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Die Bibel als Kulturgut
Zur geistigen, ethischen und
ästhetischen Bedeutung der Bibel in der pluralistischen Gesellschaft
1.
Das Wesen und die Dimensionen von menschlicher „Kultur“
Man kann unser
Thema mit unterschiedlichen Ohren hören. Vernimmt es jemand, für den
die Bibel Glaubens- und Lebenselexier, ja sogar „Gottes Wort“ ist,
dann wird ihm die Rede von der Bibel als „Kulturgut“ wie eine gezielte
Abwertung des eigentlichen Sinnes dieser Sammlung von Schriften, die
zum Glauben an Gott hinführen wollen, erscheinen. Denn „Kultur“, wie
hoch wir sie auch immer schätzen, ist ein Werk von Menschen,
zugegebenermaßen vielleicht sogar das wichtigste Werk von Menschen.
Wir müssen ein wenig weiter ausholen, um die Tragweite dieser Einsicht
würdigen zu können.
„Kultur“ ist für uns Menschen nötig,
weil wir nicht instinkthaft wie die Tiere in die Natur eingepasst
sind. Wir brauchen ein System von Orientierungen, das uns hilft, uns
in der Natur zurecht zu finden. Mehr noch: Wir müssen auch unsere
Beziehungen zu den anderen menschlichen Wesen regeln, denen keine Gene
vorschreiben, wie wir uns konkret zueinander verhalten sollen. Selbst
wenn unsere biologische Natur uns bestimmte Verhaltensmuster mit auf
den Weg eines menschlichen Miteinanders gegeben haben sollte – die
anthropologischen Wissenschaften streiten darüber, ob und inwieweit
das der Fall ist – bleibt es unsere Entscheidung, welche Regeln und
Normen im Zusammenleben von uns Menschen gelten sollen.
Die mit
Bewusstsein begabte, aber instinktarme Menschheit musste sich, um
überlebensfähig und entwicklungsfähig zu sein, also eine zweite
Natur schaffen, die es ihr einerseits ermöglichte, sich von der
Umklammerung durch die Natur in gewissem Maße frei zu machen.
Andererseits stand sie vor der Aufgabe, selbst Regeln zu entwickeln,
nach denen die „ersten Freigelassenen der Schöpfung“ (Herder)
miteinander auskommen können. Hätte die Menschheit sich eine solche
„zweite Natur“ nicht geschaffen, wäre sie sicherlich auf dieser Erde
gar nicht entwicklungsfähig gewesen. Das Erschaffen einer „Kultur“ ist
demnach eine conditio humana, eine Voraussetzung oder Bedingung
von lebensfähigem menschlichen Leben.
Versteht
man die Bibel als ein „Kulturgut“, dann zählt man sie also zu den
Bausteinen oder Elementen, die ihren Teil dazu beigetragen haben und
beitragen, dass die Menschheit – oder in kleinerem Rahmen auch unsere
Gesellschaft – sich gegenwärtig auf einem bestimmten Niveau ihrer
Entwicklung befinden. Heutzutage gebrauchen alle möglichen
Vereinigungen, die sich um die Pflege des Erbes der Vergangenheit
bemühen, die Redeweise von der Bibel als „Kulturgut“. Doch die
Erhaltung bemerkenswerter Bibel-Museumsstücke, um die es solchen
Vereinigungen zumeist geht, erreicht nicht annäherungsweise das
Gewicht des Verständnisses der Bibel als „Kulturgut“. So kann die
Bibel nur ernstlich heißen, wenn sie etwas Wertvolles, etwas
Gewichtiges zur „Kultur“ als einer conditio humana nicht nur in
der Historie, sondern heute beizutragen hat. Ein solcher Beitrag aber
müsste sich auf vier Bereiche erstrecken, die nach Einsicht der
Kulturwissenschaften das Wesen von menschlicher Kultur ausmachen.
Zu
menschlicher Kultur gehört erstens das Wissen, das wir uns
durch die Erforschung der Natur und durch geschichtliche
Erfahrungen des Umgangs von Menschen, Gesellschaften und Völkern
untereinander erwerben. Dieses Wissen lehrt uns, auf die
Gesetzmäßigkeiten zu achten, die in der Natur, auch in der
biologischen Natur, von uns Menschen herrschen. Es ist einerseits die
Voraussetzung der Weltgestaltung durch die Menschheit und andererseits
eine Funktion ihres Überlebenswillens angesichts der Gefährdungen
unserer biologischen Natur durch Krankheiten, Naturgewalten, bösartige
Geschöpfe usw.
Zur
Kultur gehört zweitens ein Ethos, d.h. ein Normensystem
menschlichen Verhaltens, das teils aufgrund von Erfahrungen des
Verhaltens von Menschen miteinander, teils aufgrund emotionaler
Einstellungen, teils aufgrund vernünftiger Reflexion zu jeder
Gesellschaft und zu jeder individuellen Lebensführung gehört. Solches
Ethos liegt sozialen Gruppierungen und Gesellschaften in den
unterschiedlichsten Ausprägungen zugrunde. Institutionen in der
Gesellschaft sorgen dafür, das es im gesellschaftlichen und
individuellen Leben geachtet wird.
Drittens ist Kultur immer mit Darstellungen verbunden,
welche die spezifisch menschliche Wirklichkeitserfahrung auf der
ästhetischen Ebene der Sinneswahrnehmung und der Empfindung zum
Ausdruck bringen. Die Kunst ist nicht nur ein Schnörkel der
Kulturentwicklung von Menschen, sondern eine ihrer fundamentalsten
Lebensäußerungen. Sowohl die bildende Kunst, wie die Musik und die
Kunst des Wortes verdichten menschliche Erfahrungen und
Wahrnehmungen der Wirklichkeit zu einer besonderen Form, in der
unsere irdische Wirklichkeit neu und sogar gesteigert
unvergleichbar intensiver erlebt wird, als das Objketivierbare,
Ausrechenbare und Abzählbare.
Viertens schließlich hat die Kultur eine Transzendenzdimension,
deren Wahrnahme und Pflege wir Religion nennen. Religion
vergewissert Menschen im Ganzen eines nur im Überschreiten alles
Vorhandenen und Gegebenen wahrnehmbaren Sinnzusammenhanges. Sie gibt
Antwort auf die Fragen, die Menschen nach ihrem Woher und Wohin
stellen. Sie schafft im Unverfügbaren und Geheimnisvollen, von dem wir
umgeben sind, Halt. Dabei ist es aus Sicht der Kulturtheorien und der
Soziologie unwesentlich, ob in der konkreter Religion der Glaube an
Gott oder Götter ein Rolle spielt. Auch Weltanschauungen ohne Gott
oder die Erhebungen von Irdischem zu lebensbestimmenden Größen nehmen
die kulturelle Funktion von Religion wahr.
2. Der Widerstand gegen die Bibel als
„Kulturgut“
Versteht man die
Bibel als „Kulturgut“, dann wird auf dem Hintergrund dessen, was unter
„Kultur“ zu verstehen ist, also offenkundig gesagt: Sie ist ein Gut
(ein bonum, ein agathon), das wichtig für unser Wissen,
für unser Ethos, für die Kunst und nicht zuletzt für die Religion von
heute ist. Am Nächsten scheint die Bibel in diesem kulturellen Sinne
dem christlichen Verständnis der Bibel als Glaubens- und Lebenselexier,
ja als Gottes Wort, zweifellos in der vierten Hinsicht zu kommen. Denn
die christliche Religion nimmt die kulturelle Funktion von Religion
eben so wahr, dass sie die Bibel als „Gottes Wort“ versteht. Ob sie
mit ihrer biblischen Verhaftung damit allerdings auch schon ein
kulturell tragfähiges Wissen, ein zukunftsweisendes Ethos und eine
unserem modernen Wirklichkeitsempfinden angemessene Ästhetik
befördert, ist in der religiös und weltanschaulich pluralistischen
Gesellschaft alles andere als selbstverständlich. Wir bemerken das,
wenn wir es denn nicht schon selbst wahrgenommen haben sollten,
spätestens an den großen christlichen Feiertagen, zu denen gewisse
Magazine und Zeitschriften regelmäßig knallige Infragestellungen des
wissenschaftlichen, historischen und ethischen Wertes der Bibel
beizusteuern und sie mit bildlichen Darstellungen christlicher Kunst
vergangener Zeiten ins Absurde zu ziehen pflegen.
Wenn es ganz schlimm wird, dann machen
sich auch Atheisten, wie die gerade aus der anglo-amerikanischen Welt
zu uns herüber dröhnenden Gottesleugner über die Bibel her. Für sie
ist die Bibel nicht nur marginal, sondern schädlich für die
menschliche Kulturentwicklung und für eine humane Kultur heute. Sie
lasten der Bibel an, dass sie mit ihren wissenschaftlich unhaltbaren
Vorstellungen vom Entstehen der Welt und des Menschen und mit
abenteuerlichen Geschichtserklärungen Unwissenheit und Dummheit unter
den Menschen von heute züchte. Sie machen ihr vor allem zum Vorwurf,
dass sie mit ihrem Glauben an den einen Gott Intoleranz und
blutrünstigen Hass auf Menschen anderer Religionen und
Weltanschauungen motiviere.
Sie geben sich darum alle Mühe, die
Bibel als ein minderwertiges Produkt von Menschen, die nicht ganz
richtig im Kopfe sind, darzustellen. Die Bibel – das ist nach Richard
Dawkins Buch der „Gotteswahn“ eine „chaotisch zusammengestoppelte
Anthologie zusammenhangsloser Schriften, die von hunderten anonymer
Autoren, Herausgebern und Kopisten verfasst, umgearbeitet, verfälscht
und ‚verbessert’ wurden“ (327). Der Gott des Alten Testaments, den
sie bezeugt, ist ein „psychotisches“ „grausames Ungeheuer“ und ein
„Monster“. Jesus – das ist aufgrund des Erwählungsgedankens der
Vertreter einer jüdischen „Gruppenmoral“, die „Anweisungen zum
Völkermord“ (358) gibt. Christliches Leben – das ist eine „ethische
Katastrophe“. Kirche, die sich auf die Bibel gründet, praktiziert
Kindesmissbrauch, d.h. das Verderben des Geistes von Kindern mit
„Unsinn“ (453).
Atheistische Organisationen, wie der humanistische Verband, die für
sich in Anspruch nehmen, die ganze atheistisch-konfessionslose
Bevölkerung Deutschlands zu repräsentieren, verbreiten dergleichen bis
in die Kindergärten und Schulen hinein. Sie päppeln damit die
Ressentiments, die spezifisch in der ostdeutschen Bevölkerung gegen
die Religion und damit gegen die Bibel brüten. Ein Selbstläufer ist
das Bemühen, dieser Bevölkerung die Bibel als „Kulturgut“ ans Herz zu
legen, also in keinem Fall.
Das ist sie aber auch nicht bei
religiös musikalischer gestimmten Zeitgenossen, die vor allem in der
westlichen West viele Anzeichen einer „Wiederkehr der Religion“
wahrnehmen, die sie bezeichnenderweise „Wiederkehr der Götter“ nennen.
Die neue Religiosität oder Spiritualität, die inmitten der
verunsichernden Modernisierungsprozesse der Weltgesellschaft, Halt in
einer individualisierten und privatisierten Religiosität sucht, ist
nach Ulrich Becks Buch „Der eigene Gott“ als Wiederkehr des
Polytheismus zu verstehen, der dem biblischen Monotheismus abhold
ist. Wie die „Neuen Atheisten“ lastet Beck in den Spuren von Jan
Assmann der Bibel die Orientierung an nur einem Gott die wesensmäßige
Neigung zur Ausgrenzung, Gewalt und Intoleranz an. Nicht „Wahrheit“,
wie das Neue und das Alte Testament sagen, sondern der Frieden der
Verträglichkeit vieler Götter im Glauben ihrer Anhänger soll das
Prinzip der Religion der Zukunft sein. „Kulturgut“ kann die Bibel im
Rahmen solcher Religion dann allerdings nur noch im Museum sein.
3. Kultur in der Bibel als
Zukunftsoption
Der von der Bibel
entzündete christliche Glaube an Gott hat ein eigentümliches Interesse
daran, die Begründung des Lebens in Gott zugleich als Quellort des
Reichtums menschlicher Möglichkeiten zu verstehen. Der Grund dafür ist
die Glaubenserfahrung, dass dort, wo Gott Menschen mit seinem Geist
prägt, auch alles Irdisch-Menschliche sich entfalten und aufblühen
kann. Die Vereinigung Gottes mit einem wahren Menschen verankert
diese Erfahrung im Herzen des christlichen Glaubens. Sie motiviert
Christinnen und Christen zu einer wahrhaft menschlich zu nennenden
Kultur.
Eine solche Kultur liegt in der Bibel
aber nicht so zu Tage wie in den Progandatönen einer Ideologie oder
gar eines Parteiprogramms. Die Bibel ist ein Geschichtsbuch, ja ein
Geschichtenbuch. In ihren Berichten, Erzählungen und Zeugnissen schält
sich das wahrhaft Menschliche und Kulturprägende in vielen Etappen
heraus, in denen Altes veraltet und Neues aufscheint. Als „Kulturgut“
lehrt sie, dass „Kultur“ eine Geschichte hat und immer Geschichte
bleiben wird, in der Menschen sich in ihre wahrhaft menschlichen
Möglichkeiten einüben müssen. Es sind die Möglichkeiten, die Gott
ihnen eröffnete, als er sie schuf, mit seinem Geist begleitete und
schließlich in Gestalt eines wahren Menschen ganz auf ihre Seite trat.
Dass der Widerstand, den Menschen
dagegen unsinnigerweise leisten, in der Bibel nicht verschwiegen,
sondern ziemlich drastisch dargestellt wird, gibt ihr in der Vielfalt
und auch Widersprüchlichkeit ihrer Gottes- und Menschenzeugnisse ein
realistisches Profil. Was Menschen anrichten können, darüber
machen sich die, welche die Bibel schon von ihrem 3. Kapitel her
kennen, keine Illusionen mehr. Indem sie sich aber von der
Zukunftsdynamik mitnehmen lassen, die der Geist Gottes diesen
menschlichen Gottes- und Menschenzeugnissen verliehen hat, werden sie
nicht wie die neuen und alten Atheisten auf die Idee verfallen, in der
Bibel überwundene Vergangenheiten wie z.B. den „Heiligen Krieg“ zu
Imperativen für die Kultur von heute und morgen zu stilisieren. Sie
werden sich vielmehr an dem orientieren und das als „Kulturgut“ groß
machen, was in der Bibel bis heute einer wahrhaft menschlichen Kultur
zugute kommt.
Wir gehen deshalb unter diesem
Gesichtspunkt die vier Dimensionen menschlicher Kultur noch einmal
durch. Wie bei aller Kultur können wir sie nicht schnittgenau
voneinander scheiden. Sie greifen vielfach ineinander und sind doch
Dimensionen von je eigenem Gewicht.
4. Der kulturelle Wert der Bibel
4.1. Das Wissen
Dieser erste
Gesichtspunkt ist im Grunde simpel. Wir wüssten so gut wie nichts über
die Geschichte des Volkes Israel und über die Geschichte der
Entstehung des Christentums, wenn es die Bibel nicht gäbe. Mehr noch,
wir, die wir heute leben, ständen ohne die biblischen geschichtlichen
Zeugnisse irgendwo beziehungslos und verständnislos im Raum der
Geschichte, wenn uns die Ursprünge dieser Geschichte verschlossen
wären. Bei aller Einkleidung der historischen Nachrichten in
überschwängliche Glaubenszeugnisse bleibt die Bibel ein Dokument
historischen Wissens allererster Güte, das der historischen Forschung
mit ihrer Frage, wie es wirklich gewesen ist, überreiches Material
gibt.
Wir
müssen sogar noch weiter gehen. Mit der Bibel ist überhaupt erst so
etwas wie eine echte Geschichtsschreibung in die Kultur der Menschheit
gekommen. Unter „echter Geschichtsschreibung“ ist die Schilderung rein
irdischer Anläufe zu verstehen, wie wir sie z.B. in den
Josephsgeschichten, in den Thronnachfolgegeschichten und natürlich in
den Geschichtsbüchern finden. Die Bedingung dafür waren zwei gar nicht
zu unterschätzende Erfahrungen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Der
Glaube an den einen außerweltlichen Gott hat zum einen die Welt
entgöttert. Die Geschichte ist nicht mehr Schauplatz von
Göttergeschichten und vom Wirken magischer Kräfte. Sie kann im
Gegenüber zu Gott ganz irdische, selbstständige, von Menschen
selbst verantwortete Geschichte sein. Sie ermutigt Menschen zu eigenem
Gestalten. Damit hängt zweitens zusammen, dass Geschichte im Horizont
einer offenen Zukunft erfahren und geschrieben wird. Sie ist
nicht ein Kreislauf der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Sie ist voller
Spannungen, Widersprüche und Überraschungen und sie verleiht die
Spannkraft der Orientierung von Menschen auf die Zukunft.
Die
kulturelle Bedeutung dieses Geschichtsverständnisses kann gar nicht
hoch genug veranschlagt werden. Denn es drängte über den engen Umkreis
Israels hinaus. Durch die Übersetzung des Alten Testaments ins
Griechische und durch das griechische Neue Testament wurde das Tor zur
Symbiose des jüdischen Wirklichkeitsverständnisses mit der
vernunftgeleiteten Geistigkeit der griechischen Antike gelegt. Aus
dieser Symbiose ist das sog. christliche Abendland, also die westliche
Welt hervor gegangen. Die Bibel ist ein Fundament dieser Welt, wobei
ihre Übersetzungen ins Lateinische und dann in die Sprachen der Völker
der Welt wesentlich dazu beigetragen haben, dass sie ein kulturelles
Band dieser Welt, aber auch eine kulturelle Identität stiftende Kraft
der einzelnen Völker und Nationen wurde. Unsere Lutherbibel gilt für
letzteres in ihrer sprachschöpferischen Kraft ja als ein besonders
gelungenes Beispiel dafür.
Zur
Zukunftsorientierung, die das biblische Geschichtsverständnis der
abendländischen Welt vermittelte, kommt aber noch ein Weiteres. Das
ist das Anliegen vernunft- und verstandesgeleiteter Erkenntnis der
Natur. Es wurde durch das biblische Verständnis der Welt als
Schöpfung angetrieben. Wenn sich heute an dieses
Schöpfungsverständnis das Vorurteil seiner prinzipiellen
Erkenntnisfeindlichkeit der Natur gegenüber gehängt hat, so verdankt
sich das dem Eindruck von den Auseinandersetzungen der Kirche mit den
wissenschaftlichen Entdeckungen im ausgehenden Mittelalter und in der
Aufklärungszeit, aber auch dem in der Kirche immer wieder auflebenden
Fundamentalismus, der die biblischen Schöpfungsvorstellungen als
regelrechte Offenbarungen Gottes versteht.
Demgegenüber ist geltend zu machen,
dass die neuzeitliche Wissenschaft nicht zufällig in der vom
Schöpfungsglauben der Bibel geprägten Welt groß geworden ist. Die
Entmythologisierung der Natur, die dieser Glaube zur Folge hatte, gab
die Natur grundsätzlich für die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten
frei. Natürlich konnte, wie beim Schöpfungsbericht von Genesis 1, in
der Bibel nur von den Möglichkeiten der Erkenntnis in einem
vorwissenschaftlichen Zeitalter Gebrauch gemacht werden. Das
Überliefern mehrer Schöpfungsvorstellungen zeigt jedoch, dass diese
Vorstellungen keine zeitlosen Kanalisierungen von Naturerkenntnis sein
wollen und können, sondern offen bleiben für neue Erkenntnis. Die alte
Kirche und die Kirche des Mittelalters haben darum ganz zu Recht von
der Griechen das damals mehr einleuchtende ptolomäische Weltbild, nach
dem die Erde eine Kugel im Zentrum eines Universums von Himmelssphären
ist, übernommen und vertreten, bis es unausweichlich wurde, sich auch
von diesem Weltbild zu lösen.
Doch nicht die Vorstellungen von der
Welt- und Menschenentstehung als solche sind das Entscheidende. Das
ist vielmehr die mit diesen Vorstellungen transportierte Überzeugung,
dass die Erde trotz ihrer Menschen gefährdenden Grenzen in Raum und
Zeit ein guter und bejahbarer Ort ist. Kulturell befördert der
Schöpfungsglaube der Bibel aus diesem Grunde ein positives,
optimistisches Weltverständnis, wie denn das Schöpfungslob
die verbreitetste biblische Rede von der Schöpfung ist. Der Ausschluss
der Marcionismus war darum auch ein Kulturereignis von großer
geschichtlicher Bedeutung. Dieses positive Weltverständnis ist auch
heute eminent wichtig für das kulturelle Bewusstsein, da es nicht
wenige antireligiöse Ausdeutungen unseres Wissensstandes gibt, die
nihilistischen Grundeinstellungen zuneigen.
Zum kulturell bedeutungsvollen Wissen
der Bibel gehört schließlich und nicht zuletzt das Wissen vom Menschen
als Gottes Geschöpf. Wir sagen vielleicht besser: Zu diesem Wissen
gehört das Sichverstehen auf uns Menschen zwischen den Polen
als beinahe an Gott heran reichender Wesen und Wesen aus Staub mit all
ihrer Gebrechlichkeit, Begrenztheit und Sterblichkeit. Die vielen
entweder mythisch eingekleideten oder realistischen Schilderungen und
Erzählungen vom hoch hinaus strebenden und jämmerlich versagenden
Menschen, vom Gerechten und vom Schuldigen, vom Feiernden und vom
Arbeitenden, vom Liebenden und vom Hassenden, vom Wahrhaftigen und vom
Lügner, vom Weisen und vom Dummen usw. usw. sind ein Spiegel unseres
Menschseins bis in unsere Zeit. In dieser Hinsicht verstricken uns
Adam und Eva und in ihren Fußspuren durch die Zeiten wandelnde
biblische Gestalten nicht in abseitige Kreationismusdebatten, sondern
üben noch heute in das Verstehen dessen ein, was Menschsein heißt.
Diese Einübung lenkt uns aber schon hinüber in die zweite, die
ethische Dimension der Kultur.
2. Das Ethos
Wenn man einen dem
Christentum zwar fern stehenden, aber ansonsten auch nicht übel
wollenden Zeitgenossen fragt, was er denn am Christentum und an der
Bibel wichtig findet, bekommt man mit ziemlicher Sicherheit zu hören:
Die 10 Gebote. Ob er damit wirklich alle zehn Gebote meint, lassen wir
einmal dahin gestellt sein. Dass wir es hier mit einem „Kulturgut“ zu
tun haben, welches man pflegen sollte, aber ist sicherlich gemeint.
Eltern schicken ihre Kinder in den Konfirmandenunterricht, weil sie
meinen, die 10 Gebote kennen zu lernen, sei für ihr Kinder in unserer
Gesellschaft nützlich.
Irgendwie
auf dieser Linie liegt auch die Hochschätzung, deren sich Jesus nicht
nur bei den sogenannten „Kulturchristen“, sondern sogar bei Atheisten
erfreut. Adolf von Harnack hat ganz am Anfang seiner berühmten
Vorlesungen über das „Wesen des Christentums“ gesagt, „die Menschheit“
müsse immer wieder daran erinnert werden, „dass einst ein Mann Namens
Jesus Christus in ihrer Mitte gestanden hat“. Neben den im engeren
Sinne religiösen Impulsen, die nach Harnack von Jesus ausgegangen
sind, war es – wie im gesamten „Kulturprotestantismus“ – vor allem das
Ethos Jesu, von dem gesagt wurde, es habe die Menschheit auf
eine neue Stufe der Kultur gehoben. Die bedingungslose Liebe des
Nächsten, welche aus der Gottesliebe entspringt, und die nach Jesus,
aber auch nach Paulus die Summe des Gesetzes Gottes für die Menschheit
ist, wurde hier als „Kulturgut“ verstanden, das nicht verloren gehen
darf. Es weise der Menschheit den Weg in eine menschenwürdige, von
Gerechtigkeit und Frieden bestimmte Zukunft.
In der
Tat sind die im Liebesgebot summierten zehn Gebote ein Wall gegen die
Ausbrüche von Unzivilisiertheit und Kulturdestruktion sondersgleichen.
Sie halten nicht nur ein speziell christliches, sondern – schon der
Kodex Hammurabi ist des Zeuge – ein Menschen vermenschlichendes
Menschheitsethos durch die Zeiten hindurch lebendig. Sie begründen
in der Zuspitzung auf die Liebe die Kritik an einer sich an ihren
Grundlagen versündigenden Kirche. Sie haben sich – ob mit oder ohne
Kirchenkritik – aber auch in das ethisch-kulturelle Gedächtnis unserer
Gesellschaft eingeschrieben. Sie bewirken, dass nicht als
menschenwürdig, gerecht und wahrhaftig gelten darf, was sich nicht mit
der Liebe zu den Anderen, ja zu den Feinden reimt.
Das
Projekt „Weltethos“, das sich auf die „goldene Regel“ der Bergpredigt
stützt, welche wir in verschiedenen Fassungen in den großen
Weltreligionen finden, versucht deshalb die universalisierende Tendenz
des Friedensethos Jesu im Dialog der Religionen und gemeinsamen
Aktionen fruchtbar zu machen. Die Bergpredigt ist mit ihrer radikalen
Ethik des Friedens und des Gewaltverzichts, mit den Makarismen derer,
die Leid tragen und Unrecht und Verfolgung leiden und nicht zuletzt
mit ihrer Reich-Gottes-Botschaft auch sonst schon immer eine
inspirierende Kraft für den Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt
gewesen. Bismarks Satz gegenüber, dass man mit ihr nicht Welt regieren
kann, hat sich bis in unsere Tage hinein immer wieder die Einsicht
Geltung verschafft, dass Regierung der Welt ohne den Hintergrund und
Horizont die Bergpredigt zynisch und menschenverachtend wird. Unsere
ethische und politische Kultur kann sich glücklich schätzen, dass in
ihr durch Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche, bewusst und
unbewusst, dass „Kulturgut“ der Berpredigt wirksam ist.
4.3. Die Kunst
Dass die Bibel mit
ihren Bildern von Gott und den Menschen, mit ihren kunstvoll
gestalteten Erzählungen, mit ihren Psalmen und Gleichnissen, mit ihren
Visionen und Zukunftsbildern ein ästhetisches Potenzial von
außergewöhnlichen Ausmaßen birgt, bedarf keines langen Beweises. Kein
Buch der Welt hat so viel Musik, soviel bildende Kunst und
Architektur, soviel Literatur inspiriert wie die Bibel. Nicht wenige
Menschen kennen ihre Gottes- und Menschenzeugnisse überhaupt nur noch
in künstlerischen Werken. Sie wurden und werden musikalisch zum
Klingen gebracht. Sie wurden und werden in der Malerei, in der
Bildhauer- und Baukunst dargestellt. Biblische Gestalten, Geschichten
und Weisheiten zogen und ziehen sich wie ein breiter Strom durch die
Literatur. Der ästhetischen Aneignung der Bibel verdanken wir
unvergleichliche Meisterwerke. Aber auch das Kunstgewerbe, welches
biblische Motive für den Massengeschmack und den Hausgebrauch
aufbereitet, zehrt von den die Künste inspirierenden Impulsen, die von
der Bibel ausgehen.
Vielleicht kann man sogar sagen,
schöpferische Kunst in unserem Kulturraum ist ohne jegliche Kenntnis,
Auseinandersetzung und Inspiration von der Tradition der ins
Ästhetische übersetzten Bibel und damit von der Bibel selbst im Grunde
überhaupt nicht möglich. Die meisten Werke des sogenannten
„sozialistischen Realismus“, die heute irgendwo in Lagerkellern
schmoren oder als Belege für die Absonderlichkeiten des DDR-Systems
ausgestellt werden, belegen einen solchen Satz in ihrer Weise.
Selbstpräsentationen von Unterdrückungssystemen kaschieren ihren
wahren Charakter immer durch suggestive Massendarstellungen. Das war
schon im Faschismus so. Die sog. Erlebnisgesellschaft heute setzt
dagegen die Kunst ein, um die tatsächliche Erlebnisarmut der
materiell übersättigten Menschen durch die rasche Folge mehr oder
weniger kunstvoll und nicht selten mit „religiösen“ Zitaten
angereicherter „events“, zu kompensieren. Das neue Lied, der neue
Film, die die ultimative Ausstellung usw. erwecken den schönen Schein
der Vertiefung des Lebens der Menschen und sind doch morgen schon von
der Bildfläche verschwunden und vergessen.
Die ästhetischen Impulse, die von der
Bibel ausgehen, gehören dagegen zur bleibenden Vertiefung des
Humanum in einem Horizont der Transzendenz. Darum gibt es eine innere
Beziehung zwischen der christlichen Religion und der Kunst, die ohne
eine Transzendenzdimension nicht sein kann. Diese Beziehung in
Auseinandersetzung mit den Kunsttheorien unserer Zeit im Einzelnen
aufzuweisen, würde aber den Rahmen unseres Themas sprengen (vgl.
meinen Aufsatz, Räume, Szenen, Gestalten. Zur ästhetischen Dimension
des christlichen Glaubens, BThZ 20 2003, 3-13). Doch auch ohne diesen
Einzelaufweis dürfte einleuchten, dass die Bibel in der ästhetischen
Dimension der Kultur wohl am Auffälligsten in unserer Gesellschaft
präsent ist. Zu dieser Präsenz gehört dann schließlich auch die
Bewahrung wertvoller und ästhetisch gestalteter Bibelausgaben der
Vergangenheit.
5. Zum biblischen, gleicherweise
kulturkritischen wie kulturfreundlichen Glauben an Gott
Eigentlich gehört
die Würdigung der Bibel in der kulturell-religiösen Dimension gemäß
dem hier von mir vertretenen Verständnis der Kultur mit den drei
anderen Dimensionen eng zusammen. Ich unterscheide den Gesichtspunkt,
dass die Bibel auch als Religionsurkunde ein Kulturgut ist, am Schluss
methodisch jedoch von den Kulturdimensionen des Wissens, des Ethos und
der Kunst. Damit wird nicht in Frage gestellt, das die christliche
Religion samt der Bibel auch eine gesellschaftliche und damit
kulturelle Funktion hat, wie z.B. die Beantwortung von Sinnfragen und
die religiöse Ritualisierung von Lebensetappen der Menschen.
Das spezifische Gottes- und
Glaubenszeugnis der Bibel sprengt jedoch von innen heraus
zugleich seine Verortung in einer gesellschaftlichen Funktion bzw. in
einem Werk von Menschen, wie es die Kultur ist. Denn es versteht den
Glauben per definitionem nicht als ein Werk von Menschen, sondern als
ein Werk des Heiligen Geistes. Alles, was dieser Glaube an kulturellen
Leistungen von Menschen hervorbringt, unterliegt – bei aller
Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit dieser Leistungen – damit auch einer
kritischen und sogar religionskritischen Perspektive.
Darauf
hinzuweisen, ist gerade in unserer Zeit wichtig, in welcher es im
Zeichen eines neuen Kulturprotestantismus in Kirche und Theologie
Bestrebungen gibt, das Verhältnis von Glaube und Religion geradezu
umzukehren, d.h. die gesellschaftliche und kulturelle Funktion der
Religion zur kritischen Perspektive zu machen, in welcher dem
christlichen, biblischen Glauben sein Maß gesetzt wird. Der Grund für
diese Umkehrung ist der Offenbarungscharakter des Gottes- und
Glaubenszeugnisses der Bibel, von dem behauptet wird, er blockiere das
Aufleben von Religion in unserer Gesellschaft regelrecht. Während die
Wissens- Ethos- und Kunstdimension der Bibel in der religiös und
weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft nicht geringe
Sympathie-Punkte zu erringen vermag, sei das bei der Zentralstellung
ihres Offenbarungsglaubens nicht der Fall. Die Religion, die er
repräsentiert, soll deshalb in die Religiosität hinein geholt werden,
von deren „Wiederkehr“, die sich außerhalb der Kirche abspielt, gerade
allenthalben die Rede ist. Es geht dabei – um mit Ulrich Beck zu reden
– um eine individualisierte „Bastel- oder Melangereligiosität“, mit
der sich Menschen angesichts der Risiken, welche die globalisierte,
moderne Welt für ihr Leben darstellt, Halt geben.
Religion
als individualisierte, subjektive Deutung des Sinnes des eigenen
Lebens im Horizont von Transzendenz gilt deshalb an vielen Orten in
Kirche und Theologie heute als die den Menschen unserer Zeit
angemessene Religion. Für diese Denkweise kann die Religion, die sich
in der Bibel zu Worte meldet – vor allem, wenn sie individualisierte
Gestalten hat – durchaus in Anspruch genommen werden. Ihr religiöser
Wert wird dabei aber auf den Wert eines „Kulturgutes“ zurück
geschraubt, das für den Glauben an Gott keinen definitiv
verpflichtenden Charakter hat. Die Rede von der Bibel als „Kulturgut“
wird in diesem Sinne vom neuen Kulturprotestantismus denn auch kräftig
befördert.
Dem
wollte ich, indem ich mich auf diese Rede eingelassen habe,
keinesfalls das Wort reden. Denn es ist unzweifelhaft: Die Bibel kann,
ja muss als Kulturgut verstanden werden. Begründet ist das, wie wir
gesehen haben, gerade im Offenbarungscharakter des Glaubens an den
Gott, der Menschen die Freiheit zur Gestaltung einer wahrhaft humanen
Kultur gibt. Das Wissen, das Ethos, die Kunst und auch die
menschlich-individuell gestalteten Frömmigkeiten, die in der Bibel
begegnen, sind aber keine Werte an sich. Biblisch gesehen gehören sie
zur Wegbereitung des Glaubens an den in menschlicher Geschichte
begegnenden Gott. Nimmt man die Kulturdimension der Bibel aus
diesem genuinen Zusammenhang heraus, dann wird die Rede von der Bibel
als Kulturgut – aequivocatio est mater errorum – zum
allergrößten, religiös motivierten Hindernis für den lebendigen Geist
der Bibel.
Menschen,
die sich für das Bekanntmachen der Bibel und für das Verbreiten von
Bibeln engagieren, werden sich also wohl überlegen müssen, was sie
befördern wollen, wenn sie sich dabei der Vorstellung von der Bibel
als „Kulturgut“ bedienen. |
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