Wolf Krötke Online

      Home / Vorträge /Woher wir kommen - wer wir sind  
     

 

 

:: Lebenslauf

:: Bibliographie

:: Artikel

:: Vorträge

:: Predigten

:: Radiosendungen

:: Links

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Woher wir kommen - wer wir sind

Zum Weg der evangelischen Kirche 1989 bis 2009 aus östlicher Perspektive

 

1. Mitgliederschwund und „Reformprozess“

Eigentlich weniger „wer wir sind“, sondern „wer wir sein werden“, beschäftigt die Evangelische Kirche in Deutschland seit 2006 programmatisch. Dem dramatischen Rückgang der Mitgliederzahlen der Evangelischen Landeskirchen um rund 250 000 Kirchenglieder jährlich, der unsere Kirche – hoch gerechnet – in 30 Jahren um ein Drittel dieser Glieder dezimiert haben wird, erträgt kein „Weiter machen wie bisher“. Er erfordert eine Reaktion der Kirchenleitungen, die ihre Verantwortlichkeit versäumen würden, wenn sie sich nicht Gedanken machten, wie sich die Kirchen und Gemeinden heute für diese Entwicklung rüsten sollen. Mit dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahre 2006, ihm folgenden regionalen Ablegern, wie dem Berlin-Brandenburgischen „Salz der Erde“ und einer Reihe von „Zukunftskongressen“, deren letzter gerade in Kassel stattfand, ist versucht worden und wird versucht, dieser Verantwortlichkeit gerecht zu werden.

Ich will im Folgenden nicht in Breite diskutieren, was dabei alles an durchaus prophetischen Ideen einerseits und an nüchternen, der Wirtschaftswelt entnommenen Kalküls andererseits ins Spiel gebracht worden ist. Da kann man ohne Zweifel viel über den Zustand und die Aussichten unserer Kirche lernen. Aber eines ist ganz klar: In diesem „Reformprozess“ geht es darum, wie unsere Kirche ihre Stellung als eine nach dem Landeskirchen- und Parochialprinzip über das ganze Land verbreitete Institution halten kann, wenn im Lande und vor Ort die Christinnen und Christen immer weniger werden. Der Begriff „Reform“ ist hier nicht der Tradition des theologisch und geistlich geladenen Begriffes der „Reformation“ entlehnt, sondern wird etwa in dem Sinne gebraucht, wie die Regierung Schröder „Hartz IV“ eine „Reform“ nannte. Die SPD hat das ihre Glaubwürdigkeit als eine Partei der Arbeitnehmer gekostet. Ist unsere Kirche in der Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit als Anwältin reformatorischen Gottesglaubens zu verlieren, wenn sie – um mit Dietrich Bonhoeffer zu reden – um ihre „Selbsterhaltung“ so kämpft, dass es dabei gar nicht so sehr auf die Wahrheit des Glaubens, sondern um ihre Präsenz als Religion überall in unserer Gesellschaft geht?

         Die „Zeitzeichen“ haben in ihrem letzten Heft aus Anlass des „Zukunftskongresses“ in Kassel verschiedene Reaktionen auf den „Zukunftsprozess“ abgedruckt, den die EKD ausgerufen hat. Darunter ist auch die Reaktion meines Berliner Kollegen in der Praktischen Theologie, Wilhelm Gräb. Er entnimmt der Tendenz dieses Papiers die Berechtigung, die in der „Volkskirche“ nur locker mit der Wahrheit des christlichen Glaubens verbundenen „Kulturchristen“ oder „Privatchristen“ entscheidend für die Lebensfähigkeit unserer Kirche in Zukunft in Anspruch zu nehmen. Die würden nämlich das Wesen des sog. „Protestantismus“, nach dem jeder das Recht haben soll, zu glauben, was ihm in Freiheit persönlich genehm ist, ausdrücken. Gräb wagt darum den Satz: „Das Kirchesein gehört nach evangelischer Auffassung zwar zur Form, aber nicht zur Substanz des christlichen Lebens“.

Das ist – mein lieber Kollege und auch Sie mögen das harte Wort entschuldigen – eine glatte Irrlehre. Sie müsste eigentlich einen Aufschrei in unserer evangelischen Kirche, die noch etwas auf sich selber hält, auslösen. Denn eine Kirche ist nach reformatorischer Einsicht eine „Versammlung der Glaubenden“ (CA VII), deren Glaube nur in dieser Versammlung „Substanz“, Lebenskraft und Zukunftskraft hat. Zurecht gereimter, prinzipiell individualisierter, am Rande und neben der Kirche wuchernder Glaube kann darum nicht ernstlich Ziel einer „Reform“ der Kirche sein. Wenn diese Art von „Protestantismus“ die Zukunft unsere Kirche garantieren soll, in der Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen empfehlen, lieber ins Kino zu gehen statt zum Abendmahl, weil sie dort die Religion von heute besser kennen lernen, dann hat unsere Kirche abgedankt.

Es ist zwar richtig, dass sich zu unserer sog. „Volkskirche“ viele Menschen halten, die das aus dem Glauben an Gott ziemlich fern stehenden Gründen tun. Sie sollen auch keineswegs verschreckt werden. Denn sie bilden einen Resonanzraum für die christliche Botschaft, in dem die Wahrheit, d.h. die tragende Kraft dieser Botschaft, in mannigfach partialisierter Weise in die Gesellschaft auszustrahlen vermag und in dem es für Menschen wichtig ist, die lebensbegleitenden Riten der Kirche in Anspruch zu nehmen. Aber dass unsere Kirche, statt die Kraft dieser Wahrheit stark zu machen, sich regelrecht der Beförderung eines Willkürglaubens an ihrem Rande und darüber hinaus verschreibt, um ihre Existenz in Zukunft zu sichern, wäre wirklich ein nichtswürdiger Grund für ihr Dasein in dieser Gesellschaft.

Die Herausforderung, vor der unsere Kirche in der beschriebenen Situation demnach steht, mutet ihr den Spagat zu, einerseits alles darauf zu konzentrieren, dass die christliche Botschaft immer klarer und eindeutiger die Menschen erreicht, andererseits auch dem Rechnung tragen, dass dies nach menschlichem Ermessen nur im Rahmen einer ziemlich weltlichen Pflege der ererbten Gestalt unserer Kirche geschehen kann, welche durch den Mitgliederschwund ihre irdischen Halterungen zu verlieren droht.

Vor diesem Spagat standen die Kirchen der neuen Bundesländer schon vor 20 Jahren. Denn dort war viel dramatischer schon Wirklichkeit geworden, was sich jetzt besorgniserregend für die Kirchen in ganz Deutschland abzeichnet. Statt bloß ein Drittel haben diese Kirchen in 40 Jahren real-sozialistischer Herrschaft mit atheistischer Grundierung rund dreiviertel ihrer Mitglieder verloren. Gehörten im Osten Deutschland 1949 über 80 % der Bevölkerung zur evangelischen Kirche, so waren es 1989 nur noch 22 %. 1990 wäre darum für die Kirchen im Osten der ideale Zeitpunkt gewesen, den Reformprozess in Angriff zu nehmen, der jetzt für die Kirchen in ganz Deutschland ausgerufen wird. Ich will nicht sagen, dass in dieser Hinsicht überhaupt nichts stattgefunden hat. Ich komme noch darauf zurück. Doch obwohl es zu Beginn der 90ger Jahre mannigfache Forderungen gegeben hat, den Dienst der Kirche auf den realistischen Boden einer Minderheitenkirche zu stellen, ist es im Gefolge des Tempos der politischen deutschen Vereinigung bei der Vereinigung der EKD-Kirchen im Großen und Ganzen einfach zu einer Anpassung an die Strukturen, Gesetzlichkeiten und Verfahrensweisen der Kirchen in der Bundesrepublik gekommen. Warum es dazu kam, ist für den Reformprozess der Kirchen in ganz Deutschland in verschiedener Hinsicht lehrreich, so dass sich ein Blick zurück empfiehlt.

 

2. Dissonanzen und Realitäten in den vereinigten deutschen Kirchen

Es gibt nicht wenige Menschen – auch Pfarrerinnen und Pfarrer – in den Kirchen der neuen Bundesländer, die bis heute nicht verkraftet haben, dass die Kirchen des Ostens Deutschlands strukturell, kirchenrechtlich und staatskirchenrechtlich den Kirchen in der Bundesrepublik gleich gestaltet wurden. Bei der Berliner Volksabstimmung über die Einführung des Religionsunterrichtes als Wahlpflichtfach ist das z.B. im Sommer dieses Jahres wieder in geradezu erstaunlichem Umfang sichtbar geworden. Diese Abstimmung ist auch daran gescheitert, weil sich ein großer Teil der Ostberliner Gemeinden nicht nur nicht daran beteiligt, sondern auch dagegen polemisiert hat. Es kam – wie das Ergebnis dann gezeigt hat – zu einer regelrechten Ost-West-Spaltung in dieser Sache. „Das ist nicht mehr meine Kirche, die sich für diesen Unterricht politisch engagiert“, konnte man da z.B. hören. Religionsunterricht gehört in die Kirche und nicht an die Schule, war die Überzeugung, die hinter solchen Äußerungen stand.

Man wird nicht fehl gehen, dass viele ostdeutsche Christinnen und Christen das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche um der Freiheit der Kirche willen so verinnerlicht haben, dass sie Ressentiments gegen die staatskirchenrechtlichen Regelungen hegen, in der die Kirche mit finanzieller Unterstützung durch den Staat agiert. Das Kirchenideal, welches dem zugrunde liegt und welches sich auch vor 20 Jahren meldete, ist die Vorstellung, dass die Kirche nicht nur geistlich, sondern auch in ihrer weltlichen Verfassung allein aus den Möglichkeiten und damit auch aus den Mitteln lebt, die ihr das Evangelium und der Glaube durch die Existenz der Gemeinden erschließen. Das sich Abhängigmachen von gesellschaftlichen und staatlichen Interessen an der Religion passt in dieser Optik mit dem Wesen der Kirche schlecht zusammen. Das Kirchenideal, das hier vertreten wird, ist vielmehr das der Freikirche und das ist aufgrund des Selbstverständnisses, das die Kirchen in der DDR hatten, auch kein Wunder.

Denn freikirchliche ekklesiologische Vorstellungen begegnen im Grunde in allen wesentlichen Verlautbarungen der DDR-Kirchen über den Dienst und den Auftrag der Kirche als einer „Zeugnis- und Dienstgemeinschaft“ in der sozialistischen Gesellschaft. Sie stecken ja auch in Dietrich Bonhoeffers Rede von der „Kirche für Andere“, die sich insbesondere der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR angeeignet hatte. Doch das war eine Mogelpackung (wie die Beanspruchung dieser Formel in „Kirche der Freiheit“ übrigens auch). Denn niemand hat in Bonhoeffers Sinne ernstlich erwogen, allen Besitz der Kirche an die Armen zu verschenken, allein von den „freiwilligen Gaben“ der Gemeinde zu leben und den Pfarrberuf in der Freizeit anzusiedeln, die neben einem weltlichen Beruf bleibt. Die Evangelische Kirche blieb vielmehr eine über das ganze Land verbreitete Institution mit allen dazu gehörenden rechtlichen Regelungen und dem erforderlichen Verwaltungsaufwand. Um das aber durchhalten zu können, war sie angesichts des drastischen Rückgangs der Mitgliederzahlen extrem auf finanzielle Hilfe von außen angewiesen.

Es hat zwar immer wieder einmal Versuche gegeben, durchzurechnen, was geschehen würde, wenn die Gelder aus dem Westen und die Zahlungen der DDR-Regierung, die sich aus der Übernahme der Verpflichtungen aus dem „Reichsdeputationshauptschluss“ herleiteten, wegfallen würden. Außer einem großen Schreck hat das weiter keine Konsequenzen gehabt. Wir müssen deshalb nüchtern konstatieren: Es wurde in der DDR kein neues Kirchenmodell gegenüber der ererbten Gestalt entwickelt. Die Kirche behielt auch die äußerlichen Merkmalen einer Körperschaft des öffentlichen Rechts bei, z.B. Kirchensteuern, Beamtenrecht, eigene Gerichtsbarkeit etc. Ja sie blieb sogar eine „Volkskirche“, obwohl deren Ende vom Cottbusser Generalsuperintendenten Günther Jacob in den sechziger Jahren in Orwellscher Prophetie für das Jahr 1984 prognostiziert worden war.

         Nun hatte er damit, was den Vollsinn des Begriffs „Volkskirche“ betrifft, nicht einfach Unrecht. Eine „Volkskirche“, der noch nicht einmal ein Viertel des Volkes angehört, verdient diesen Namen im Grunde nicht. Das institutionelle Gerüst der kirchlichen Präsenz bei allem Volk klapperte darum gewaltig, tut das bis heute und fängt nun auch in den Kirchen des Westens an zu klappern. Nicht Recht hatte Jacob dagegen in einer anderen Hinsicht. Für die Kirchen in der DDR blieb auch auf dem zusammen geschrumpftem Niveau der Zahl ihrer Mitglieder ein Wesenmerkmal der Volkskirche charakteristisch, nämlich ein kleiner engagierter Kern und darum herum die Meisten, die nur locker, unverbindlich und passiv dazu gehörten.

Der gute Ruf, den sich die Kirche in der DDR bei vielen Betrachtern von außen erworben hatte, war zu gut gemeint. Man sagte dieser Kirche ja nach, sie würde unter den DDR-Bedingungen identisch mit der Versammlung der wahrhaft Glaubenden und Bekennenden. Doch das stimmt nicht. Diese Kirche hat sich nicht „gesund geschrumpft“ und das wird beim Rückgang der Mitgliederzahlen in allen Kirchen Deutschlands auch nicht der Fall sein, schon gar nicht durch die abstrakte Forderung nach der Erhöhung der „Quoten“ beim Gottesdienstbesuch etc. Im Ganzen zeigte sich und zeigt sich bis heute, dass in Hinblick auf die Teilnahme der Gemeindeglieder am Gottesdienst, am Leben der Gemeinde und am Engagement für die Kirche prozentual betrachtet ungefähr die gleichen Verhältnisse anzutreffen sind, wie im Westen auch.

Schon alleine aus diesem Grunde erwies sich die Idee einer völlig anders verfassten „Ostkirche“ mit deutlicherem Bekenntnischarakter als nicht tragfähig. Zwar wäre damals durchaus die Chance gewesen, Einiges anders zu regeln, als es dann geschah, wie z.B. die Angleichung der Pfarrgehälter an die Beamtenbesoldung, auf welche die Pfarrerinnen und Pfarrern damals durchaus zu verzichten bereit waren. Heute sind sie es scheinbar nicht mehr, wie denn die ganze Frage der Absenkung der Gehälter bei einer in Finanznot geratenen Kirche offenkundig außerhalb des Reformwillens der Kirche liegt. Ein regelrechter Fehler war es darüber hinaus, die Bedeutung der „Christenlehre“ gegenüber dem Religionsunterricht so gering zu veranschlagen. Sie ist in den meisten Gemeinden – aufgrund des Absterbens des Berufes der Katechetin und des Katecheten – zugrunde gegangen. Der Religionsunterricht aber vermag – abgesehen von den Schwierigkeiten, welche ihm der Staat bereitet – die Lücke der Bildung in Glaubensfragens nur ziemlich annäherungsweise zu füllen.

Im übrigen war bei dem Vereinigungsprozess der Kirchen unter dem Dach der EKD ausgesprochen und unausgesprochen die Erwartung im Spiele, unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen würden sich die Menschen im Osten Deutschlands wieder der Kirche zuwenden. Man kann das nach der bedeutenden Rolle, welche die Evangelische Kirche bei der „friedlichen Revolution“ gespielt hat, sicherlich nicht als puren Illusionismus abtun. Dennoch hat diese Erwartung hat getrogen. Der Atheismus ist in der DDR-Zeit für die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung zu einer selbstverständlichen Lebensgewohnheit geworden, in der christliche Überlieferungen nicht mehr vorkommen. Ganze Generationen haben sich in der Glaubens- und Kirchenferne eingerichtet. Schon die Großeltern und unterdessen sogar die Urgroßeltern der atheistischen Konfessionslosen von heute waren nicht in der Kirche. Ihre Kinder werden in die Gottesvergessenheit hinein geboren.

Darum erneuert sich die Glaubens- und Kirchenferne in den neuen Bundesländern fortwährend. Das ist ohne Zweifel eine Besonderheit der ostdeutschen Situation, obgleich der Atheismus bei dem Drittel der westdeutschen Bevölkerung, die „konfessionslos“ ist, die überwiegende weltanschauliche Orientierung ist. Aus Richtung Westen fühlen sich die Ostdeutschen in ihrem festen atheistischen Milieu deshalb auch keinesfalls beunruhigt und herausgefordert. Die Verwandten aus Hamburg feiern die nach wie vor stabile, wenn auch etwas entideologisierte Jugendweihe in Frankfurt an der Oder freudig mit.

Darum verwundert es schon, dass der Atheismus als Herausforderung für die Kirche in ganz Deutschland bei dem eingeleiteten Reformprozess der Kirchen nur eine marginale Rolle spielt. Bei diesem Prozess wird vielmehr einige Hoffnung auf die sog. „Wiederkehr der Religion“ gesetzt. „Es wird neu nach Gott gefragt“, heißt es gleich zu Beginn des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“. „Religiöse Themen ziehen eine hohe Aufmerksamkeit auf sich; Menschen fragen auch wieder nach der eigenen religiösen Identität, nach dem, was für sie selbst Halt und Zuversicht verbürgt. Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber den im christlichen Glauben gegebenen Grundlagen des persönlichen wie des gemeinsamen Lebens weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“. „Die gesellschaftliche Situation ist günstig“, heißt es darum in diesem Papier gleich zu Anfang angesichts des „Megatrends“ der „Respiritualisierung“ in unserer Gesellschaft aufmunternd. Die Überzeugung, dass der Atheismus abgewirtschaftet habe, hat es unterdessen sogar bis in Lehrbücher der christlichen Dogmatik gebracht. Vom „Gewohnheitsatheismus“ seien nur noch „Rudimente“ übrig geblieben, lesen wir z.B. in einer solchen Dogmatik aus München. (Gunther Wenz, Studium, 47).

Diese Behauptung ist nicht nur für Ostdeutschland und den Westen Berlins, sondern auch für weite Gebiete der Bundesrepublik offenkundig falsch. Außerdem ist die „Wiederkehr der Religion“, die bei den Soziologen „Wiederkehr der Götter“ heißt, eine kaum geringere Bedrohung der Kirchen als der Atheismus. Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie – wie Ulrich Beck das gerade ausgedrückt hat – eine „Bastelreligiosität“ oder „Melangereligiosität“ in privatisierter Frömmigkeit anstreben, für die sie keine Kirche brauchen. „Versatzstücke der Weltreligionen, streßmindernde Meditationsrituale und esoterische Spekulationen, ein Häppchen Buddhismus und etwas Mystik nach Feierabend“ – das ist nach Ingolf U. Dalferth das Kennzeichen der neuen Religiosität, die er „Cafeteria-Religion“ nennt.

Es mag sein, dass es im Milieu dieser Religiosität Berührungspunkte mit dem christlichen Glauben gibt. In Berlin mehren sich die Gemeinden, die aus Fernost abgekupferte Meditations- und Leiberfahrungskurse anbieten. Der Propst Horst Gorski hat wiederum im letzten Heft der „Zeitzeichen“ beschrieben, wie in Hamburger Kirchen von „Geomanten“ heilige Räume ausgemessen werden, um den besten Fluss „heilender Energien“ zu gewährleisten. Dass unsere Kirche durch die Öffnung für dergleichen klarer und eindeutiger als „Darstellung der ganzen in Christus versöhnten Menschenwelt“ (K. Barth) wird, wird man sicher nicht behaupten wollen. Die konfessionslose Bevölkerung im Osten Deutschlands jedoch werden solche merkwürdigen religiösen Praktiken nur darin bestätigen, dass es sich bei der Religion um etwas Irrwitzges handelt.

Der bemerkenswerte, weil zur Nüchternheit anhaltende Artikel des Leipziger Religionssoziologen Gert Pickel im selben Heft der „Zeitzeichen“ hat mit empirischen Belegen dargelegt, dass solche Religiosität im konfessionslosen Milieu des Osten kaum eine Chance hat. Das gibt zu der Vermutung Anlass, dass die „Wiederkehr der Götter“ nur dort statt findet, wo in irgendeiner Weise, auch in ablehnender Weise, noch ein Bezug zu einer vergemeinschafteten und institutionalisierten Religion wie der Kirche da ist. Wo der Kontakt zu einer religiösen Gemeinschaft wie der Kirche dagegen abbricht, erhält sich auf die Dauer auch keine Form von Religiosität oder auch nur von religiöser Suche am Leben. Da muss die Kirche, statt sich an eine in ihrem Windschatten mannigfach flottierende Religiosität anzuhängen, noch einmal mit dem Anfang anfangen.

 

3. Der Auftrag der Kirche als einer schwerfälligen Institution

Mission, Einladung aller Menschen zum Glauben an Gott in Jesus Christus, ist der Auftrag der christlichen Kirche. Angesichts der sich im religiösen Gestus aus der Kirche verabschiedenden und der längst im Atheismus heimischen Menschen ist dieser Auftrag dringlicher denn je. So wie unsere Kirche derzeit um die Selbsterhaltung ihres ererbten Status in Deutschland zu kämpfen hat, aber ist die Frage nicht von der Hand zu weisen, ob sie zur Mission überhaupt in der Lage ist. Ich kenne Viele, die beantworten diese Frage mit einem glatten „Nein“. Für sie ist die Rede von der „missionarischen Kirche“, die heute vielfach im Schwange ist, nur eine theologisch-kirchliche Floskel im höheren Tone, der in der Realität bestenfalls aus dem letzten Loch pfeift. Unser schwerfälliger, parochialer Kirchenkörper hat überhaupt nicht Kraft, im hurtigen Gehen zu den Menschen missionarisch zu sein, meinen sie. Das gilt umso mehr, als der Personalbestand aller hauptamtlichen Dienste in den vergangenen Jahren drastisch reduziert werden musste. Die Kirchen des Ostens hat es da wiederum besonders hart getroffen. Ganze Arbeitsbereiche mussten eingestellt oder erheblich gekappt werden. Statt der Stärkung der Präsenz der Kirche vor Ort wurden Großraumstrategien der Organisation der kirchlichen Dienste entwickelt.

Konkret bedeutet das: Die Kirchen kompensieren ihre schwache Basis in kleinen Gemeinden durch „Fusionierung“, durch Ausweitung der Gemeindegebiete. Ich kenne, weil ich dort in der Nähe einmal als Pfarrer angefangen habe, eine Pfarrstelle in der Kirchenprovinz Sachsen, die zu meinen Zeiten fast einen ganzen Kirchenkreis ausmachte. „Fusionierung“ von alleine nicht mehr lebensfähigen Dienstbereichen unserer Kirche mit den dutzend dazugehörenden, mehr oder minder intakten Kirchengebäuden, die möglichst zu erhalten sind, hat dieses Gebilde geschaffen. „Fusionierung“ ist auch sonst der Ausweg, mit dem die Kirchen im Osten Deutschlands die Realität ihrer schwachen Basis im Einzelnen in eine Stärke im Ganzen zu verwandeln versuchen. Selbst die so fest gefügten Landeskirchen mit ihren noch so wichtigen Lokaltraditionen müssen dem Tribut zollen. Das Beispiel der mit der Berlin-Brandenburgischen Kirche vereinten Schlesischen Oberlausitz und der mitteldeutsche Kirchenverbund zeigen das. In die Konstitution einer „Nordkirche“ ist mittlererweile auch eine westdeutsche Landeskirche einbezogen. Was das Impulspapier prognostiziert, ist also schon im vollen Gange.

Doch so sinnvoll solche Fusionen auf Landeskirchenebene auch sein mögen, so problematisch stellt sich die Großraumstrategie der Zusammenlegung von Parochien auf die Dauer an der Basis dar. Ich bin zwar nicht ganz der Richtige, um dieses Problem aus Erfahrung hinreichend präzise beschreiben zu können. Aber es ist als solches ja nicht zu übersehen. Die Gemeinden müssen viel größer sein als in der DDR-Zeit, um eine Pfarrstelle zu tragen. Die hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer – aber werden immer weniger. Eine ähnliche Entwicklung gibt es ja in ganz Deutschland. Aber im Osten vollzieht sie sich auf einem Niveau, das den Auftrag der Kirche im Hinblick auf alle Menschen in diesem Landes tangiert. Vielerorts kann gerade so das Nötige getan werden, um das Leben der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Besonders in ländlichen Gegenden, die noch dazu besonders mit der kontinuierlichen Abwanderung von jungen und leistungsfähigen Menschen Richtung Westen gestraft sind, kommt es faktisch schon zur Entstehung von weißen Flecken auf der kirchlichen Landkarte. Schwerpunktbildung und Konzentration des kirchlichen Dienstes an bestimmten Orten ist im Zuge der Regionalisierung der Parochien unvermeidlich.

Das aber reicht nicht, um in einem zu 75 % entchristlichtem Lande Menschen, denen Gott nichts bedeutet, den Glauben an Gott wieder nahe zu bringen. Auch von außen lässt sich die Atmosphäre der Gottesferne von Menschen auch nicht behämmern und weich klopfen, wie man vielleicht aufgrund Medienpräsenz unserer Kirche vermuten könnte. Kirchenfürsten in seidenen, bunten Gewändern, schlaue Professoren und religiöse events, welche das Fernsehen präsentiert, bewegen die Menschen im konfessionslosen Milieu nicht innerlich. Den typischen „Ossi“ bestätigen die medialen Nachrichten aus der Welt der Religion und der Religionen hauptsächlich darin, dass es sich hier um etwas Abseitiges handelt. Er wirft – um mal ein wenig aus Berlin-Pankower Erfahrung in meinem Tennisverein zu plaudern – Alles in einen Eimer:

Die angeblichen Wunder des verstorbenen Papstes und den Islamismus in Gestalt der Selbstmordattentäter, Bischof Mixa und die zu Tode Getrampelten vor der Kaaba, den Glauben an die Auferstehung und die Seelenwanderung, den mittelalterlichen Ablass für die Sünden beim Weltjugendtag in Köln und die Frauen der Ahmadia-Muslim-Gemeinschaft in Pankow-Heinersdorf, die Männern nicht die Hand geben dürfen, den Dalai Lama und die Jesus-Freaks auf dem Kurfürstendamm, die Blutorgien der Passion Christi a la Mel Gibson und Da Vinci Code. Wenn mich jemand aus der konfessionslosen Bevölkerung nach der Religion fragt, fragt er nach Dergleichen und nicht danach, wie Sinn-gebend und zutiefst menschlich doch unsere Religion ist.

Der religiöse Pluralismus unserer Gesellschaft, der natürlich auch im Osten ankommt, bewirkt hier in der atheistischen und gottesvergessenen Grundgestimmtheit keinesfalls, was seine Theoretiker sich davon versprechen, nämlich einen Aufschwung des individualisierten Glaubens und eine Kulturliebhaberei des sog. Christentums. Darum ist der Christentumsmodell Dietrich Rösslers, welchem das Impulspapier der EKD ekklesiale Bedeutsamkeit zuspricht, auch gänzlich ungeeignet, der Zukunft der Kirche den Weg zu weisen. Es rechnet, wie oben schon angedeutet wurde, nämlich mit dreierlei Art „Christentum“, einem „kirchlichen“, einem „öffentlichen“ in „kulturellen Zusammenhängen“ und einem „individualisierten Christentum“ in „privater Frömmigkeit“. Für die zwei Drittel Kultur- und Privatchristen bildet nach dieser Anschauung die Gesamtkirche das Dach, unter dem sie sich als Christen fühlen können. Um das letzte, kirchliche Drittel kümmern sich dagegen die Gemeinden mit ihren „Kernkompetenzen“.

Es ist nun nach dem, was wir uns über die lockere Kirchenzugehörigkeit im Osten wie im Westen klar gemacht haben, gar nicht zu bestreiten, dass es in schmaler Weise ein sog. öffentliches und privates Christentum auch im Osten gibt. Sehr viele von denen, die das Kulturangebot der Kirche zu schätzen wissen oder ein gewisse Sympathie mit der Ethik Jesu hegen, sind hier jedoch gar nicht Glieder der Kirche und beabsichtigen auch gar nicht, es aufgrund dessen zu werden. Die Distanziertheit zur Kirche ist hier nicht unfreundlich, wie denn dem Gewohnheitsatheismus des Ostens – bis auf einige Erscheinungen verbiesterter Verstocktheit, dem die sog. „Neuen Atheisten“ aus der anglo-amerikanischen Welt gerade einigen Auftrieb gegeben haben – überhaupt das Giftig-Aggressive fehlt. Aber man möchte von größerer Verbindlichkeit der persönlichen Beziehung zur Kirche entschieden nichts wissen.

Diese Art partieller Sympathie für die Kulturseite der Kirche als solche zu befördern, heißt darum, die „Konfessionslosigkeit“ zu bestärken. Wenn es wirklich zu einem zahlenmäßigen Wachstum der Kirchen kommen soll, dann wird das bei aller Aufmerksamkeit auf ihr teilweise sympathisierendes Umfeld mit ihrer Kulturfunktion nur so gehen, dass der Schwerpunkt des Dienstes der Kirche einseitig auf der Auferbauung der Gemeinden liegt.

 

4. Schwerpunkte des kirchlichen Dienstes

Nach Lage der Dinge und nach menschlichem Ermessen wird es in absehbarer Zeit im Osten, aber vermutlich auch im Westen Deutschlands keinen „Megatrend“ der Hinwendung der konfessionslosen Bevölkerung zum Glauben und zur Kirche geben. Wir müssen damit rechnen, dass für ganze Generationen der konfessionslosen Bevölkerung das Leben ohne Glaube und Kirche endgültig ist. Ob es auch für künftige Generation beim verfestigten Klima oder Milieu der atheistischen Konfessionslosigkeit bleibt, kann man allerdings bezweifeln. Denn dieser Konfessionslosigkeit, die sich vor allem in Gleichgültigkeit gegenüber Glaube und Kirche äußert, ist als solcher keine geistige oder kulturelle Kraft zur Zukunftsgestaltung eigen. Sie ist ja als solche nur eine Negation. Sie braucht ethische und kulturelle Anleihen von anderswo, um sich als zukunftsorientiert empfehlen zu können.

Der „humanistische Verband“, der sich die Stasi-Gründung des „Freidenkerverbandes“ aus den letzten Zeiten der DDR einverleibt hat und der Kirche an den Berliner Schulen ziemlich zu schaffen macht, ist ein gutes Beispiel dafür. Er sammelt sich aus der Geschichte des europäischen Humanismus eine Reihe von hehren Zielen zusammen, die in beinahe pastoralem Tone verkündet werden. Doch die Kraft zur Selbstorganisation des Massenatheismus repräsentiert diese Minigruppe keinesfalls. Dieser Massenatheismus begegnet trotz seiner Milieuverschlossenheit vielmehr mit einem diffusen Gesicht, bei dem man nicht weiß, in welche Zukunft die Augen in diesem Gesicht blicken.

         Demgegenüber repräsentiert die Minderheit der christlichen Gemeinden ein beachtliches religiöses, geistiges und kulturelles Potenzial mit einem Vorsprung an gesammelter menschlicher Erfahrung mit Tiefgang, der schon heute gar nicht zu unterschätzen ist. Dieses Land sähe völlig anders aus, wenn es die Kirche nicht gäbe. In diesem Sinne hat das östliche Impulspapier von 1995 mit den Überschrift „Minderheit mit Zukunft“ nicht nur den Glaubenssatz wiederholt, quod una sancta ecclesia perpetuo mansura sit. Es hat auch im Hinblick auf die faktische Situation deutlich gemacht, dass für die Kirche kein Grund zur Resignation besteht. Sie hat die lebenskräftigere Substanz in ihren Gliedern und den längeren Atem für die Zukunft, als der Glaube an Nichts oder irgendeine Ersatzreligiosität. Mit diesem Vertrauen kann und wird sie versuchen, über die Phase der Selbsterhaltung hinauszukommen und jetzt schon beginnen, Schwerpunkte zu setzen, die dem Vertrautmachen mit dem Glauben an Gott in der atheistisch-konfessionslosen Bevölkerung nicht nur des Ostens Deutschlands dienlich sind.

         Ich kann jetzt unmöglich einen Überblick geben, was in dieser Hinsicht landauf- landab in den Gemeinden und den aus ihnen hervorgehenden Initiativen wie z.B. der Gründung und dem Ausbau christlicher Schulen und Kindergärten Alles Gutes, Phantasievolles und Neues geschieht, um die Menschen, auf die Kirche aufmerksam zu machen, Berührungsängste abzubauen und den christlichen Glauben in die Gesellschaft hinein ausstrahlen zu lassen. Wir haben darüber hinaus allen Grund, dankbar zu sein, was Alles in den letzten Jahren geschaffen wurde, um den Gemeinden auch äußerlich ein einladendes Gesicht zu geben. Ein bestimmter muffliger Geruch verschwindet immer mehr aus den Gemeindehäusern, Pfarrhäusern und Kirchen. Drei Schwerpunkte, die auf dem Hintergrund der Geschichte von 40 Jahren DDR nach meiner Meinung aber noch viel mehr Aufmerksamkeit in den Kirchen überall in Deutschland verdienen, möchte ich aber abschließend unterstreichen.

1) Die Tatsache, dass der kirchliche Auftrag alleine durch die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vor allem durch die Pfarrerinnen und Pfarrer – alleine nicht mehr erfüllt werden kann, hat zur verstärkten Beförderung des sog. „Ehrenamtes“ in der Kirche geführt. Es ist auch ganz erfreulich, wie viele Gemeindeglieder dazu bereit sind. Ich habe mir erzählen lassen, dass sich in manchen Gegenden die Prädikaten regelrecht drängeln müssen, um zum Einsatz zu kommen. Wir sollten aber im Bewusstsein halten, dass „Ehrenamt“ eigentlich eine Kategorie aus dem Vereinswesen ist und dem internen Florieren des Vereins dient. Die reformatorische Grundeinsicht vom „Priestertum aller Glaubenden“ aber bedeutet, dass alle Glaubenden sich für die Verkündigung des Evangeliums verantwortlich wissen und in der Lage sind, ihren Glauben in ihrer Lebenswelt, die sie mit Nichtglaubenden teilen, zu artikulieren und darzustellen. Weil es an dieser Fähigkeit mangelte, genügte in der DDR schon verhältnismäßig geringer Druck von Seiten des Staates, um die Kirchengliedschaft fahren zu lassen. Die Gemeinden sollten deshalb Alles daran setzen, ein Verständnis des Christseins zu befördern, zu dem das Eintreten für den Glauben außerhalb des kirchlichen Raums in der Berufs-, Freizeit- und Privatwelt fundamental hinzu gehört. Es ist wesentlich, dass der Glaube auf diese Weise an den Orten des Lebensvollzuges der kirchenfernen Menschen vorkommt. Schon bei der Taufe, bei Christenlehre und Konfirmandenunterricht und möglichst auch im Religionsunterricht sollte zu diesem aktiven Verständnis des Christseins ermutigt und befähigt werden. Der lässig-passive Nutznietzer eines religiösen Angebots der institutionalisieren Kirche bringt die Kirche weder im Osten noch im Westen voran.

         2) Die Erwähnung der Kinder- und Jugendarbeit, zu der die Elternarbeit und die Arbeit mit jungen Erwachsenen gehört, ist in diesem Zusammenhang nicht zufällig. Sie wird angesichts der geschilderten Situation geradezu logisch der Schwerpunkt des Dienstes der Kirche vor Ort sein. Im Blick auf die konfessionslose Bevölkerung in ihrer Breite gilt mein häufig zitierter Satz: Die Menschen sind der Kirche zwar massenhaft verloren gegangen, sie werden aber nur alle Einzeln wiedergewonnen. Das ist mühselig genug und dauert lange. Im Hinblick auf die heranwachsende Generation aber besteht die Chance, noch einmal in Breite ohne den Ballast von Vorurteilen und schlechten Erfahrungen mit der Stärke der christlichen Botschaft Kirche anzufangen, nämlich dass Gott in seiner Menschlichkeit all das zum Leben erweckt, was uns wahrhaft menschlich sein lässt; um es kurz zu sagen: Den Glauben an seine göttliche Klarheit, die Hoffnung auf seine Zukunft und die Liebe zu unseren Mitmenschen.

         3) Um das zusammenzuhalten – Gott und das wahrhaft Menschliche – bedarf es der geistlichen und geistigen Konzentration unserer Kirche. Der religiöse Pluralismus unserer Gesellschaft lädt auch unsere Kirche, wie wir gesehen haben, zum Herumprobieren mit mancherlei Annäherungen an Transzendentes, Mysteriöses, Esoterisches, Sinngebendes, Erhebendes, Energetisches usw. ein. Das ist nicht schlechthin zu negieren, weil die Entdeckung, dass wir Menschen mehr sind als das, worüber wir verfügen, der Wahrheit des Glaubens zu assistieren vermag. Diese Entdeckung kann aber ebenso in einen Urwald voller religiöser Schlingpflanzen führen, die der Stimme des Evangeliums die Luft abdrücken. Man denke nur an die von Vielen begrüßten Vorschläge eines anderen meiner praktisch-theologischen Kollegen, den Kanon der Bibel als Grundlage der christlichen Botschaft durch ein Konglomerat von religiösen Texten aus allen Religionen zu ersetzen, das Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild zu beseitigen, den Glauben an Gott als Person aufzugeben und dem naturreligiösen Heidentum wieder Raum zu verschaffen. Man denke aber auch an fundamentalistische Gegenbewegungen dazu und das Befördern einer ekstatischen Frömmigkeit, die unmittelbare Berührungen mit Gott verspricht. Das Alles und noch viel mehr kommt in den Gemeinden des heute in den Gemeinden Westens und des Ostens auch vor. Und es lockt, weil es Erfolg verspricht.

Hier einen klaren Blick für das Mögliche und das nicht gut Mögliche zu behalten, ist in gewisser Weise schwieriger, als es im Gegenüber zu einer monistischen Weltanschauung in der DDR war. In jedem Fall erfordert es die Fähigkeit in der Kirche, die Wahrheit des christlichen Glaubens kritisch und im Hinblick auf die eigene religiöse Praxis selbstkritisch zu verantworten. Diese Fähigkeit und Willigkeit dazu ist angesichts der Fülle der Aufgaben, vor denen die Dienste der Kirche stehen, – gelinde gesagt – in den Jahren nach der Wende weder im Westen noch im Osten gewachsen. Wenn ich daran denke, wie einem in der DDR-Zeit theologische Bücher, die durch die Mauer gelangten, geradezu aus der Hand gerissen wurden, dann stimmt das Desinteresse an der Theologie, das sich heute vielerorts ausgebreitet hat, schon bedenklich. Denn es ist nicht gut, dass wir uns in unseren alltäglichen Dienst gewissermaßen verstricken und vergraben. Die Theologie ist da kein Wundermittel. Sie kann weder Glaube, Liebe, Hoffnung noch das geistliche Leben ersetzen. Aber sie hilft der Kirche, die geistige Spannkraft zu behalten, die sie braucht, um ihrem großen Auftrag in einer schwierigen Situation gerecht zu werden.

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de