Feld der Forschung vor uns liegt, zeigen die
Verhaltensforschung und die evolutionäre Psychologie, dass wir im
Handeln und Empfinden immer auch Mustern folgen, die in der
Evolutionsgeschichte begründet sind.
Vor allem aber belegt uns unser genetischer Zusammenhang mit
der nichtmenschlichen Kreatur eindrücklich, wie weitgehend wir auch
von den Begrenzungen abhängig sind, die mit allem Leben gegeben
sind. Wir müssen sterben, um neuem Leben Platz zu machen. Wir sind den
Widrigkeiten der Natur ausgesetzt. Wir leben nur, indem wir anderes,
nicht-menschliches Leben verbrauchen. Das alles ist kein Idealzustand,
wie wir ihn uns wohl zu erträumen vermöchten. Aber indem wir uns in
diesem Zusammenhang als Geschöpfe Gottes bewusst werden, begründet das
doch eine Einstellung grundlegender Solidarität mit aller
belebten Kreatur. Sie ist unser Mitgeschöpf und darum aller
Vorsicht im Umgang mit ihrem Leben bedürftig. Sie lehrt uns, dass
unsere Gottebenbildlichkeit keine willkürliche Überhebung über das
Leben sein kann, an dem wir mit allen Geschöpfen teilnehmen.
Wir bleiben mit allen unseren Möglichkeiten relative Wesen,
die auch lernen müssen, mit den Schmerzen und Geschicken zu leben, die
uns unsere Teilnahme am Leben aller Organismen bereitet. Damit wird
nicht einer fatalistischen Hingebung an das Leid, das uns das Leben
immer auch bereitet, das Wort geredet. Die wissenschaftliche
Erforschung des menschlichen Genoms setzt sich mit Recht zum Ziel,
Erbkrankheiten zu bekämpfen und das Leiden von Menschen zu mindern.
Doch das bedeutet nicht, wir könnten uns der Illusion eines von uns zu
produzierenden grenzenlosen und leidfreien Lebens hingeben. Diese
Illusion macht den Menschen nicht menschlicher, sondern führt nur
dazu, dass wir uns gegenseitig mit maßlosen Taten traktieren, die
keine Rücksicht darauf nehmen, wie verletzliche Wesen wir sind.
Die andere Seite unseres Wissens von der Evolution des
menschlichen Lebens aber weist gerade in die umgekehrte Richtung. Sie
macht uns die Freiheit von den naturgesetzlichen Abhängigkeiten
unseres Lebens eindrücklich. Menschen sind nur lebensfähig, indem sie
sich in dieser Freiheit ihre Welt des Lebens schaffen. Eben hierin
zeigt sich die Besonderheit des Menschen, die man als „Weltoffenheit“
bezeichnet hat. Was die Welt des Menschen ist, steht nicht
natürlicherweise fest. Die Menschheit schafft sich vielmehr mit ihrer
Kultur, ihrer Ethik und auch mit der Religion erst einen Rahmen
des Verhaltens, der es ihr ermöglicht, sich in der Welt zu
orientieren. Ohne diese „zweite Natur“ wären wir im Grunde nicht
überlebensfähig. Sie ist die Dimension unseres Menschseins, in welche
die Erfahrungen einfließen, die wir im Umgang miteinander und mit der
Natur machen. Sie wird in der Geschichte der Menschheit zunehmend von
den Erkenntnissen bestimmt, die sich uns durch die wissenschaftliche
Forschung erschließen. Sie ist darum kein unwandelbarer Komplex von
Normen, Überzeugungen und Einsichten. Sie ist vielmehr selbst das Feld
einer kulturellen Evolution, auf dem die Menschheit beständig
Fortschritte zu einer größeren Freiheit von ihrer Verhaftung an die
materielle und biologische Natur gemacht hat und machen wird.
Die Zweideutigkeit dieser Fortschritte liegt zwar auch zu
Tage, wenn wir an die Zerstörung unserer Umwelt denken oder an das
immer größere Gewaltpotenzial, das ökonomisch wirksam ist, aber auch
in den Kriegen unserer Tage mörderisch zum Einsatz kommt. Während wir
uns die Luxusdiskussion leisten, ob durch die Genetik vielleicht das
Produzieren eines Designermenschen möglich werden kann, sind wir nicht
in der Lage, für die primitivsten Lebensbedingungen von Menschen in so
vielen Regionen unserer Erde zu sorgen. Es gibt viele Experten dieser
Sachlage, die darum unsere kulturelle Evolution in einer Katastrophe
der Menschheit überhaupt enden sehen.
Das christliche Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild
hat zwar nie Illusionen darüber verbreitet, wie es mit der
Verwirklichung der Freiheit des Menschen tatsächlich aussieht. Martin
Luther konnte den wirklichen Menschen gelegentlich sogar ein „Ebenbild
des Teufels“ nennen. Dennoch richtet sich der Glaube an den Schöpfer
gegen alle Resignation an den bleibenden Möglichkeiten der Freiheit
des Menschen und auch gegen alle Unheilsprophetie, die der Menschheit
die Zukunft abspricht. Denn das würde bedeuten, den Auftrag abzugeben,
eine menschliche Kultur zu gestalten, die Gottes Bejahung von uns
Geschöpfen entspricht. Wer sich als Ebenbild Gottes versteht, brennt
darum darauf, dass Fortschritte bei der Verwirklichung unserer
Freiheit gemacht werden, die allen nahen und fernen Menschen wahrhaft
zugute kommen. Die Freiheit, die wir aufgrund der Evolution des
menschlichen Lebens gewonnen haben, ist für Menschen, die an Gott
glauben, darum ein hohes Gut. Von ihr soll ein Gebrauch gemacht
werden, der Menschen auch in Zukunft frei sein lässt. Der Glaube an
den Schöpfer nimmt so die Dynamik auf, in der die Evolution des
Lebens auch uns Menschen in einen offenen Prozess des Werdens stellt.
Im übrigen aber gilt: Je mehr uns die Naturwissenschaften
über das Werden des Universums, über unsere Evolution und unsere Natur
sagen können, umso besser! Denn was wir von der Welt im Ganzen wissen
und hypothetisch erschließen können, lässt uns das Wunder der ganzen
Wirklichkeit, die sich vor uns auftut, im Grunde noch viel größer
erscheinen, als es der begrenzten Weltsicht möglich war, welche die
vorneuzeitliche Sicht des Universums hatte. Es prägt die Auszeichnung
unseres Menschseins auf der Erde viel nachdrücklicher ein, als es die
Vorstellung vom Dasein unserer Art unter der Glocke des Firmaments
vermochte. Wir haben allen Anlass, uns mit der Wissenschaft das
andauernde Werden des Universums und unserer selbst zu
vergegenwärtigen, das uns – vom Standpunkt des Glaubens aus – in
dieser menschliches Verstehen immer wieder sprengenden Weise die Ehre
Gottes verkündet.
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