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Abraham in
christlicher Perspektive
Worauf baut der
christlich-muslimische Dialog?
1. Die evangelische Theologie vor der
Aufgabe der christlich-muslimischen Verständigung
Zunächst eine
Vorbemerkung: Die folgenden Überlegungen, die ich als evangelisch-christlicher
Theologe zur christlich-muslimischen Verständigung anstelle, lassen
sich schwerlich in das Fahrwasser der diese Tagung leitenden Frage
bringen, „wieviel Theologie“ diese Verständigung „braucht“.
Soll ich 15% oder 30% oder vielleicht noch mehr Prozente „Theologie“,
die für diese Verständigung „brauchbar“ sind, ausmitteln und den Rest
irgendwelcher Nichttheologie anheimgeben? Was wäre solche
Nichttheologie? Ein Humanismus, der mit Gott nichts zu tun hat?
Appelle an die wünschenswerte Verträglichkeit von Menschen mit
unterschiedlichen religiösen Überzeugungen? Religionsphilosophische
Spekulationen? Pragmatische Empfehlungen für das Zusammenleben von
Menschen mit andersartigen Kulturen und Traditionen?
Die
Frage nach einem Quantum Theologie im christlich-muslimischen
Dialog geht offenbar davon aus, dass sich ein mehr oder weniger großer
Teil der in diesem Dialog anstehenden Probleme und Fragen auch ohne
Theologie klären lässt, während ein Zuviel an Theologie – gemeint ist
wohl: an bestimmt positionierter Theologie – dieser Klärung im Wege
steht. Doch eine solche Voraussetzung kann sich weder die christliche
noch auch – wie ich meine – die muslimische Theologie zu eigen machen.
Denn Gott ist in beiden Religionen nicht eine nur Teilbereiche oder
Segmente, sondern als der eine transzendente Gott das Ganze der
Menschenwelt betreffende Wirklichkeit. Demnach kann Theologie, welche
den Glauben an einen solchen Gott denkend verantwortet und expliziert,
Fragen der Humanität und des Umgangs von Menschen verschiedener
Religionen miteinander nicht ins Untheologische entlassen.
Es sind zudem ja die Fragen, die den
Dialog zwischen Muslimen und Christen angesichts der in der
globalisierten Welt auftretenden schweren Probleme des
Aufeinandertreffens zweier verschiedener Religionen allererst auslösen
und notwendig machen. Der „Spiegel“ hat sie ausgerechnet zum Fest des
Friedens in seiner Weihnachtsausgabe 2009 reißerisch unter dem
Stichwort eines „ewigen Zwistes“ um den „stärkeren Gott“ gebündelt.
Die Hauptreferenz ist dabei der weltweit auflebende christliche und
islamische Fundamentalismus mit jeweils offensiver
Ausbreitungstendenz. Der Horizont ist die Forderung der Einhaltung der
Menschenrechte vor allem in den islamischen Staaten. Den Leserinnen
und Lesern wird in diesem fragwürdigen Artikel jedoch alles
verschwiegen, was mit einem friedlichen Zusammenleben von Muslimen und
Christen in vielen Staaten der Welt und mit dem theologischen Dialog
zwischen Muslimen und Christen zu tun hat.
Er – dieser Dialog – ist in der Tat ja
auch ein zartes Pflänzchen, wenn man auf die weltweiten
Dauerkonflikte zwischen den verschiedenen Gestalten beider Religionen
sieht, die uns die Medien fast täglich vor Augen führen. Von ihnen
sind die Probleme, die das Zusammenleben der dreieinhalb Millionen
überwiegend sunnitischer Muslime mit der überwiegend christlich
orientierten Bevölkerung in Deutschland schafft, wirklich nur ein
mattes Abbild. Ohne diese Probleme klein reden zu wollen, können wir
vielmehr dankbar sein, dass uns in der überwiegenden Mehrheit einer so
großen Bevölkerungsgruppe in unserem Lande eine Religion begegnet, die
des friedlichen Zusammenlebens und des gemeinsamen Schaffens in Beruf
und Gesellschaft mit Menschen anderen Glaubens fähig und willig ist.
Ebenso haben wir auf der anderen Seite zu konstatieren, dass sowohl
die evangelische wie die römisch-katholische Kirche in Deutschland –
angefangen bei den Gemeinden vor Ort – sich in den vergangenen
Jahrzehnten zu Anwältinnen der Achtung und des Respekts vor den
Muslimen und ihrer Religion in unserer Gesellschaft entwickelt haben.
Unsere Gesellschaft ist kein religiös aufgeheizter Kampfplatz der
Religionen um den „stärkeren Gott“. Wer so etwas behauptet, redet
unverantwortlich und heizt ein Szenarium an, dass in dieser Weise gar
nicht existiert.
Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass
Phänomene gegenseitiger Befremdung im Religiösen, gesellschaftliche
Desintegration sowie Besonderheiten religiöser, kultureller und
ethischer muslimischer Lebensweise in einem vom Christentum geprägten
Land einen anhaltenden Verständigungs- und Verstehensbedarf schaffen.
In einem sprachlosen Nebeneinander brüten auf beiden Seiten sehr
leicht Vorurteile, ja Ängste, die – wie wir aus Erfahrung wissen – da
und dort bis zur Feindseligkeit anschwellen können. Dagegen hilft nur:
miteinander sprechen, aufeinander hören, sich um Verstehen bemühen.
Dieses Bemühen in der Kirche und bei den vielfältigen
Begegnungen von Menschen muslimischen und christlichen Glaubens zu
befördern, ist heute in unserer Gesellschaft die unabweisbare Aufgabe
jeder christlichen Theologie.
Was aber ist christliche Theologie?
Ich kann auf diese Frage nur antworten, indem ich mich auf die
Theologie beziehe, der ich selbst verpflichtet bin. Das ist die
evangelische Theologie. Ihr Wesen ist, dass sie die Botschaft und
die Praxis der Kirche in einer bestimmten Situation, die heute auch
durch das Zusammenleben von Christen und Muslimen bestimmt ist, am
alleinigen Maßstab der Bibel kritisch misst. Was nicht
biblisch begründet ist, richtet nach diesem reformatorischen
Theologieverständnis die Kirche Jesu Christi zugrunde. „Biblisch
begründet“ bedeutet dabei nicht, dass von der Bibel ein
fundamentalistischer Gebrauch gemacht wird, der jedes Bibelwort wie
eine göttliche Definition der Wahrheit behandelt. Martin Luther hat
den reformatorischen Grundsatz des „sola scriptura“ („allein
die Schrift“) vielmehr im Sinne der Orientierung der Kirche am
Zentrum der Schrift, am uns aus Gnaden rechtfertigenden Gott in
Jesus Christus verstanden. Was in der Bibel den gnädigen Gott zur
Geltung bringt, ist der Maßstab der kirchlichen Verkündigung und der
kirchlichen Praxis. Dieser Maßstab bestimmt von christlicher Seite
auch den Dialog und die Verständigung mit den Muslimen. Sie kann diese
Verständigung nur so suchen und befördern, dass sie im skizzierten
Sinne als Kirche Jesu Christi biblisch mit sich zusammen
stimmt.
Das bedeutet im Horizont unseres
Tagungsthemas auch: Sie kann nicht nur Bröckchen und Prozente des
Glaubens der evangelischen Christenheit in diesen Verstehens- und
Verständigungsprozess einbringen. Wenn sie ihren Glauben an Gott so
ernst nimmt, wie die Muslime ihre Hingabe an Allah ernst nehmen, dann
wird sie vielmehr im Herzen des biblisch begründeten
christlichen Glaubens die Basis für ein Verstehen der muslimischen
Gottesverehrung und für ein Zusammenleben von Muslimen und
Christenmenschen in weltlichem und religiösen Frieden suchen.
Als eine solche Basis hat sich auf der
Ebene von ziemlich exklusiv geführten Monologen christlicher Theologie
und Religionsphilosophie und von Dialogen zwischen Kennern der
Feinheiten muslimischer und christlicher Religion in den letzten
Jahrzehnten die Figur Abrahams eindrücklich gemacht. Ohne
Zweifel ist das eine gewichtige biblische Gestalt sowohl im Neuen wie
im Alten Testament. Sie ist zwar nicht der Maßstab, aber sie gehört
zum Kontext des Maßstabes, von dem her sich die evangelische Kirche
durchaus zur Gottesverehrung einer anderen Religion wie der des Islam
in Beziehung zu setzen vermag.
Das bietet sich zudem an, weil diese
dem Christentum benachbarte Religion sich in besonderer Weise auf die
Gotteshingabe Abrahams bezieht. Wenngleich das zur Begründung einer
eigenen Religion und zum Vorwurf der Verfälschung des Glaubens
Abrahams durch das Judentum und die Kirche führt, ist die Frage nahe
liegend, ob in dem unterschiedlichen Bezug auf eine biblische Gestalt
wie Abraham nicht unausgelotete Verständigungs- und
Verstehenspotenziale enthalten sind. Wäre das der Fall, dann könnte
die Gestalt Abrahams vielleicht zur wichtigen Hilfe für ein
achtungsvolles, tolerantes Miteinander von Christentum und Islam
werden und ein gemeinsames Handeln für Frieden und Gerechtigkeit in
unserer zerrissenen Welt motivieren.
2. Abraham im biblischen Zeugnis
Ich rufe zunächst
in aller Kürze und ohne Anspruch auf Vollständigkeit die wichtigsten
Konturen in Erinnerung, in welcher uns Abraham im biblischen Zeugnis
begegnet. Dabei ist mit unserem historisch-kritischen Wissen,
welches vom evangelischen Schriftverständnis niemals gering geachtet
wird, davon auszugehen, dass wir über den historischen Abraham so gut
wie nichts wissen. Die ältesten Texte der Bibel, die Geschichten von
Abraham als Stammvater Israels erzählen, die sich ca im 18. oder 19.
Jahrhundert vor Christus abgespielt haben sollen, stammen über 1000
Jahre später aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Alle Versuche der
alttestamentlichen und religionsgeschichtlichen Wissenschaft, den
historischen Kern dieser Erzählungen heraus zu filtern, dürfen als
gescheitert angesehen werden. Der biblische Abraham ist für unser
neuzeitliches Verstehen – im Unterschied etwa zu Jesus, der uns auch
in historischen Konturen begegnet – eine wesentlich in Erzählungen und
literarischen Zeugnissen lebende Figur.
Weil der biblische Abraham so wenig
festen Boden seiner tatsächlichen Existenz unter seinen Füßen hat, ist
es nicht verwunderlich, dass „die verschiedenen Gesichter Abrahams
[...] letztlich die Gesichter derjenigen“ sind, „die sich in ihm
wieder finden, die sich in seine Umrisse eingeblendet und hinein
projiziert haben“ (Martin Bauschke, Der Spiegel des Propheten. Abraham
im Koran und im Islam, Franfurt a.M., 2008, 171). Im Falle Israels war
das in der Zeit des babylonischen Exils die Selbstvergewisserung,
trotz der Gefahr der Zerstreuung dieses Volkes unter der Verheißung
zahlreicher Nachkommenschaft zu stehen. In nachexilischer Zeit
dominiert im Abrahambild das Interesse an der Reinerhaltung der
Genealogie und eines Glaubens, der ohne kultische Institutionen
lebensfähig ist. Abraham wird zum Vorbild des Glaubens und des
Thora-Gehorsam gegen Gott (Gen. 22!) noch vor der Offenbarung der
Thora.
Blicken
wir in das Neue Testament, dann setzt sich im Grunde die
Inanspruchnahme Abrahams für den Glauben der Gegenwart, in dessen
Zentrum jetzt Jesus Christus steht, fort. Der charakteristischste Text
dafür ist Römer 4, 1-25. Abraham wird von Paulus als „Vater aller
Glaubenden“ in Anspruch genommen, weil Gott ihm seinen Glauben an die
ganz unwahrscheinliche Verheißung der Geburt eines Sohnes durch ein
sehr, sehr altes Ehepaar zur Gerechtigkeit anrechnete. Die
Rechtfertigung aus Glauben ohne Gesetzeswerke, die nach Paulus das
Wesen des Glaubens an Jesus Christus ausmacht, wird so in der
Geschichte Gottes mit Abraham als Stammvater Israel geistlich
verankert.
Diese Verankerung ist wichtig. Denn
dem Juden Paulus lag alles daran, den Glauben an Jesus Christus in
Kontinuität mit den ungekündigten Verheißungen Gottes an Israel
einzuprägen, wie dann besonders im 9. bis 11. Kapitel des
Römerbriefes ausgeführt wird. Zugleich geht es Paulus aber auch darum,
dass im Namen Abrahams Gottes Weg zu den Völkern geöffnet wird,
die nicht durch die Genealogie und nicht durch die Thora an den
Glauben Israels gebunden sind. Er kann der Stammvater „vieler Völker“
werden, weil er aus Glauben gerechtfertigt wurde, bevor er beschnitten
wurde. Die Beschneidung ist darum nach Paulus nicht Bedingung dafür,
dass anderen Völkern die Gerechtigkeit Gottes zuteil werden kann. Die
Segensverheißung an Abraham, die im Glauben empfangen wird,
begründet, dass die an Christus Glaubenden „Abrahams Kinder und nach
der Verheißung Erben“ genannt werden können (Gal 3, 29). In
eigenwilliger Auslegung von 1. Mose 22, 18 begründet Paulus das damit,
dass der „Samen“ Abrahams im Singular („durch deinen Samen sollen alle
Völker der Erde gesegnet sein“) nur einen Nachkommen meine,
nämlich Christus (Gal. 3,16). Nicht weniger eigenwillig ist, dass er
ein Kapitel später Hagar, die Mutter Ismaels, als Typos des an die
Thora gebundenen Judentums und Sara, die Mutter Isaaks, als
Typos der Freiheit des Glaubens deutet (vgl. Gal. 4, 21-31).
Ein derartig weniger durch die
alttestamentliche Abrahamtradition selbst, sondern durch die
verschiedenen Aspekte der Christuserfahrung geprägter Umgang mit der
Gestalt Abrahams ist für das Neue Testament überhaupt
charakteristisch. Im Jakobusbrief wird Abraham, „der Freund Gottes“,
für das genaue Gegenteil der Rechtfertigung aus Glauben, nämlich für
die Rechtfertigung aus Werken in Anspruch genommen (vgl. Jak 2,
21-26), wobei hier sicherlich die Werke der Liebe und Barmherzigkeit
gemeint sind, ohne die der Glaube nicht sein kann. Der Hebräerbrief
bezieht sich zum Belege des Glaubens Abrahams auf Isaaks Opferung
und nur indirekt auf die Verheißung an Abraham und Sara (vgl. Hebr.
11, 7-19). Dieser Brief erlaubt sich auch, einen richtigen
polytheistischen „Heiden“, nämlich Melchisedek, den König von Sodom
und den Priester eines sog. „höchsten Gottes“, der Abraham nach 1.
Mose 14, 19 „segnete“, als Typos für Christus zu interpretieren (vgl.
Hbr. 7). Mit der jüdischen Tradition ist Abraham in den synoptischen
Evangelien schließlich Repräsentant des Friedens des Reiches Gottes.
Es gibt aber durchaus auch eine sich
kritisch auf Abraham beziehende Linie im Neuen Testament, die sich vor
allem in den Evangelien findet. Dem Stammbaum Jesu im
Matthäusevangelium, der mit Abraham einsetzt und Jesus als „Sohn
Abrahams“ ausweisen möchte (vgl. Mt 1,1), steht der Stammbaum Jesu im
Lukasevangelium gegenüber, der Jesu Abstammung auf Adam, also
auf die Gott erschaffene Menschheit, zurück führt (Lukas
3,34). Das Auftreten Johannes, des Täufers, mit dem bei Matthäus und
Lukas das Auftreten und die Verkündung Jesu eröffnet wird, ist mit
einer schneidenden Gerichtspredigt an die verbunden, die sagen: „Wir
haben Abraham zum Vater“, aber nicht dementsprechend leben (Mt 3, 9:
Lk 3, 8). Gott wird dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken, hält
Johannes denen entgegen, die sich auf ihrer Abrahamskindschaft
ausruhen, Gott in ihrem Leben nicht wahrhaft die Ehre geben und in
Sünden existieren.
Am schärfsten aber relativiert das
Johannesevangelium die Gestalt Abrahams als eines fraglosen Garanten
für ein Leben aus der Wahrheit Gottes. Die Wendung der „Kinder
Abrahams“ gegen den Offenbarer der Wahrheit Gottes wird vom
johanneischen Jesus in einer uns heute schwer erträglichen Weise als
Erweis dessen, dass sie vom Teufel stammen, gewertet. Zu den Werken
Abrahams würden niemals die Verneinung der Wahrheit von Gott her, wie
sie Jesus verkörpert, gehören. (vgl. Joh 8, 37-41). Im sich daran
anschließenden Disput legitimiert Jesus seine Aussage, „Wer mein Wort
hält, wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit“ (Joh 8, 51) mit der
Behauptung, dass Abraham in gleichsam prophetischer Schau frohlockte,
als er den „Tag“ Jesu sah (Joh 8, 56). Auf den Einwand, dass Jesus das
doch gar nicht wissen könne, erwidert er: „Ehe Abraham wurde, bin ich“
(Joh 8, 58). Er weiß das, weil er kraft seiner Zugehörigkeit zu seinem
himmlischen Vater gewissermaßen „älter“ ist, als Abraham. Das
entspricht dem johanneischen Verständnis Christi als des Wortes, das
im Anfang bei Gott war (Joh 1, 2) und in Jesus „Fleisch wurde“ (Joh 1,
14). Dieses Wort entscheidet deshalb darüber, wer sich mit Recht auf
Abraham berufen kann.
Im Unterschied zum paulinischen Umgang
mit der Abrahamstradition wird bei Johannes also einzig die
Anerkennung Jesu Christi als Pointe der Verheißung an Abraham
verstanden. Die antijudaistischen Implikationen, welche das bei
Johannes hat, fordern uns heute dazu heraus, die paulinische
Überzeugung von der Unwiderruflichkeit der Verheißungen Gottes an
Israel demgegenüber als Korrektiv sachkritisch zur Geltung zu bringen.
Wir werden das mit Entschiedenheit tun und das Judentum in seinem
Glauben an den Gott Abrahams deshalb nicht als eine fremde, andere
Religion verstehen. Dass die Verheißungen an Abraham in Jesus Christus
zur Erfüllung gekommen sind, ist allerdings die durchgehende Meinung
aller Schriften des Neuen Testaments. Die heilsgeschichtlichen
Passagen der Apostelgeschichte (z.B. Acta 7) lassen keinen Zweifel
daran, dass sich der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ in Jesus
Christus verherrlicht hat (Acta 3, 13). Die Möglichkeit aber, dass die
Segensverheißung an Abraham noch in anderer Weise zur Erfüllung kommen
könnte, tritt nicht den Blick. Inmitten des polytheistischen Umfeldes
der jungen Christenheit, zu dem damals auch noch ca 600 Jahre lang die
altarabischen Religionen gehörten, die nichts von Abraham wussten, ist
das auch nicht weiter verwunderlich.
3. „Komparative Theologie“ und „abrahamitische
Ökumene“
Ich setze nun
noch einmal mit einer grundsätzlichen Erwägung ein, ehe ich mich
wieder Abraham zuwende. Wir haben gesagt: Für die evangelische
Theologie ist das biblische Zeugnis Maßstab der Verkündigung und
Praxis der Kirche und damit auch der Bestimmung ihres Verhältnisses zu
einer anderen Religion wie des Islam. Da diese Religion der Bibel
unbekannt ist – auch die Segensverheißung an Ismael von Gen 17 hat als
solche sicher nicht den Monotheismus Mohammeds vor Augen – ergibt sich
daraus die Aufgabe, das biblische Zeugnis in seinem Geiste im Blick
auf den Islam verantwortlich zu aktualisieren. Angesichts der
Geschichte von Verteufelung und Gewalt zwischen beiden Religionen, die
aus christlicher Warte gesehen dem Wesen des christlichen Glaubens
widerspricht, steht diese Aktualisierung unter der strikten
Voraussetzung der liebenden, gnädigen Nähe Gottes zu allen Menschen,
deren Bezeugung für evangelisches Verständnis das Zentrum der Schrift
ausmacht. Diese Voraussetzung schließt es aus, Menschen einer anderen
Religion anders denn als von Gott geliebte Menschen anzusehen. Diese
Voraussetzung bestimmt die Atmosphäre, in der die Kirche und
ihre Glieder heute auch den Muslimen begegnet und sich um ein
Verstehen ihres religiösen Glaubens bemüht. Allerdings kann diese
Voraussetzung von muslimischer Seite durchaus wie eine Urteilsanmaßung
erscheinen, da sie ja vom Standpunkt des Glaubens an den alle Menschen
in Christus liebenden und rechtfertigenden Gott gemacht wird.
Sie dient deshalb zunächst der innerchristlichen Verständigung,
während zu erwarten ist, dass auf muslimische Seite gravierende
Vorbehalte gegen das christliche Verständnis der liebenden, gnädigen
Nähe Gottes zu allen Menschen, für die Jesus Christus gestorben ist,
bestehen.
Gleich im Eingang des Bemühens um eine
christlich-muslimische Verständigung stoßen wir deshalb auf eine
Problematik, die Klaus von Stosch das „Grunddilemma“ einer
christlichen Theologie der Religionen genannt hat („Der muslimische
Offenbarungsanspruch als Herausforderung komparativer Theologie.
Christlich-theologische Untersuchungen zur innerslamischen Debatte um
die Ungeschaffenheit und Präexistenz des Korans“, ZKTh 128, 2007, 1).
Ich variiere die Formulierung dieses Dilemmas so: Das christliche
Bestreben, die Andersheit religiösen Lebens unter der gnädigen Nähe
und Liebe Gottes anzuerkennen und wert zu schätzen, wird im Blick der
Anderen beständig durch das damit verbundene christliche
Wahrheitsverständnis durchkreuzt. Denn jene Anerkennung kann nicht
gleichzeitig die eigene Grundlage des Glaubens, in diesem Falle das
Christusbekenntnis, negieren.
Nach von Stosch ist dieses Dilemma
nicht zu lösen. Weder die exklusive Behauptung der Wahrheit des
eigenen Glaubens noch die inclusive Vereinnahmung des anderen
Glaubens noch pluralistische Theorien der Gleichwertigkeit
aller Religionen, zu denen dann auch die polytheistischen Religionen
gehören würden, können den garstigen breiten Graben einer faktischen
Abwertung der anderen Religion gegenüber der selbst praktizierten
Religion überspringen. Von Stosch plädiert deshalb dafür, das Gespräch
und die Verständigung mit den Muslimen nicht aus der
„Vogelperspektive“ des beiderseitigen, allgemeinen
Wahrheitsanspruches, sondern eine Ebene tiefer anzusiedeln. An
konkreten „Einzelfällen“, bei denen zugleich und wesentlich
Berücksichtigung findet, zu welcher „Praxis und Lebensform“
muslimischer Glaube in der realen Existenz führt (vgl. a.a.O., 2),
soll sichtbar gemacht werden, wo Berührungspunkte, Schnittstellen und
gemeinsame Probleme des beiderseitigen Glaubens liegen.
Von Stosch nennt dieses Verfahren mit
einem Begriff des Oxforder Theologen Keith Ward „komparative
Theologie“. Sie soll einem solchen Fortschreiten der
Verständigung zwischen Christen und Muslimen dienen, bei dem das
Stehen zur eigenen Glaubenswahrheit das Verstehen und Wertschätzen der
anderen nicht hindert, sondern Stück für Stück so befördert,
dass ein gemeinsames Eintreten für den Frieden zwischen den Religionen
möglich wird. Meine Meinung ist, dass der gemeinsame und doch
trennende Bezug von Muslimen und Christen auf Abraham im Sinne solcher
„komparativen Theologie“ ein fruchtbares Feld sein kann, auf dem das
Verständnis und das Verstehen der anderen Religion gedeihen können,
ohne dass die unhintergehbare Wahrheitsfrage zur Sackgasse dieses
Verständnisses und Verstehens wird.
Damit siedele ich den Dialog über
Abraham zweifellos niedriger, m.E. aber auch realistischer an
als die Versuche, das christliche, jüdische und muslimische
Abraham-Verständnis in einer „abrahamitischen Ökumene“
zusammenzuführen und die Theologie der Religionen in eine „ökumenische
Theologie“ münden zu lassen. „Ökumene“ ist ein christlicher Begriff
und meint einen Verständigungsprozess zwischen den christlichen
Konfessionen, der zur Einheit im Glauben, zum gemeinsamen Bekennen des
Glaubens und zu gemeinsamer religiöser Praxis führt. „Judentum,
Christentum und Islam“, aber sagt der römisch-katholische Theologe
Karl-Joseph Kuschel zu Recht, „sind nicht einfach drei verschiedene
Abraham-Konfessionen“: „In wesentlichen theologischen wie
anthropologischen Fragen sind Juden, Christen und Muslime so weit
voneinander entfernt, daß von einer Einheit in Bekenntnis, Praxis und
Gemeinschaftsstruktur nicht die Rede sein kann und unter irdischen
Bedingungen vermutlich auch nie sein wird“ („Streit um Abraham. Was
Juden, Christen und Muslime trennt – und was sie eint“, Düsseldorf
22007, 240f.).
Dennoch hält Kuschel an einem ziemlich
schillernden Begriff von „abrahamitischer Ökumene“ fest, um das
Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen zukunftsträchtig und
friedlich zu bestimmen. Dabei geht er von einem uns gar nicht
bekannten, in Wirklichkeit aber von einem aus christlicher Warte
heraus konstruierten „Urbild“ des wahren Ein-Gott-Glaubens Abrahams
aus, das kritischer Maßstab für alle drei Religionen sein soll
(a.a.O., 250). Vor allem aber geht es ihm bei der Verwendung dieses
Begriffs „abrahamitischer Ökumene“ darum, allen „Heilsexklusivismus“
dieser Religionen auszuschalten. Der Glaube der Muslime soll trotz des
„Endgültigkeitsanspruchs des christlichen Glaubens“ (a.a.O., 265)
gemäß eines „Planes“ Gottes, dessen „Absicht“ zu kennen Kuschel
vorgibt (a.a.O., 268), als zur biblischen Offenbarungsgeschichte
gehörend begriffen werden. Das geht dann doch in die Richtung dreier
biblisch begründeter verschiedener „Abrahamkonfessionen“. Dabei werden
zudem christlich-inklusivistische Äußerungen nicht gescheut, z.B. dass
Christen „den Geist des auferweckten und erhöhten Jesus Christus (!!)
[...] im Aufkommen des Islam erkennen“ (a.a.O., 269). Wie dieses
Erkennen des Geistes des auferweckten Gekreuzigten bei einer
Religion möglich sein soll, welche den Kreuzestod Jesu Christi
verneint, wird aber nicht ausgeführt.
Das alles ist für mein Verstehen nicht
gerade mit Klarheit gesegnet. Es dreht sich bei der zu bejahenden
Intension, aller gegenseitigen Diskreditierung der drei Religionen mit
ihren schlimmen Folgen ein Ende zu bereiten, im Kreise des von mir
bzw. von Klaus von Stosch angesprochenen „Dilemmas“. Im Raume der
evangelischen Theologie wird man das auch von Berthold Klapperts
Versuch sagen müssen, den biblisch bezeugten Abrahamssegen
„mehrdimensional“ für Isaak, Ismael und die Christenheit zu
interpretieren (Abraham eint und unterscheidet. Begründungen und
Perspektiven eines nötigen Trialogs zwischen Juden, Christen und
Muslimen,
www.horstkannemann. de/klappert.html,
8).
Dieser Versuch stellt, wie das auch
Kuschel tut, hintan, dass Mohammed sich kraft besonderer
Offenbarungserfahrung in eine Linie mit der Segenszusage Gottes an
Ismael gestellt wusste und sich darum biblische Traditionen aneignen
konnte. Klappert geht vielmehr davon aus, dass die biblischen
Abrahamstexte auf diese Identifizierung ebenso zielen wie auf
Israel und die Christenheit. Unter Berufung auf das Leiden Jesu
Christi am Kreuz, das in der Abrahamsverheißung ebenso stecken soll
wie der Erwählungsglaube Israels und die Gottesverehrung der Muslime
wird der Glaube an den „Gott Israels, Isaaks und Ismaels“ (sprich
Mohammeds) deshalb als ein „Essential des Neuen Testaments“ definiert
(a.a.O., 11).
Ich halte einen derartigen Umgang mit
den Texten des Neuen Testaments innerhalb der evangelischen Theologie
für verwegen. Der auch hier erkennbare Anspruch, von einem die
Religionen übergreifenden Heilsplan Gottes zu wissen, hat zudem etwas
Anmaßendes. Er ist so, wie die Menschen im Judentum, im Islam und in
den christlichen Kirchen ihren besonderen Glauben an Gott nun einmal
leben, außerdem hochgradig abstrakt. Ich plädiere darum für eine
christlich-muslimischen Verständigung, die, wenn sie sich Abraham
zuwendet, an den realen Impulsen des biblischen und muslimischen
Abrahamzeugnisses orientiert ist. Sie sind kräftig genug, um diese
Verständigung auch ohne solche exegetischen und theologischen
Gewaltsamkeiten wie die Geschilderten voran zu bringen.
4. Berührungen, Grenzen und Aufgaben
Die Antwort auf
die Frage, worauf die christlich-muslimische Verständigung baut, ist
leicht zu geben. Es sind die biblischen Traditionen, welche die
Prophetie Mohammeds in besonderer Weise aufgenommen hat. Islam und
Christentum sind aus diesem Grunde nicht nur benachbarte, sondern
verwandte Religionen. Sie stehen in einem anderen inneren Verhältnis
zueinander als zu den nicht-biblischen Religionen. Ein Ausdruck dieses
inneren Verhältnisses ist der Rückbezug ihres Glaubens auf die Gestalt
Abrahams.
Sofern Abrahams Glaube an Gott sowohl
im Koran wie im Neuen Testament jeweils als Urgestalt eines solchen
Glaubens gilt, ist es berechtigt, zu sagen, Muslime und Christen
glauben an denselben Gott. Sofern diese Urgestalt ihre konkrete
Prägung aber durch die Prophetie Mohammeds einerseits und die
Christuserfahrung andererseits erhält, kann von einem gemeinsamen
Glauben nicht mehr geredet werden. Von den Muslimen kann nicht
erwartet werden, dass sie ihr Herz an den Gott des christlichen
Glaubens hängen und Zuflucht zu ihm nehmen in allen Nöten. Denn der
Gott Abrahams vermag nach dem Koran nicht Mensch zu werden und lebt
nicht in inneren Beziehungen, wie sie das christliche trinitarische
Bekenntnis zum Ausdruck bringt. Das Herzstück des christlichen
Glaubens ist darum von muslimischer Seite nicht mit dem Glauben
Abrahams zu reimen.
Die christliche Theologie ihrerseits
hat auf diesen Dissens so reagiert, dass sie den Islam Häresien wie
dem Arianismus, also der Leugnung der wahren Gottessohnschaft Jesu
Christi innerhalb der Kirche, zuordnete. Wir werden das
unterlassen, weil sich das muslimische, in der Gestalt Abrahams
konzentrierte Gottesverständnis einer eigenständigen
Offenbarungserfahrung verdankt und nicht wie der Arianismus
beansprucht, die Verkündigung der Kirche zu bestimmen. Wir haben zu
respektieren, dass Gott sich anders zu offenbaren vermag als in dem
einen Wort Gottes, dass Jesus Christus heißt und dem „wir im Leben und
Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“.
Ich zitiere damit die 1. These der
Barmer Theologischen Erklärung von 1934, deren 75jähriges Jubiliäum
die Evangelische Kirche in der Deutschland im vorigen Jahr gefeiert
hat. Auf diese These, die fälschlicherweise weithin exklusivistisch
verstanden wird, nimmt auch die „Arbeitshilfe“ der rheinischen
Landessynode „Abraham und der Glaube an den einen Gott“ an ihrem Ende
Bezug. Leider wird in diesem auch sonst nicht sehr klaren Papier aber
nicht deutlich gemacht, dass in dieser These die Offenheit für andere
Offenbarungen Gottes impliziert ist. Es wird nämlich von ihr nur
negiert, dass „andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“
als Offenbarung Gottes Anerkennung finden können, sofern sie zur
„Quelle“ der christlichen „Verkündigung“ werden sollen. Barmen hatte
dabei sicher nicht die Religionen im Auge. Es geht auch nicht um ein
unkritisches Hinnehmen alles dessen, was in der Welt der Religionen
und auch sonst Offenbarungscharakter beansprucht. Sofern in einer
anderen Religion jedoch Wahrheiten und Einsichten bewahrt werden, die
sich mit dem christlichen Offenbarungsverständnis berühren, ist das
Grund genug, solcher Religion nicht nur mit Achtung zu begegnen,
sondern diese Berührungen gemeinsam zu pflegen, aber sich auch von
dorther kritisch anfragen zu lassen.
Im Falle des Islam drängt sich das
angesichts strukturellen Ähnlichkeiten des
Gottesglaubens, die sich im Namen Abrahams bündeln lassen, geradezu
auf. Dabei wird sichtbar, dass Muslime und Christen faktisch auch
gemeinsame Ziele verfolgen. Dazu gehört an erster Stelle das
Einprägen des Glaubens an einen welttranszendenten Gott, der zur
Kritik an aller Erhebung von Irdischem und Weltlichem zu göttlicher
Qualität, zur Vergötzung führt. Das darf nicht bloß als
Zusammenstimmen in einer Negation verstanden werden. Die
Entgötterung der Welt, welche die Abwendung vom Polytheismus zur
Folge hatte, erschloss und erschließt die Welt als Feld freier
menschlicher Verantwortung in Erkenntnis und Handeln zugunsten der
Geschöpfe Gottes. Im muslimisch und im christlich geprägten Glauben
Abrahams ist darum auch das Anliegen verankert, diese Welt als
Schöpfung Gottes so zu bebauen und bewahren, dass menschliches
Leben in Dankbarkeit gegen den Geber des Lebens aufblühen kann.
(nebenbei gesagt: Ich wähle dieses Bild, das sich mir für die
Schöpfung sinnlich eingeprägt hat, seitdem ich in den maurischen
Gärten war). Eines der wichtigsten Themen, das unseren Religionen von
ihrem Glauben an den Schöpfer her in unserer
wissenschaftlich-technischen Welt aufgegeben ist, dürfte auf dieser
Linie das Verhältnis des monotheistischen Glaubens zu den
Naturwissenschaften sein, die in unseren Breiten ziemlich breit für
den Atheismus in Anspruch genommen werden. Ich komme gleich noch
einmal darauf zurück.
Zugleich
dürfen wir jedoch auch nicht übersehen, dass das Zusammenstimmen des
muslimischen und christlichen Glaubens an den welttranszendenten
Schöpfer, der Menschen zur Weltverantwortung und zum Eintreten für
eine gerechte Welt frei macht, ziemlich heftig im Feuer einer Kritik
steht, der wir uns gemeinsam stellen müssen. Beiden abrahamisch
ähnlichen Religionen wird vorgeworfen, mit ihrem Ein-Gott-Glauben ein
Quellgrund von Intoleranz und Gewaltanwendung gegen die Götter des
Polytheismus und anderer Religionen zu sein. Religionswissenschaftler
wie Jan Assmann, Soziologen wie Ulrich Beck und besonders lautstark
die „Neuen Atheisten“ – um nur einige prominente Beispiele zu nennen –
werfen den Islam und das Christentum heute in dieser Hinsicht in einen
Topf. Sie haben in Geschichte und Gegenwart ja auch einigen Anlass
dazu.
Meine Hoffnung ist, dass Muslime und
Christen, indem sie sich auf Abraham besinnen, den Vorwurf inhärenter
Gewalt ihres Glaubens an den einen Gott theoretisch und praktisch
entkräften werden. Von christlicher Seite ist es sowohl der
paulinische Abraham in seinem Glauben an den Menschen trotz ihrer
Sünde rechtfertigenden Gott wie der Abraham des Jakobusbriefes, dessen
Glaube ohne Werke der Liebe nicht sein kann, der hier auf
Eintracht mit der Lehre des Koran aus ist, dass der Glaube an Gott
nicht mit weltlicher Machtausübung erzwingbar ist. Nur sine vi, sed
verbo – ohne Gewalt, mit dem Wort (wie die lutherischen
Bekenntnischriften sagen) – soll der verschieden beanspruchte Glaube
Abrahams zum Glauben der Menschheit in den Spuren dieses „Vaters aller
Völker“ werden.
Die
Erwartung des Gerichtes Gottes und der Vollendung der Welt
durch Gott unterstützt (auch wenn sie im Islam und im Christentum
verschieden ausgeprägt ist) meiner Meinung nach dieses gemeinsam zu
befördernde Ziel unserer Religionen nicht nur dadurch, dass die
endzeitliche Gemeinschaft mit Abraham zu den motivierenden
Hoffnungsbildern des Friedens gehört. Indem diese Erwartung alles, was
Menschen im Namen des Glaubens an Gott tun, (mit Dietrich Bonhoeffer
geredet) zum „Vorletzten“ macht, ermöglicht sie in meinem Verständnis
auch einen selbstkritischen Blick auf das eigene Tun und die eigenen
Überzeugungen; einen selbstkritischen Blick, der fähig macht, die
kritischen Anfragen an die eigene Praxis des Glaubens und Lebens zu
hören und ihnen nach dem Maß menschlicher Einsicht Rechnung zu tragen.
Trotzdem bleibt es dabei, dass der muslimische Bezug auf Abraham
Wesentliches in der religiösen Praxis der Muslime begründet, was für
den christlichen Glauben fremd bleibt. Denken wir nur an die Verehrung
der Kaaba und die damit zusammenhängende Pilgerreise nach Mekka, die
Riten, die dabei befolgt werden, aber auch das Ritualgebet. Hier
bleibt für das christliche Verständnis Abrahams – außer vielleicht der
Bewunderung des religiösen Eifers, aber auch der Innigkeit der
Gotteshingabe der Muslime – nichts als dies in seiner Fremdheit zu
respektieren.
Ich will
schließen, indem ich als ein Theologe, der im Osten Deutschlands
beheimatet ist, dem ausschließlich westlich geprägten Bemühen um die
muslimisch-christliche Verständigung eine mehr persönliche Erfahrung
hinzufüge. Im Osten Deutschland verstehen sich auch 20 Jahre nach 4
Jahrzehnten einer atheistischen Weltanschauungsdiktatur drei Viertel
der Bevölkerung als Atheisten. In manchen Teilen unserer Stadt sind es
sogar ca 95 %. Das Merkmal dieser Atheisten ist, dass sie alle
Religion für überholten Aberglauben halten und darum zwischen der
Kirche und den Muslimen keinen Unterschied machen. Es wäre darum gut,
wenn sich die Muslime in unserem Lande auch dessen bewusst sein
könnten, dass sie gemeinsam mit den Gliedern der Kirche Verantwortung
dafür tragen, wie sich Religion im Gegenüber zu den Atheisten
darstellt. Das Gespräch über Abraham sollte deshalb in unserem Lande
nicht nur am Leitfaden von Fragestellungen der Vergangenheit religiös
in sich selbst kreisen. Es sollte bei allen Differenzen, die bleiben,
vielmehr drauf zielen, Menschen, die Gott vergessen haben, überzeugend
zum Glauben an Gott zu reizen. |
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