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Gottes Verborgenheit als Kraft des christlichen
Glaubens
Theologische Reflexionen zu einem
anfechtenden Problem
1. Gottes Unsichtbarkeit und die Frage
nach seiner Macht
„Die
Unsichtbarkeit macht uns kaputt“, hat Dietrich Bonhoeffer am
18.10.1931 an seinen Freund Helmut Rößler geschrieben. Dieses
„wahnwitzige, dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott
selbst – das kann doch kein Mensch mehr aushalten“
(DBW 11, 33). Bonhoeffer hat das
angesichts der Erfahrungen gesagt, die er als Studentenpfarrer an der
Technischen Universität in Berlin und unter den Arbeitern im Berliner
Arbeiterbezirk Mitte mit dem Desinteresse der Menschen des 20.
Jahrhunderts am Gottesglauben gemacht hat. Das „große Sterben des
Christentums“ scheint „da zu sein“, klagt er darum. Der Wunsch, der
sich in dieser Klage verbirgt, ist, es möchte doch für die Menschen
sichtbar werden, dass Gott da ist, so dass sie ihm nicht
ausweichen können.
Es ist ein Wunsch, den Alle, die an
Gott glauben, und erst recht Alle, deren Beruf die Verkündigung Gottes
ist, nur allzu gut verstehen. Die Frage „Wo ist Gott“?, die in
irgendeiner Weise auf seine sinnenfällige Anwesenheit in der
Welt zielt, hat darum unabsehbar viele Gestalten. Sie hat sich
bleibend als Schrei aus den Vernichtungslagern der Nazis in unser
Gedächtnis eingegraben. Sie drängt sich angesichts von so viel
unverschuldetem Leiden auf, das die Kriege und Katastrophen unserer
Tage über die Menschen bringen. Sie begegnet uns aus Erfahrungen der
Sinnlosigkeit von Lebensgeschicken heraus immer wieder bei so vielen
einzelnen Menschen. Sie löst Zweifel an Gott und Anfechtungen der
Glaubensgewissheit in den Kirchen aus. Im Grunde können wir sagen:
Nahezu alle Fragen, die dem Glauben an Gott und dem Leben von
Glaubenden zusetzen, haben es mit dem Problem der Unsichtbarkeit
Gottes und damit mit seiner Verborgenheit für unsere Augen zu tun.
Dieses Problem ist auch beileibe nicht nur ein gewissermaßen diesem
Glauben von außen aufgedrängtes oder erst im Laufe der Geschichte
dieses Glaubens auftretendes Problem. Es ist vielmehr im Herzen und
Kern dieses Glaubens von Anfang an verwurzelt.
Wir können uns das zunächst mit einer
ganz einfachen, eher religionsgeschichtlich akzentuierten Überlegung
klar machen. Der Gott der Bibel, um den es hier geht, ist ein
außerweltlicher Gott. Seine Seinsart als Gott ist von allem
Materiellen unterschieden, das wir sehen oder anfassen können. Um sie
mit unserer menschlichen Sprache auszusagen, ist die Metapher „Geist“
am Besten geeignet. „Geist“ ist ein Geschehen, ein Ereignis, biblisch:
ruach – eine dynamische Kraft, die an keine Kräfte der Natur oder der
Geschichte gebunden ist, sondern weht, wo sie will. Der Glaube an den
einen, außerweltlichen Gott, wie er durch die Gotteserfahrung
Israels begründet wurde, hat darum – wie man heute sagt – die Welt
„entgöttert“. Der religiösen Vorstellung von der Symbiose des
Göttlichen mit Kräften des Kosmos, dem polytheistischen
„Kosmotheismus“ (Jan Assmann), samt seinen Praktiken, die „Götter“ zu
beeinflussen, wurde darum durch die Gotteserfahrung Israels ein Ende
bereitet.
Auf dem Boden dieser Gotteserfahrung
konnte deshalb auch der Glaube an den Schöpfer der Welt
entstehen, der die Welt und die Menschheit als rein irdisches,
selbständiges Gegenüber Gottes erschafft. Die Natur ist nun kein
Ausfluss und Teil des Göttlichen mehr. Die Menschen sind keine
Marionetten der Götter, wie etwa die Figuren von Homers Epen. Menschen
können sich im Glauben an den Schöpfer als die „ersten Freigelassenen
der Schöpfung“ (Herder) verstehen, die deshalb so etwas wie eine
echte Geschichte mit Gott, eine Bundesgeschichte, zu haben
vermögen. Die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Vorgangs können wir
gar nicht hoch genug würdigen. Er hat den Grundstein für die dann auf
dem Boden des Christentums unter vielen Verwerfungen und Schmerzen
entstandene autonome Welt der Neuzeit gelegt.
Theologisch, d.h. in der reflektierten
Perspektive des Glaubens der Bibel, hat dieser Monotheismus aber auch
das Problem der Verborgenheit Gottes geschaffen. Es gibt, wie
das Bilderverbot zeigt, keinen sichtbaren Ausweis der
Wirklichkeit Gottes in der Welt. Die in den Kultbildern sichtbaren
Götter werden als Nicht-Götter, als „Götzen“ beurteilt. Jeder Versuch,
Gottes Wirklichkeit im Bereich der Sichtbarkeit und Beweisbarkeit zu
verorten, steht von daher unter Verdacht, aus Gott einen Götzen zu
machen. Das gilt für alle Spielarten der „natürlichen Theologie“ in
der christlichen Tradition bis hin zu den Versuchen des „Kreationismus“
von heute, Gott als eine gleichsam naturgesetzlich relevante Größe in
Anspruch zu nehmen. Es gilt auch für die heute wieder auflebenden
kulturprotestantischen Versuche, Gott in der Religiosität von Menschen
wie ein Teil menschlicher Kulturentwicklung oder gar wie ein Angebot
auf dem Markt zu präsentieren. Ein in irdischen Relationen derart
verorteter Gott wäre im biblischen Sinne nur ein Teil der Welt. Gottes
wie einer „objektiven Tatsache“ in der Welt und der Geschichte
ansichtig oder gar habhaft zu werden, ist darum nicht möglich.
Bonhoeffer hat das, als er seine Klage
über die Unsichtbarkeit Gottes formulierte, natürlich auch gewusst.
„Ein Gott, der sich von uns beweisen ließe, wäre ein Götze“, hat er
zusammen mit seinem Freund Franz Hildebrandt in dem „Versuch eines
Lutherischen Katechismus“ von 1932 geschrieben
DBW 11, 230. Bekannter ist die Formulierung aus seiner
Habilitationsschrift: „Einen Gott, den ‚es gibt’, gibt es nicht“(DBW
2, 112). „Was es gibt“ – ist gemeint – das sind Sachen und
Gegenstände. Das sind in unserer körperlichen Verfassung auch wir
Menschen. Man kann uns sehen und anfassen. Gott aber ist in keiner
Hinsicht ein Objekt, das wir sehen und über das wir verfügen könnten.
Dass Gott uns immer ein Geheimnis bleibt, das nur im Glauben
an seine unsichtbare Wirklichkeit verifiziert werden kann, ist
Bonhoeffer deshalb zeitlebens unzweifelhaft gewesen. „Gott lebt im
Geheimnis. Sein Sein ist uns Geheimnis“, hat er in einer Londoner
Predigt über I Kor 2, 7-10 von 1934 gesagt (DBW 13, 361). „Alle
Gedanken, die wir über Gott denken, dürfen nie dazu dienen, dieses
Geheimnis aufzuheben, Gott zu etwas allgemein Begreiflichem,
Geheimnislosem zu machen“(ebd).
Bei diesem Satz ist Bonhoeffer
allerdings nicht auf die klagende Frage eingegangen, die er 1931
seinem Freunde Helmut Rößler gestellt hat. In ihr schlägt sich ja die
Erfahrung nieder, dass uns die Verborgenheit Gottes in der Geschichte
und in unserem Leben auch zu einem unerträglichen Geheimnis zu
werden vermag. Es ist bei solchen Fragen wie denen von 1931 ja
sicherlich gar nicht verlangt, dass Gott selbst unter uns sichtbar
werden möchte wie irgendein Teil der Welt. Das wäre tatsächlich eine
absurde Erwartung. Denn dann, wenn der ewige Gott mit der Wucht seiner
Göttlichkeit und Klarheit in unsere irdische Welt einbrechen würde,
bliebe von dieser Welt nichts mehr übrig. Aber dass Gottes unsichtbare
Ruach-Wirklichkeit, sein kräftiger Schöpfergeist, sich zugunsten
seiner Geschöpfe sichtbar auswirken möchte, liegt schon in der
Intention dieser Frage. Sie ist darauf aus, dass Gottes Macht,
welche das christliche Bekenntnis als Allmacht versteht, sich
als Auswirkung seines Geistes doch angesichts des Weltelends
sichtbarer zugunsten seiner Geschöpfe in der Schöpfung zeigen möchte.
Das ist angesichts der Klagepsalmen,
der Gottesknechtes von Jes. 53 und des Kreuzesschreis Jesu „Mein Gott,
mein Gott, warum hast Du mich verlassen“? sicherlich kein vermessenes
Ansinnen an den verborgenen, unsichtbaren Gott. Es ist die Frage, die
Gott selbst bei denen auslöst, die er mitten in ihrem Leben,
mitten in unserer Geschichte mit seinem Geist so berührt hat, dass sie
an ihn glauben. Mit der Erfahrung der Verborgenheit Gottes können wir
darum nicht anders umgehen als so, dass wir ein Verstehen dessen
gewinnen, wie Gott seine Macht ausübt. Ein solches Verstehen
darauf aber kann der christliche Glaube nicht anderswo erlangen
als bei dem Geschehen mitten in unserer Zeit, in dem Gott uns begegnet
ist: Bei seiner Machtausübung im Leben und Sterben Jesu Christi.
2. Gottes in Jesus Christus vorsichtig
geübter Machtgebrauch
Auf den ersten
Blick redet das Neue Testament, indem es von Jesus Christus redet,
geradezu gegen die Verborgenheit Gottes an. Es bezeugt Jesus Christus
als Offenbarung Gottes. Offenbarung aber ist das Gegenteil von
Verbergung. Offenbarung ist Enthüllen von etwas Verborgenem,
wie das lateinische Wort revelare ja auch aussagt. Es bedeutet:
das velum, die Hülle, den Schleier, wegnehmen. So ist auch die
Grundbedeutung des griechischen Wortes Apokalypsis: Das Kalymma, die
Hülle, die Decke, wird weggenommen. Reden wir von Gottes Offenbarung
in diesem Wortsinn, dann würde es also bei der Offenbarung darum
gehen, dass die Verborgenheit und Unsichtbarkeit Gottes enthüllt und
Gott somit sichtbar wird.
Wenn Joh 1, 14 davon spricht, dass wir
im fleischgewordenen Wort Gottes Klarheit (wie ich Doxa übersetze)
sahen, oder wenn I Joh 1,1 in Bezug auf Jesus Christus sogar vom
„Betrachten“ und „Betasten“ des Lebens, das ewig ist, redet, dann hebt
das aber die Erkenntnis nicht auf, dass kein Mensch Gott je gesehen
hat noch sehen kann (Joh 1, 18; vgl. I Tim 6, 16). Das Schauen Gottes
bleibt für uns vielmehr eine eschatologische, endzeitlich
Perspektive (II Kor 5, 7). Wenn es, wie in der johanneischen
Literatur, Tendenzen dazu gibt, Jesus Christus als Sichtbarenwerden
der Doxa Gottes zu verstehen oder wenn Kol 2, 9 vom leibhaftigen
Wohnen der Fülle der Gottheit in Christus spricht, so ist das
sicherlich in der durch die Auferstehungserfahrung ausgelösten
Gewissheit begründet, dass das Eschaton in diesem Menschen schon
unter uns Ereignis war.
Doch gerade die Auferstehungserfahrung
streicht nicht durch, sondern bringt im Gegenteil zur Geltung, dass
Gott sich mit dem irdischen Menschen Jesus, unserem
Menschenbruder, untrennbar verbunden hat. Sie trennt den Christus im
Lichte der Doxa Gottes nicht von diesem Menschen, wie das die sog.
urchristlichen „Enthusiasten“ im Sinne hatten. Sie macht das Zeugnis
von Gottes Anwesenheit in seinem Leben und Sterben vielmehr zur
Aufgabe der Christenheit. Diese Anwesenheit bedeutet jedoch nicht,
dass die Menschen, die mit Jesus zu seinen Lebzeiten zusammen waren,
Gott in ihm gewissermaßen zu fassen bekommen hätten. Einzig die
Verklärungsgeschichte, die sicherlich eine vorgezogene
Auferstehungsgeschichte ist (vgl. Markus 9, 2-10 parr), durchbricht
die Erfahrung der weltlichen Verborgenheit der Anwesenheit Gottes in
Jesus. Ansonsten bleibt diese Anwesenheit weltlich unsichtbar,
ja sogar mit ihrer Macht unwirksam, wie das in letzter Zuspitzung im
Sterben und im Tode Jesu der Fall ist.
Dass Gott sich in seiner Doxa und damit
in seiner ewigen Kraft mit diesem Menschen verbunden hat, kann darum
nicht weltlich demonstriert werden. Es kann nur geglaubt
werden. Denn nur der Glaube ist die Art und Weise, in der wir uns
einer unsichtbaren, nicht weltlich zu demonstrierenden Wirklichkeit
versichern können (vgl. Hbr.11, 1). Geweckt durch den Menschen, der
das Kommen der Gottesherrschaft in unsere Welt verkündigte, ist mit
diesem Glauben auch ein Einverstandensein damit verbunden, dass Gott
uns gerade da, wo er sich aufs Intimste mit einem Menschen verbunden
hat, unsichtbar und verborgen bleibt. Das bedeutet nämlich, dass Gott
mit der Fülle seiner Göttlichkeit den irdischen Menschen Jesus nicht
gleichsam überrennt und sein Dasein göttlich kassiert, sondern ihn als
irdischen Menschen zu Ehren bringt.
Das christologische Dogma hat das mit
dem Bekenntnis zum wahren Menschen Jesus Christus festgehalten.
Dort, wo Gott sich mit diesem Menschen vereinigt, gibt er ihn zugleich
in seinem irdischen Menschsein frei. Vielleicht können wir das so
ausdrücken, dass er in seiner unsichtbaren Anwesenheit zugleich einen
Schritt vor diesem Menschen in seiner irdischen Daseinsverfassung
zurück tritt, so dass Raum für sein menschlich-irdisches Dasein
entsteht. Gottes Verborgenheit ist demnach nicht ein Mangel seiner
Anwesenheit in diesem Menschen. Sie ist Ausdruck seiner
grundsätzlichen Vorsicht, in der er sich auf die Welt von uns
Menschen einlässt. Sie hat im Glauben an Jesus Christus
paradigmatische Bedeutung für alle Beziehungen, in die Gott zu
Menschen tritt.
Das wird durch den inneren Sinn der
Auferstehung Jesu Christi unterstrichen. Gemäß der spätjüdischen
Erwartung ist Totenauferstehung ja ein endzeitlich-richterliches
Ereignis und nicht die Rückkehr eines Toten in diese Welt. Wenn die
Toten auferstehen, ist das Ende der Zeit da und die Menschheit
wird von Gott gerichtet. Das Ende der Zeit, das in der
Auferstehung nur dieses Einen begegnete, aber gewährte allen
anderen Menschen eine neue irdische Zeit im Frieden mit Gott. Das
Gericht über die sündige Welt bestand darin, dass Gott der
Menschheit Zeit, Raum und Gelegenheit schaffte, sich versöhnen zu
lassen mit ihm. Zu dieser Offenbarung Gottes gehört darum auch im
Blick auf uns die Dimension seiner weltlichen Verborgenheit, die wir
im Spiegel Jesu Christi aus Ausdruck seiner vorsichtigen Machtausübung
im Umgang mit der Menschenwelt verstehen können. Gott hält sich mit
dem unmittelbaren Erweise seiner Doxa uns gegenüber genau so zurück,
wie er sich im Blick auf Jesus zurückgehalten hat. Er tut das, damit
für uns Raum und Zeit da ist, als freie Partnerinnen und Partner Gott
ein Leben als versöhnte Menschen zu führen.
In dieser klaren Absicht der Vorsicht
des offenbaren Gottes steckt allerdings für uns auch eine Bürde, die
uns Gott damit auferlegt. Seine Verborgenheit hat all die
bedrückenden, leidvollen Erfahrungen zur Folge, von denen wir eingangs
geredet haben und die er mit seiner Übermacht nicht verhindert. Seine
vorsichtige Zurückhaltung bei seinem Machtgebrauch impliziert auch,
dass Alles, was gegen Gott spricht, die Sünde, das Böse und das Elend,
das – wie der Tod – zu den Grenzen des Irdischen gehört, noch da sind.
Sie impliziert, dass all die Gottesfeindschaft, die sich mit
Menschenfeindschaft paart, noch da sein darf. Sie mutet denen, die der
Geist seiner Vorsicht erfasst hat, zu, werbend für den Gott
einzutreten, dessen Vorsicht die machtgeile Sünde verlacht.
Gottes Verborgenheit schafft also
selbst all die Einwände gegen sich, die sich in der neueren Zeit mit
ihren Ekstasen des Bösen bei so vielen Menschen in der Überzeugung
verdichtet haben, es sei überhaupt kein Gott für uns da. Die
Verborgenheit Gottes, die im Herzen des christlichen Glaubens Ausdruck
der Klarheit des Menschen bejahenden und frei machenden Gottes ist,
wird zum Fixpunkt für die Hybris von Menschen, das Heil der Welt auf
religiös weisere oder atheistisch durchgreifende Weise befördern zu
können.
3. Der absolut verborgene Gott
3.1. Martin
Luthers Verständnis des Deus absconditus
Es gibt in unserer
lutherischen Tradition einen sehr wirksamen und viel umstrittenen
Strang der Deutung des verborgenen Gottes, der sich nicht vorgängig an
dem in seiner Offenbarung verborgenen Gott orientiert und Gottes
sichtbar werdende Macht viel unumschränkter zur Geltung bringen will.
Diesen Strang haben Luthers Reflexionen über den verborgenen Gott
begründet, die vor allem durch seine Schrift „de servo arbitrio“,
in der er sich mit Erasmus von Rotterdam auseinandergesetzt hat,
wirksam geworden sind. Nach Luther verlangt die Anerkennung der
Gottheit Gottes in seiner Majestät und Glorie (doxa), dass wir ihm
Allmacht im Sinne seiner Allwirksamkeit zusprechen. Ein nicht
allwirksamer, allmächtiger Gott verdient nach seiner Anschauung gar
nicht „Gott“ zu heißen. Ein solcher Gott wäre ein Deus ridiculus,
ein lächerlicher Gott (WA 18, 718, 19).
Gott ist demnach in Wahrheit nur
Gott zu nennen, indem wir anerkennen, dass er in seiner Macht und
Überlegenheit alles wirkt, was in der Welt geschieht. Das bedeutet
aber: Er bewirkt in seiner niemals ruhenden Machtfülle Gutes und
Böses. Er treibt das Trachten der Gottesfürchtigen an wie das der
Gottlosen. Er erwählt und verwirft, wie viele biblischen Texte zeigen,
in einer von uns undurchschaubaren Willkür. Er schafft Leben und
vernichtet Leben, wie er will. An ihn kann man deshalb auch nicht
glauben, d.h. sein Vertrauen auf ihn setzen. Ihn kann man auch nicht
predigen. In letzter Konsequenz wird er uns regelrecht zum Teufel,
der uns in Verzweiflung, Angst und Not stürzt. Ein solcher Gott kann
nicht unser, unser Leben klar machender Gott sein. Vor ihm kann man
nur fliehen.
Diese
Flucht ist denn auch die Pointe von Luthers Beschreibung der
Allwirksamkeit des Deus absconditus. Angesichts der
unausweichlichen furchtbaren Erfahrungen mit dem verborgenen Gott
sollen wir uns zum in Christus offenbaren Gott flüchten, der allein
unser Gott zu sein vermag, dem wir zu vertrauen vermögen, der
gepredigt werden kann. Zwar gehört zum offenbaren Gott auch die
Dimension seiner Verborgenheit. Luther beschreibt sie ähnlich, wie wir
das versucht haben, wobei er aber vor allem Gottes weltliche Ohnmacht
im Kreuz Jesu Christi vor Augen hat. Für uns ist das eine gnädige,
heilsame Verborgenheit unter dem Gegenteil von allwirksamer Allmacht.
Dieses Kreuz ermöglicht es, Gott in der Vorsicht seiner Machtausübung
zu vertrauen. Denn Gott begegnet uns hier, indem er seine absolute,
allwirksame Verborgenheit unter dem Kreuz Jesu Christi verbirgt.
So hat Eberhard Jüngel das in seinem
nach wie vor sehr lehreichen Aufsatz „Quae supra nos nihil ad nos“
(Was über uns ist, geht uns nichts an) ausgedrückt (Entsprechungen,
München 1980, 239). Im Glauben an den für uns leidenden Jesus Christus
können wir die schreckliche Verborgenheit des allwirksamen,
undurchschaubaren Gottes über uns auf sich beruhen lassen. Sie geht
uns nichts an, indem wir dem Gott vertrauen, dessen präzise
Verborgenheit im Leben und Sterben Jesu Christi uns zu einem Leben im
Einverstandensein mit der Versöhnungsmacht des offenbaren Gottes
befreit.
Doch leider hat Luther seine Einsicht,
dass uns im Glauben an Jesus Christus der absolut verborgene Gott
nichts angehe, nicht weiter dahin gehend bedacht, ob das Verhalten und
das Wesen des in Christus verborgenen Gottes nicht auch für das
Verstehen seiner Wirksamkeit in der Schöpfung und in der Geschichte
bedeutsam ist. Ein solches Weiterdenken hätte sich eigentlich zwingend
nahe gelegt, wenn Christus nicht wie eine Art Ausnahme im göttlichen
Leben erscheinen soll, die Gott selbst (den Deus ipse) im
Grunde nichts angeht. Doch Gott ist im christlich-biblischen
Verständnis ja auch der Vater, der die Welt schafft und erhält.
Er ist auch der Heilige Geist, durch den Gott Menschen
gegenwärtig wird. Das trinitarische Verständnis Gottes macht es darum
unausweichlich, darzulegen, inwiefern das, was in Christus geschah, im
Frieden des dreieinigen Gottes auch den Schöpfer und den Geist
prägt und in seinem Umgang mit der Welt also auf der ganzen Linie
zum Ausdruck kommt.
Luther, der vom trinitarischen Denken
überhaupt nicht so viel gehalten hat, aber verharrte bei der
existenziellen Erfahrung der Gegensätzlichkeit von geradezu
teuflischer und heilsamer Verborgenheit Gott. Um Gottes unergründliche
Majestät zu wahren und die Ausweglosigkeit des sündigen Menschen
einzuüben, hat er jene doppelte Verborgenheit vielmehr mit seiner
Lehre von Gesetz und Evangelium zusammen gebracht. Die
Erfahrung des absolut verborgenen Gottes, die zur Existenz des
Menschen unter dem Gesetz gehört, wird so zur Vorsaussetzung des
Glaubens an den gnädig verborgenen Gott. Ohne die Erfahrung unserer
tödlichen Ausweglosigkeit vor Gott zu machen, können wir uns die
heilsame Verborgenheit Gottes im Kreuz Jesu Christi auch nicht angehen
lassen. „Gott kann nicht Gott sein“, hat er sich darum in einer
Predigt von 1530 zu sagen getraut, „er muss zuvor ein Teufel werden,
und wir können nicht gen Himmel kommen, wir müssen vorher in die Hölle
fahren, können nicht Gottes Kinder werden, wir werden denn zuvor des
Teufels Kinder. [...] Ich muss dem Teufel ein Stündlein die Gottheit
gönnen und unserm Gott die Teufelheit zuschreiben lassen. Es ist aber
damit noch nicht aller Tage Abend. Es heißt doch zuletzt: Seine Güte
und Treue waltet über uns“ (Ps. 117, 2) (WA 31, 1, 249, 16-250, 37).
Warum es
das für die, die Jesus Christus glauben, nicht zuerst heißt;
warum sie den, der Gott zu heißen verdient, nicht an erster
Stelle dort zu verstehen suchen sollen, wo er sich vorsichtig
offenbart, kann man bei Luther vielleicht aus der Zeit, in der er
lebte, erklären. Das ist auch noch das Mittelalter,
spätnominalistisches Mittelalter zumal. Das bedeutet die Zeit, in der
zur Gottesanschauung auch die Vorstellung von seiner absoluten,
unwiderstehlichen, letztlich unverstehbaren Übermacht gehörte, ohne
welche die Welt nicht zu verstehen war. Das reformatorische
Gottesverständnis konservierte darum mitten in allem Widerspruch
dagegen ein Gottesverständnis des absolut verborgenen Gottes, der uns
zum Verzweifeln bringen muss, ehe uns der gnädig verborgene Gott uns
zum Heil werden kann.
3.2.
Problematische Aktualisierungen
Ich will nun gar
nicht in Frage stellen, dass der vorsichtig gnädige Gott sich in
unserer Erfahrung aufs Unerträglichste verdunkeln kann, so dass
Menschen meinen können, Gott zeige ihnen die Fratze des Bösen. Von
dieser Erfahrung sind wir ja auch ausgegangen. Was ich dagegen an
Luthers theologischer Bewertung des absolut verborgenen Gottes
kritisiere, ist die Behauptung, dass für es Gott ein „Muss“ gibt, für
uns zum Teufel werden. Für Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser
gibt es ein solches „Muss“ nach meinem Verständnis des biblischen
Gotteszeugnisses nicht. Ich stelle damit auch in Frage, ob die Kirche
und die Theologie gut beraten sind ihr, Verständnis des in seiner
Offenbarung verborgenen Gottes mit dem Deus absconditus im
Sinne Luther zu koppeln.
In unseren Tagen bewegen sich Walter
Dietrich und Christian Link erstaunlicherweise von reformierter
Seite her in den Bahnen solcher Argumentation. In ihrem zweibändigen
Werk über die „dunklen Seiten Gottes“ in der Bibel plädieren sie
dafür, die „Texte des Terrors“ und der göttlich legitimierten
Gewaltanwendung in Massakern, Genoziden, Racheorgien usw. lebendig zu
halten vgl. Die dunklen Seiten Gottes. Willkür und Gewalt,
Neukirchen1997, Band 2: Allmacht und Ohnmacht, Neukirchen 2000). Damit
soll die Gefahr gebannt werden, dass es in Kirche und Theologie zu
begrifflichen Verfügung über ein stimmiges Gottesbild komme und Gott
als ein harmloser „Kuschelgott“ der Liebe verkündigt wird. Jene
biblischen Terror- Gewalt- und Kriegtexte würden demgegenüber die
schlechthinnige Unverfügbarkeit Gottes einprägen und verhindern, dass
Menschen sich unter Berufung auf Gottes Liebe irgendein letztlich
selbst erfundenes Gottesbild basteln.
Mein besonderes Erfahrungsfeld ist die
massenhafte Gottesvergessenheit von Menschen, die schon so weit vom
Glauben an Gott entfernt sind, dass sie gar nicht mehr wissen, mit wem
sie nichts tun haben wollen. Hier besteht die Aufgabe der Kirche
darin, allererst mit Gott bekannt zu machen; eine Aufgabe allerdings,
die nicht minder in einer diffusen religiösen Situation gegeben ist,
die von der „Wiederkehr der Götter“ gekennzeichnet sein soll. Ich
halte es für ausgeschlossen, diese Aufgabe mit der Berufung auf jene
biblischen Gewaltgeschichten in Angriff zu nehmen. Dergleichen bewirkt
m.E. nichts anderes, als den Atheismus zu munitionieren.
Noch entscheidender aber ist
theologisch, dass das biblische Zeugnis diesen Geschichten von innen
her das Wasser abgräbt. Sie veralten unter dem Gewicht
von neuer Gotteserfahrung. Was sie Gott zuschreiben, hat dann
keine Zukunft mehr, kann nicht mehr zum Paradigma des Umgangs Gottes
mit der Menschenwelt werden. „Gedenkt nicht mehr an das Alte und
achtet nicht auf Vorige! Denn siehe ich will Neues schaffen“, spricht
Gott nach Jes 43, 18-19. Zukunft hat im Vergangenen fürderhin
nur das, was zur Verheißung für Israel und die ganze
Menschenwelt zu werden vermag und geworden ist: Der Bund Gottes mit
Israel und mit der Menschenwelt, den der christliche Glaube in Gottes
vorsichtiger Versöhnung der Welt in Jesus Christus erfüllt sieht.
4. Gottes Verborgenheit und die Fragen
der „Theodizee“
Wir können unseren
Durchgang durch die Perspektiven und Probleme, vor welche die
Erfahrung der Verborgenheit Gottes führt, nicht beenden, ohne
wenigsten auf die Fragen hinzuweisen, die seit Leibniz unter
dem Kunstwort „Theodizee“ erörtert werden. Für sich und als solche ist
die sog. „Theodizeefrage“ eigentlich eine theologisch verquere Frage.
Denn in der Perspektive von Leibniz bedeutet sie ja, dass wir mit
Argumenten eine Selbstrechtfertigung Gottes dafür zustande bringen
sollen, warum er eine Welt voll unverschuldeten Jammers und Leidens
geschaffen hat, obwohl Gott er sich doch als ein Gott Gerechtigkeit
und der Liebe offenbar gemacht hat.
Aber in dieser verqueren Frage stecken
doch die unabweisbaren Probleme unverschuldeten und unverstehbaren
Leidens, die bestehen bleiben, auch wenn wir Gottes Vorsicht als Sinn
seiner Verborgenheit verstehen gelernt haben. Ich kenne keine
Theologie und erst recht keine Philosophie, die beanspruchen könnte,
sie so gelöst zu haben, dass sie unsere Trauer und unser Entsetzen
angesichts solchen konkreten Leidens lösen. Das Nachdenken über Gottes
Verborgenheit kann bestenfalls auf einige Relationen oder
Randbedingungen aufmerksam machen, die uns helfen können, uns
nicht von jenem Leiden überwältigen zu lassen und Worte zu finden, mit
denen wir die auf uns einstürmenden Gefühle ordnen können. Ich benenne
in etwas thetischer, der Kürze unsere Zeit geschuldeter Weise drei
solcher Relationen.
4.1. Die
Schöpfung als guter Ort menschlichen Daseins
Dass der Gott, der
sich in Jesus Christus vorsichtig offenbart, auch der Schöpfer der
Welt ist, kann als Glaubenskonsens des Neuen Testaments gelten.
Deshalb sind wir berechtigt, auch das Handeln des Schöpfers und damit
seine uns direkt verborgen bleibende Machtausübung in der Natur,
Geschichte und in unserem individuellen Leben strukturell so zu
verstehen, wie er sie im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi
ausgeübt hat. Wie er hier mächtig ist, ist er auch mächtig in seiner
Herrschaft über die Natur und Geschichte. Er handelt auch als Schöpfer
so, dass er die Selbständigkeit der Schöpfung und die Freiheit von
Menschen in der irdischen Geschöpfwelt begründet. Die Welt darf eine
eigene Naturgesetzlichkeit haben und die Menschen sind keine
Marionetten Gottes, sondern dürfen eine eigene Geschichte in eigener
Verantwortlichkeit gestalten.
Das ist als solches eine Wohltat, die
der Schöpfung eine ihr eigene Mächtigkeit und Stabilität verleiht und
ein Anlass zum Lob Gottes des Schöpfers. Die Vorstellung, dass Gott
die Welt im Sinne eines Deus ex machina in einer Kette von
Dauerwundern regiert, könnte unser Leben dagegen nur schlechthin
verunsichern und ängstigen. Der Ort, den Gott uns bereitet hat, ist an
erster Stelle ein für uns verlässlicher Ort, für den wir jeden Tag
aufs Neue dankbar sein können. Im Glauben an die verborgene Gegenwart
und Macht des Schöpfers kann diese Schöpfung unmöglich als ein
einziges Jammertal verstanden werden. Das Bewusstsein, dass sie ein
guter Ort für uns ist, gerät unter den Erfahrungen des Leids und im
Trott des alltäglichen Lebens zwar immer wieder in Vergessenheit. Dem
Glauben an den unsichtbar gegenwärtigen, ermächtigenden Schöpfergott
steht diese Güte jedoch in vielen Zeichen des Segens täglich vor
Augen. Es entsteht ein verzerrtes Bild von Gottes vorsichtiger,
ermächtigender Macht, wenn sie alleine im Spiegel des Bösen
wahrgenommen wird, das sich der Schöpfung zu bemächtigen trachtet und
bemächtigt.
4.2. Das Wesen
der Freiheit und die Schuld ihrer Missbrauchs
Die Freiheit, zu
der Gott die Menschenwelt ermächtigt hat, ist keine Freiheit zu allem
Möglichen und erst Recht keine Freiheit zur Gottes- und
Menschenfeindschaft. Der Gott, der Welt geschaffen hat und ihr
gegenwärtig bleibt, will das Böse nicht, dem diese Gottes- und
Menschenfeindschaft Raum gibt. Er verneint es laut seiner Offenbarung.
Er ist in allem seinen Handeln gegen die Vernichtungsmacht gerichtet,
die sich in seiner Schöpfung durch seine Geschöpfe einnistet. Darum
steht die Freiheit von Menschen unter seinem ausdrücklichen Gebot, das
Gute der Anerkennung Gottes zu wählen und sich gegen das Böse zu
wenden. Angefangen vom Schöpfungsauftrag, die Erde zu bebauen und zu
bewahren bis hin zur Verantwortung für eine Menschenwelt des schalom
ist menschliche Freiheit als Freiheit zur Kooperation mit Gott zu
verstehen.
Die Wahl und das Tun des Bösen ist
demgegenüber ein Missbrauch der Freiheit, den Gott nicht will. Das
Elend und Leid, welches dieser Missbrauch zur Folge hat, indem
Menschen sich mit Hass und Gewalt gegen andere Menschen wenden und die
Natur der Schöpfung schädigen und zerstören, ist eindeutig von
Menschen und nicht von Gott verursachtes Leid und Elend. Es ist ihre
Schuld und nicht die Gottes. Die Täter können sich da nicht mit
Argument herausreden, Gott hätte ihnen ja eine Zwangsjacke anlegen
können, damit sie ihr böses Tun unterlassen. Aber letztlich kann das
Leiden der Opfer auch nicht in diese Forderung einmünden. Denn das
hieße ja, Gott solle die Freiheit negieren, zu der er sowohl die, die
Opfer wurden, wie die, die Täter sind, geschaffen hat. Das aber wäre
gleichbedeutend mit der Aufhebung der Menschheit.
Die Klage vor Gott und die Bitte zu
Gott, er möge mit der Kraft seines Geistes den Vernichtungswillen der
Täter brechen, kennen wir darum in unabsehbarer Vielfalt nur noch als
ein letztes Wort vor dem Verstummen. Wir sollten aber wahrnehmen: Der
Gott, der am Kreuz Jesu Christi das Leiden seiner Geschöpfe
mitgelitten hat, gibt nur den Opfern, auch denen, die nicht mehr
sprechen können, seine Stimme. Er nimmt dafür uns Lebende in Anspruch,
indem er uns aus dem hilflosen Verstummen heraus holt und unserem
Leben den Auftrag gibt, Stimme der Stummen, Stimme ihrer Würde zu
sein. Doch nicht nur das. Er ermutigt uns, allen Triumphen des Bösen
zum Trotz in Worten und Taten dafür Sorge zu tragen, dass das Meer
menschlicher Vernichtungswut auf unserer Erde austrocknet.
4.3. Mit den
Grenzen der Schöpfung leben
Von Menschen
verschuldetes Leiden ist nicht die einzige Art und Weise, die Gottes
Geschöpfen ihr Leben in dieser Welt zu Qual werden lassen kann. Nicht
nur Naturkatastrophen fordern immer wieder unschuldige Opfer. Auch
unser im Raum und in der Zeit begrenztes Leben schafft uns Leiden, das
man nicht nur auf menschliche Schuld zurück führen kann. Wir sind als
körperlich und geistig begrenzte Wesen verletzlich und wir werden
verletzt. Unsere Lebenszeit ist bemessen und wir müssen sterben. Die
Güte unserer Welt, die Gott in seiner vorsichtigen Macht ins Dasein
gerufen hat, die er erhält und für die er eintritt, ist nicht die Güte
eines problemlosen Paradieses. Zu unserem Dasein gehört darum ein
Leiden, aber auch Leidensfähigkeit, die nicht einfach dem Bösen
verdankt ist. Der „Lichtseite“ der Schöpfung, wie Karl Barth das
ausgedrückt hat, steht auch eine „Schattenseite“ gegenüber. Gemäß dem
Schöpfungsauftrag sollen und können wir im Gebrauch der Möglichkeiten
der Schöpfung und im vorsichtigen und empfindsamen Umgang miteinander
das Menschenmögliche dafür tun, dass die „Lichtseite“ die Priorität
erhält und die „Schattenseite“ mit ihren Todesschatten nicht vom Bösen
okkupiert wird.
Die Forderung nach Abschaffung der
Grenzen der Schöpfung aber ist ihrerseits eine Quelle von
Gewaltsamkeit gegenüber der Natur und ein Angriff auf die
Menschlichkeit von uns Menschen. Geschöpfsein heißt auch unsere
Grenzen leidend annehmen zu können. Wie schwer es ist, hier zwischen
dem Kampf gegen das Leiden und der Annahme des Leidens zu entscheiden,
zeigt in unseren Tage z.B. das durch den Fortschritt der Medizin
dringlich gewordene Anliegen eines menschenwürdigen Sterbens.
5. Die Hoffnungsperspektive des
Schauens Gottes
Gottes vorsichtige
Weltregierung ist nicht die Vollendung der Welt. Was wir von ihr
erwarten dürfen, sind keine absoluten Eingriffe. Die Fürbittengebete,
welche die Christenheit an Gott richtet, zeigen das ja. In ihnen
werden Gott gewissermaßen Vorschläge gemacht, wie wir uns seine
Weltregierung in einer relativen Welt zugunsten seiner Geschöpfe
ersehnen. Unsere Bevollmächtigung zu solchem Gebet durch Jesus
Christus lässt uns hoffen, dass Gott solche bittenden Vorschläge in
seine Umsicht aufnimmt, sie in seiner Weisheit zurecht rückt und
korrigiert und auf seine verborgene Weise zur Erfüllung bringt. Wir
wissen nicht, wie viel Unheil auf Gottes Weise schon von uns
abgewendet geworden ist und wie er täglich mit der Kraft seines
Schöpfergeistes dafür sorgt, das seine Schöpfung bestehen kann. Aber
indem so gebetet wird, ankert unsere Beteiligung an Gottes
verborgener, vorsichtiger Weltregierung als eine Quelle des
Lebensmutes unter uns auch dann, wenn das Bitten sich in Klage wendet.
Der Glaube an den auferstandenen Jesus
Christus, der ohne Zweifel die Gewissheit der vorsichtigen
Weltregierung des verborgenen Gottes in der Christenheit begründet,
aber kann sich nicht in dieser Gewissheit erschöpfen. Er hat ja von
Hause aus den größeren Horizont der Vollendung unserer Welt im Reiche
Gottes. Gottes Verborgenheit in dieser Welt, die der Welt zugute
kommt, wird von der Christenheit darum immer in diesen größeren
Horizont gestellt werden. D.h. sie wird von der Hoffnung
begleitet sein, dass diese Weltzeit für uns nur einen Schritt auf dem
Wege der Geschichte Gottes mit uns darstellt. Stirbt diese Hoffnung,
dann ist die Erfahrung der Verborgenheit Gottes in der Gefahr, in
Resignation zu versinken. Ist sie in der Kommunikation mit Jesus
Christus lebendig, dann wir sie von der Zusage getragen und beflügelt
sein, dass diese Welt in Gottes endgültigem Offenbaren und uns unserem
Schauen ihre gnädige Vollendung findet. Dann müssen wir uns nicht mehr
darum bemühen, in dem hell-dunklen „Spiegel“ dieser Welt unseren
Glauben an den zu unserem Heil verborgenen Gott zu erkennen. Dann
werden wir ihn erkennen, wie wir erkannt sind (I Kor 13, 12). |
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