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„Neuer Atheismus“ – alter Atheismus
Erkundungen in einem religions- und
christentumsfeindlichen Milieu
1. Atheismus im real-existierenden
Sozialismus und ein Erschrecken heute
Der Atheismus ist
in Deutschland seit der friedlichen Revolution im Jahre 1989 eine
verhältnismäßig zahme und unspektakuläre Angelegenheit geworden. Er
gilt in unserer pluralistischen Gesellschaft als eine weltanschauliche
Orientierung unter anderen weltanschaulichen und religiösen
Orientierungen, die respektiert und geachtet werden. Denn eine den
Grundsätzen der Menschenrechte verpflichtete Demokratie räumt jedem
das Recht ein, sich zu den Grundfragen unseres Lebens eine eigene
Meinung zu bilden und diese Meinung im friedlichen Streite mit anderen
weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen und im Respekt vor den
Menschen mit solchen Überzeugungen zu vertreten. Insofern ist nichts
dagegen einzuwenden, dass es in unserer Gesellschaft Atheisten gibt,
im Osten Deutschlands sogar massenweise, welche die Gottlosigkeit von
Menschen für ein erstrebenswertes Ideal eines wahrhaft menschlichen
Lebens halten und dafür zuweilen auch eintreten.
Im Falle
der Atheisten, die ihre Wurzeln im östlich-realsozialistischen
Atheismus haben, ist es freilich nicht so einfach, ihre dort
gewonnene Geistigkeit heute als Triebkraft friedlich-demokratischer
Gesinnung und Gesittung wahrzunehmen. Denn es ist noch nicht
vergessen, was der Atheismus angerichtet hat, der seit der
Oktoberrevolution in Russland fast ein ganzes Jahrhundert lang die
östliche Halbkugel unserer Erde dominiert hat und sich nach dem 2.
Weltkrieg als allein richtige Weltanschauung in der DDR mit
staatlich-dikatorischer Macht etablierte. Unter der Leitung der
Zwangsvorstellung, dass Religion ein besonders verderbliches Werk des
„Klassenfeindes“ sei, glaubten sich die atheistischen
Weltanschauungsstaaten berechtigt, mit Gewalt und Unterdrückung gegen
die Christen in ihren Ländern vorzugehen.
In der Sowjetunion fanden regelrechte
Christenverfolgerungen statt. Im Namen der
atheistisch-materialistischen Weltanschauung wurden unzählige Priester
und Gläubige ermordet, Klöster niedergebrannt und Kirchen zu
Schwimmhallen und Kinos umgebaut. Vasallen der Sowjetunion wie Walter
Ulbricht haben Anfang der 50ger Jahre des vorigen Jahrhunderts Pläne
ausarbeiten lassen, wie die christliche Kirche in Ost-Deutschland zu
liquidieren sei. 1953 wurde versucht, diese Pläne ins Werk zu setzen,
indem Junge Gemeinden und Studentengemeinden als „Agentenzentralen des
amerikanischen Imperialismus“ drangsaliert und ihre Glieder in
Stasigefängnissen gequält wurden. Dieser atheistische Furror in der
DDR, der viele Christen in die Flucht aus diesem Lande getrieben hat,
wurde selbst den Russen zu viel. Sie haben Ulbricht zurück gepfiffen
und den Kirchen wurde daraufhin noch vor dem 17. Juni ein „neuer Kurs“
prophezeit.
Dieser neue Kurs hat aber nicht
verhindert, dass durch die ganze DDR-Zeit hindurch Christinnen und
Christen unterdrückt wurden und mit Druck darauf hingearbeitet wurde,
die Mitgliederzahlen der Kirche zu dezimieren. Ganze Berufszweige
waren für Christinnen und Christen verschlossen, Kinder christlicher
Eltern wurde die höhere Schulbildung und das Studium verwehrt, wenn es
etwas zu schikanieren gab, wurde schikaniert usf. Selbst als sich die
Einsicht durchsetzte, dass die Religion unter den Segnungen des real
existierenden Sozialismus wohl nicht ganz „absterben“ würde und die
offizielle Kirche als „Kirche im Sozialismus“ irgendwie ihren Frieden
mit diesem System zu schließen bereit war, gingen die Drangsalierungen
der Glieder der christlichen Gemeinden und die Übergriffe in die
Biographien christlicher Menschen weiter.
Diejenigen, die das Alles noch nicht
vergessen haben, weil die Wunden, welche die atheistisch grundierte
Machtausübung ihrem Leben geschlagen hat, noch nicht vernarbt sind,
dürften deshalb besonders wache Ohren haben, wenn der Atheismus heute
wieder beginnt, sein friedlich-humanistisches Mäntelchen abzulegen und
mit verzerrten Darstellungen des Gottesglaubens, Vorurteilen und
Ressentiments unverhohlen den Hass auf die Religion zu schüren
beginnt. Ich habe hier das Kinderbuch vor mir, das der
Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, Michael
Schmidt-Salomon, 2007 verfasst hat. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte
das kleine Ferkel“, heißt dieses Machwerk, das der „humanistische
Pressedienst“ unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als „Heidenspaß“
anpreist. In diesem Buch werden die Vertreter der verschiedenen
Religionen als dumme hasserfüllte Schreckensgestalten vorgeführt und
lächerlich gemacht. Besonders schlimm sind die Illustrationen dazu,
vor allem die Darstellung eines jüdischen Rabbis, die direkt der
antisemitischen Nazipropaganda des „Stürmer“ entnommen zu sein
scheint.
Zu
dergleichen fühlen sich deutsche Atheisten offenkundig ermutigt, weil
die Buchläden sich vor drei Jahren mit Produktionen sogenannter „Neuer
Atheisten“ zu füllen begannen. Zu deren Profil aber gehört
unverkennbar eine Sprache des Zorns und der Verächtlichmachung der
Religionen und vor allem des Christentums. Nicht zuletzt auf Grund
seiner zügellosen Sprache hat in Deutschland vor allem das Buch des
Oxforder Evolutionsforschers Richard Dawkins Aufmerksamkeit gefunden.
Es heißt „Der Gotteswahn“ und will dementsprechend sagen, dass
Menschen, die an Gott glauben, irrsinnig sind, weil sie unter einem
altertümlichen und gefährlichen Wahnsinn leiden, von dem sie der
Atheismus zu heilen und zu befreien verspricht. Die Presse, wie die
Illustrierte „Der Stern“ und das Magazin „Der Spiegel“, aber auch
diverse Talk-shows, haben die Schimpfkanonaden auf die Religion und
besonders auf den christlichen Glauben, an denen offenbar sorgfältig
gefeilt wurde, mit der ihnen eigenen Sensationslust begierig
aufgenommen und verbreitet.
Der sound, an dem sie dabei vor allem
interessiert waren, klingt etwa so: Die Bibel – das ist eine
„chaotisch zusammengestoppelte Anthologie zusammenhangsloser
Schriften“ (327). Gott – das ist ein „psychotisches“ „grausames
Ungeheuer“, ein „Monster“, nämlich „ein kleinlicher, ungerecht
nachtragender Kontroll-Freak; ein rachsüchtiger blutrünstiger
ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer,
kinds- und völkermörderischer, ekliger, größenwahnsinniger,
sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann“. Jesus – das ist der
Vertreter einer jüdischen „Gruppenmoral“, die „Anweisungen zum
Völkermord“ (358) gibt. Glauben – das ist „Gott in den Hintern
kriechen“ (321f.). Christliches Leben – das ist eine „ethische
Katastrophe“. Kirche – das ist Kindesmissbrauch, d.h. nicht nur
„Fummelei in der Sakristei“ (440) und das Quälen von Mädchen durch
„grausame Nonnen“, sondern das Verderben des Geistes von Kindern mit
„Unsinn“ (453). Keine Gelegenheit zum Zynismus wird ausgelassen, so
wenn etwa den Christen empfohlen wird, elektrische Stühle statt Kreuze
um den Hals zu tragen und sich bei einer schlechten Krebs-Diagnose auf
eine „schnellere Reise in den Himmel“ wie auf „einen Urlaub auf den
Seychellen“ zu freuen.
Es ist kein Zweifel, so wie hier
geredet wird, hat die atheistische Propaganda-Literatur in der Zeit
des Stalinismus geredet. Ich habe mich darum erschrocken gefragt, was
Menschen, deren Geistigkeit sich in einer solchen Sprache äußert, wohl
mit den Christen machen würden, wenn sie Macht über sie gewönnen. Denn
es ist ganz klar: Hier soll Dialog geführt werden. Hier wird
abgeurteilt und diskriminiert. Es lohne sich gar nicht, sich mit
dieser Literatur auseinanderzusetzen, haben darum viele Kritiker
geäußert. Dawkins habe das Niveau eines „Dorfatheisten“, der Klischees
aus der „Mottenkiste“ der Vulgäraufklärung mit Geschmacklosigkeiten
garniert. Außerdem strotzt sein Buch von richtigen Fehlern. Alister Mc
Grath hat sie in einer Retourkutsche auf Dawkins („Atheismuswahn“)
alle aufgelistet.
Dennoch gibt es genügend Leute in
Deutschland, die den Ball gerne aufnehmen und weiter spielen, den die
„Neuen Atheisten“ ins Spiel gebracht haben. Jener Schmidt-Salomon z.B.
hat seinem Ferkelgott-Buch jetzt ein zweites mit dem Titel „Susi
neunmalklug erklärt die Evolution“ folgen lassen. Es soll offenkundig
dazu dienen, vom Religionsunterricht abzuschrecken. Denn dort wird ein
hässlicher und dummer Religionslehrer bloß gestellt und verlacht, der
die Kinder lehrt, die Welt sei in sieben Tagen erschaffen worden. Hier
werden ganz bewusst Lügen verbreitet. Denn in keinem Lehrplan für den
Religionsunterricht wird das Thema „Schöpfung und Evolution“ so
behandelt. Da solche Art von Atheismus-Verbreitung offenkundig in die
Schulen drängt, ist es schon geraten, ernst zu nehmen, was da
verbreitet wird und wie die „Neuen Atheisten“ bei uns popularisiert
werden. Doch zunächst müssen wir fragen: Was ist denn überhaupt das
„Neue“ an dem Atheismus, der in jüngster Zeit von sich reden macht?
2. Die Anlässe für den „Neuen
Atheismus“
„Neu“ ist der
Atheismus, von dem wir hier reden, für uns zunächst einmal
darum, weil er nicht aus unserer mitteleuropäischen Gegend stammt.
Dieser Atheismus ist ein Import. Er stammt aus dem
anglo-amerikanischen Sprachraum und kommt hier durch Übersetzungen auf
den Markt. Auch inhaltlich spielen bei seinen Vertretern die
europäischen und deutschen religiösen Verhältnisse keine Rolle,
geschweige denn die theologische und philosophische Literatur, die
hier zum Thema „Atheismus“ erschienen ist. Der dominierende Kontext,
auf den sich dieser Atheismus bezieht, ist vielmehr die religiöse
Situation in den USA und dort vor allem der weit verbreitete
christlichen Fundamentalismus, der auch auf die Politik einen starken
Einfluss nimmt.
Dieser Fundamentalismus versteht alle
biblischen Zeugnisse von Gott, der Welt und den Menschen in gleicher
Weise als zeitlos gültige Offenbarungen Gottes. Er verteidigt darum
die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des
menschlichen Lebens gegen die Astrophysik und gegen die Theorie von
der Evolution des Lebens aus dem Tierreich. Er zeichnet sich durch
eine Ethik aus, die z.B. Homosexualität für gottwidrig hält und auch
sonst die ethischen Vorstellungen der Bibel von Staat und
Gesellschaft, Ehe und Familie, direkt in unsere Zeit überträgt.
Dieses Christentum zu bekämpfen, hat
der „Neue Atheismus“ sich vorgenommen. Was er dagegen vorzubringen
hat, darüber könnte man ja sicherlich mit vielen Christinnen und
Christen, Kirchen und Konfessionen auf der Welt reden. Die stärkste
und direkteste Kritik am christlichen Fundamentalismus wird weltweit
in den Kirchen selbst und in der christlichen Theologie geübt. Doch
das schert die „Neuen Atheisten“ nicht. Ihr besonderes Profil gewinnen
sie vielmehr dadurch, dass sie alles Christentum auf der Welt mit
diesem Fundamentalismus in einen Topf werfen. Christen müssen so
sein, dass sie glauben, die Welt sei vor sechstausend Jahren
erschaffen und Adam mit seiner Eva seien historische Figuren. Wir
müssen alle Anweisungen aus Bibel befolgen wie z. B. den im Alten
Testament geschilderten Heiligen Krieg gegen Menschen anderer
Religionen. Ja mehr noch: Alle Religionen der Welt werden so
beurteilt, dass sie längst veraltete, menschenfeindliche und
vernunftwidrige, durch die Wissenschaft widerlegte, absurde
Vorstellungen von der Welt und vom Menschen hegen.
Dieses Argument ist allerdings
überhaupt nicht „neu“. Das kennen wir seit über 200 Jahren. Bleibt
also nur die Behauptung, dass alle Religion in dem beschriebenen Sinne
fundamentalistisch sein muss. Natürlich sehen die „Neuen
Atheisten“ auch, dass es eine sehr große Aufgeschlossenheit im
Christentum für die moderne, wissenschaftliche Zeit gibt und viele der
bedeutendsten Naturwissenschaftlicher Christen sind. Doch das
beurteilen sie gewissermaßen als einen Betriebsunfall der Religion,
der nicht aus den Wurzeln des Gottesglaubens kommt. Dergleichen
verdanke sich vielmehr dem Einfluss des Atheismus auf den Glauben.
Darum werden die in Kirche und Theologie reichlich vorhandenen
Erklärungen über das Verhältnis von Gottesglaube und Naturwissenschaft
gar nicht erst zur Kenntnis genommen.
Hinzu kommt ein Weiteres, was in
gewisser Weise „neu“ für den Atheismus ist. Es hängt mit der Zeit
zusammen, in der sich in Amerika zu Worte meldete. Es ist die Zeit
nach dem 11. September 2001, dem islamistischen Terroranschlag auf das
World-Trade-Center in New York. Das religiöse Motiv dieses
Anschlags, nämlich die Vernichtung von Ungläubigen und Verheißung des
Paradieses für die Attentäter, hat auch bei uns eine Diskussion über
den Zusammenhang von Religion und Gewalt ausgelöst, auf den wir noch
zu sprechen kommen. In den USA aber ist diese Diskussion auf die
Behauptung zugespitzt worden, alle Religion sei notwendig
gewaltsam gegenüber Andersgläubigen. Sam Harris, ein
amerikanischer Neurowissenschaftler, hat in seinem auch in Deutschland
veröffentlichten Buch, „Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und
das Licht der Vernunft“ daraus die Konsequenz gezogen, nur der
Atheismus könne die Welt vor solcher Gewalt bewahren. Der
unwissenschaftliche Aberglaube an einen Gott sei dagegen eine immer
wieder neu sprudelnde Quelle der Gewalt in unserer Welt.
Darüber aufzuklären, hat sich der „Neue
Atheismus“ zum Ziel gesetzt. „Brihgts“, Aufklärer, nennen sich diese
Atheisten deshalb. Sie klären darüber auf, „wie die Religion die Welt
vergiftet“. So lautet der Untertitel des Buches des Journalisten und
ehemaligen Trotzkisten Christopher Hitchens „Der Herr ist kein
Hirte“. In diesem Buch, wie in dem von Sam Harris, wird eine Unmenge
von Horrorgeschichten aus den Grundtexten der Religionen und ihrer
Historie zusammen getragen. Sie sollen belegen, dass der Glaube an
einen Gott oder an Götter mit Notwendigkeit zur Ausrottung von anders
Glaubenden führen muss. Das Argument dafür ist: Weil religiöser Glaube
aus Unwissenheit absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen
erfindet, ist er nicht in der Lage, sie argumentativ zu vertreten oder
auch nur, sie zu korrigieren. Menschen mit einem solchen Glauben
können derartige Vorstellungen nur so aufrecht halten und verteidigen,
indem sie Menschen mit anderen Vorstellungen hassen und ihnen den Kopf
einschlagen. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ und
Vernichtungswut gegenüber anderen – das ist nach Christopher Hitchens
das Wesen der Religion.
Allerdings die Religionskritik, die
hier geübt wird, ist noch nicht Atheismus. Religionskritik – z.B. die
Kritik an der Gewaltrechtfertigung durch die Anhänger einer Religion –
gibt es in Breite auch innerhalb der Religionen. Atheismus wäre
dagegen die die zwingende Darlegung dessen, dass Gott nicht existiert,
wobei der Begriff „Atheismus“ meint, das Gott als personale Ursache
allen Seins nicht existiert. Die „Neuen Atheisten“ müssen sich deshalb
auch an dieser Darlegung und d.h. an der Deutung unserer
wissenschaftlichen Erkenntnis vom Werden des Universums und des Lebens
versuchen.
3. Neoatheistische Gottesbestreitung
Die
Auseinandersetzung mit Einzelheiten der neoatheistischen Deutung
unseres Wissens vom Werden des Universums und des Lebens würde uns
hier zu weit führen. Uns kommt es auf den Grundzug der Argumentation
an, die im übrigen nichts mit dem dialektischen und historischen
Materialismus zu tun hat, mit dem die SED einmal den Menschen in der
DDR den Glauben ausgetrieben hat. Dieser Materialismus hatte ja
behauptet, dass sich die Materie in „dialektischen Sprüngen“ bis zum
Bewusstsein des Menschen entwickele und sogar der Geschichte ihre
Gesetzmäßigkeit vorschreibe. Dergleichen deterministische
Vorstellungen, die etwa zum Verbot der Verbreitung der Thesen des
Nobelpreisträgers Jaques Monod über „Zufall und Notwendigkeit“ in der
DDR geführt haben, sind unterdessen unter die Schwelle der
Konfliktfähigkeit gesunken.
Das Hauptargument z.B. von Dawkins
gegen die Existenz Gottes ist vielmehr, dass die Naturwissenschaften,
insbesondere die Kosmologie, die Astrophysik und die Biologie keinen
Beweis für die Existenz Gottes, für einen übernatürlichen „Gestalter“
der Welt, liefern können. Sie vermögen im Gegenteil das Werden des
Universums und des Leben ohne eine „Gotteshypothese“ zu erklären.
Darum gilt mit über 50% Wahrscheinlichkeit, dass Gott nicht existiert
(ebd.). So verkündet es ja auch der durch Deutschland fahrende alberne
Atheismus-Bus – ich weiß nicht, ob er schon in Güstrow war – : Gott
existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.
Gott sei Dank, können wir da im Glauben
an Gott nur sagen, ist Gott keine Wirklichkeit, die man in
Naturgesetzen verorten oder errechnen und auf diese Weise Gottes
Herrlichkeit vielleicht auch noch technisch verwerten kann wie die
Atomkraft. „Einen Gott“, – so können wir im Anschluss an Dietrich
Bonhoeffers sagen – „den es gibt (wie es die Menschen, die Dinge, die
Sterne und Galaxien gibt) gibt es nicht“. Zu Gottes unsichtbarer,
geistiger, jenseitiger Wirklichkeit gibt es nämlich nur einen Zugang
und das ist der Glaube. Glaube im christlichen Sinne aber ist
nicht ein Für-wahr-halten von irgendwelchen Vorstellungen über das
Werden der Natur, obwohl sich solche Vorstellungen in aller
Relativität mit ihm verbinden können. Glaube ist das Vertrauen
zu Gott als dem tragenden Geheimnis unseres Daseins, das in
geschichtlichen, existenziellen Zusammenhängen, in
Lebenszusammenhängen entsteht. Glaube ist diejenige menschliche
Fähigkeit, mit der wir uns dessen vergewissern, worüber wir nicht
verfügen können. So glauben wir z.B. an die Treue eines Menschen oder
an seine Wahrhaftigkeit. Wir vertrauen der Freundschaft einer Freundin
oder einer Freundes, obwohl wir gar nicht wissen können, dass diese
Freundschaft auch in Zukunft Bestand hat.
In entsprechender Weise glauben wir
auch an Gott. Natürlich ist da auch ein Unterschied zu dem Vertrauen,
das wir einem Menschen gegenüber hegen. Dass dieser Mensch in Raum und
Zeit existiert, ist selbstverständlich. Gottes Existenz aber spricht
die Fähigkeit unseres Bewusstsein an, über alle raum-zeitlichen
Grenzen hinaus Wirklichkeit wahrzunehmen. Sie erschließt sich uns
durch bestimmte, alles Irdische tranzendierende Erfahrungen,
die wir in unserem Leben und in der Geschichte machen. Im Falle des
christlichen Glaubens sind das die Erfahrungen, die Menschen mit Jesus
Christus machen. Sie wecken in uns das Vertrauen zu Gott als
unverfügbaren Grund und Sinn unseres Leben, ja der Welt. „Gott und
Glaube gehören zuhaufe“, gehören zusammen, hat Martin Luther in seinem
„Großen Katechismus“ diese Einsicht kurz und bündig auf den Punkt
gebracht.
Dawkins und seine neoatheistischen
Kollegen operieren nun an diesem Gottesglauben herum und entwurzeln
ihn aus dem Zusammenhang geschichtlicher, existenzieller Erfahrung.
Sie verlagern ihn auf eine andere Ebene. Er wird als eine
quasi-wissenschaftliche Aussage über die Entstehung der Welt und des
Lebens, als „wissenschaftliche Hypothese“ oder einfach als
Phantasievorstellung verstanden, die auf einer Linie mit dem Glauben
an den Weihnachtsmann, an Feen und an Rumpelstilzchen liegt. Was das
Verständnis des Glaubens als „wissenschaftliche Hypothese“ betrifft,
so wird man jedoch gerechterweise zugeben müssen, dass die christliche
Tradition, aber auch die Religionsphilosophie nicht nur im
englischsprachigen Raum heute zu diesem Missverständnis auch einigen
Anlass gegeben hat. Wie der Papst in seiner berühmten Regensburger
Rede erinnert hat, war das Christentum immer bemüht, den Glauben an
Gott zugleich als das vernünftigste Erklärungsprinzip der Welt zu
interpretieren. Es hat sich darum um vernünftige „Gottesbeweise“
bemüht, die Gott als ersten Urheber der Welt einsehbar machen sollten.
In den Spuren dieser Tradition wandelt heute z.B. auch der englische
Religionsphilosoph Richard Swinburne, der mit dem Computer
auszurechnen versucht, dass doch mehr als 50% Wahrscheinlichkeit für
die Existenz eines göttlichen Urhebers der Welt sprechen.
Doch dieser Versuch ist ebenso abseitig
wie der umgekehrte der „Neuen Atheisten“. Die Naturwissenschaften
können mit ihrem Streben nach objektivierbaren Sachverhalten
existenzielle Glaubensüberzeugungen weder begründen noch widerlegen.
Sie sind – übrigens durch Christen wie unseren wunderbaren
lutherischen Theologen Johannes Kepler begründet, welcher der
eigentliche Vater der neuzeitlichen Astronomie ist –
methodisch-atheistisch. Was sie als Gott zu errechnen oder
experimentell zu nachzuweisen vermöchten, wäre mit Sicherheit nicht
Gott, sondern nur ein Teil oder eine Dimension der Welt, also
theologisch gesprochen: ein Götze, ein Produkt des Aberglaubens. Die
Naturwissenschaften müssen sich darum mit dem Wissen begnügen und
sollen vom Glauben wie vom Unglauben die Finger lassen.
Das tun die „Neuen Atheisten“ denn auch
in gewisser Weise, weil sie merken, dass die leicht über 50 %
liegenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen nicht gerade ein starkes
Argument für die Nichtexistenz Gottes sind. Theoretisch bliebe in
diesem ganzen abstrusen Gotteskalkül immer noch die Möglichkeit, dass
Gott in von uns nicht erkannten Dimensionen des Universum existiert
bzw. hypothetisch als sein „Gestalter“ angenommen werden kann. Dawkins
zieht sich deshalb ganz trickreich aus der von ihm selbst gelegten
Schlinge, indem er sagt: Dass etwas nicht existiert, braucht auch gar
nicht bewiesen zu werden. Wenn z.B. jemand behauptet, im Weltraum
fliege eine Teekanne oder ein Spaghettimonster herum, dann ist es an
dem, der das behauptet, dafür den Beweis anzutreten und nicht an dem,
der das bestreitet.
Er begibt sich mit diesem Argument
einerseits offenkundig auf das Niveau des ersten Weltraumfahrers
Juri Gagarin, der auch verkündet hatte, dass er Gott bei seinem
Schnupper-Weltraumflug nicht angetroffen hat. „Der Sputnik und der
liebe Gott“ war ein massenweise in der DDR verbreitetes atheistisches
Propaganda-Pamphlet. Es suggerierte, dass die Christen glauben würden,
Gott sei ein im Weltraum herumschwebendes Ding – eben wie eine
Teekanne oder Ähnliches.
Gefangen von dieser Vorstellung ist es
ein in gewisser Weise ehrliches Argument, dass die Neoatheisten sagen,
so etwas Unsinniges braucht auch überhaupt nicht bewiesen zu werden.
Das ist völlig richtig, belegt aber andererseits zugleich, dass
die Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes aufgrund mangelnder
echter Glaubenserfahrung und überhaupt nicht durch
naturwissenschaftliche Erkenntnis zustande gekommen ist. Hier redet in
Gestalt von Dawkins z.B. schlicht ein Nicht-Glaubender, der in seinem
Leben keine Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Er setzt deshalb die
Nicht-Existenz Gottes voraus und versucht, das Vorurteil seines
Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu begründen.
Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in Glaubensfragen
nur der Stimme enthalten kann, eine antireligiöse Ideologie.
Der christliche Glaube wird sich hüten,
dem mit einer religiösen Ideologie von der Welt- und Lebensentstehung
Paroli bieten zu wollen. Sicherlich beurteilt und deutet er
das, was wir wissenschaftlich auf methodisch-atheistische Weise wissen
können, im Lichte seiner Gotteserfahrung. In seiner Perspektive
verdankt sich die Welt und wir selbst dem Geheimnis Gottes und nichts
spricht aus dem Raum der Naturwissenschaft gegenwärtig dagegen, dass
er das tut. Aber das ist dennoch ein Glaubensbekenntnis und
kein unserem Wissen vom Werden des Universums und des Lebens mühsam
abgezwirbelter Satz.
Was dieses Wissen betrifft, so kann und
soll uns die naturwissenschaftliche Forschung davon so viel wie
möglich besorgen. Je mehr wir wissen können, desto mehr wird uns das
wunderbare, atemberaubend großartige, aber noch in so vielen Rätseln
verschlüsselte Werk des Schöpfers gegenwärtig. Darum ist der Glaube
ein Freund der Naturwissenschaften. Er wird sich aber dessen
enthalten, der Wissenschaft Vorschriften zu machen, wie das etwa der
atheistische Marxismus getan hat, als er in den 50er Jahren die
falsche Lamarckistische Theorie Mitschurins von der Vererbung
erworbener Eigenschaften zur Staatsdoktrin erhob und Menschen, die
diese Doktrin mit Gründen bestritten, verfolgte. Die Älteren unter
ihnen haben ja sicherlich noch den Lobpreis der sog. „Jarowisation“
des Getreides (der Vorkeimung unter ungünstigen Wetterbedingungen, um
das Getreide widerstandsfähig zu machen) in Erinnerung, welche der
Sowjetunion riesige Missernten bescherte.
Ihre Unschuld als Anwältin freier
Wissenschaft hat die atheistische Gesinnung in den sozialistischen
Zeiten ohnehin gründlich verloren, wie jetzt gerade aus Anlass des
200jährigen Jubiläum der Humboldt-Universität in erschreckendem Ausmaß
dokumentiert wird. Dass die „Neuen Atheisten“ dabei sind, jene
Unschuld zu bewahren, aber kann man angesichts ihres Bemühens, die
Wissenschaft mit dem Vorurteil der Gottlosigkeit in einem Leben von
Menschen ohne Transzendenz zu funktionalisieren, beim besten Willen
nicht behaupten.
4. Die Religion und die Motte
Auch die „Neuen
Atheisten“ bemerken natürlich, dass ihre Bemühungen um den abseitigen
„Beweis“ oder „Nichtbeweis“ Gottes mit Argumenten, die den
Naturwissenschaften entlehnt sind, ausgeht, wie das Hornberger
Schießen. Darum schwenken sie nicht zufällig auf die gute, alte
atheistische Schiene um, statt Gott die Glaubenden oder „die
Religion“ ins Visier zu nehmen. Sie können ja nicht ignorieren, dass
der bei weitem überwiegende Teil der Menschheit – inclusive der
Wissenschaftler – religiös ist. Gerade heutzutage boomt Religion
überall in der Welt, das Christentum explodiert auf den großen
Kontinenten regelrecht. Die Rede von der „Wiederkehr der Religion“ ist
in aller Munde. Nur in unserer Ecke der Welt, die sich mit ihrem
Atheismus der Massen der Bevölkerung auf der
religiös-weltanschaulichen Landkarte wie eine Absonderlichkeit
ausnimmt, ist Religionslosigkeit zur Gewohnheit geworden. Wie kommt
das, müssen sich deshalb auch die „Neuen Atheisten“ fragen, dass die
Religion weltweit beileibe nicht „abstirbt“, sondern aufblüht, obwohl
die wissenschaftlich-technische Welt ihr doch den „Sinn und Geschmack“
fürs Religiöse abzugewöhnen scheint?
Soziologen wie Ulrich Beck, der Vf. der viel beachteten Studien über
die „Risikogesellschaft“, antworten auf diese Frage: Das kommt daher,
weil die Risiken des Lebens, welche die wissenschaftlich-technische
Entwicklung in der globalisierten Welt verschärft, Menschen nach einem
Halt in ihrem Leben suchen lässt, der ihrem grundmenschlichen
Transzendierungsvermögen aller weltlichen Vorgänge entspricht und
gerecht wird. Die sog. „Säkularisierungstheorie“, die einmal als
Bastion atheistischer Gesellschaftsdeutung galt, ist falsch. Der
Fortschritt von Wissenschaft und Technik führt gerade nicht zu einer
völligen Verweltlichung des Lebens von Menschen, in der Religion
überflüssig und funktionslos wird. Dieser ambivalente Fortschritt
provoziert vielmehr das Aufleben von Religiosität. Die sog.
„Säkularisierung“, sagt Beck, legt in Wahrheit „den Grund für die
Revitalisierung der Religiosität und Spiritualität im 21.
Jahrhundert“.
Davon wollen die „Neuen Atheisten“ aber
nun überhaupt nichts wissen. Sie begeben sich deshalb auf das
Spielfeld, auf dem sich schon die alten Atheisten in der Geschichte
der atheistischen Tradition in Europa getummelt haben. D.h. sie
konstruieren eine Theorie vom Entstehen der Religion, die
begründen soll, warum Religion eine verkehrte Art ist, in der Menschen
von ihrem, alles Gegebene überschreitenden Bewusstsein auf
überflüssige und verderbliche Weise Gebrauch machen. Für Ludwig
Feuerbach, dem Karl Marx sich verpflichtet wusste, war das die
illusorische Projektion menschlicher Wünsche an den Himmel. Bei
Friedrich Nietzsche handelte es sich um das Werk einer mächtigen
Priesterkaste, welche die starken Kräfte der menschlicher
Lebensentfaltung durch den Gottesglauben zu schwächen trachtete.
Sigmund Freud verstand Religion als eine aus dem Vaterkonflikt
entstandene Neurose. Mir ist nicht bekannt, dass sich die atheistische
Literatur je auf eine dieser Theorien geeinigt hat. Jedenfalls fügen
die „Neuen Atheisten“ dem Markt der Möglichkeiten in dieser Hinsicht
noch ein weiteres Angebot hinzu. Richard Dawkins behauptet:
Dass Menschen beginnen, an Gott zu glauben, sei auf eine
„Fehlfunktion“ der Evolution des menschlichen Lebens zurück zu
führen.
Unter „Fehlfunktion“ wird dabei ein
verkehrter Gebrauch einer eigentlichen nützlichen genetischen Anlage
unserer Gattung verstanden. Das Beispiel von Dawkins dafür ist die
Motte. Sie ist genetisch darauf programmiert, sich am Mondlicht
zu orientieren. Diese Programmierung verführt sie, sich mit tödlicher
Konsequenz ins Kerzenlicht zu stürzen. Dementsprechend gilt: Wir sind
genetisch darauf programmiert, unseren Eltern zu vertrauen und also zu
glauben. Das verführt uns dazu, das Ziel unseres Vertrauens zu
verselbständigen. Wir stilisieren dieses Ziel zu einer für sich
existierenden „Überwelt“ Gottes. Durch sog. von Dawkins erfundene „Meme“
(Gedächtniseinheiten, die sich angeblich so vererben wie das Leben)
soll sich dieser Glaube dann wie ein Virus fortpflanzen.
Einmal abgesehen davon, dass hier dem
Atheismus mit der „Memen-Theorie“ eine gehörige Dosis Metaphysik
verabreicht wird, ist die Widersprüchlichkeit dieser Art von
Religionskritik mit Händen zu greifen. Erst wird uns erklärt, die
wissenschaftliche Erkenntnis und damit auch die Einsicht in die
Evolution des Lebens treibe uns den Gottesglauben aus. Dann aber wird
behauptet, gerade diese Evolution veranlasse uns zu religiösen
„Fehlfunktionen“. Doch wer entscheidet hier, was richtige Funktion von
uns menschlichen Wesen und was „Fehlfunktion“ ist? Wenn wir einmal
evolutionsbiologisch reden wollen, dann hat uns dieser
naturgesetzliche Vorgang doch in die Freiheit gesetzt, das
aufgrund unserer Erfahrungen mit unserem Leben und der Berührung
unseres Geistes von der Transzendenz, die wir Gott nennen, selbst zu
entscheiden. Zu den Möglichkeiten dieser Freiheit gehört,
Unverfügbares in Existenz und Geschichte in einer alles
Objektivierbare überschreitenden Weise als Wirklichkeit wahrzunehmen.
Unsere Wirklichkeitserfahrung, ja unser Leben, unterläge auch
abgesehen von der Gotteserfahrung einer unsäglichen Verarmung, wenn
sie auf die Wahrnehmung von Objektivierbarem und Messbarem reduziert
würde.
Was aber unsere Fähigkeit betrifft,
einem uns entzogenen Grunde und guten Geheimnis unseres Daseins zu
vertrauen, so ist das geradezu die Grundbedingung unseres Lebens. Ohne
das Grundvertrauen dazu, dass unser Dasein bejaht und getragen
ist, in einen sinnvollen Zusammenhang gehört und einen Horizont von
weither hat, versinkt unser Leben nach aller Erfahrung in
Verunsicherung und Sinnlosigkeit. Menschen sind darum unausweichlich
religiös, auch die, welche sich der Gotteserfahrung verweigern. In die
Stelle Gottes rückt dann, wenn sie das tun, irgendetwas Weltliches
ein. Es entsteht allerlei Ersatz- und Pseudoreligiosität, in der
Menschen rein Irdischem vertrauen wie einem Gott. Der Marxismus war in
seinem Glauben an die Materie und das allmächtige Gesetz der
Geschichte penetrant religiös und hat das in seinen Weihefeiern auch
zum Ausdruck gebracht. Auch der Wissenschaftsglaube, den wir bei
Dawkins finden, ist nicht zu Unrecht eine Religion genannt worden. Sam
Harris verkündet im Unterschied dazu eine Art Buddhismus light und für
meine atheistisch-konfessionslosen Nachbarn in Berlin-Pankow ist
schließlich der Schrebergarten oder der Fußball ihr „Gottchen“, wie
die Berliner sagen.
5. Kümmerliche Ratschläge und reiche
Möglichkeiten
Doch ich will
angesichts des diffusen Erscheinungsbildes vielfältiger atheistischer
Lebensführung nicht den Eindruck erwecken, hochmütig zu reden. Alle
Religionen und nicht zuletzt das Christentum haben sich der
Vermischung allzu menschlicher Gottesbilder mit echter, reiner
Gotteserfahrung schuldig gemacht und irrtümliche Anschauungen von der
Welt und vom Menschen im Namen Gottes verbreitet. An ihrer Geschichte
hängt ohne Zweifel auch der Makel religiös motivierter Gewalt, der
nicht klein geredet werden darf. Das Sündenregister des Christentums
in dieser Hinsicht ist lang.
Nicht zuzugeben aber ist die
Behauptung, der Glaube Gott führe mit Notwendigkeit zur
Anwendung von Gewalt gegenüber anders glaubenden Menschen. Es ist auch
nicht richtig, dass insbesondere das Christentum erst auf den
Atheismus warten muss, um sich von der Vermischung der Ausbreitung des
Gottesglaubens mit Gewalt und Intoleranz zu distanzieren. Diese
Distanzierung beginnt schon in der Bibel, in der Friedensprophetie
Israels und in Jesus Christus, der Personifizierung der Liebe Gottes.
Gott ist die Liebe, wie der 1.Johannesbrief sagt (I Joh 4, 16).
Er ist ein „ganzer Backofen voller Liebe“, hat Martin Luther das
interpretiert. Er stellt sich im Leben und Sterben Jesu Christi darum
auf die Seite aller Leidenden und Misshandelten und niemals auf die
Seite der Hassenden und Menschenschlächter. Auf ihn kann sich keiner
berufen, der anderen Menschen Gewalt antut. „Sine vi, sed verbo“,
„ohne Gewalt, sondern mit dem Wort“ allein soll die christliche
Verkündigung nach dem Augsburgischen Bekenntnis erfolgen.
Wenn man den „Neuen Atheisten“ etwas
Gutes nachsagen will, dann nehmen sie in ihrer unangemessenen Weise
das Anliegen auf, das in der Religionskritik Israels und des Neuen
Testaments überall erkennbar ist. Sie rennen zumal in den Kirchen und
Gemeinden hierzulande offene Türen ein. Denn dass diese Kirchen und
Gemeinden Brutstätten von Intoleranz und Gewalt seien, kann bloß die
pure Ignoranz unterstellen. Wir erinnern uns in diesen Wochen daran,
dass die Losung „Keine Gewalt“ von unserer evangelischen Kirche auf
die Straßen der DDR getragen wurde und Friedensfolgen von geradezu
kosmopolitischen Ausmaßen gezeitigt hat. Indem die „Neuen Atheisten“
davon keine Ahnung haben und ihre Epigonen in Deutschland das wohl
absichtlich verdrängen, wird erst das Bild der Christenheit als einer
Ansammlung hasserfüllter und gewalttätiger Dummköpfe möglich.
Wo sind die Zeiten geblieben, möchte
man angesichts dessen fragen, in denen Atheisten wie Ernst Bloch,
Milan Machovec, Viteslav Gardavky, Roger Garaudy und viele andere in
einen echten Dialog mit dem Christentum eingetreten und im Entwurf
„konkreter Utopien“ nach gemeinsamen Wegen für die Zukunft einer
gerechten Gesellschaft gefragt haben? Ich kann an diese atheistischen
Denker nicht anders als dankbar denken. Sie haben die Vorstellung von
einem „Sozialismus mit menschlichem Angesicht“ in unserer Kirche
beheimatet, die in den Zeiten der „friedlichen Revolution“ eminent
wichtig war.
Im Grunde verspielen die „Neuen
Atheisten“ mit ihrer maßlosen Religionskritik das humane Freiheits-
und Emanzipationspotenzial, das jene dialogbereiten Atheisten in den
Zeiten des unterdrückerischen Atheismus zur Geltung gebracht haben.
Man kann das auch an den kümmerlichen Ratschlägen für unser
Leben sehen, die übrig bleiben, nachdem die Religion abserviert ist.
Menschen unterscheiden sich (um einige Beispiele zu nennen) demnach
nicht wesentlich von anderen Säugetieren. Ethik wird deshalb zu einem
System der Selbsterhaltung, das nur darum den Anderen achtet, weil es
einem selbst nützt. Experimente mit „Zellhaufen“ und ihre Abtötung
stellen ebenso wenig ein Problem dar wie die Abtreibung und die
Geringschätzung der Menschenwürde Behinderter im Sinne der Ethik von
Peter Singer. Sterbehilfe mit „Narkose“ erscheint als beste Weg, das
Leben zu beenden. Sam Harris bemüht sich sogar um die Rechtfertigung
der Folter gegenüber Terroristen (Ende des Glaubens, 199-206) und
befürwortet den Irakkrieg ausdrücklich.
Wenn ich
dergleichen den vielen atheistisch-konfessionslosen Menschen in
unserem Lande unterstellen würde, müsste ich mir wohl mit Recht den
Vorwurf gefallen lassen, ein Demagoge zu sein. Ich hoff jedoch, die
Rezeption der „Neuen Atheisten“ durch die alten führt nicht zur
Beherzigung von deren Ratschlägen für unser Leben. Denn der Glaube an
Gott ist neben allem, was sonst noch ist, eine Ermutigung für jeden
Menschen, nicht die kümmerlichsten, sondern die reichsten
Möglichkeiten seines Lebens wahrzunehmen, die allesamt aus der
Bestimmung von Menschen zur Liebe stammen. |
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