|
:: Lebenslauf
:: Bibliographie
:: Artikel
:: Vorträge
:: Predigten
:: Radiosendungen
:: Links
|
|
Laudatio für Jürgen Henkys
Herr Bischof,
Magnifizenz, Spectabilis, meine Damen und Herren, vor allem aber
lieber Jürgen!
Du sollst zum
Abschluss dieses langen Tages im Zentrum einer Lobrede stehen,
die auf Dich zu halten übernommen habe. Mir ist jedoch – ehrlich
gesagt – ein bisschen mulmig dabei zumute. Denn wer Dich kennt –
zumal, wer Dich so lange kennt, wie ich Dich – der weiß, dass Du
durchaus nicht begierig auf dergleichen bist, ja sogar ein
inneres Sträuben überwinden musst, um Dir gefallen zu lassen, dass
jemand anfängt, Dich und Dein Werk auf die Wogen von Lobesworten zu
heben. Aus vielen Gesprächen mit Dir weiß ich, dass – wenn es um Dich
geht – jene Lobabwehr durchaus nicht irgendeiner Genierlichkeit oder
zimperlich falschen Bescheidenheit entspringt. Wenn ich das recht
verstanden habe, ist es die Praxis Deiner alltäglichen theologischen,
ästhetischen und kirchlichen Arbeit mit allen ihren Mühen, Zweifeln
und schlaflosen Nächten, die den selbstkritischen Abstand zu dem, was
dabei heraus kommt, zu einem stabilen Element Deiner theologischen
Existenz gemacht hat. Da mag es Dir wohl scheinen, dass etwas
weggespült wird, was zu Dir gehört, wenn jene Wogen des Lobens Dich
herein brechen.
Und nun
musstest Du an diesem Tage schon so viel Gutes über Dich hören,
konntest das dankbare Echo auf Dein hymnologisches Schaffen in einem
vielfältigen Chorus von Beiträgen bei einem beeindruckenden Symposion
zu Deinen Ehren vernehmen und durftest erleben, wie wir Deine Lieder
hören und in sie einstimmen konnten. Da kann ich mir schon vorstellen,
dass Du in Deinem Herzen sprichst: Es ist genug. Nun bitte nicht noch
zu später Stunde das Sahnehäubchen einer regelrechten „laudatio“ auf
das Alles. Kurz und gut, weil ich vermute, dass solche Empfindungen in
Dir da sind, ist mir als Dein Laudator etwas mulmig zumute. Doch wir
beide, lieber Jürgen, haben mindestens zwei Möglichkeiten, die
Schatten unangemessener Kauchesis hinter uns zu lassen, ja
geradezu zu verlachen.
Die eine Möglichkeit ist die Erinnerung
an den gemeinsamen Weg, den wir beide in den Jahren des
Sprachenkonvikts und dann an der Theologischen Fakultät der
Humboldt-Universität zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen und den
Studierenden gegangen sind. Sie sollte an diesem Tage nicht fehlen,
weil sonst etwas von Dir selbst fehlen würde. Sie meldet sich
im Übrigen auch von ganz alleine, wenn wir es beide mit einander zu
tun haben. Da können wir gar nichts dagegen machen. Es ist die
Erinnerung an die jahrzehntelange Leitungsverantwortung für eine
Institution freier theologischer Forschung und Lehre inmitten eines
realsozialistischen Machtgefüges, das uns – O-Ton ZK der SED – als
„Zentrum reaktionärer Kräfte und feindlicher Ideologie“ auf dem Kicker
hatte und uns das auch bei jeder Gelegenheit spüren ließ. Es ist die
Erinnerung an ein ungewöhnlich intensives theologisches
Zusammenarbeiten, an viel Lachen und Feiern, aber auch an quälende
Stunden mit ihren Verzagtheiten und Traurigkeiten. Und es ist
schließlich die Erinnerung an das Loslassen des Sprachenkonvikts, an
dem unser Herz hing, und den entschlossenen Übergang an die
Theologische Fakultät. Du hast an ihrem Neuaufbau intensiv mitgewirkt
und wurdest der hier erste Universitätsprediger nach langer Zeit.
So wenig wir nun dagegen tun können,
dass uns diese lange Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen immer
irgendwie gegenwärtig ist, wenn wir einander begegnen, so wenig kann
ich dagegen tun, dass Du für mich und die Vielen, die mit Dir auf dem
Wege waren, in dieser Geschichte schlicht und einfach ein wunderbar
menschlicher Kollege und ein Gefährte der Wahrhaftigkeit und
Redlichkeit geworden bist. Die Dankbarkeit dafür, dass man sich
einfach auf Dich verlassen konnte und kann, wenn Wahrheit und
Menschwürde auf dem Spiele stehen, muss nicht irgendwie hoch geholt
oder ins Laudatorische erhoben werden. Sie ist einfach da. Und ich
will hier nichts weiter tun, als Dich zu bitten, sie Dir einfach
fröhlich und frei gefallen zu lassen.
Das wird Dir umso leichter fallen, wenn
Dir vor Augen steht, was Dietrich Bonhoeffer, der für unser beider
theologische Existenz ja so viel bedeutet, 1940 in einem kleinen Text
über die Dankbarkeit geschrieben hat. Der Dankbare sagt er da,
„unterscheidet nicht zwischen Verdientem und Unverdienten, Erworbenem
und Empfangenen“. Das liegt daran, weil seine Dankbarkeit Menschen
gegenüber eingebettet ist in die Dankbarkeit gegen Gott, die uns
alles, auch das, was nicht glänzt und gleißt, sogar auch das Leid und
den Schmerz, zur Gabe werden lässt. Wenn ich in diesem Sinne
dankbar von Dir und zu Dir rede, dann können wir also alle
Bedenklichkeiten, ob ich Dich mit einer „laudatio“ vielleicht auf
einem Deinem Selbstverständnis ganz unangemessenem Felde platziere,
getrost auf sich beruhen lassen.
Ich tue das im Übrigen auch im Blick
auf mich selbst, der zu einer solchen Platzierung angesichts der Fülle
dessen, was Dein sog. oevre auf einer beeindruckenden Liste von Dir
verfasster Literatur ausweist, überhaupt nicht in der Lage ist. Schon
gar nicht bin der Geeignete, mit der angemessenen Würdigung Deiner
hymnologischen Arbeit fortzufahren, die diesen ganzen Tag bestimmt
hat. Du weißt ja aus den unregelmäßigen Bitten um Belehrung, die ich
an Dich richte, dass ich aus Gründen der Frömmigkeit und der Theologie
zwar ein inniger Liebhaber des Kirchenliedes, aber im Hinblick auf
sein Zustandekommen ein ziemlicher Dilletant bin. Das gilt summa
summarum auch für das, was Du auf dem Gebiet der Liturgik im Ganzen
und insbesondere für das Gedeihen der Katechetik und Gemeindepädagogik
in den Kirchen und Gemeinden zur DDR-Zeit Wegweisendes beigetragen
hast. In meinem Erfahrungshorizont mit Dir gehört das aber bleibend zu
Deinem Profil als Praktischer Theologe, das nun so ist, wie es sich
nicht alleine ein Systematischer Theologe nur wünschen kann.
Der ganze alberne Streit, welche der
theologischen Disziplinen nun Krone oder Spitze, Grund oder Pointe der
Theologie ist, hat zwar – ein bisschen frotzelnder Weise – auch hin
und wieder einmal zwischen uns eine nebensächliche Rolle gespielt.
Aber viel wesentlicher war und ist, dass Du die Praktische Theologie
mit ihren besonderen Aufgaben der Darstellung und Vermittlung des
christlichen Glaubens in den konkreten Lebenszusammenhängen von
Menschen in unserer Zeit nach meiner Wahrnehmung als einen Beitrag und
ein Befördern der Aufgabe der Theologie im Ganzen stark gemacht
hast. Deine besondere Befähigung dazu ist eine Tugend oder Gabe,
welche sich für unseren Beruf im Dienste des Wortes Gottes als so
wertvoll erweist, wie kaum etwas.
Diese Tugend oder Gabe ist das sorgsame
Achten auf das Wort, das Wägen der Worte, die
Aufmerksamkeit auf die Sprache, das Nachspüren von Zusammenhängen, die
im Sprechen und Aussagen anklingen. Darum bist Du ein
leidenschaftlicher Exeget biblischer Texte und als Praktischer
Theologe ein intimer Verbündeter der mühseligen Arbeit der Exegeten,
trotz ihrer manchmal etwas skurrilen Ausflüge in das Luftreich des
Hypothetischen. In Deinen liturgischen, katechetischen und
homiletischen Seminaren und Vorlesungen, in Deinen Predigtmeditation
und nicht zuletzt in Deinen Predigten konnte und kann man merken, wie
hier der Staffelstab aufgenommen wurde, den die wissenschaftliche
Bibelauslegung an die Praktische Theologie weitergibt. Wohl den
Exegeten, denen das heute an unseren deutschen Universitäten
widerfährt!
Aber auch die Kolleginnen und Kollegen
von der kirchenhistorischen Zunft können sicher sein, dass bei einem
Praktischen Theologen mit Wortsensibilität wie Dir, ihr Anliegen wohl
aufgehoben ist, die historischen Zeugnisse des Glaubens und der Kirche
so genau wie möglich zu vergegenwärtigen. Denn sie sind immer noch
konkreter, vielfältiger und auch zukunftsträchtiger, als die Meinung,
die sich darüber gebildet hat. Deine Interpretationen der Historie
nicht nur von Liedern, sondern auch von Texten der sonstigen
Kirchengeschichte und nicht zuletzt der Gefängnisdichtung Dietrich
Bonhoeffers sind allemal Exerzitien historischer Belehrung, die
sich jenem sorgsamen Achten auf das Wort und die Worte verdanken.
Jürgen Henkys ist in seinen praktischen-theologischen Bereichen
zweifelsfrei ein Verbündeter der kirchenhistorischen Zunft, auf dessen
Mittun bei ihrem Bestreben jederzeit Verlass ist.
Was nun aber meine spezielle
theologische Disziplin, die systematische Theologie und somit die
Dogmatik und Ethik, betrifft, so war und ist es zwischen Dir und mir,
lieber Jürgen, niemals strittig gewesen, dass es in der Theologie in
allen ihren Zuspitzungen und so auch in ihrer praktischen Dimension
um die Wahrheit gehen muss. „Wahrheit“ allerdings nicht in dem
abstrakten Sinne, wie dieses Wort heute leider auch in der Theologie
und noch mehr auf machen Ebenen unserer Kirche verballhornt wird; so
nämlich, als ginge es bei der Orientierung an der Wahrheit um die
Behauptung irgendwelcher subjektiver, religiöser
Absolutheitsphantasien oder lebensferner Doktrinen. Wahrheit im
biblischen Sinne ist vielmehr das Ereignis der Liebe und Treue
Gottes, das uns begegnet, uns mitnimmt und uns mit seinem Reichtum
inspiriert, aus uns heraus zu gehen.
Ich denke, es ist kein Zufall, dass Du
bei Deinen Erkundungen des Wortes und der Worte der Wahrheit auf
das Singen als einer ganz besonderen Weise gestoßen bist, in der
wir Menschen uns in die lebenstragende Kraft dieser Wahrheit hinein
loslassen können. Die ästhetische Dimension, die im übrigen durch
Alles, was wahr zu heißen verdient, wach gerufen und beflügelt wird,
hat Dich darum auch wiederum nicht zufällig zu einem einfühlsamen
Interpreten von Lyrik und Literatur auch jenseits des sog.
„Religiösen“ in engerem Sinne werden lassen. Deine Celan-Auslegung bei
einem unserer unvergesslichen interdisziplinären Intensivkurse am
Sprachenkonvikt ist mir z.B. bis heute gegenwärtig und hat bewirkt,
dass die Einkehr bei diesem Dichter zu einer Konstante auf meinen
systematisch-theologischen Wegen geworden ist.
Ich muss aber leider gestehen, lieber
Jürgen, dass ich die Zentralstellung der Hymnologie und damit der
Ästhetik in Deiner theologischen Existenz damals gar nicht so recht
wahrgenommen habe, wie sie nun heute im Lichte steht. Das hängt
sicherlich einerseits damit zusammen, dass das Hymnologisches nicht
gerade im Zentrum theologischer Ausbildung zu stehen pflegt, und dass
Du andererseits die 14 Jahre seit dem Ausscheiden aus dem Lehramt dazu
genutzt hast, Dich gerade auf diese Deine besondere Vorliebe zu
konzentrieren und Dein Schaffen auf diesem Gebiete so der kirchlichen
und theologischen Öffentlichkeit eindrücklich zu machen.
Wer Ohren
hat zu hören, wird aber unschwer erkennen, in welchen Kontext
theologischen und kirchlichen Wollens Deine Lieder, Deine
Nachdichtungen und Analysen ästhetischer Werke hinein gehören. Mit
diesem Kontext hatten wir es vor allem zu tun, als wir die
Verantwortlichkeit heranwachsender Generationen von Pfarrerinnen und
Pfarrern für die Wahrheit des christlichen Glaubens in einem
real-sozialistisch beförderten, glaubenslosen Umfeld der Gemeinden zu
wecken und zu begründen versuchten. Ich habe Dich bei Deinem Bemühen
als Praktischer Theologe in der Mitte von uns Exegeten,
Kirchenhistorikern und Systematikern so verstanden, dass diese
Verantwortlichkeit versäumt wird, wenn der stumme und tatenloser
Nutznießer eines religiös-kulturellen Programms, der den Mund
zukneift, wenn gesungen wird, zum Ziel der Dienste unserer Kirche
würde.
Du hast als Praktischer Theologe mit
eindeutig pädagogischem Schwerpunkt nach meinem Verständnis vielmehr
versucht, die reformatorische Lehre vom „Priestertum aller Gläubigen“
als Aufgabe der Bildung in das Herz unserer Kirche – und das
sind die Gemeinden – hinein zu übersetzen. Denn der „singende Glaube“
legt nicht los, wenn er nicht vorerst und vor allem ein redender
und gelebter Glaube ist. Deine katechetischen Konzepte, Deine
ungemein wichtigen gemeindepädagogischen Anstöße und
Perspektivierungen der Jugendarbeit laufen darum alle darauf hinaus,
den sprachfähigen, mündigen Christenmenschen in Wort und Tat so zu
bilden und zu fördern, dass er am Ende „mit Herz und Mund“ auch singen
kann. Den abseitigen Deutungen der kirchlichen Kinder- und
Jugendarbeit in der DDR, die ihr heute das Bestreben nach „Betreuung“
von Kindern und Jugendlichen im ruhigen Winkel kirchlicher Gettos
unterstellen, bist Du darum mit für Dich ungewöhnlicher Schärfe in die
Parade gefahren. Denn wenn es um das entschlossene Eintreten für eine
Atmosphäre der Freiheit geht, in welcher alleine sich das
Bildungspotenzial des christlichen Glaubens entfalten kann, dann lässt
Du nicht mit Dir rechten.
So haben Dich Deine Schülerinnen und
Deine Schüler erlebt. So hast Du Deiner Kirche mit vielfältigem
Engagement gedient. So warst Du ein Hochschullehrer und Kollege,
dessen Stimme damals unentbehrlich war und auch heute unentbehrlich
bleibt, wenn es gilt, bei der Auferbauung der Gemeinden die richtigen
Schritte zu tun. |
|