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Renaissance der Religion - Wiedergeburt des Atheismus

 

1. Unser Thema: Scheinbar eine positive und eine negative Nachricht für die Kirche

Unser Thema scheint einmal eine positive und zum anderen eine negative Nachricht für unsere Evangelische Kirche zu annoncieren. Die positive Nachricht angesichts des andauernden zahlenmäßigen Schrumpfens der Christenheit in unserem Lande, welches ernüchternde Statistiken von allen Dächern pfeifen, ist: Die Religion erlebt in unseren Tagen eine Renaissance, eine Wiedergeburt. So steht es nicht nur nicht in den Zeitungen. So sagen es auch die diversen Wissenschaften, die sich auf Grund von Meinungsumfragen mit religiösen oder weltanschaulichen Stimmungen in unserer Gesellschaft beschäftigen. Dass dies eine gute Nachricht für die evangelische Christenheit ist, davon gehen die Zukunftsplanungen der Evangelischen Kirche in Deutschland aus. „Es wird neu nach Gott gefragt“, heißt es gleich zu Beginn des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahre 2006. „Religiöse Themen ziehen eine hohe Aufmerksamkeit auf sich; Menschen fragen auch wieder nach der eigenen religiösen Identität, nach dem, was für sie selbst Halt und Zuversicht verbürgt. Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber den im christlichen Glauben gegebenen Grundlagen des persönlichen wie des gemeinsamen Lebens weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“. „Die gesellschaftliche Situation ist günstig“, heißt es darum in diesem Papier gleich zu Anfang angesichts des „Megatrends“ der „Respiritualisierung“ in unserer Gesellschaft aufmunternd. Die Überzeugung, dass der Atheismus abgewirtschaftet habe, hat es unterdessen sogar bis in Lehrbücher der christlichen Dogmatik gebracht. Vom „Gewohnheitsatheismus“ seien nur noch „Rudimente“ übrig geblieben, lesen wir z.B. in einer solchen Dogmatik aus München. (Gunther Wenz, Studium, 47). Das scheinen in der Tat eine positive Nachrichten für uns Christinnen und Christen zu sein, die wir uns offenbar dessen trösten dürfen, dass all der Widerspruch gegen unseren Glauben und die Leugnung Gottes dabei sind, von alleine zu verschwinden.

Aber nun steht dem in unserem Thema aber auch eine schlechte Nachricht entgegen. Auch der Atheismus, lautet sie, erlebt gegenwärtig eine Renaissance. Ob das der richtige Begriff ist, will ich, der ich aus einer östlichen Gegend Deutschlands komme, zunächst einmal dahin gestellt sein lassen. Weiter westlich ist jedenfalls der Eindruck entstanden, dass der Atheismus sich kräftig regeneriert. Dieser Eindruck wurde dadurch hervorgerufen, dass die Buchläden auf einmal voll waren von Titeln, „Neuer Atheisten“ oder „brights“. „Der Gotteswahn“, „Der Herr ist kein Hirte“, „Das Ende des Glaubens“ und ähnlich lauten solche Titel. Gewisse Medien haben es sich nicht nehmen lassen, dieser neuatheistischen Literatur einen breiten Resonanzraum zu verschaffen.

Das bot sich für die Journalisten auch an, weil das „Neue“ an diesem Atheismus zunächst einmal die knallige Art und Weise ist, in welcher er daher kommt. Denn der Atheismus bei uns hier Deutschland ist nach dem Zusammenbruch eines ganzen atheistisch grundierten östlichen Weltreiches ja eher eine stille Angelegenheit und kein breit aufgelegtes ideologisches Programm. Wo er organisiert auftritt, wie z.B. im „humanistischen Verband“ und seinem Wirken in den Berliner Schulen, befleißigen sich seine Protagonisten im Namen hehrer Ziele vielmehr in der Regel eines ausgesprochen gesitteten, ja pastoralen Tones. Bei den „Neuen Atheisten“ ist das anders. Sie pflegen bewusst eine Sprache der Zornes, welche alle Art von Religion als Ausgeburt menschlichen Wahnsinns und menschlicher Dummheit in Grund und Boden zu stampfen und lächerlich zu machen trachtet. Das ist schon ein erster Hinweis darauf, dass dieser „Neue Atheismus“ kein Spross aus der Wurzel der langen atheistischen Tradition in Europa ist, der in unserer pluralistischen Gesellschaft zu einer respektierten weltanschaulichen Orientierung geworden ist. Beim „Neuen Atheismus“ handelt es sich vielmehr um einen Import aus der anglo-amerikanischen Welt. Die Frage ist deshalb nicht unberechtigt, ob uns hier in Deutschland dieser Import überhaupt etwas angeht.

 

2. Die Auslöser des „Neuen Atheismus“ und der Gewohnheitsatheismus

Die Auslöser des „Neuen Atheismus“ sind zwei Phänomene, welche die meisten, welche sich bei uns als Atheisten verstehen, jedenfalls in ihrer Mehrzahl nicht veranlasst haben, Atheisten zu werden. Der eine Auslöser ist der religiöse Fundamentalismus, der in einem ausgesprochen religiös geprägten Land wie den USA eine wichtige Rolle spielt. Dieser Fundamentalismus versteht alle biblischen Zeugnisse von Gott, der Welt und den Menschen in gleicher Weise als zeitlos gültige Offenbarungen Gottes. Er verteidigt darum z.B. die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Welt und des menschlichen Lebens gegen die Astrophysik und gegen die Theorie von der Evolution des Lebens aus dem Tierreich. Er zeichnet sich durch eine Ethik aus, die Homosexualität für gottwidrig hält und auch sonst die ethischen Vorstellungen der Bibel von Staat und Gesellschaft, Ehe und Familie, direkt in unsere Zeit überträgt.

Dieses Christentum zu bekämpfen, hat der „Neue Atheismus“ sich vorgenommen. Mehr noch: Er gewinnt sein besonderes Profil dadurch, dass er alles Christentum auf der Welt mit diesem Fundamentalismus in einen Topf wirft. Wir Christenmenschen müssen so sein, dass wir glauben, die Welt sei vor sechstausend Jahren erschaffen, Adam mit seiner Eva seien historische Figuren, usw. Wir müssen so sein, dass wir längst veraltete, menschenfeindliche und vernunftwidrige, durch die Wissenschaft widerlegte, absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen hegen und dadurch den Fortschritt der Menschheit blockieren.

Dem neuatheistischen Kampf gegen ein solches Christentum und überhaupt gegen alle Religion hat aber noch ein zweiter Anlass Auftrieb aufgegeben. Das ist der islamistische Terroranschlag auf das World-Trade-Center in New York vom 11. September 2001. Aus dem religiösen Motiv dieses Anschlags, nämlich der Vernichtung von Ungläubigen und der Verheißung des Paradieses für die Attentäter, wurde gefolgert, hier zeige sich nur exemplarisch, dass alle Religion sich notwendig mit Intoleranz und Gewaltanwendung gegenüber Andersgläubigen verbinde. Das Argument dafür ist: Weil religiöser Glaube aus Unwissenheit absurde Vorstellungen von der Welt und vom Menschen erfindet, ist er nicht in der Lage, sie argumentativ zu vertreten oder auch nur, sie zu korrigieren. Menschen mit einem solchen Glauben können derartige Vorstellungen nur so aufrecht halten und verteidigen, indem sie Menschen mit anderen Vorstellungen hassen und ihnen den Kopf einschlagen. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ und Vernichtungswut gegenüber anderen – das ist nach Christopher Hitchens das Wesen der Religion (Der Herr ist kein Hirte).

Soweit ein erster Blick auf den so genannten „Neuen Atheismus“. Schon dieser erste Blick auf sein Hereinplatzen in unsere deutschen Verhältnisse kann zu der Frage veranlassen, ob diese Tatsache für uns Christinnen und Christen wirklich nichts als eine schlechte Nachricht ist. Wie hier vom Christentum und von den Religionen geredet wird, ist zwar ausgesprochen abschreckend. In Deutschland hat sich Michael Schmidt-Salomon, davon inspirieren lassen, ein Kinderbuch zu verfassen, das der humanistische Pressedienst unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als „Heidenspaß“ anpreist. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“, heißt dieses Machwerk. In ihm werden mit scheußlichen Illustrationen die Vertreter der verschiedenen Religionen als dumme, hasserfüllte Schreckensgestalten lächerlich gemacht. Besonders abschreckend ist die Darstellung eines jüdischen Rabbis, die direkt der antisemitischen Nazipropaganda entnommen zu sein scheint.

Auf der anderen Seite kann das Lautwerden dieser Art von Atheismus unsere Kirchen und die Gemeinden aber veranlassen, die Realität des Atheismus in unserem Lande ernster zu nehmen als das m. E. gegenwärtig der Fall ist. Für jenes Impulspapier spielt diese Realität z.B. merkwürdigerweise so gut wie keine Rolle. Dabei ist sie im Osten Deutschland regelrecht ein die ganze Gesellschaft prägendes Milieu. In ihm ist das Leben ohne Gott zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das ist schon seit Generationen so. Schon die Großeltern, ja sogar die Urgroßeltern waren nicht in der Kirche. „Atheismus“ ist hier nicht irgendeine Theorie, sondern eine Gewohnheit, die fraglos in sich selber ruht. Außer ein paar Vorurteilen über die Religion wissen die Menschen gar nicht mehr, woran sie nicht glauben. Die Sache mit Gott ist „abgehakt“. Vergleichbares gilt auch für die atheistische Konfessionslosigkeit im Westen Deutschlands, wie man sich in Berlin leicht bei einem Spaziergang von Pankow in den Wedding klar machen kann. Hier tritt der Gewohnheitsatheismus zwar nicht so blockartig in Erscheinung, wie er in der DDR unter dem Druck einer kirchenfeindlichen staatlichen Macht zustande gekommen ist. Aber der Effekt bei nahezu einem Drittel der deutschen Bevölkerung ist der Gleiche. Mit dem Glauben an Gott setzt man sich nicht mehr auseinander. Den lässt man einfach bleiben.

          In gewisser Weise dürfen wir darum durchaus dafür dankbar sein, dass der „Neue Atheismus“ den alt gewordenen Atheismus in unseren Landen provoziert, sich positionieren und darzulegen, was eigentlich aus seinen Versprechungen geworden ist, der Menschheit den Weg in eine wahrhaft vernünftige und gerechte Gesellschaft zu weisen. Er könnte umgekehrt die Kirchen und Gemeinden herausfordern, das Gespräch mit den atheistisch-konfessionslosen Menschen zu suchen und am Abbau der vielen Vorurteile und Ressentiments gegen den Gottesglauben zu arbeiten, die im atheistischen Milieu wabern. Mehr noch: Da die Probleme und Zweifel am Gottesglauben auch sehr vielen Gliedern der Kirche zusetzen, käme die Auseinandersetzung mit den atheistischen Argumenten auch ihrer Gesprächsfähigkeit über ihren eigenen Glauben zu Gute.

Der „Neue Atheismus“ könnte in unserer Kirche also genau den gegenteiligen Effekt haben, den er sich von seinen wilden Attacken auf den Gottesglauben verspricht. Er könnte einen neuen Anstoß geben, die in den Gemeinden weit verbreitete Sprachlosigkeit gegenüber dem Atheismus zu überwinden. Doch vielleicht – so müssen wir angesichts der „Wiedergeburt der Religion“ fragen – nehmen wir damit den Atheismus viel zu Ernst. Vielleicht ist das wilde Gebaren des „Neuen Atheismus“ nur die letzte Zuckung einer vergangenen Weltanschauung. So jedenfalls muss man die Theoretiker dieser „Wiedergeburt“ verstehen, die allerdings ganz und gar nicht bestätigen, dass es sich dabei um eine eindeutig gute Nachricht für unsere Kirche handelt.

 

3. Das Ende der Säkularisierungstheorie?

In der Soziologie, der Wissenschaft von den gesellschaftlichen Entwicklungen und der ihnen zugrunde liegenden weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen hat man sich das Absterben religiöser Lebensorientierungen und damit das Aufblühen des Atheismus in modernen, von Wissenschaft und Technik geprägten Gesellschaften lange Zeit folgendermaßen erklärt: Mit der wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt hat der Glaube an Gott seine Funktion im Leben der Menschen verloren. Gott ist weder für die wissenschaftliche Erkenntnis noch für die Lebensorientierung erforderlich. Die Menschen wurden autonom, d.h. sie bestimmten ihre Geschicke aufgrund ihrer Erkenntnis von Natur und Geschichte selbst. Dietrich Bonhoeffers Urteil zum Beispiel, „dass wir einer völlig religionslosen Zeit entgegen gehen“, verdankt sich dieser Deutung des Selbstverständnisses von Menschen in einem wissenschaftlichen Zeitalter. Gott als „Arbeitshypothese“ der Erkenntnis und als „Problemlöser“ im Leben ist abgeschafft, hat er geurteilt. Die Menschen können deshalb „einfach nicht mehr religiös sein“.

         In der Soziologie nennt man diese Anschauung „Säkularisierungstheorie“, zu deutsch Theorie von der Verweltlichung aller Erklärungen der Welt und aller Orientierungen im Leben. Diese Theorie wird jedoch heute von einigen, nicht von allen Soziologen bestritten. Denn sie beobachten – nicht nur in Europa, sondern weltweit – eben mitten in den säkularisierten, verweltlichten Gesellschaften ein neues Aufleben von Religiosität. Orientieren wir uns an Ulrich Beck, der diese Religiosität gerade in seinem Buche über den so genannten „eigenen Gott“ charakterisiert hat, dann zeichnet sie sich durch folgende Merkmale aus:

         Diese Religiosität ist individualistisch, auf den einzelnen Menschen konzentriert. Sie ist nicht von Dogmen oder Normen der Kirche geprägt. Sie lehnt solche vorgegebenen Dogmen und Normen vielmehr ab. Alleine der Einzelne entscheidet darüber, an welchen religiösen Inhalten er sich in „subjektiver Frömmigkeit“ orientiert. „Es gibt in religiösen Fragen keine Wahrheit außer der persönlichen, die man sich selbst erarbeitet hat“, sagt Beck. Die Folge dessen ist, dass eine ganze Fülle von religiösen Überzeugungen in einer Gesellschaft entsteht, die sich an keine Grenzen, welche die traditionellen Religionen setzen, mehr gebunden weiß. Vielmehr greifen sich die Menschen das aus den existierenden Religionen heraus, was ihnen zu ihrem persönlichen Wohlbefinden dienlich erscheint. Es entstehen individualisierte Mischformen von Religiosität, die man „Bastelreligiosität“ oder Melangereligiosität“ nennen kann. Mein Zürcher Kollege Ingolf Dalferth hat sie „Cafeteria-Religion“ getauft: „Versatzstücke der Weltreligionen, streßmindernde Meditationsrituale und esoterische Spekulationen, ein Häppchen Buddhismus und etwas Mystik nach Feierabend.“ „Gehe und bete zu dem Gott deiner Wahl“ ist der Imperativ, den sich diese Religion nach Beck gibt.

         Für einen Menschen, der mit seinem Herzen in einer christlichen Gemeinde lebt, klingt das Alles vermutlich höchst befremdlich, wenn nicht schlimmer. Für Soziologen wie Beck ist es dagegen der Beweis für die Vitalität, für die Lebenskraft von Religion. Denn die unterdessen globalisierten Modernisierungsprozesse der von Wissenschaft, Technik und nicht zuletzt von der Wirtschaft geprägten Gesellschaft lösen beim Einzelnen keinesfalls Hochgefühle selbstbestimmter Weltbeherrschung, sondern Verunsicherung aus. Dieser Verunsicherung in der „Risikogesellschaft“ aber begegnen die Einzelnen, indem sie Halt eben in der beschriebenen „Bastelreligiosität“ suchen. Die Säkularisierung macht darum die Religion bzw. Religiosität nicht funktionslos und überflüssig. Sie legt nach Beck vielmehr „den Grund für die Revitalisierung der Religiosität und Spiritualität im 21. Jahrhundert“. 

         Dass diese Beschreibung der „Wiedergeburt der Religion“ Phänomene trifft, mit denen unsere Kirche Erfahrungen hat, duldet keinen Zweifel. Wir treffen diese Phänomene zunächst in der Kirche selbst an. Innerlich nur schwach mit den Kernwahrheiten des christlichen Glaubens verbundene Menschen basteln sich für sich selbst das zusammen, was sie für ihre Lebensführung zu brauchen meinen und was ihrem persönlichen Geschmack und Urteilsvermögen entspricht. Das entspricht dem Trend zur Individualisierung der Religion, der in pluralistischen Gesellschaften gegeben ist. Elemente der „Bastelreligiosität“ wandern andererseits aber auch in die Kirche ein. Die Angebote an fernöstlichen Meditationskursen, an Körper- oder Energien-Erfahrungstraining usw. finden sich in den großen Städten in vielen Gemeinden. Nicht weniger gravierend aber ist, dass Menschen aus der Kirche austreten, um auf ihre eigene und nicht auf die von einer Glaubensgemeinschaft kanalisierte Weise „religiös“ sein zu können. „Um an Gott zu glauben bzw., um religiös zu sein, brauche ich keine Kirche“, kann man hier hören. Deshalb trägt nicht bloß der Atheismus, sondern auch die individualisierte Religion zur Dezimierung der Christenheit in Deutschland bei.

         Ob aber Menschen, die in einem atheistischen Milieu sozialisiert sind, bei der Bewältigung ihres Lebens in irgendeinem bemerkenswerten Umfang von sich aus Zuflucht zu einer selbst gebastelten Religiosität nehmen, muss man fragen. Soziologen, die ihre Daten vorzüglich im Osten sammeln, wie Detlef Pollack in Frankfurt/Oder oder Gert Pickel in Leipzig  bestreiten das. Sie stellen in Frage, dass die Säkularisierungstheorie ans Ende gekommen ist. Denn ihre Beobachtung ist, dass dort, wo der Kontakt zu einer religiösen Gemeinschaft, also zur Kirche abbricht, sich auf die Dauer keine Form von Religiosität oder auch nur von religiöser Suche am Leben erhält. Die Vermittlung von Glaubensüberzeugungen bricht dann überhaupt ab und damit auch die Möglichkeit, sich eine eigene Überzeugung zu „basteln“. Das atheistische Milieu im Osten Deutschlands ist der Beleg dafür. Die Frage liegt darum nahe, ob „religiöse Individualisierung und Vereinzelung pur“ ohne den Rückbezug auf eine religiöse Gemeinschaft überhaupt lebensfähig ist.

         Ich will vermuten, dass die „Wiederkehr der Religion“ nur dort stattfindet, wo in irgendeiner Weise, auch in ablehnender Weise, noch ein Bezug zu einer vergemeinschafteten und institutionalisierten Religion wie der Kirche oder einer anderen traditionellen Religion da ist. Dafür spricht auch, dass Beck und andere sich auch auf Phänomene jener Wiederkehr berufen, wie das Entstehen von pfingstlerischen und charismatischen Kirchen in Lateinamerika, Afrika oder Südkorea. Dort ist die Religiosität durchaus mit einer sehr starken Vergemeinschaftung verbunden. Ob solche Phänomene deshalb den positiven Effekt für eine künftige Weltgesellschaft zeitigen, den sich Beck von der individualisierten Bastelreligiosität in unseren Breiten verspricht, scheint mir angesichts des Fundamentalismus, der dort auch ein zu Hause hat, mehr als fraglich. Wir müssen in unserem Zusammenhang auf die Behauptung eines solches positiven Effektes eingehen, weil sie sich auffälligerweise mit einem Argumentationsstrang der „Neuen Atheisten“ kreuzt.

 

4. Der Glaube an den einen Gott und die Gewalt

Wir erinnern uns: Dass alle Religionen notwendig intolerant sind und zur Gewalt gegen Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen neigen, ist ein Grundargument der „Neuen Atheisten“ für die Verneinung und Bekämpfung von Religion. Die Problematik „Religion und Gewalt“ ist aber auch der Hintergrund, auf dem Beck das Aufleben der individualisierten Religiosität beschreibt. Bei ihm wie bei Anderen heißt dieses Aufleben charakteristischerweise aber nicht „Wiederkehr der Religion“, sondern „Wiederkehr der Götter“. Das bedeutet, diese Wiederkehr wird mit einer bestimmten Form von Religion, nämlich dem Vielgötterglauben, dem Polytheismus, in Verbindung gebracht.

Beck macht dabei von einer religionsgeschichtlichen Theorie Gebrauch, die in Heidelberg wohl bekannt sein dürfte. Nicht der Religion im allgemeinen, sondern dem dem Ein-Gott-Glauben sei im Unterschied zum Polytheismus eine wesenhafte Neigung zur Gewalt anzulasten, lautet diese Theorie Jan Assmanns. Sie wird damit begründet, dass die Entstehung des Glaubens an den einen außerweltlichen Gott die Unterscheidung zwischen „wahr und falsch“ in die Religionsgeschichte gebracht habe. Die vielen Götter werden jetzt als Nichtgötter verneint und bekämpft. Darum habe der Monotheismus im Unterschied zum Polytheismus „Intoleranz, Gewalt und Ausgrenzung“ gegenüber anders Glaubenden zur Folge.

Ich will jetzt nicht die historische Stichhaltigkeit dieser Theorie diskutieren. Beck nimmt sie in der Form auf, dass er zwar einerseits die monotheistischen Religionen lobt, weil sie eine „kosmopolitische Grundstruktur“ haben. D.h. sie breiten sich unabhängig von den Grenzen eines Volkes, einer Kultur oder des sozialen Status aus. Im Zeitalter der Globalisierung liege darin die Möglichkeit zu grenzüberschreitender Verständigung zwischen Religionen im Hinblick auf die Bewältigung der Probleme der globalisierten Welt beschlossen. Der „Krebsschaden“ monotheistischer Religionen ist jedoch, dass sie auf die Universalisierung nur einer religiösen Wahrheit aus sind. Darin liege der „Samenkern religiös motivierter Gewalt“. Den Ungläubigen werde der Status des Menschseins abgesprochen. „Sämtliche Kategorien des Unmenschen oder Untermenschen [...] sind die Kehr-, die Nacht-, die Gewaltseite“ einer monotheistischen Religion. Mit dieser „Gewaltseite“ „barbarisieren“ sie die Welt-Zivilgesellschaft.

Demgegenüber wird die bunte und vielfältige Melange- und Bastelreligiosität mit dem angenommenen friedlichen Wesen polytheistischer Religionen zusammen gereimt. Denn diese Religiosität hat keine Schwierigkeiten, mit anders ausgerichteter Religiosität zusammen zu existieren. In ihrer „Tiefenstruktur“ waltet das humane und friedfertige „Prinzip“ der Anerkennung des Gottes oder der Götter der anderen Religiosität oder Religion. Dieses Prinzip kann in Abwandlung eines berühmten Satzes von Rosa Luxemburg so formuliert werden: „Die Freiheit der Religion ist die Freiheit der Andersgläubigen“. Beck bastelt darum seinerseits an einem Szenario, das er selbst ein „Stochern im Dunklen“ nennt, in dem die monotheistischen Religionen dieses Prinzip in sich aufnehmen. Nicht das Vertreten einer Wahrheit, sondern der Grundsatz „Frieden statt Wahrheit“, würde dann ihr Wirken zum Segen der Weltzivilisation begründen. Nicht der Atheismus wäre dann die Kraft, welche den monotheistischen Religionen die Gewalt austreibt. Die Bastel- und Melangereligiosität ist es, welche, wenn ihre „Tiefenstruktur“ wirksam wird, die etablierten Religionen befriedet.

Ich will ganz vorsichtig mit dieser phantasievollen, um nicht zu sagen abenteuerlichen Konstruktion des Segens der „Wiederkehr der Götter“ umgehen. Wenn es so wäre, dass die individualisierte Bastelreligiosität den Religionen den Weg in eine friedliche Zukunft der Welt weist, wäre das ja schön. Aber ob der Wahrheitsrelativismus und die Beliebigkeit, die mit dieser Religiosität ohne Zweifel einher gehen und die sich auch in ihren diffusen, weitgehend privatisierten Erscheinungsbildern in der Cafeteria und sonstwo zeigen, wirklich eine Quelle echter Toleranz von kosmopolitischen Ausmaßen werden kann, darf man wohl fragen.      Ich kenne kein Beispiel in der Geschichte, dass echte Toleranz wirksam wurde, ohne dem Kriterium einer Wahrheit unterworfen zu sein. Die Duldung von Menschenverachtung ist z.B. keine mit der Wahrheit der Menschenwürde vereinbare Toleranz. Das verzerrte Bild von Wahrheit als Quelle der Gewalt, das sowohl die Deuter der „Wiederkehr der Götter“ wie die „Neuen Atheisten“ dem Christentum unterstellen und zur negativen Folie ihrer Phantasien machen, ist auch sonst ziemlich unerträglich. Wahrheit ist im Verständnis des christlichen Glaubens nicht irgendein Besitz der Kirche, den sie wie eine Keule schwingen kann. Wahrheit ist im biblischen Sinne das Ereignis, das unverfügbare Ereignis der Liebe Gottes, über das kein Mensch verfügen, sondern um deren Anerkennung man nur „sine vi et verbo“, ohne Gewalt und mit dem Wort, werben kann, wie unser evangelisches Bekenntnis sagt.

Wenn es in der Tat eine scheußliche Gewaltgeschichte des Christentums gegeben hat, dann ist das dem Einfluss der „Mächte dieser Welt“ auf unsere Kirche zuzuschreiben und nicht dem „Backofen voller Liebe“, der Gott nach Martin Luther für unseren christlichen Glauben ist. Dieser Gott stellt sich im Leben und Sterben Jesu Christi auf die Seite aller Leidenden und Misshandelten und niemals auf die Seite der Hassenden und Menschenschlächter. Auf ihn kann sich keiner berufen, der anderen Menschen Gewalt antut. Er fordert selbst zur Kritik von Gewalt und Intoleranz heraus, die sich im Glauben an ihn einnisten wollen. Der christliche Glaube ist mitsamt seinen Ursprüngen in Israel deshalb schon immer eine eminent religionskritische Religion gewesen, welche diese Kritik an erster Stelle auf sich selbst anwendet. Er muss wirklich nicht auf eine sich formierende neupolytheistische Götterwelt warten, um vom Pulsschlag der Gewaltlosigkeit und des Friedens durchdrungen zu werden.

         Deshalb möchte ich ein wenig ungehalten hinzufügen: Ich empfinde die ganze, von neuatheistischer und religionswissenschaftlicher Seite entfachte Diskussion um die zwangläufige Gewalttätigkeit des christlichen Glaubens angesichts der Realität unserer Kirche heute als irgendwie absurd. Man kann unseren Kirchen und Gemeinden ja allerhand vorhalten. Aber dass sie mit dem Glauben an den einen Gott der Bibel in unserer Gesellschaft eine offene oder heimliche Brutstätte von Intoleranz und Gewalt sind, kann bloß die pure Ignoranz unterstellen. Wir erinnern uns in diesen Wochen daran, dass die Losung „Keine Gewalt“ von unserer evangelischen Kirche auf die Straßen der DDR getragen wurde und Friedensfolgen von geradezu kosmopolitischen Ausmaßen gezeitigt hat. Indem die „Neuen Atheisten“ und die Deuter der „Neuen Religiosität“ davor wie vor dem Friedenspotenzial des christlichen Glaubens überhaupt beharrlich die Augen verschließen, bewegt sich ihre Kritik am Ein-Gott-Glauben m.E. in abseitigen und vorgestrigen Gefilden.

 

5. Naturwissenschaft contra Glaube?

Die Kritik an der behaupteten zwangsläufigen Gewaltanwendung durch die Religionen ist nur das eine Standbein der „Neuen Atheisten“. Wir können die Musterung des Profils dieser Atheisten nicht schließen, ohne ihr anderes, nun allerdings ganz und gar nicht neues Standbein in den Blick zu nehmen. Es besteht aus der Behauptung, dass sich Religion nicht mit der Wissenschaft vertrage. Weil Religion u.a. auch als Verderben der Köpfe von Kindern mit unhaltbaren Vorstellungen verstanden wird, hat Michael Schmidt-Salomon seinem die Gewalt der Religionen anprangernden Kinderbuch auch flugs ein zweites folgen lassen: „Susi neunmalklug erklärt die Evolution“. In ihm wird ein Religionslehrer lächerlich gemacht, der kreationistische Ansichten vertritt. Das entspricht dem Verfahren, den christlichen Glauben in die fundamentalistische Ecke zu stellen und ihn in dieser Ecke zu zerpflücken.

Leider besteht in verschiedener Hinsicht Anlass, das ernst zu nehmen. Denn zum einen werden kreationistische Ansichten auch in Gruppierungen unserer Kirche vertreten, so dass sich die Evangelische Kirche in Deutschland z.B. veranlasst sah, eine Handreichung zu diesem Thema zu erarbeiten. Zum anderen ist das Verfahren, den christlichen Glauben an Gott, den Schöpfer, als verkehrte wissenschaftliche Hypothese zu denunzieren, in den Schulen meines Erfahrungsbereiches aus alter realsozialistischer Gewohnheit gängige Praxis. Wenn man dem atheistischen Milieu einen Grund für den Atheismus entlocken kann, dann ist es an erster Stelle die Auskunft: Religion ist unwissenschaftlich. Dieses Argument stützen die „Neuen Atheisten“ in Breite, wobei es offenkundig nicht stört, dass die Phänomene der „Wiederkehr der Götter“ sich in ihrer überwiegenden Mehrzahl keinesfalls mit einer Ablehnung der naturwissenschaftlichen Forschung verbinden.

Wir können jetzt in unserem Rahmen unmöglich auf all die Fragen im Einzelnen eingehen, die sich beim Thema „Glaube und Wissenschaft“ auftun. Ich beschränke mich darum auf die kurze Erörterung von zwei Argumentationen, die für den Atheismus, wie ihn der Oxoforder Evolutionsforscher Richard Dawkins in seinem Buche „Der Gotteswahn“ vertritt, besonders charakteristisch sind.

Sein atheistische Grundargument ist: Die Naturwissenschaften können keinen Beweis für die Existenz eines Gottes, für einen übernatürlichen „Gestalter“ der Welt, liefern. Aus naturwissenschaftlicher Perspektive existiert Gott mit über 50% Wahrscheinlichkeit nicht. So verkündet es ja auch der durch Deutschland fahrende Atheismus-Bus – ich weiß nicht, ob er schon durch Heidelberg gekommen ist – : Gott existiert mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

Gott sei Dank, können wir da nur sagen, ist Gott keine Wirklichkeit, die man in Naturgesetze einfangen und dementsprechend technisch verwerten kann wie die Atomkraft. Zu Gottes unsichtbarer, geistiger, jenseitiger Wirklichkeit gibt es nämlich nur einen Zugang und das ist der Glaube. Glaube im christlichen Sinne aber ist nicht ein Für-wahr-halten von irgendwelchen Vorstellungen über das Werden der Natur. Er ist das Vertrauen zu Gott als dem tragenden Geheimnis unseres Daseins, das in geschichtlichen, existenziellen Zusammenhängen (wie der Begegnung mit Jesus Christus entsteht). Könnten wir dieses Vertrauen naturgesetzlich beweisen, dann brauchten wir nicht glauben.

Dawkins aber versteht die Frage nach der Existenz Gottes als Suche nach einem Ding, wie es – das sind tatsächlich seine Beispiele – eine Weltraum herum fliegenden Teekanne oder einem Spaghettimonster wäre. Das ist das Niveau des ersten Weltraumfahrers Juri Gagarin, der auch verkündet hatte, dass er Gott bei seinem Weltraumflug nicht angetroffen hat. Dawkins gibt allerdings zu: Diese Fehlanzeige ist kein Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Theoretisch bliebe immer noch die Möglichkeit, dass Gott in von uns nicht erkannten Dimensionen des Universum existiert bzw. hypothetisch als sein „Gestalter“ angenommen werden kann. Englische Religionsphilosophen haben sich deshalb daran gemacht, mit dem Computer auszurechnen, dass dies doch mit mehr als 50% Wahrscheinlichkeit der Fall ist. Dem liegt jedoch das gleiche Fehlverständnis Gottes als eines objektivierbaren Sachverhaltes zugrunde. Dawkins aber zieht sich aus der von ihm selbst gelegten Schlinge, indem er sagt: Dass etwas nicht existiert, braucht auch gar nicht bewiesen zu werden.

Ich halte das für ein ehrliches Argument, weil es zu erkennen gibt, dass die Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes überhaupt nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnis zustande gekommen ist. Hier redet schlicht ein Nicht-Glaubender, der in seinem Leben keine Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Er setzt die Nicht-Existenz Gottes voraus und versucht das Vorurteil seines Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu begründen. Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in Glaubensfragen nur der Stimme enthalten kann, eine antireligiöse Ideologie.

Der christliche Glaube wird sich hüten, dem mit einer religiösen Ideologie von der Welt- und Lebensentstehung Paroli bieten zu wollen. Auch er beurteilt und deutet das, was wir wissenschaftlich wissen können, durchaus im Lichte seiner Gotteserfahrung. In seiner Perspektive verdankt sich die Welt und wir selbst dem Geheimnis Gottes. Aber das ist ein Glaubensbekenntnis und kein unserem Wissen vom Werden des Universums und des Lebens abgezwirbelter Satz. Was dieses Wissen betrifft, so kann und soll uns die naturwissenschaftliche Forschung davon so viel wie möglich besorgen. Je mehr wir wissen können, desto mehr wird uns das wunderbare, atemberaubend großartige Werk des Schöpfers gegenwärtig. Darum ist der Glaube in Freund der Naturwissenschaften.

Soll die atheistische Argumentation stimmig sein, dann muss deshalb der Glaube aufs Korn genommen werden. Das geschieht, indem eine Theorie vom Entstehen der Religion konstruiert wird, die begründen soll, warum Religion verderblich ist. Diese Theorie besagt: Religion sei eine „Fehlfunktion“ der Evolution des menschlichen Lebens, ein verkehrter Gebrauch einer eigentlichen nützlichen genetischen Anlage unserer Gattung. Das Beispiel dafür ist die Motte. Sie ist genetisch darauf  programmiert, sich am Mondlicht zu orientieren. Diese Programmierung verführt sie, sich mit tödlicher Konsequenz ins Kerzenlicht zu stürzen. Dementsprechend gilt: Wir sind genetisch darauf programmiert, unseren Eltern zu glauben. Das verführt uns dazu, das Ziel unseres Glaubens zu einer für sich existierenden „Überwelt“ zu verselbständigen. Durch sog. von Dawkins erfundene „Meme“ (Gedächtniseinheiten) soll sich dieser Glaube dann wie ein Virus fortpflanzen.

Die Widersprüchlichkeit dieser Art von Religionskritik ist mit Händen zu greifen. Erst wird erklärt, die wissenschaftliche Erkenntnis und damit auch die Einsicht in die Evolution des Lebens treibe uns den Gottesglauben aus. Dann aber wird behauptet, gerade diese Evolution veranlasse uns zu religiösen „Fehlfunktionen“. Doch wer entscheidet hier, was richtige Funktion von uns menschlichen Wesen und was „Fehlfunktion“ ist? Wenn wir einmal evolutionsbiologisch reden wollen, dann hat uns dieser naturgesetzliche Vorgang doch in die Freiheit gesetzt, das aufgrund unserer Erfahrungen mit unserem Leben und der Berührung unseres Geistes von der Transzendenz selbst zu entscheiden. Zu den Möglichkeiten dieser Freiheit gehört, Unverfügbares, Geheimnisvolles, Unsichtbares begegnen zu lassen, damit zu leben und uns darin zu orientieren. Unser Leben unterläge auch abgesehen von der Gotteserfahrung einer unsäglichen Verarmung, wenn es auf die Wahrnehmung von Verfügbarem, Messbarem, Geheimnislosen reduziert würde. Der christliche Glaube beharrt darum darauf, dass in seinem Vertrauen zu Gott wahrhaft menschlich zu nennende Möglichkeiten unserer Gattung aufgenommen und zu Ehren gebracht werden. Nein, er beharrt nicht nur darauf. Er gräbt, indem er von den Glaubenden täglich gelebt wird, Gerüchten vom Glauben als einer „Fehlfunktion“ des Menschseins in praxi das Wasser ab.

 

6. Schlussbemerkung

Wir müssen zum Ende kommen, obgleich es zu unserem Thema noch viel zu sagen gäbe. Renaissance der Religion – Wiedergeburt des Atheismus“ das sind zwei Schlaglichter auf wichtige Herausforderungen für unsere Kirche von heute, aber auch für das Leben aller Glieder unserer Kirche. Diese Herausforderungen kommen auf den ersten Blick aus ganz verschiedenen Ecken unserer Gesellschaft. Doch sie stellen die Christenheit in unserem Lande im Grunde vor die gleiche Aufgabe. Sie besteht einerseits darin, den christlichen Glauben im Leben und Reden so eindeutig darzustellen, dass die vielen Missverständnisse und Fehldeutungen, die wir zur Kenntnis nehmen mussten, nicht entstehen können. Andererseits geht es darum, die Anliegen der neuen Religiosität wie des Atheismus nicht nur ernst zu nehmen, sondern auch zu zeigen, wo sie in unserer Kirche einen legitimen Ort haben können. Das gilt für das Anliegen ganz persönlich vertretbarer Glaubensformen ebenso wie für die Anliegen der Gewaltlosigkeit und der rechten Deutung der fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnis unseres Dasein auf der Erde im Universum. Im Glauben an den Gott, der in der Klarheit seiner Liebe Menschen zum eigenen Glauben und zur eigenen Erkenntnis der Welt frei macht, müssen diese Anliegen nicht zu Sprungbrettern von flottierender Religiosität oder von Gottesverneinung werden. Sie können im Gegenteil Elemente eines verantworteten Christseins in unserer Zeit sein.

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de