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Atheismus
- Herausforderung für die Kirche in Ost und West
1. Der Atheismus im Mutterlande der
Reformation
Unser Thema an
diesem Reformationstag wird manchen von Ihnen vielleicht etwas
merkwürdig vorkommen. Gedenken an die Reformation ist die Erinnerung
an die Erneuerung der Kirche im 16. Jahrhundert. Für die
lutherische Kirche, die daraus erwuchs, ist sie untrennbar mit dem
Namen Martin Luthers und mit seinem Anschlag der 95. Thesen an das Tor
der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 verbunden. Martin
Luther ging es darum, dass die Kirche Jesu Christi endlich wieder
anfängt, auf die Bibel als Gottes Wort zu hören und sich von ihrem
Geist leiten zu lassen. Er wollte, dass sie von der „babylonischen
Gefangenschaft“ einer weltlichen Machtinteressen und menschlicher
Willkür dienstbaren Kirche frei wird. Denn in solche „Gefangenschaft“
war die römisch-katholische Kirche jener Zeit nach seinem Urteil
geraten. Freiheit von der Welt im gottgeschenkten Glauben an Jesus
Christus und Freiheit für Welt in einem Leben im Hören auf Gottes
Gebot wurde so zu einem Grundanliegen der Reformation.
Wir können sicher sein, dass heute
überall in Deutschland, wo das Reformationsfest gefeiert wird, die
Freiheit des Glaubens und die Freiheit zu einem selbst
verantwortlichen christlichen Leben als die eigentliche Leistung der
Reformation gefeiert wird. Wir fallen da offenkundig irgendwie aus dem
Rahmen, wenn wir uns ausgerechnet an diesem Tage mit einem Phänomen in
unserer Gesellschaft beschäftigen wollen, das weder mit dem Glauben
noch mit christlicher Freiheit noch mit der Kirche etwas zu tun hat.
Wir stören das Reformationsfest irgendwie, indem wir den Atheismus,
worunter wir zunächst einmal schlicht den Nichtglauben an Gott
verstehen, zum Thema unserer abendlichen Besinnung machen. Doch ich
persönlich empfinde das gar nicht so aus dem Rahmen fallend.
Ich bin vor vier Wochen in Wittenberg
gewesen, um dort an Luthers Heimstatt, wo heute das Predigerseminar
der Unionskirchen des Osten Deutschlands untergebracht ist, mit
Pfarrerinnen und Pfarren im sog. „Entsendungsdienst“ theologisch zu
arbeiten. Dortselbst steht alles schon im Zeichen der Vorbereitung der
500jährigen Jubiläums-Reformations-Feierlichkeiten im Jahre 2017.
Schlangen von Bussen fahren heute schon Reformations-Touristen aus
aller Welt in dieses geographische Herz der Reformation. Wenn Du da
sonntags in die vollen Gottesdienste der Stadt- oder der Schlosskirche
gehst, kannst Du den Eindruck gewinnen, Du befindest Dich hier in
einer blühenden Landschaft reformatorischen Christentums. Die Wahrheit
ist: Man befindet sich dort in der trostlosesten Gegend massiver,
atheistischer Entchristlichung der Menschen, die dort leben.
Jede Gemeinde um Wittenberg herum hat
nicht nur unsägliche Mühe, den sonntäglichen Gottesdienst, sondern
sich selbst am Leben zu erhalten. Der massenhafte Atheismus der
Bevölkerung, der dort seit Jahrzehnten unter dem Druck einer
sozialistisch-atheistischen Weltanschauungsdiktatur Fuß gefasst hat,
drängt das Leben der Gemeinden immer mehr in die Ecke einer kleinen
Minderheit. Wer ein wenig in dieser Gegend kundig ist – und ich bin es
zufälligerweise, weil ich ein paar Kilometer weiter von Wittenberg in
Dessau aufgewachsen bin – bekommt nicht aus dem Kopf, was hier aus der
Reformation geworden ist. Da steht man im Luther-Museum vor den ganz
ausgezeichnet präsentierten Zeugnissen dynamischen Christusglaubens in
der Luther-Zeit und vor der Tür dieses Museums pfeifen die
Wittenberger selbst in ihrer überwiegenden Mehrheit auf diesen Glauben
– es sei denn, mit dem Reformationskult gibt es durch den Verkauf von
Luther-Souveniers oder solchem Kitsch wie „Lutherbrötchen“ etwas zu
verdienen.
„Atheismus – Herausforderung für die
Kirche im Osten“ – das kann man im Mutterlande der Reformation am
Reformationstage wirklich nicht für ein abseitiges Thema halten. Es
geht ans Herz und an die Nieren, dass eines der größten nicht nur
kirchlichen, sondern weltgeschichtlichen Ereignisse in der Dübener
Heide und den Landschaften, die sich darum herum im ganzen Osten
Deutschlands weiten, in lauter Gottesgleichgültigkeit versandet ist.
Die evangelische Christenheit macht dort noch nicht einmal mehr ein
Viertel der Bevölkerung aus, in manchen Stadtteilen des Ostens von
Berlin sind es 2-6 %. Die Frage, ob es noch einmal gelingen wird,
Menschen, die sich in einem atheistischen Milieu eingerichtet haben,
mit der reformatorischen Botschaft zu erreichen, ist deshalb für die
Kirchen in den neuen Bundesländern die Herausforderung schlechthin. An
ihr entscheidet sich, ob unsere Evangelische Kirche ihre ererbte
Gestalt als ein im ganzen Lande gegenwärtige Kirche wird halten
können.
2. „Wiederkehr der Religion“ contra
Atheismus?
Aber wir sind hier
nun in Heilbronn. Ich gestehe, ich weiß gar nicht gut Bescheid, ob und
wie Sie, meine Zuhörerinnen und Zuhörer, den Atheismus von Menschen in
ihrer Stadt wahrnehmen und ob Sie ihn überhaupt als „Herausforderung“
empfinden. Mir stehen nur die Zahlen vor Augen, welche die Zentrale
unserer Evangelischen Kirche in Hannover sammelt. Danach verliert die
Evangelische Kirche in ganz Deutschland gegenwärtig jährlich 250 000
Mitglieder. Rechnet man das hoch, dann wird unsere Kirche in 30 Jahren
um ein Drittel ihres jetzigen Mitgliederbestandes geschrumpft sein. Es
ist darum Reformprozess gestartet worden, der helfen soll, dieser
Entwicklung zu begegnen. Im offenkundig reformatorisch
klingenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahre
2006 und in einer Reihe von „Zukunftskongressen“ oder
Zukuntfswerkstätten werden Ideen geboren und Strategien entwickelt,
die ein zahlenmäßiges „Wachsen“ unserer Kirche „gegen den Trend“
versprechen. Doch merkwürdigerweise spielt dabei die Herausforderung
unserer Kirche durch den Atheismus so gut wie keine Rolle.
Dabei ist es ja keinesfalls so, dass
die atheistische Verneinung Gottes und die Ablehnung des
Gottesglaubens in der westlichen Bundesrepublik zu vernachlässigende
Größen sind, wenn es um die Zukunft unserer Kirche geht. Wenn dem
„Religionsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung zu trauen ist, sind
atheistische Überzeugungen auch hier mindestens für ein viertel der
Bevölkerung prägend. In Westberlin sind es ohne Zweifel mehr, so dass
der amerikanische Soziologe Peter Berger unser deutsche Hauptstadt im
Ganzen die „Welthauptstadt des Atheismus“ genannt hat. Angesichts
dessen ist die Frage nicht von der Hand zu weisen, warum unsere
Evangelische Kirche der Herausforderung, wie dem Atheismus der
Menschen zu begegnen sei, so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Die Antwort
darauf gibt jenes „Impulspapier“ selbst. Sie lautet im Klartext: Der
Atheismus ist dabei, von alleine zu verschwinden.
Denn in jenen Zukunftspapieren- und
kongressen wird nicht geringe Hoffnung auf die „Wiederkehr der
Religion“ gesetzt. Was damit gemeint ist, sagt jenes „Impulspapier“
gleich im Vorwort: „Es wird neu nach Gott gefragt. Religiöse Themen
ziehen eine hohe Aufmerksamkeit auf sich. Menschen fragen auch wieder
nach der eigenen religiösen Identität“. „Eine in den zurückliegenden
Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber“ dem christlichen
Glauben „weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige
Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“.. Die Überzeugung,
dass der Atheismus angesichts des „Megatrends“ der „Respiritualisierung“
unserer Gesellschaft abgewirtschaftet habe, hat es unterdessen sogar
bis in Lehrbücher der Dogmatik gebracht. Vom „Gewohnheitsatheismus“
seien nur noch „Rudimente“ übrig geblieben, lesen wir z.B. in einer
solchen Dogmatik aus München, dessen Vf. vermutlich schon länger nicht
die bayrisch-thüringerische Grenze überschritten hat.
Wir dürfen jedoch nicht meinen, hier
würden nur kirchliche Wolckenkuckucksheime gezimmert. Auch von den
Gesellschaftswissenschaften wird bestätigt, dass „Religiosität“ in
unserer Zeit eine neue Bedeutung für die Menschen gewonnen hat.
Orientieren wir uns einen Moment lang an Ulrich Beck, dem Verfasser
der viel beachteten Bücher über die „Risikogesellschaft“, der sich
jetzt gerade in seinem Buch „Der eigene Gott“ mit der neu auflebenden
Religiosität beschäftigt hat, so gilt: Die sogenannte
„Säkularisierungstheorie“ ist falsch.
„Säkularisierung“ heißt auf deutsch
„Verweltlichung“. Damit hatte man sich lange Zeit das Absterben
religiöser Lebensorientierungen und das Aufblühen des Atheismus in
modernen, von Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaften
erklärt. Mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt – so sagt
diese Theorie – verliert der Glaube an Gott seine Funktion im Leben
der Menschen. Gott ist demnach weder für die wissenschaftliche
Erkenntnis noch für die Lebensorientierung erforderlich. Die Menschen
wurden in den letzten 200 Jahren autonom, d.h. sie bestimmen
ihre Geschicke selbst. Dietrich Bonhoeffers Urteil zum Beispiel, „dass
wir einer völlig religionslosen Zeit entgegen gehen“, verdankt sich
dieser Deutung des Selbstverständnisses von Menschen in unserem
Zeitalter. Gott als „Arbeitshypothese“ der Erkenntnis und als
„Problemlöser“ im Leben ist abgeschafft, hat er geurteilt. Die
Menschen können deshalb „einfach nicht mehr religiös sein“.
Das ist nicht richtig, sagen Soziologen
wie Beck. Die globalisierten Modernisierungsprozesse der von
Wissenschaft, Technik und nicht zuletzt von der Wirtschaft geprägten
Gesellschaft lösen beim Einzelnen keinesfalls Hochgefühle
selbstbestimmter Weltbeherrschung aus. Die jüngste „Finanzkrise“ ist
des Zeuge! Diese Prozesse verunsichern vielmehr die Menschen. Darum
suchen sie Halt in einer Spiritualität, die ihnen ganz persönlich das
Gefühl gibt, inmitten von lauter Haltlosigkeiten gehalten zu sein.
Doch das Problem für unsere Kirche ist: Diese Spiritualität ist
keinesfalls an den Wahrheiten des christlichen Glaubens interessiert.
Sie ist durch und durch nach dem Empfinden der einzelnen Menschen
„zusammen gebastelt“. „Cafeteria-Religion“ hat ein Zürcher Theologe
sie getauft: „Versatzstücke der Weltreligionen, streßmindernde
Meditationsrituale und esoterische Spekulationen, ein Häppchen
Buddhismus und etwas Mystik nach Feierabend.“ Menschen, die sich für
solche Religiosität öffnen, sind deshalb keinesfalls Verbündete bei
der kirchlichen Auseinandersetzung mit dem Atheismus. Sie
treten vielmehr aus der Kirche aus, um auf ihre eigene Weise
„religiös“ sein zu können. „Um an Gott zu glauben bzw., um religiös zu
sein, brauche ich keine Kirche“, kann man hier hören.
Deshalb trägt nicht bloß der Atheismus,
sondern auch die individualisierte Religiosität zur Dezimierung der
Christenheit in Deutschland bei. Dass die „Wiederkehr der Religion“
oder auch die „Wiederkehr der Götter“, unserer Kirche die
Auseinandersetzung mit der Herausforderung durch den Atheismus
erspare, wird man deshalb nicht behaupten wollen. Im religiös dürren
Osten findet diese „Wiederkehr“ im Übrigen so gut wie nicht statt.
3. Der neue und der alte Atheismus
Zur gleichen Zeit,
als unsere Kirche den Schulterschluss mit der „Wiederkehr der
Religion“ suchte, haben sie einige laute Fanfarenstöße des Atheismus
aufgeschreckt. Die Buchläden waren auf einmal voll von Titeln
sogenannter „Neuer Atheisten“. „Der Gotteswahn“, „Der Herr ist kein
Hirte“, „Das Ende des Glaubens“ und ähnlich lauten solche Titel.
Gewisse Medien wie der „Stern“ und der „Spiegel“, aber auch diverse
Talk-shows haben es sich nicht nehmen lassen, dieser neuatheistischen
Literatur und ihren Vertretern einen breiten Resonanzraum zu
verschaffen. Die knallige Art und Weise, in welcher der
Atheismus hier mit regelrechten Schimpfkanonaden auf die Religion
auftrat, war natürlich ein gefundenes Fressen für die an Sensationen
interessierten Medien. Sie machte Schluss mit den eher leisen Tönen,
mit welchen der im „humanistischen Verband“ organisierte Atheismus,
der sich auch die Stasi-Gründung des Freidenkerverbandes aus den
letzten Zeiten der DDR einverleibt hatte, bisher auftrat. Zu diesen
leisen Tönen war auch aller Anlass gegeben.
Denn es ist noch nicht vergessen, dass
im Namen des Atheismus in der Sowjetunion, in ihren sozialistischen
Vasallenstaaten und so auch in der DDR Menschen, die der christlichen
Religion anhingen, unterdrückt und drangsaliert wurden. In der
Sowjetunion fanden regelrechte Christenverfolgerungen statt. Unzählige
Priester und Gläubige wurden ermordet, Klöster niedergebrannt und
Kirchen zu Schwimmhallen und Kinos umgebaut. SED-Chef Walter Ulbricht
ließ Anfang der 50ger Jahre des vorigen Jahrhunderts Pläne
ausarbeiten, wie die christliche Kirche in Ost-Deutschland zu
liquidieren sei. 1953 wurde versucht, diese Pläne ins Werk zu setzen,
indem Junge Gemeinden und Studentengemeinden als „Agentenzentralen des
amerikanischen Imperialismus“ verfolgt wurden. Selbst als die Kirche
in der DDR bereit war, dem atheistischen Sozialismus unter dem
vieldeutigen Leitwort einer „Kirche im Sozialismus“ das Beste
abzugewinnen, hörten die Übergriffe in das Leben von Christinnen und
Christen nicht auf. Kindern christlicher Eltern wurde weiter der
Zugang zur Oberschule und zur Universität verweigert, ganze
Berufszweige waren für Christinnen und Christen verschlossen, wo es
etwas zu schikanieren gab, wurde schikaniert usf.
Der organisierte Atheismus hatte also
nach der „friedlichen Revolution“ allen Grund, sich so freundlich zu
gebärden, wie nur möglich. So taten es ja auch die vielen Menschen,
denen der real-sozialistische Staat den Glauben und die Kirche
abgewöhnt hatte. Als Bürgerinnen und Bürger in unserer pluralistischen
Gesellschaft hegen und pflegen sie nun die erfolgreichste
Hinterlassenschaft des „real-existierenden Sozialismus“ – und das ist
der Atheismus. Die Verwandten weiter westlich assistieren ihnen dabei,
indem die Tanten und Onkels aus Stuttgart zusammen mit ihren Nichten
und Neffen in Frankfurt/Oder schiedlich-friedlich atheistische Rituale
wie die Jugendweihe feiern. Atheismus – ob westlich oder östlich
motiviert – ist in der pluralistischen Gesellschaft eben
gesellschaftsfähig.
Wer jedoch Erfahrungen mit atheistisch
motivierter Machtausübung gegenüber der Kirche und ihren Gliedern hat,
erschrickt unwillkürlich, wenn Atheisten nun wieder anfangen, mit
Vorurteilen und Ressentiments unverhohlen den Hass auf die Religion zu
schüren. Ich habe hier das Kinderbuch vor mir, das der
Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael
Schmidt-Salomon, 2007 verfasst hat. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte
das kleine Ferkel“, heißt dieses Machwerk, das der „humanistische
Pressedienst“ unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als „Heidenspaß“
anpreist. In diesem Buch werden die Vertreter der verschiedenen
Religionen als dumme, hasserfüllte und gewalttätige
Schreckensgestalten vorgeführt und lächerlich gemacht. Besonders
schlimm sind die Illustrationen dazu, vor allem die Darstellung eines
jüdischen Rabbis, die direkt der antisemitischen Nazipropaganda des
„Stürmer“ entnommen zu sein scheint. Unterdessen ist noch ein zweites
Kinderbuch dieser Art erschienen: „Susi neunmalklug erklärt die
Evolution“. Es soll offenkundig dazu dienen, vom Religionsunterricht
abzuschrecken. Denn dort wird ein hässlicher und blöder
Religionslehrer bloß gestellt und verlacht, der die Kinder lehrt, die
Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden.
Wie
kommen deutsche Atheisten darauf – müssen wir uns wohl fragen – , in
einem Tone, der direkt der atheistischen Propaganda in den finstersten
Zeiten des Stalinismus entlehnt zu sein scheint, den christlichen
Glauben und die Kirche derart zu verunglimpfen? Man kann den Kirchen
und ihren Gliedern in unserem Lande ja allerhand vorwerfen. Aber
Brutstätten von Unwissenheit und Gewalt sind sie in keinem Fall. Wir
erinnern uns in diesen Wochen daran, dass die Losung „Keine Gewalt“
von unserer evangelischen Kirche auf die Straßen der DDR getragen
wurde und Friedensfolgen von geradezu kosmopolitischen Ausmaßen
gezeitigt hat. Jene beiden Hauptargumente gegen die Kirche, hier werde
Dummheit und Gewalt gezüchtet, verdankt sich denn auch gar nicht der
Anschauung der Wirklichkeit unserer Kirche. Dieser wilde Atheismus
stammt auch nicht aus dem Osten, sondern aus dem wilden Westen. Er ist
ein Import aus der anglo-amerikanischen Welt, vorzüglich aus
einem ausgesprochen religiösen Lande, nämlich aus den USA.
4. Das atheistische Bild von den
Religionen
Warum der Vorwurf
dummer Unwissenheit und intoleranter Gewalttätigkeit im Zentrum der
Polemik der „Neuen Atheisten“ gegen alle Religionen steht, verstehen
wir, wenn wir uns seine beiden Auslöser in den USA vor Augen halten.
Der eine Auslöser ist der dort in den Kirchen weit verbreitete
christliche Fundamentalismus. Dieser Fundamentalismus versteht
alle biblischen Zeugnisse von Gott, der Welt und den Menschen in
gleicher Weise als zeitlos gültige Offenbarungen Gottes. Er verteidigt
darum die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des
menschlichen Lebens gegen die Astrophysik und gegen die Theorie von
der Evolution des Lebens aus dem Tierreich. Er vertritt eine Ethik,
welche die Vorstellungen der Bibel von Staat und Gesellschaft, Ehe,
Sexualität und Familie direkt in unsere Zeit überträgt. Dieses
Christentum zu bekämpfen, haben die „Neuen Atheisten“ sich
vorgenommen, allerdings so, dass sie alles Christentum, ja alle
Religionen mit diesem Fundamentalismus in einen Topf werfen.
Der andere Anlass für ihr Auftreten ist
der 11. September 2001, der islamistische Terroranschlag auf das
World-Trade-Center in New York. Das religiöse Motiv dieses
Anschlags, nämlich die Vernichtung von Ungläubigen und die Verheißung
des Paradieses für die Attentäter, hat sie auf die Idee gebracht, alle
Religion sei notwendig gewaltsam gegenüber Andersgläubigen. Das
wiederum schlussfolgern sie aus dem angenommenen fundamentalistischen
Charakter aller Religion. Religiöser Glaube erfindet – meinen sie –
aus Unwissenheit absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen.
Da er nicht in der Lage ist, solche Vorstellungen argumentativ
zu vertreten, kann er sie nur so aufrecht halten und verteidigen,
indem er dazu übergeht, Menschen mit anderen Vorstellungen von Gott,
Mensch und Welt zu hassen und ihnen schließlich den Kopf einschlagen.
„Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ und Vernichtungswut
gegenüber anderen – das ist nach Christopher Hitchens Buch „Der Herr
ist kein Hirte“ das Wesen der Religion und insbesondere des
Christentums.
Nun wird man nicht bestreiten wollen
noch können, dass Fundamentalismus eine Erscheinungsform des
christlichen Glaubens ist, die es weltweit und so auch hier bei uns in
Deutschland gibt. Noch weniger ist klein zu reden, dass mit der
Geschichte der christlichen Kirchen und der Religionen eine Blutspur
religiös motivierter Gewalt verbunden ist. Aber beides unterliegt in
den christlichen Kirchen längst schon so eindeutig der Kritik, dass
die „Neuen Atheisten“ mehr oder wenige offene Türen einrennen. Bei den
nichtglaubenden Menschen jedoch beleben sie alte antireligiöse
Vorurteile neu. Deshalb ist es wichtig, die Menschen geduldig über den
Friedensdrang und die Wissenschaftsfreundlichkeit unserer Kirche
aufzuklären. Es ist schön, dass wir das am Reformationstag mit
urreformatorischen Einsichten tun können.
5. Reformatorische Positionen
Wir haben schon
gehört, dass es ein wesentliches Anliegen der Reformation war, der
Verquickung des Auftrages der Kirche mit weltlicher Macht ein Ende zu
bereiten. Unser Augsburgisches Bekenntnis hält darum fest, dass die
Verkündigung des Evangelium nur „sine vi, sed verbo“ – „ohne
Gewalt, mit dem Wort“ – erfolgen darf. Wie sehr sich unsere
reformatorischen Kirchen – Luther leider nicht ausgenommen – an diesem
Grundsatz auch versündigt haben: Für uns ist er aufgrund der
Friedensprophetie Israels und durch Jesus Christus, der
Personifizierung der Liebe Gottes, verpflichtend. Gott stellt
sich laut des Lebens und Sterbens Jesu Christi niemals auf die Seite
der Hassenden und der Menschenschlächter. Dazu stehen wir, indem wir
Reformation feiern.
Was den anderen Angriff auf die
Religion betrifft, der die wissenschaftsfeindliche Dummheit religiöser
Menschen anprangert, so sind die „Neuen Atheisten“ einfach schlecht
informiert. Schon ein Blick das Wittenberg der dreißiger Jahren des
16. Jahrhunderts genügt, um die Mär von der grundsätzlichen
Wissenschaftsfeindlichkeit des Christentums ad absurdum zu führen. Das
grundstürzende System des Kopernikus konnte hier trotz seiner
Ungereimtheiten ungehindert gelehrt werden. Andreas Osiander hat in
Nürnberg das Hauptwerk des Kopernikus herausgegeben und mit einem
Vorwort versehen. Ein lutherischer Theologe, Johannes Kepler, wurde
ein paar Jahrzehnte später zum Begründer der neuzeitlichen Astronomie.
Das war möglich, weil Gott uns nach reformatorischem Verständnis diese
Schöpfung nicht nur zum Bebauen und Bewahren, sondern auch zum
Erkennen frei gibt.
Natürlich hat es da in den folgenden
Jahrhunderten Erschütterungen von Vorstellungen gegeben, die sich
durch die Bibel und die christliche Tradition an den christlichen
Glauben geheftet hatten. Auch die Kirche musste lernen, mit neuen
Weltbildern umzugehen, die sich dem Fortschreiten der Wissenschaften
verdankten. Aber dass die Vorstellungen und Einsichten vom Werden der
Erde und der Menschen, wie sie etwa die beiden biblischen
Schöpfungsberichte vermitteln, nur zeitbedingte, relative
Einsichten von Menschen zum Ausdruck bringen, war schon im
vorreformatorischen Mittelalter allgemein anerkannt. Den Unfug, die
Kirche des Mittelalters habe gelehrt, die Erde sei eine Scheibe,
verbreiten die „Neuen Atheisten“ z.B. fleißig. Allgemeine Überzeugung
war damals im Gegensatz dazu das ptolomäische Weltbild. Danach
ist dem die Erde eine Kugel, die im Zentrum von sie umgebenden
Himmelssphären ruht. Die biblischen Schriftsteller im ersten Mosebuch
redeten hier nur in einer dem Fassungsvermögen einfacher Menschen
angepassten Weise, hat man sich diesen Widerspruch zur Bibel zu
erklären versucht.
Es ist überhaupt ein Fehler, den
christlichen Glauben mit dem Fürwahr-Halten von bestimmten
Vorstellungen über die Welt- und Menschenentwicklung in eins zu
setzen. Dieser Glaube kann sich – entsprechend unserem Wissen damals
und heute – mit solchen Vorstellungen verbinden. Aber er erwächst
nicht aus ihnen und sie sind nicht das, worauf Christinnen und
Christen im Leben und Sterben vertrauen. Glaube als Vertrauen zu Gott
wird vielmehr aufgrund von Erfahrungen mit Gott geweckt, die
wir in unserem Leben machen. Im Falle des christlichen Glaubens sind
das die Erfahrungen, die durch die Begegnung mit Jesus Christus und
mit Israel zustande kommen. Sie wecken in uns das Vertrauen zu
Gott als unverfügbarem Grund und Sinn unseres Leben, ja der Welt. Nur
durch solchen Glauben erschließt sich uns Gott. „Gott und Glaube
gehören zuhaufe“, gehören zusammen, hat Martin Luther in seinem
„Großen Katechismus“ diese Einsicht kurz und bündig auf den Punkt
gebracht.
Wissenschaftliche Erkenntnis aber kann
solchen Glauben weder begründen noch außer Kraft setzen. Die neuen und
die alten Atheisten befinden sich in einem Selbstirrtum, wenn sie
behaupten, sie seien aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse vom
Werden des Universums und von der Evolution des menschlichen Lebens
Nichtglaubende. So verkündet es ja der gegenwärtig durch Deutschland
tourende Atheismus-Bus – ich weiß nicht, ob er schon in Heilbronn war.
Darauf steht der auf den ersten Blick etwas merkwürdig wirkende Satz:
„Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
nicht“. Das ist ein fast wörtliches Zitat aus dem Buch „Der
Gotteswahn“ des Oxforder Evolutionsforschers Richard Dawkins. Er sagt,
weil die Naturwissenschaften die Existenz Gottes nicht beweisen
können, existiert er mit über 50% Wahrscheinlichkeit nicht.
Gott sei Dank, können wir da im Glauben
an Gott nur zustimmen, ist Gott keine Wirklichkeit, die man in
Naturgesetzen verorten oder errechnen und auf diese Weise Gottes
Herrlichkeit vielleicht auch noch technisch verwerten kann wie die
Atomkraft. „Einen Gott“, – so können wir im Anschluss an Dietrich
Bonhoeffer sagen – „den es gibt (wie es die Menschen, die Dinge, die
Sterne und Galaxien gibt) gibt es nicht“. Was Menschen als Gott zu
errechnen oder experimentell zu nachzuweisen vermöchten, wäre mit
Sicherheit nicht Gott, sondern nur ein Teil oder eine Dimension der
Welt, also theologisch gesprochen: ein Götze, ein Produkt des
Aberglaubens. Die Naturwissenschaften müssen sich darum mit dem
Wissen begnügen und sollen vom Glauben wie vom Unglauben die
Finger lassen.
Dawkins tut das denn auch in gewisser
Weise, indem er am Ende zu dem Satz kommt: „Dass etwas nicht
existiert, braucht auch gar nicht bewiesen zu werden“. Damit gibt er
zuerkennen, dass seine Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes
überhaupt nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern
aufgrund mangelnder Glaubenserfahrung zustande gekommen ist.
Hier redet schlicht ein Nicht-Glaubender, der versucht, das Vorurteil
seines Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu
begründen. Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in
Glaubensfragen nur der Stimme enthalten kann, ebenso eine
antireligiöse Ideologie wie es schon der manifest falsche dialektische
Materialismus getan hat.
Glaubende Menschen sind demgegenüber
Anwältinnen und Anwälte einer freien und vorurteilslosen Wissenschaft.
Sie machen sich die Wunschvorstellung vom Verhältnis des Glaubens zur
Wissenschaft zu eigen, die der berühmte evangelische Theologe
Friedrich Schleiermacher schon 1829 zum Ausdruck gebracht hat.
Schleiermacher, der sich große Verdienste um die Gründung der Berliner
Universität erworben hat, deren 200jähriges Jubiläum wir im nächsten
Jahre feiern, wollte der Christenheit einprägen, dass der
reformatorische Glaube ein Freund der Naturwissenschaften ist. Er hat
darum noch ziemlich am Beginn des wissenschaftlichen Zeitalters
gesagt, es gelte die Reformation zu vollenden und „einen ewigen
Vertrag zu stiften zwischen dem lebendigen christlichen Glauben und
der nach allen Seiten freigelassenen [...] wissenschaftlichen
Forschung, so dass jener diese nicht hindert und diese jenen nicht
ausschließt“.
6. Die Verantwortlichkeit aller
Glaubenden für das Gespräch mit Atheisten
Ich muss zum
Schluss kommen, wenngleich es zur Auseinandersetzung mit den neuen und
alten Atheisten noch viel zu sagen gäbe. Denn die Herausforderung
unserer Kirche durch den Atheismus berührt alle Bereiche unseres
Lebens und nicht zuletzt unseres Handelns und Verhaltens. Darum ist es
nötig, dass wir diese Herausforderung nicht bloß als eine
Angelegenheit der Kirchleitungen und der Theologie betrachten. Nach
der reformatorischen Lehre vom „Priestertum aller Glaubenden“ sind
alle Christinnen und Christen dafür verantwortlich, den Glauben an
Gott in ihrer Lebenswelt zu artikulieren und darzustellen. Sie sind
auch die Wichtigsten, wenn es gilt, das Gespräch mit Menschen, welche
atheistischen Überzeugungen anhängen, außerhalb des kirchlichen
Raumes zu suchen. Denn erfahrungsgemäß schaffen es offizielle
kirchliche Stellungnahmen und die Präsenz der Kirche in den Medien
nicht, das atheistische Milieu zu erreichen.
Die persönliche Begegnung mit
Menschen, die glauben, ist für die meisten, welche mit dem Glauben und
der Kirche keine Erfahrungen haben, die einzige Möglichkeit, Anstöße
zum Überdenken ihrer atheistischen Urteile und Vorurteile zu erhalten.
Ob dabei eine neue Offenheit für den christlichen Glauben entstehen
wird, kann heute niemand sagen. Glauben zu wecken ist ohnehin alleine
das Werk des Heiligen Geistes. Wir können ihm nur den Weg bereiten,
indem wir den Menschen ein anderes Bild des christlichen Glaubens und
Lebens vor Augen führen, als es sich Menschen machen, die diesen
Glauben in einer verzerrten Gestalt allenfalls von ferne kennen.
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