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Der eine Gott und die vielen Religionen
Der Zufall hat es
gewollt, dass unsere Sonntagsvorlesung auf einen Sonntag fällt, den
die Evangelische Kirche in Deutschland zum „Tag der verfolgten
Christen“ in aller Welt erklärt hat. Es handelt sich dabei – von China
und Nordkorea abgesehen – vor allem um von anderen Religionen
oder Religionsangehörigen verfolgte Christen. Denn gedacht ist
insbesondere an die Christenverfolgungen im Irak, in Nigeria und
Malaysia und auch in Ägypten. Wir müssen auch sonst der Tatsache ins
Auge sehen, dass es mit der Toleranz der Religionen untereinander
nicht sonderlich gut bestellt ist. In Indien prallen der Hinduismus
und der Islam aufeinander. Der islamistische Terrorismus löst Angst
und Schrecken, ja Kriege aus. Die Schweiz verbietet Minarette. Lybiens
Staatschef ruft den Heiligen Krieg gegen unser Nachbarland aus. Unser
Thema „Der eine Gott und die vielen Religionen“ steht deshalb im
Schatten der Problematik „Die Religionen und die Gewalt“. Was die
christlichen Kirchen dazu beitragen können und müssen, den Frieden
zwischen den Religionen und damit den Frieden auf unserer Erde wirksam
zu befördern, ist deshalb meine leitende Frage. Ich behandele sie vier
Hinsichten:
1. Die Religionen
und die neue Religiosität
2. Wahrheit und Gewalt
3. Grundsätze des Verhältnisses des Christentums zu anderen Religionen
4. Die Berufung auf den Glauben Abrahams im Islam
1. Die Religionen und die neue Religiosität
Ich setze mit einem Hinweis ein, der in unserer vom Atheismus
des größten Teils der Bevölkerung geprägten Weltecke leicht aus dem
Blick verloren wird. Die Religionen der Welt haben für die Zukunft der
globalisierten Welt eine gar nicht hoch genug einzuschätzende
Bedeutung. Sie bestimmen das Lebensgefühl und das Wertbewusstsein der
Völker und Nationen der Welt. Sie schließen Menschen zu Gemeinschaften
mit gleichen Überzeugungen zusammen. Sie prägen die Menschenbilder und
die Kulturen. Ohne die Religionen werden die Konflikte und
Herausforderungen nicht zu lösen sein, vor welchen die zusammen
gerückte Weltgesellschaft heute steht. Der Anteil der Menschen an der
Weltbevölkerung, die sich dagegen als nicht-religiös verstehen, betrug
– wenn man den auf Umfragen beruhenden Zahlen trauen darf – im Jahre
2000 12 % (mit abnehmender Tendenz). Da es sich bei den
Nicht-Religiösen im Regelfall nicht um organisierte Gemeinschaften
handelt, ist ihr Beitrag zum Selbstverständnis der Erdbevölkerung
diffus und zersplittert.
Schon dieser kurze Blick auf die Weltkarte der Religionen
zeigt, dass eine Grundbehauptung der europäischen Religionskritik, die
sich auch der Marxismus zu eigen gemacht hatte, nicht zutrifft. Diese
Behauptung besagt, dass mit dem Fortschreiten der wissenschaftlichen
Erkenntnis, der technischen und wirtschaftlichen Gestaltung der Welt
der religiöse Glaube seine lebenstragende Funktion für die Menschen
verliert und „abstirbt“. „Das ist manifest falsch“, wird heute von den
Religionswissenschaften und den Kulturwissenschaftengesagt. Überall
auf der Welt blühen die Religionen auf und wachsen zahlenmäßig, gerade
auch in hoch technisierten Gesellschaften wie etwa in Süd-Korea, um
von den USA zu schweigen. In Europa und weltweit aber sei das Aufleben
einer „neuen Religiosität“ zu beobachten. Denn die Verunsicherungen,
welche die Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft auslösen,
würden den Grund für eines neues Aufleben von Spiritualität legen,
sagt zum Beispiel der Münchener Soziologe Ulrich Beck. Den Menschen
reicht es nicht, ihr Leben nur mit Konsum und den hohlen Vergnügungen
der „Spaßgesellschaft“ zu verbringen. Wissenschaft, Technik und
Alltagsbetrieb können das Streben von Menschen nach Ganzheitlichkeit,
nach Sinn, nach Erfahrung des Heilsseins, nach Vertiefung des Lebens
nicht stillen. Darum suchen die Menschen nach Erfahrungen, die über
das Diesseits hinaus gehen
Neu an diesem
Suchen ist jedoch, dass es sich an keine vorgegebenen religiösen
Muster und Dogmen der existierenden Religionen und so auch der Kirchen
gebunden weiß. Das gilt auch für die charismatisch-enthusiastischen
Gruppierungen, die heute etwa in Lateinamerika und Afrika an den
Rändern der großen Kirchen entstehen. Aber dort spielt das religiöse
Gemeinschaftserlebnis eine große Rolle. Die „neue Religiosität“ ist
jedoch durch und durch individualistisch, ja privat. Die Menschen
basteln sich für ihr religiöses Leben Versatzstücke aus den
Weltreligionen zusammen, die ihnen zur Lebensvertiefung nützlich
erscheinen: Ein bisschen Buddhismus, ein bisschen Mystik, etwas
Esoterik, stressmindernde Meditationsrituale usw. wandern auch in
unsere Kirchengemeinden ein.
Beck lobt diese neue Religiosität ausdrücklich. Denn sie hat
gegenüber den existierenden Religionen einen großen Vorzug. Sie ist
gegenüber anderen religiösen Glaubensformen tolerant. Der
„Bastelreligiosität“ ist es egal, was andere Menschen glauben. Sie hat
kein Interesse daran, andere Menschen zu missionieren. Sie ist sich
selbst genug und darum friedlich. Den organisierten Religionen
aber wird vorgehalten, dass sie zu Intoleranz und Gewalt gegenüber
anders Glaubenden tendieren und darum die große Verantwortung, die sie
für die Zukunft der Welt haben, zu verspielen drohen. Und damit wären
wir bei dem Thema des Verhältnisses der Religionen zueinander.
2. Wahrheit und Gewalt
Das Thema „Religion und Gewalt“ zieht spätestens seit dem
islamistischen Anschlag auf das World-Trade-Center in New York große
Aufmerksamkeit auf sich. Die Religionen der Welt werden angesichts
einer Geschichte von gegenseitiger Bekämpfung und Gewalt, die bis
heute andauert, nach ihrer Friedensfähigkeit gefragt. Ulrich Beck hat
auch gleich eine Antwort darauf, wie sie diese Friedensfähigkeit
erlangen können. Diese Antwort lautet: Die Religionen müssen auf ihren
Anspruch, die Wahrheit zu besitzen, verzichten. Sie
müssen aufhören, anderen Menschen ihren Glauben an Gott oder das
Göttliche aufdrängen zu wollen. Es gibt auch schon Stimmen in
der christlichen Theologie, die sich diese Forderung zu eigen machen.
Auch der christliche Glaube, fordern sie, darf sich nicht als allein
wahrer Glaube aufführen. Das Argument dafür ist: Gott ist eine für
alle Menschen unendlich entzogene, gänzlich unzugängliche
Wirklichkeit. Menschen können allenfalls Aspekte von ihm erfassen.
Alle Religionen sind demnach nur verschiedene, menschliche
„Wahrnehmungsgestalten“ Gottes, die prinzipiell alle gleich berechtigt
sind. Keine darf der anderen absprechen, in ihrer relativen Weise auch
wahr zu sein.
Mein ehemaliger
Berliner Kollege in der Praktischen Theologie, Klaus-Peter Jörns, hat
in seinem Buche „Notwendige Abschiede“ daraus z.B. die Konsequenz
gezogen, dass die Bibel nicht mehr als Kanon, als Maßstab des
Gottesglaubens, beansprucht werden kann. Auch die anderen Schriften
und Zeugnisse der Religionen seien in ihrer Weise anzuerkennende
Wahrnehmungen Gottes. Grundlage der zukünftigen Verkündigung der
Kirche soll darum eine Sammlung von Texten aus den verschiedenen
Religionen werden. Auch die Anliegen der Naturreligionen sollen wieder
in die Kirche einwandern.
Die Problematik dieses Vorschlages ist mit Händen zu greifen.
Würde sich die Kirche darauf einlassen, dann würde sie aufhören,
christliche Kirche zu sein. Die „Abschiede“, die Jörns fordert,
wie z.B. den Abschied vom Verständnis Gottes als Person, den Abschied
vom Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild oder den Abschied vom
Glauben an den uns mit Gott versöhnenden Tod Jesu Christi weisen denn
auch deutlich in diese Richtung. Doch unsere Kirche kann Menschen
nicht einladen, „im Leben und Sterben“ auf Jesus Christus zu vertrauen
(wie wir uns das in der Sonntagsvorlesung des vorigen Jahres über die
Barmer Theologische Erklärung verdeutlicht haben) und zugleich
erklären, dieses Vertrauen könnte auch unwahr oder falsch sein. Ebenso
würde es dem muslimischen Glauben widersprechen, wenn ein Immam
verkündete, der Koran sei möglicherweise eine falsche oder auch nur
unzureichende Orientierung der Gotteshingabe der Muslime. Ähnliches
gilt für andere Religionen. Kein Mensch würde sich auf den achtfachen
Pfad der Erlösung vom Leiden im Buddhismus begeben, wenn zugleich
gelten würde, er führe möglicherweise gar nicht zu dieser Erlösung.
Es liegt deshalb im
Wesen allen religiösen Glaubens, dass er Menschen mit
Wahrheitsgewissheit erfüllt. Wahrheit verstehe ich dabei nicht als
irgendeine Richtigkeit. Wahrheit wird im biblischen Sinne vielmehr als
ein Offenbarwerden Gottes in einer bestimmten geschichtlichen
Situation verstanden, welches Menschen die Gewissheit vermittelt,
dass sie sich auf diesen Gott unbedingt verlassen können. In Israel
war das die Erfahrung des Auszugs aus Ägypten, im Christentum ist es
die Erfahrung Jesu Christi, die solche Gewissheit auslöst. „Deine
Wahrheit ist Schirm und Schild“, haben wir in diesem Sinne am vorigen
Sonntag mit dem 91. Psalm gebetet und Gott als „meine Zuversicht und
meine Burg“ angerufen.
Für andere Religionen
sind es zweifellos andere geschichtliche Erschließungssituationen, in
denen sich ihnen Gott oder die Götter oder das Göttliche als Wahrheit
aufdrängt. Für die Muslime ist es der Muhammed offenbarte Koran. Für
die großen asiatischen Religionen sind es Erfahrungen, die eine
günstige Wiedergeburt oder die Erlösung aus dem qualvollen Kreislauf
der Wiedergeburten versprechen. Für die Naturreligionen sind es
Erfahrungen mit den Kräften der Natur, die sie mit religiösen
Praktiken und Riten zu beeinflussen trachten. In allen Religionen geht
es darum, dass sie Menschen Gewissheiten verleihen, die für sie
„Schirm und Schild“ in den Gefahren und Herausforderungen des Lebens
sind. Deshalb haben alle Religionen eine Tendenz, sich von anderen
Religionen abzugrenzen, die ihnen diese Gewissheiten nehmen wollen.
Ich halte darum nicht viel von den Theorien des Heidelberger
Religionshistorikers und Ägyptologen Jan Assmann, die in den
Diskussionen der letzten Jahre um das Thema „Religion und Gewalt“ für
Furore gesorgt haben.
Assmann hatte nämlich
behauptet: Nur der Monotheismus, der Ein-Gott-Glauben, der in
Israel begründet wurde und im Christentum sowie im Islam weiter lebt,
sei in seinem Wesen intolerant und gewaltbereit gegenüber anderen
Religionen. Denn er muss im Glauben an den einen außerweltlichen Gott
notwendig bestreiten, dass die vielen Götter, die im Polytheismus
verehrt werden, überhaupt Götter seien. Sie sind „Nichtse“, sagt die
Bibel (1. Kor 8,4). Der Polytheismus erscheint demgegenüber als die
friedlichere Religion. In ihm können die Gläubigen an viele Götter
friedlich nebeneinander existieren. Wer in Griechenland einmal eine
Tempelanlage besucht hat, bekommt das ja auch eindrücklich vor Augen
geführt. Die fremden Besucher brachten Weihegaben für die Götter
Griechenlands von ihren heimischen Göttern mit.
Ulrich Beck hat die
These Jan Assmanns vom friedlichen Polytheismus so beeindruckt, dass
er sie auf die sog. „Wiederkehr der Religion“ heute projiziert hat.
Die „Bastelreligiosität“ sei eigentlich als „Wiederkehr der Götter“ zu
verstehen, sofern hier jeder zu dem Gott beten könne, der ihm genehm
sei. Wenn jemand einen anderen Gott wähle, sei das auch in Ordnung.
Doch historisch gesehen ist die Gegenüberstellung eines aggressiven
Monotheismus und eines friedlichen Polytheismus schlicht falsch. Die
polytheistischen Religionen, die im Ganzen auch ein Wahrheitssystem
darstellen, haben – unsere eigenen Vorfahren, die Germanen, sind des
Zeuge – das Aufkommen des Monotheismus ebenso gewaltsam bekämpft wie
das leider umgekehrt von den monotheistischen Religionen zu sagen
ist.. Der sog. „Wiederkehr der Götter“ aber fehlt das Entscheidende
jeder polytheistischen Religion, nämlich der Glaube an das
unabwendbare Geschick, das die Menschen von den Göttern
bereitet wird. Im historischen und gegenwärtigen wirklichen
Polytheismus wird nicht „gebastelt“. Da stehen die Menschen im Banne
ihres Götterglaubens.
Im Verhältnis aller
Religionen zueinander bleibt es deshalb dabei, dass hier verschiedene
Wahrheitserfahrungen Gottes oder der Götter aufeinander treffen, die
im Grundsätzlichen nicht miteinander zu reimen und auszugleichen sind.
Alle Versuche, diesem Dilemma zu durch die Schreibtisch-Konstruktion
einer Einheitsreligion zu entkommen, scheitern daran, dass in
solchem Konstrukt niemand auf der Welt lebt. Wir haben im Verhältnis
der Religionen zueinander vielmehr davon auszugehen, dass sie
gemeinsam ein Problem haben, welches sie nicht lösen können,
ohne sich selbst aufzugeben. Ist mit dieser realistischen und
nüchternen Feststellung besiegelt, dass sie einander bekämpfen müssen?
Meine Antwort lautet: Nein, das ist nicht der Fall. Denn unter der
Schwelle eines nicht lösbaren Problems finden sich in jeder Religion
eine Fülle von Möglichkeiten, der anderen Religion im Zeichen der
Verständigung über Gemeinsamkeiten, in denen Friedenspotenziale
schlummern, zu begegnen. Ich erläutere das in Kürze an unserer eigenen
Religion, dem Christentum.
3. Grundsätze des Verhältnisses des Christentums zu anderen Religionen
Wir wissen nicht, warum es Gott gefallen hat, sich in Jesus
Christus so zu offenbaren, dass ein großer Teil der Menschheit davon
unberührt geblieben ist. Auf dem Hintergrund des Alten Testaments hat
sich das die junge Christenheit mit dem Gedanken der Erwählung
erklärt. Um Menschen nicht mit göttlicher Übermacht zu überfallen und
sie zum Glauben zu zwingen, erwählt Gott Menschen als seine
Partnerinnen und Partner, die er beauftragt, die ganze Welt mit seiner
Menschenfreundlichkeit vertraut zu machen. Der christliche Glaube ist
darum in seinem Wesen missionarisch. Er drängt auf die Mitteilung
seiner Gotteserfahrung, so wie es der Missionsbefehl Jesu Christi denn
auch ausdrückt.
Bei dem Wort „Mission“ wird jedoch heute vielen Menschen
unwohl. Sie denken dabei an erster Stelle an die gewaltsamen
Missionierungen, die sich unsere Kirche im Laufe ihrer Geschichte hat
zuschulden kommen lassen. „Schmerzpunkt Mission“ – unter diesem Titel
kündigt die Ev. Akademie gerade eine Tagung an. Zu diesem
„Schmerzpunkt“ ist zu sagen: Die Verbindung der christlichen Mission
mit militärischer Gewalt und staatlichen Zwangsmaßnahmen war eine
schwere Sünde gegen den Geist und den Sinn des christlichen
Missionsauftrages und sollte für immer der Vergangenheit angehören.
Mission im Namen Jesu Christi, des Repräsentanten der Liebe Gottes in
der Welt, der lieber leidet, als zum Schwert zu greifen, ist nur ohne
Anwendung von Gewalt rechte Mission. Sie kann, wie der Apostel Paulus
in 2. Kor. 5 sagt, nur die Gestalt der Bitte, der freundlichen
Einladung, haben. So begegnet unsere Kirche in unserem Umfeld den
Menschen, die sich als Atheisten verstehen. So begegnet sie auch den
Religionen und den Menschen, die ihnen anhängen. Sie kann, wie das
Augsburgische Bekenntnis sagt, nur sine vi, sed verbo, ohne
Gewalt, sondern mit dem Wort, eine echte Begegnung sein.
Solche echte Begegnung ist von drei Voraussetzungen geprägt.
Die erste besteht darin, dass Gott im christlichen Verständnis der
Schöpfer aller Menschen ist. Jedem Menschen kommt von seiner
Bejahung durch den Schöpfer her darum die Würde eines göttlich
geehrten und geachteten Menschen zu. In dieser Achtung und im
Eintreten für diese Achtung begegnet das Christentum darum Menschen
mit einer anderen Religion. Es ist ein konsequenter Anwalt ihrer
Menschenwürde.
Die zweite
Voraussetzung dieser Begegnung ist, dass Gott nach christlicher
Überzeugung in seiner unsichtbaren Geisteskraft allen Menschen
gegenwärtig ist. In der Art und Weise, wie Menschen einer anderen
Religion diese Gegenwart wahrnehmen, spiegelt sich darum in
verschiedenen Graden und in unterschiedlichen Ausprägungen etwas von
dem Gott, der im Christentum erfahren wird. Das ist der Grund dafür,
warum es in allen Religionen Spuren und Zeichen gibt, die mit
dem christlichen Glauben und Leben zusammen stimmen. In allen
Religionen können wir z.B. Phänomene echter Hingabe an Gott oder
Göttliches, von der Bestimmung von uns Menschen zur Liebe oder von
menschlicher Weisheit in der Erfahrung der Geheimnisse unseres
menschlichen Daseins wahrnehmen. Bei der Begegnung mit anderen
Religionen wird die christliche Kirche deshalb Wert darauf legen,
diese Spuren und Zeichen der Gemeinsamkeit ans Licht zu heben. Sie
wird den anderen Religionen zu verstehen geben, was Christenmenschen
an ihrer Religion erfreut. Sie wird fragen, ob diese Gemeinsamkeiten
nicht tragfähig für ein gemeinsames Eintreten in Hinblick auf ein
friedliches Zusammenleben der Menschen auf unserer Erde sein können.
Die dritte
Voraussetzung der Begegnung der christlichen Kirche mit anderen
Religionen bremst jedoch die Erwartung, es könne einen glatten Weg zum
Einverständnis der Religionen miteinander geben. Denn der christliche
Glaube ist – darin zusammenstimmend mit dem Glauben Israels – von
Hause aus eine religionskritische Religion. Das hat in der Tat
etwas mit der Wendung dieses Glaubens gegen den Polytheismus und damit
auch gegen die Naturreligionen zu tun. Die vielen Götter oder
göttlichen Mächte sind mystifizierte Repräsentanten und Ausdruck von
Kräften und Vorgängen in der Natur und auch in der Geschichte. Der
Glaube Israels an einen außerweltlichen Gott aber hat – so sagt man –
die Welt „entgöttert“. Die Welt, welche Gott geschaffen hat, ist
nichts als Welt. Die darf ein echtes Gegenüber zu Gott sein. Sie
ist kein Ausfluss und Anhang des Göttlichen. Sie ist nicht durchwaltet
von Dämonen und Geistern.
Die weltgeschichtliche
Bedeutung des Entstehens des Glaubens an den einen, außerweltlichen
Gott kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieser Glaube hat
dazu geführt, dass die Erde und das Leben der „ersten Freigelassenen
der Schöpfung“ auf ihr (J.G.Herder) als Ort eigener, freier
menschlicher Verantwortlichkeit begriffen werden konnte. Sie
ermöglichte ein echtes Verständnis von menschlicher Geschichte
mit einem offenen Zukunftshorizont. Sie begünstigte die Entstehung der
Wissenschaft. Es ist kein Zufall, dass die neuzeitliche
Naturwissenschaft – bei allen Irritationen im Einzelnen – auf dem
Boden des monotheistischen Christentums entstanden ist.
Für den biblischen
Glauben aber bedeutete die strenge Unterscheidung von Gott und Welt,
dass er ein scharfes Gespür dafür entwickelt hat, wenn Menschen mit
ihrer Religion beginnen, Gott zu verweltlichen und ihn in Regie zu
nehmen wie einen Weltfaktor. Das ist der Grund, warum im Christentum
eine kritische Theologie entstanden ist. Sie überprüft alle
religiöse Praxis in der Kirche daraufhin, ob sie ihrem Ursprung in
Gott treu ist oder Gottes Wirklichkeit mit allzu Menschlichem
vermischt. Die Reformation des 16. Jahrhunderts, aber auch das Barmer
Bekenntnis von 1934 waren z.B. in ihrem Kern solche
religionskritisch-theologischen Vorgänge, welche eine welthörig
gewordene Kirche wieder zu ihrer eigentlichen Quelle zurück gerufen
haben.
Diese
religionskritische Tendenz des christlichen Glaubens hat nun aber auch
Auswirkungen auf die Begegnungen des Christentums mit den Religionen.
Die christlichen Kirchen können hier nicht bejahen oder gar loben, was
sie bei sich selbst kritisieren müssen. Wenn sie auf Religionen
treffen, in denen Menschen zu Gegenständen religiöser Verehrung werden
(wie die Boddhisatvas im großen Fahrzeug des Buddhismus) oder wo die
Götter selbst dem Kreislauf der Wiedergeburten unterliegen (wie im
Hinduismus) oder ein Geister- und Dämonenglaube die Menschen in Atem
hält (wie im Schamanismus) oder eine bestimmte Nation sich göttliche
Würde aneignet (wie im Shintoismus), dann trifft die christliche, an
erster Stelle selbstkritische Religionskritik auch diese
Religionen mit.
Angesichts der bunten
Vielfalt, in der sich die Religionen der Welt heute darstellen,
verbietet sich jedoch jedes kritische Pauschalurteil über sie. In den
verschiedenen Erdteilen wird sich das Christentum nur mit ganz
verschiedenen Schwerpunkten auf die religiösen Orientierungen der
Menschen einlassen können. Die Aufgaben, die sich hier weltweit
stellen, durchzugehen, überfordert die Möglichkeiten dieser kurzen
Sonntagsvorlesung. Aber ein Problem, das in unserer deutschen
Gesellschaft die Öffentlichkeit und die Kirchen intensiv beschäftigt,
können wir, wenn von Religionen die Rede ist, sicherlich nicht liegen
lassen. Das ist das Verhältnis der Kirchen zum Islam, der mit 3,5
Millionen Muslimen in Deutschland die stärkste religiöse Kraft nach
den Kirchen ist.
4. Die Berufung auf den Glauben Abrahams im Islam
Ich
lasse wegen der Kürze der Zeit jetzt alle Probleme der
gesellschaftlichen Integration, der kulturellen und ethischen
Besonderheiten des Lebens der Muslime unberücksichtigt. Sie werden in
der EKD-Handreichung von 2006 „Klarheit und gute Nachbarschaft“, an
der ich mitgearbeitet habe, ausführlich erörtert. Uns geht es hier um
eine allerdings auch sehr grobmaschige theologische Einschätzung des
Islam.
Der Islam gehört mit dem Judentum und dem Christentum
zusammen, sofern er eine monotheistische Religion vom gleichen Typos
ist. Mehr noch: Er ist eine mit dem Judentum und dem Christentum
verwandte Religion. Denn als er ca 700 Jahre nach dem Auftreten
Jesu Christi aufgrund der Offenbarungserfahrungen Muhammeds entstand,
hat er sowohl von Traditionen der hebräischen Bibel wie des Neuen
Testaments (freilich nur vom Hören-Sagen) Gebrauch gemacht. Im Koran –
dem Buch der letztgültigen Offenbarungen Gottes an Muhammed – wird
Abraham(!), allerdings in anderer Weise als im Judentum und
im Christentum, als Stammvater der monotheistischen Gottesverehrung in
Anspruch genommen. Die Kaaba in Mekka bringt das bis heute
sinnenfällig zum Ausdruck. Sie wird als Ort der ursprünglichen
Gottesverehrung Abrahams verstanden. Das Opferfest am Ende der
Wallfahrt nach Mekka gilt darüber hinaus dem Gedenken an Abrahams
Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern. Dieser Sohn wird freilich mit
Ismael und nicht wie in der Bibel mit Isaak identifiziert. Denn
Muhammed führte die Abstammung der Araber auf Ismael zurück, den
Abraham nach biblischer Überlieferung mit seiner Magd Hagar gezeugt
hatte.
Es gibt heute nicht
unwesentliche Strömungen in der evangelischen und in der
römisch-katholischen Theologie, welche die Berufung der Muslime auf
die Gestalt Abrahams theologisch sehr hoch anbinden. Es sei
derselbe Gott, der unter Berufung auf Abraham im Judentum, im
Christentum und im Islam Verehrung findet, wird dabei geltend gemacht.
Es sei zu würdigen, dass die Muslime einige alttestamentliche
Propheten und auch Jesus als Künder des wahren monotheistischen
Gottesglaubens anerkennen. Sie teilen darüber hinaus mit dem Judentum
und dem Christentum wesentliche Konkretionen des Glaubens an den einen
Gott. Er wird als Schöpfer der Welt und als Weltenrichter am Ende der
Zeiten verstanden.
Das Alles berechtigt
nach der Überzeugung z.B. von meinem katholischen Kollegen Hans Küng
in Tübingen oder von meinem evangelischen Kollegen Berthold Klappert
in Wuppertal nicht nur, von den drei monotheistischen Religionen als
von „abrahamitischen Religionen“ zu reden. Es fordert nach ihrer
Meinung unsere Kirchen dazu heraus, regelrecht eine „abrahamitische
Ökumene“ anzustreben, die sich im Bekenntnis zum Gott Abrahams, Isaaks
und Ismaels zusammen findet. Die rheinische Landeskirche hat
sich unter der Federführung unseres jetzigen Bischofs Markus Dröge im
vorigen Jahre auf den Weg gemacht, in einer freilich etwas
verschwommenen „Arbeitshilfe“, der man das nicht ganz gute
theologische Gewissen anmerkt, dergleichen Ökumene in unserer
Evangelischen Kirche heimisch werden zu lassen.
Doch zunächst einmal
ist der Begriff „Ökumene“ ungeeignet, das Verhältnis der drei
monotheistischen Religionen auf einen Nenner zu bringen. „Ökumene“ ist
ein christlicher Begriff und meint einen Verständigungsprozess
zwischen den christlichen Konfessionen, der zur Einheit Bekennens an
Gott in Jesus Christus und zu gemeinsamer kirchlicher Praxis führt.
Von solcher Einheit des Bekennens kann in Bezug auf den Islam nicht
die Rede sein. Im Koran wird das christliche, trinitarische
Gottesbekenntnis ebenso ausdrücklich bestritten wie die
Gottessohnschaft Jesu Christi und sein Tod am Kreuz. Sowohl das
Judentum wie das Christentum unterliegen trotz der Anerkennung einiger
alttestamentlichen Propheten und Jesu als Vorläufer des Propheten
Muhammed dem definitiven Urteil, Verfälschungen des wahren
Ein-Gott-Glaubens Abrahams zu sein. Die Dialoge mit Vertretern des
Islam und auch die jüdisch-christlich-muslimischen „Trialoge“ haben
nicht erkennen lassen, dass sich an diesem Urteil etwas ändern wird.
Das Herzstück des christlichen Glaubens ist von muslimischer Seite
nicht mit dem Glauben Abrahams zu reimen. Auf der anderen Seite sind
die Hinzufügungen zum biblischen Zeugnis und seine eigenartigen
Umdeutungen, die sich im Koran finden, so gravierend, dass sie
schwerlich mit der Grundlage des christlichen Glaubens, der Bibel,
zusammen stimmen.
Das Verhältnis der
christlichen Kirche zum Islam ist darum noch einmal ein anderes als
das Verhältnis zum Judentum. Das Judentum repräsentiert – wenn auch im
Modus der Ablehnung Jesu Christi – die bleibende Herkunft der
Kirche aus Israel und die unwiderrufene Verheißung Gottes für dieses
Volk. Seine Texte sind im Unterschied zum Koran auch die Texte der
christlichen Verkündigung. Das Judentum ist darum im christlichen
Verständnis streng genommen keine andere Religion, sondern gehört
unlöslich mit der Geschichte des Christentums zusammen, wie schon
Paulus in Römer 9-11 klar gemacht hat. Wir können diese wichtige
Einsicht ja vielleicht einmal in einer eigenen Sonntagsvorlesung zum
Thema machen.
Was aber das
Verhältnis der Christenheit zum Glauben der Muslime betrifft, so ist
es zwar richtig zu sagen, dass beide – vermittelt durch die
Abraham-Tradition – denselben Gott meinen. Sie sind sich beide
zusammen darum näher als anderen Religionen. Von einem gemeinsamen
Glauben im eigentlichen Sinne des Begriffs kann aber schwerlich die
Rede sein. So wie im Christentum an Gott geglaubt wird, können die
Muslime eben nicht auf Gott vertrauen, ihr Herz an ihn hängen und
Zuflucht zu ihm haben in allen Nöten. Angemessen ist es vielmehr zu
sagen: Es gibt Berührungspunkte und strukturelle
Ähnlichkeiten zwischen beiden Glaubensformen, wie den Glauben an
den einen welttranszendenten Gott, den Schöpfer und Richter. Diese
Berührungspunkte und Ähnlichkeiten können es muslimischen
Gemeinschaften und den Kirchen ermöglichen, gemeinsame Ziele
verfolgen. Ich denke da z.B. an die Verantwortung für Gottes
Schöpfung. Denn im muslimisch und im christlich geprägten Glauben
Abrahams ist das Anliegen verankert, diese Welt vor aller Vergötzung
von Irdischem zu beschützen und sie als Schöpfung Gottes so zu
bebauen und bewahren, dass menschliches Leben in Dankbarkeit gegen den
Geber des Lebens aufblühen kann, wie in den maurischen Gärten.
Vor allem aber ist es
meine Hoffnung, dass die Rückbesinnung auf den Glauben Abrahams ein
Anstoß werden möge, mit denen Traditionen der Gewalt und der
Intoleranz zwischen beiden Religionen überzeugend zu brechen. Abraham,
den der Jakobusbrief mit einem Jesajazitat wegen seiner Werke der
Liebe einen „Freund Gottes“ nennt (Jakobus 2, 23), sollte auch die
Muslime ermutigen, die Texte, die im Koran zur Bekämpfung der
Ungläubigen aufrufen, gegenüber denen hintanzustellen, die zum
friedlichen Zusammenleben mit Juden und Christen aufrufen. Den Glauben
an Gott kann man auch nach der Überzeugung des Koran niemals
erzwingen. Der Anspruch auf Wahrheit kann in jeder Religion überhaupt
nur in der Kraft eines menschenfreundlichen Geistes unter Beweis
gestellt werden, der Gottes Geschöpfen kein Leid antut.
Wir müssen zum Schluss
kommen. Die Religionen boomen in alter und neuer Gestalt, haben wir zu
Beginn gesagt. Sie tragen der Wahrheit Rechung, dass wir Menschen
Wesen der Transzendenz sind und nicht allein im Irdischen die
Erfüllung unseres Daseins finden. Die Religionen schleppen jedoch ein
Problem mit sich herum, das sie nicht lösen können. Sie treffen mit
konkret unterschiedlichen Wahrheitsgewissheiten aufeinander, die sich
letztlich nicht miteinander vermitteln lassen und die auch nicht mit
einem religiös lebensfremden Wahrheitsrelativismus aus der Welt
geschafft werden können. Aber sie haben als wesentliche Lebensäußerung
der Geschöpfe Gottes Berührungspunkte, die stark genug, um die
Religionen Kräfte eindeutiger Friedensliebe auf unser werden zu
lassen. Sind sie das, dann kann der Streit um die Wahrheit zwischen
den Religionen ein edler Streit in einem Dialog werden, der von
Respekt und Achtung vor den Menschen einer anderen Religion getragen
ist. |
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