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Ulrich Becks Konzept
des „eigenen Gottes“ und Dietrich Bonhoeffers Verständnis des
christlichen Glaubens an Gott
Versuch einer Annäherung
1. „Völlig religionslose Zeit“ – „Wiederkehr der Götter“
1.1. Dietrich
Bonhoeffers Religionsbegriff in der Kritik
In gewisser Weise zieht Huber mit diesen
Feststellungen auch eine Summe der jahrzehntelangen Bemühungen um eine
zusammenstimmende Interpretation dessen, was Bonhoeffer mit der
„nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe“ gemeint haben
könnte. Es war nicht einleuchtend zu machen, dass man den Begriff der
„Religion“ von Bonhoeffers eigener Rede vom Glauben an den am
Kreuz leidenden Gott, von der Transzendenz im Diesseits, von
der „Kirche für Andere“ und nicht zuletzt von seiner eigenen
Frömmigkeit grundsätzlich fern halten könne. Das alles sind doch
gesättigt religiöse Begriffe, die ihr Zuhause keineswegs in der
Säkularität haben! Bonhoeffers Wendung gegen die „Religion“ ist darum
zunehmend als Wendung gegen eine bestimmte Gestalt der
Religion, aber nicht als Negation der Bandbreite dessen, was Religion
ausmacht, verstanden worden.
Der Begriff
„religionslos“, wie ihn Bonhoeffer in seinen perspektivischen
Überlegungen verwendet, besagt demnach nur noch: in einer bestimmten
Hinsicht „religionslos“. Derjenigen Religion soll die Kirche
ledig sein, in welcher Menschen sich Gottes allzu weltlich-menschlich
bemächtigen. Diejenige Religion soll überwunden werden, die
Menschen auf einen von der Welt abgekapselten, individuellen Raum der
Innerlichkeit konzentriert und in den Spuren der alten Metaphysik Gott
als „Lückenbüßer“ der wissenschaftlichen Erkenntnis unserer Welt
entgegen setzt. Aber die Religion, die im Glauben an Gott zu
mündiger Weltverantwortung befreit und aus Gottes die Welt frei
gebender Ohnmacht die Kraft einer Kirche für Andere zieht, wird damit
nicht negiert. Sie wird, sofern ihr ein Wesensmerkmal alles dessen,
was wir „Religion“ zu nennen pflegen, inhärent ist – nämlich der
glaubende Bezug auf eine Dimension jenseits der Welt – deshalb auch
als anschlussfähig an die derzeit so viel beredete „Wiederkehr der
Religion“ verstanden. – Doch ist sie das? Sind Bonhoeffers Bemühungen
um das theologische Recht der in den Glauben zu integrierenden
Anliegen der Religionslosigkeit heute so zu interpretieren, dass sie
in das Spektrum dieser sogenannten „Wiederkehr der Religion“ hinein
passen?
1.2. Die Vitalität
atheistischer „Religionslosigkeit“ und die neuen Herausforderungen
durch die Religionen und die Religiosität
Zweifel daran, ob man Bonhoeffers auf die Religionslosigkeit
reagierendes Denken mit der „Wiederkehr der Religion“ reinem könne, ja
überhaupt solle, melden sich von verschiedener Seite. Wird ein solcher
gewissermaßen umgedrehter Bonhoeffer mit seinen Fragen, die Menschen
im Blick haben, in deren Leben weder Gott noch Glaube noch Kirche ein
Rolle spielen, überhaupt noch ernst genommen? Die atheistisch
grundierte Religionslosigkeit, die Bonhoeffer beschrieben und die ihn
theologisch motiviert hat, ist ja keinesfalls einfach verschwunden. Im
Osten Deutschlands ist sie als Massenphänomen regelrecht ein
hartwandiges gesellschaftliches Milieu, bei dem man die
„Wiederkehr der Religion“ in irgendeiner bemerkenswerten Form
vergebens sucht. Aber auch im Westen Deutschlands ist sie (wenn man
Umfragen trauen darf) bei den über 35% der „Konfessionslosen“ immer
noch die verbreitetste weltanschauliche Orientierung. Es wäre darum
mehr als leichtfertig, den für so viele Menschen zur Gewohnheit
gewordenen Atheismus theologisch und kirchen-praktisch wie eine
quantite negligable betrachten, die – wie Gunther Wenz unlängst
behauptet hat (Religion. Band 1, Göttingen 2005, 46)
– nur noch „in Rudimenten“ vorkommt.
Auf der anderen Seite
aber wird schwerlich zu bestreiten sein, dass der Religion sowohl in
Gestalt der Religionen wie in Gestalt des Auflebens aller
möglichen außerhalb der Kirchen flottierenden Religiosität in
durchaus säkularen Gesellschaften weltweit und so auch in Europa eine
neue Aufmerksamkeit gilt. Ob den Phänomenen, die dabei vor allem
beobachtet werden, allerdings eine Affinität zum christlichen Glauben
zugesprochen werden kann, ist zweifelhaft. Denn die „Wiederkehr der
Religion“, die man jenseits von Theologie und Kirche
bezeichnenderweise lieber die „Wiederkehr der Götter“ nennt,
ist mit ziemlich ambivalenten Charakteristika von Religion
verbunden. Ich skizziere sie kurz, weil sie ein theologisches Denken
von Bonhoeffer her heute in der Tat vor neue Herausforderungen
stellen. Andererseits gehören sie zu den Verstehensvoraussetzungen von
Ulrichs Becks soziologischer Theorie des „eigenen Gottes“, mit der wir
bei dieser Tagung das Gespräch suchen wollen, um herauszufinden, wie
auf diese Herausforderungen zu reagieren ist.
2. Religion und Gewalt
2.1. Die „neuen
Atheisten“
Die Kritik der Religion hat heute eine Zuspitzung erfahren,
auf die Bonhoeffers religionskritische Theologie nicht in
vergleichbarer Weise aufmerksam geworden ist. Nicht zuletzt veranlasst
durch den Terroranschlag des 11. September 2001 und überhaupt durch
den islamistischen Terrorismus ist weltweit die Frage im Schwange, ob
Religion in Gestalt der Religionen nicht mit Notwendigkeit eine
Brutstätte von Gewalt gegen Andersglaubende und Andersdenkende sei.
Für die sogenanntenn „neuen Atheisten“ zum Beispiel hat sich am 11.
September 2001 nur die Spitze eines Eisbergs oder besser nur der Funke
aus einem jederzeit zum Ausbruch neigenden Vulkan gezeigt.
Ihr wilder, zorniger
Gestus aber verdankt sich einer durchaus wirkmächtigen Form der
„Wiederkehr der Götter“, nämlich dem Fundamentalismus. Nicht
nur im Islam, sondern auch in der weltweiten Christenheit – in den
USA, in den wachsenden christlichen Kirchen der Welt und auch in
Deutschland – stellt er eine spezifische religiöse Reaktion auf die
Verunsicherungen und Ängste dar, welche (um es schon einmal mit einem
Begriff von Ulrich Beck zu sagen) die „Weltrisikogesellschaft“
auslöst. Den unabsehbaren Folgen der globalen Ökonomie, Wissenschaft,
Technik und Politik werden archaische Muster der Daseinsvergewisserung
aus der Tradition entgegen gesetzt. Auch in Deutschland hat uns das
eine Debatte über den Kreationismus beschert, die man, nachdem sich
Bonhoeffers Absage an die Vorstellung von Gott als „Lückenbüßer“
einmal großer Zustimmung erfreut hat, eigentlich gar nicht mehr für
möglich gehalten hätte.
2.2. Intoleranz und
Gewaltbereitschaft als Kennzeichen des Monotheismus
Der Kern dieser
Theorie bei Assmann ist, dass Moses mit dem Glauben an den einen
außerweltlichen Gott und der Negation der vielen Götter eine
Unterscheidung in die Religionsgeschichte gebracht habe, die bis dato
unbekannt war. Das ist „die Unterscheidung zwischen wahr und falsch in
der Religion, zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern,
zwischen der wahren Lehre und den Irrlehren, zwischen Wissen und
Unwissenheit, Glaube und Unglaube“ (Assmann, 12f.). Diese
Unterscheidung ist zwar positiv zu bewerten, sofern sie zur
„Entgötterung“ der Welt geführt hat und Raum schaffte, den Menschen
als autonomes Individuum zu verstehen (ebd.). Der Preis dieses
Gewinns aber ist hoch. Er besteht in „Intoleranz, Gewalt und
Ausgrenzung“(vgl. a.a.O., 28-37). Im Glauben an nur eine
absolute Wahrheit ist dem Monotheismus der Hass und damit die
„Gewaltsamkeit“ zunächst gegen die „Heiden“, dann aber gegen jede Art
„falschen“ Glaubens außerhalb und innerhalb der eigenen Religion
inhärent.
Ich gehe jetzt nicht
auf die Konsequenzen im Einzelnen ein, die Assmann aus seiner
Theorie zieht. Sie liegen alle auf der Linie, dass gerade heute in der
pluralistischen Gesellschaft das unfriedliche Prinzip, es gäbe nur
eine religiöse Wahrheit, zurückgenommen oder – mit der Formulierung
von Jürgen Habermas gesagt – einer „diskursiven Verflüssigung“
unterliegen müsse. Die Elemente des polytheistischen Paganismus und
des Kosmostheismus, die „gedächtnisgeschichtlich“ im christlichen
Monotheismus noch immer irgendwie lebendig sein sollen, vermögen dabei
nach Assmann hilfreich sein. Genau diese Option ist der Staffelstab,
den Ulrich Beck mit seiner soziologischen Theorie vom „eigenen Gott“
aufnimmt.
Doch wohin geraten wir
da, wenn wir uns in eine derartige Laufbahn begeben?, mögen wir uns
bei diesem Staffelstabwechsel etwas erschrocken fragen. Kann schon der
Griff nach einem solchen Deutungsmuster unserer Religion irgendetwas
mit dem tun haben, was zu Dietrich Bonhoeffers Frage passt, „wer
Christus (!) heute für uns eigentlich ist“ (DBW 8, 402)? Es ist
jedenfalls einfacher, seine Überlegungen dazu im Gegenüber zu den
alten und neuen Atheisten zu aktualisieren als gegenüber dem diffusen
Feld einer „Wiederkehr der Götter“, die für Christus allenfalls die
Position eines Gottes unter anderen lässt.
Doch andererseits:
Wenn es nun einmal so ist, dass sich heute offenbar im Unterschied zu
Bonhoeffers Erfahrungen polytheismus- oder auch kosmotheistisch affine
Gestalten von Religion im Leben der Menschen ausbreiten, dann kann die
Beeindruckung von der „Religionslosigkeit“ nicht den Effekt zeitigen,
nur im Gestus der Abwehr dagegen zu verharren. Es widerspräche m.E.
der ganzen für Andere offenen Denkweise Bonhoeffers, in einer
gewandelten Zeit nicht auch die „Wiederkehr der Götter“ auf ihre
Christus-Affinität hin zu befragen und also gewissermaßen Bonhoeffers
Pläne nach Indien zu reisen neu zu buchstabieren. Genau das wollen wir
nun tun, indem wir uns auf den sogenannten „eigenen Gott“ einlassen,
in dem sich nach Ulrich Beck die „Wiederkehr der Götter“ konzentriert.
3. Der Friedensgeist der individualisierten Religion nach Ulrich Beck
Ich fasse die Kernpunkte von Becks Analysen und seiner
soziologischen Theorie in fünffacher Hinsicht zusammen und lasse dabei
allerlei Nebenstränge, die für unser theologisches Interesse weniger
relevant sind, beiseite.
3.1. Das Ende der
Säkularisierungstheorie
Dietrich Bonhoeffer hat bei seinem Urteil, dass wir „völlig
religionslosen Zeit entgegen gehen“, zweifellos unter dem Eindruck
gestanden, dass die durch die wissenschaftlich-technische Entwicklung
begründete Autonomie der Menschen die Religion ihrer Funktion
im Leben der Menschen beraubt. Ihr Glaube an Gott als Problemlöser
mangelnder menschlicher Lebensorientierung und Erkenntnis wird
überflüssig. Beck bestreitet nicht, dass die Säkularisierung bis heute
diesem Effekt hat und die Vitalität des Atheismus begründet. Die
„Entleerung der Kirchen“ sowie „Mitgliederschwund und
Mitgliederalterung“ in Europa sind die wesentlichen Indizien dafür
(Beck, 117). Dem stehen aber zwei Tatsachen entgegen. Zum einen gilt
das nur für Europa. Weltweit ist zu konstatieren: „Das
außereuropäische Christentum blüht auf (allerdings in überwiegend
charismatischen und fundamentalistischen Gestalten, WK), das
europäische verwelkt“ (39). Zum anderen gilt aber auch für Europa: „Es
findet eine Renaissance einer neuartigen, subjektiven Glaubensanarchie
statt“ (114). Religiöser Glaube breitet sich proportional zur
Verunsicherung aus, welche die Modernisierungsprozesse der
Risikogesellschaft auslösen. Man kann deshalb geradezu sagen: Die
„Säkularisierung legt „den Grund für die Revitalisierung der
Religiosität und Spiritualität im 21. Jahrhundert“ (42). Sie „entmächtigt“
die Religion zwar in Hinblick auf ihre Allzuständigkeit für alle
Gesellschaftsbereiche- und aufgaben. Andererseits kann sie geradezu
als „Geschenk Gottes“ verstanden werden. Denn sie „ermächtigt“ die
Religion dazu, „nichts als Religion zu werden“ (41). D.h. sie
kann sich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen, die „Spiritualität
des Menschseins, das Transzendenzbedürfnis- und bewusstsein [...] zu
wecken, zu kultivieren, zu praktizieren, zu zelebrieren, zu
reflektieren und auf diese Weise subjektiv und öffentlich zur Geltung
zu bringen“ (42).
3.2. Die
Invidualisierung der Religion
Die Religiosität, die infolge der Säkularisierung auflebt, ist
eine radikalisierte Form der Religions- und Glaubensfreiheit, welche
moderne Verfassungsstaaten gewähren (vgl. 114). „Radikalisiert“ wird
die Religionsfreiheit hier insofern wahrgenommen, als sie nicht von
einer religiösen Gemeinschaft, sondern von Einzelnen getragen und
geprägt ist. Nicht die Dogmen und Normen der Kirche, sondern allein
das Individuum entscheidet darüber, an welchen religiösen Inhalten
es sich in „subjektiver Frömmigkeit“ orientiert. „Es gibt in
religiösen Fragen keine Wahrheit außer der persönlichen, die man sich
selbst erarbeitet hat“ (119) und die im eigenen Inneren
bedeutsam ist. Die Folge dessen ist nicht nur die Pluralisierung
der religiösen Überzeugungen in der Gesellschaft, sondern das
Entstehen von individualisierten Mischformen von Religiosität,
die sich an keine Grenzen, welche die traditionellen Religionen
setzen, mehr gebunden weiß. Es entsteht eine subjektiv-aktive,
multiple „Bastelreligiosität“ (113), ein „Melangeregime des
Religiösen“ (165, vgl. 90) bzw. eine „Mixtur religiöser Praktiken und
Symbole“ (174). Sie kommt zustande, indem sich die Individuen aus den
religiösen Traditionen, aber auch aus dem „esoterischen“,
„energetischen“ und psychosomatischen Erfahrungsfeld auswählen, was
dem eigenen Selbst jeweils dienlich scheint. „Gehe und bete zu dem
Gott deiner Wahl“ (107), ist der Imperativ, unter dem diese
Religiosität steht.
3.3. Das Profil des
eigenen Gottes
Der Begriff „Gott“ wird von Beck in soziologischer Weise, also
als Ausdruck und Symbol einer bestimmten gesellschaftlichen Funktion,
verwendet. Theologische „Grundunterscheidungen“ wie die „von Schöpfer
und Geschöpf, Ewigkeit und Zeit, Jenseits und Diesseits“ kommen
allenfalls „halbiert“ in den Blick, wird gleich zu Anfang des Buches
gesagt (vgl. 14). Es geht auch nur begrenzt um bestimmte
Gottesvorstellungen. Entscheidend ist vielmehr, was Menschen in ihrem
eigenen Inneren als Gott erfahren, empfinden und als bindend ansehen
oder sich – wie in den „neuen religiösen Bewegungen“ –
„zusammenbasteln“ (44). Dabei werden die Grenzen schwimmend, die wir
theologisch gemeinhin zwischen religiösen und atheistischen
Orientierungen zu ziehen pflegen.
Beck kann sagen: „Gott
ist ein Symbol der Gesellschaft, Gesellschaft symbolisiert Gott“,
sofern sie eine Kraft repräsentiert, „die größer ist als alle
Individuen“: „mächtig und doch unsichtbar, wie ‚Gott’“ (106). Er kann
auch sagen: „Der eigene Gott ist eine Religion, in der der Mensch
zugleich Glaubender und Gott ist“ (148). Denn im Glauben an den
eigenen Gott geht es darum, „an der Schöpferkraft des inneren Gottes“,
der letztlich wir selbst sind, „teilzuhaben“ (166). Die
individualisierte Religion des eigenen Gottes kann deshalb auch
„Selbst-Religion“ genannt werden, in der „in letzter Konsequenz die
Unterscheidung zwischen Himmel und Erde aufgehoben wird“ (ebd.).
Das Alles klingt zwar arg nach Ludwig Feuerbach. „Homo
homini Deus est – der Mensch ist dem Menschen Gott“, lesen
wir im „Wesen des Christentums“
(GW 5, Berlin 1984,
444). „Der Mensch ist ein Gott für den Menschen geworden“, heißt es im
Anschluss an Emile Durkheim bei Beck (127). Aber so ein Satz hat hier
nicht die Pointe von Feuerbachs Religionskritik, die Religion als
Illusion entlarven will. Er kennzeichnet hier das Wesen und die
Kraft der individualisierten Religion, wie sie nach Beck angeblich
durch das Urchristentum in die Welt gebracht wurde. Indem es auf den
Glauben des Individuums zielte, habe es das Individuum „heilig“
gesprochen (vgl. 126), durch das sich alleine entscheidet, wer
Gott ist, nämlich der glaubend im Inneren verankerte „eigene Gott“.
Für den Transport
dieser Idee in die Neuzeit hinein wird Martin Luther unter
Gebrauch der liberalen Deutung des reformatorischen Glaubens als
individualisierte „Gewissensreligion“ in Anspruch genommen. Die
„’Erfindung’“ – lies: Wiederfindung – des urchristlichen „eigenen
Gottes“ sei das „Herzstück der Revolution Luthers“ (136). Er verlangte
dem Individuum ab, „den Schutz der ‚Mutter Kirche’ zu verlassen“ und
auf alle „schützenden Stellvertreter“ zu verzichten, die zwischen
Gott und Mensch vermitteln. Nur der „innere Kosmos des eigenen Gottes“
und die dort waltende „Unmittelbarkeit zu Gott“ ist „Quelle des Heils“
(138). – Doch leider hat Luther diese Idee selbst verdorben, indem er
den eigenen Gott als den einzigen Gott einer Buchreligion
verstand, der eine „blutige Trennungslinie“ zwischen Gläubigen und
Ungläubigen zieht. Dadurch kam es dazu, dass auch der „Gott der
Protestanten [...] den Haß auf Falschgläubige, Heiden, Ketzer,
Götzendiener“ schürt (139). Calvin, der bei Beck „John Calvin“ heißt
und dessen Wirkungsfeld nach Genua (!) verlagert wird (146), hat als
besonders übler der Fall solcher Ketzerverfolgung zu gelten. Im
Unterschied dazu gilt vom eigenen Gott der individualisierten
Religiosität: Er kennt „keine Ungläubigen, denn er kennt keine
absoluten Wahrheiten, keine Hierarchie, keine Ketzer, keine Heiden,
keine Atheisten. Im subjektiven Polytheismus des ‚eigenen Gottes’
haben viele Götter Platz“ (164).
3.4. Monotheistische
Universalisierung und neue polytheistische Humanität
Beck kann zwar den monotheistischen Religionen und
insbesondere dem Christentum, dem er sich ausschließlich widmet, etwas
unbedingt Bewahrenswertes zugute halten. Es hat eine „kosmopolitische
Grundstruktur“, d.h. sein Glaube und seine Humanität sind nicht an die
Grenzen eines Volkes, einer Nation, einer Kultur oder des sozialen
Status gebunden (71). Es ist grenzüberschreitende „Globalisierung
von Anfang an“ (70), indem es (wie die Weltreligionen überhaupt) „soziale
Hierarchien und Grenzen zwischen Nationen und Ethnien“ überwindet
(74). Die Schattenseite dessen jedoch ist, dass es in den
monotheistischen Religionen um die Universalisierung nur
einer religiösen Wahrheit geht. Das ist, sagt Beck, der „Samenkern
religiös motivierter Gewalt“ (77). Er variiert darum noch einmal das,
was wir schon von den „neuen Atheisten“ und von Jan Assmann über die
zwangläufige Gewaltbereitschaft monotheistischer Religionen gehört
haben. Der Krebsschaden monotheistischer Religionen ist: Die Aufhebung
der Grenzen gilt nur für gleich Gesinnte und gleich Glaubende. „Den
‚Ungläubigen’ (jedoch, WK) wird das Status des Menschseins
abgesprochen“ (74). „Sämtliche Kategorien des Unmenschen oder
Untermenschen [...] sind die Kehr-, die Nacht-, die Gewaltseite“ der
transethnischen Humanität des Christentums und monotheistischer
Religionen überhaupt (77). Insofern „barbarisieren“ diese Religionen
die Welt-Zivilgesellschaft.
Demgegenüber wird das zivilisierende, „das humane
Prinzip eines subjektiven Polytheismus“ der Melange-Religiosität
des eigenen Gottes stark gemacht (87). Es zeichnet sich durch die
Anerkennung des eigenen Gottes der Anderen aus und hat eine
wesenhaft tolerante, friedensfähige Grundausrichtung. Die religiöse
Kraft und Heilsamkeit dieser Religiosität kann man allerdings nur
begrenzt an ihrem empirischen Erscheinungsbild in der Gegenwart
ablesen. Beck sieht nüchtern, dass die individualisierte Religiosität,
auch wenn ihr Geist sich in der Politik und im öffentlichen Diskurs
meldet und den institutionalisierten Kirchen schwer zusetzt, nicht
gerade ein starker Anwalt für die Religion der Zukunft ist. Diese
Religiosität verfängt sich immer wieder in den „Fallen der
Privatisierung“ (174). Sie tritt auch als dekadenter, normenloser,
säkularer Relativismus in Erscheinung, der durch Banalisierung und
Trivialisierung ein „religiöses Analphabetentum“ befördert (115).
Dergleichen aber kann so wenig tragende religiöse Gewissheiten
begründen, wie ein „wabernder Pantheismus“, und „esoterische
Schrumpfkulte“ (218). Die „Warenform Gottes“, die ihn zur Wahl stellt
wie Massagen, Kühlschränke, Fernseher usw., droht zudem beständig das
Feuer der individualisierten Religion zu löschen (vgl. 192-195).
Damit stehen wir im
Verhältnis der Monotheismen zu der Religion des „eigenen Gottes“ vor
einer doppelten Feststellung. Beiden ist ein Positivum zuzuschreiben
und ein Negativum anzulasten. Der Monotheismus ist ein Grenzen
überwindender global player. Die Religion des eigenen Gottes
pflegt strukturell den Frieden und die Toleranz zwischen andersartig
Glaubenden. Beides ist zu begrüßen. Die Schattenseite des Monotheismus
ist jedoch, dass er Intoleranz und Gewalt befördert, während die
individualisierte Religion im Diffusen zu versinken droht. Becks
Absicht ist es darum, zum Segen der Weltzivilisation beide Positiva
zusammen zu bringen und die Negativa auszuschalten. Darum rechnet er
das derzeitige Gegeneinander beider religiösen Optionen einer zu
überwindenden Zeit zu, die er „Postmoderne“ nennt. Was ihm dagegen
zugunsten der Zivilisation der Welt gewissermaßen eschatologisch
vorschwebt, ist eine „zweitmoderne Religiosität“ (174).
3.5. Die
kosmopolitische Religion der Zukunft
Was jetzt folgt, müssen wir gerechterweise unter dem
Vorzeichen vieler Selbsteinklammerungen und Selbstrelativierungen
hören, mit denen Beck seine Überlegungen und Konstruktionen begleitet.
Am Ende nennt er es ein „buchförmige(s) Stochern im Nebel“ (249), was
er hier versucht. Es geht dabei darum, dass er die „Tiefenstruktur“
bzw. das „makrohistorische, makrosoziologische Tiefenphänomen“
religiöser Toleranz und Friedfertigkeit (124), das er in der „Religion
des eigenen Gottes“ wahrgenommen hat, mit den Wahrheiten, welche die
monotheistischen Religionen vertreten, zusammen bringen möchte.
Dass er diesen Versuch unternimmt, ist einerseits in der
„Schlüsselrolle“ (209) begründet, die er den Religionen für die
Zukunft einer befriedeten Weltgesellschaft zuerkennt. Andererseits
setzt er dabei seine Hoffnung auf die Wirkkraft der „Nebenfolge“ eines
eigentlich ganz anders ausgerichteten geschichtlichen Vorgangs.
Wie nach Max Weber die
reformierte Frömmigkeit die Nebenfolge des Entstehens des Geistes des
Kapitalismus gehabt haben soll, kann die Nebenfolge der durch die
Säkularisierung freigesetzten Individualisierung der Religion ein
„’kosmopolitischer Geist’ der Weltgesellschaft“ sein (66). Dieser
Geist vermag auch das „gefahrenreiche Ideal der Reinheit der
religiösen Identitäten“ zu relativieren (180) und so die
Friedensfähigkeit der Religionen zu wecken. Die Maxime solcher
Friedensfähigkeit ist die „Anerkennung religiöser Andersheit
(96). D.h.: „Die fremde Religion, die Religion des Fremden wird
nicht als bedrohlich [...] erfahren. Sie gilt vielmehr als bereichernd
und wird entsprechend positiv bewertet“. Die „religiösen Traditionen
und Perspektiven der Anderen“ werden „in das eigene religiöse Leben
integriert“ (97). In Abwandlung der berühmten Satzes von Rosa
Luxemburg kann dann gelten: „Die Freiheit der Religion ist die
Freiheit der Andersgläubigen“ (181).
Darüber, wie diese Maxime allerdings konkret in den
monotheistischen Religionen, nicht nur im Christentum, sondern auch im
Judentum und im Islam, wirksam werden soll, bekommen wir aber nur sehr
vorsichtige Auskünfte. Beck konstatiert angesichts des clash of
universalisms (Samuel Phillips Huntington) zunächst, über die
Fortexistenz der Menschheit entscheide, inwieweit in den
Religionen „Wahrheit durch Frieden ersetzt werden kann“ (209).
Am Ende jedoch behandelt er die Frage „Frieden statt Wahrheit“ (238)
aber sehr zurückhaltend. Sie heißt jetzt: „Wie wird Priorität von
sowohl Wahrheit wie Frieden möglich?“ (239).
Eine solche
Fragestellung verdankt sich der Einsicht, dass das Plädoyer für die
Pluralität der Wahrheiten in den Religionen nicht bedeuten kann, dass
religiöse Wahrheitsgewissheiten der Religionen sich überhaupt
auflösen. Das wäre ja das Ende dieser Religionen. Einer Wahrheit, die
ebenso gut unwahr sein könnte, kann kein Mensch sein Innerstes
hingeben. Doch leider verfolgt Beck seinen erläuternden Satz „Wahrheit
zielt auf Harmonie, Frieden zielt auf Konflikt – bei dem die
Gefährdung der Menschheit nicht auf dem Spiel steht“ (239), nicht ins
Innere einer der Wahrheitsgewissheiten der Religionen hinein. Das
würde ja bedeuten, ins theologische Argumentieren überzuwechseln. Doch
Beck bleibt Soziologe und spielt am Ende nur noch ein paar eigentlich
bekannte Toleranzmodelle zwischen den Religionen durch. Ich lasse sie
jetzt unberücksichtigt, weil sie m.E. allesamt hinter der eigentlich
herausfordernden Grundthese des Buches zurückbleiben. Sie lautet kurz
gefasst: Nicht die Sozialgestalten von institutionalisierten
Religionen, sondern ihre Individualisierung außerhalb der
Weltreligionen ist die eigentliche Triebkraft einer friedensfähigen
Offenheit von Religion für Andere. Diese Invidualisierung führt
nicht in das Ghetto religiöser Privatisierung und Vereinzelung,
wie manches Vorurteil unterstellt. Sie ist vielmehr der Quellgrund
einer kosmopolitischen Zivilisation unserer zerrissenen Welt.
4. Theologische Relektüre der Soziologie des „eigenen Gottes“ von Dietrich
Bonhoeffer her
4.1. Die
unterschiedliche Bewertung der Individualisierung der Religion
Auf den ersten Blick haben wir es bei Ulrich Becks
soziologischer Theorie mit einem Durcheinanderwirbeln, Verschieben und
Entkräften fast aller Gesichtspunkte zu tun, die für Dietrich
Bonhoeffers Verständnis des Glaubens und Gottes wesentlich waren. Das
ist an erster Stelle darin begründet, dass die Soziologie keine
Theologie ist. Die Soziologie weiß sich durch nichts verpflichtet,
was – gemäß des Auftrags der Kirche und ihres biblischen Grundes – in
Wahrheit „Glaube“ und „Gott“ zu heißen verdient. Wir haben gehört, wie
wenig bindend für Beck die theologischen Grundunterscheidungen von
Schöpfer und Geschöpf, Ewigkeit und Zeit, Jenseits und Diesseits sind.
Wir haben auch gehört, welchen Unfug er über das Christentum
verbreitet, z.B. dass dort gelehrt werde, Ungläubige seien keine
Menschen. Wir haben aber vor allem wahrgenommen, wie verschwimmend
sein Verständnis des „eigenen Gottes“ aufgrund der Kriterienlosigkeit
des Gebrauchs des Gottesbegriffs wird. Dieser Gebrauch hat die
Streubreite des Glaubens von Menschen an sich selbst bis hin zu
einem Glauben an alle möglichen Formen von Transzendenz. Die
durchgängige Rede vom „Erfinden“ (!) des eigenen Gottes im „Inneren“
höhlt den Gottesbegriff im Grunde aus. Sie macht ihn – nicht nur aus
theologischer Perspektive – letztlich sinnlos.
Indem das für den
soziologischen Blick irrelevant ist und er nur auf die religiösen Akte
als solche gerichtet ist, kommt es auch zu ganz anderen Bewertungen
dieser Akte als in theologischer Perspektive. In Bezug auf Bonhoeffer
kann man das vor allem an der Bewertung des religiösen
Individualismus sehen. Bonhoeffer war mit dem liberalen
Verständnis des reformatorischen Glaubens als individualisierter
„Gewissensreligion“, das für Becks Konstruktionen von ziemlicher
Bedeutung ist, natürlich Bestens vertraut. Er hat, wie das
Ethikfragment „Erbe und Verfall“ zeigt, im Prozess der Entwicklung
eines subjektiv verinnerlichten, individualisierten Glaubens aber den
Beginn einer „Vergottung des Menschen“ gesehen, die das Abendland in
die „hoffnungslose Gottlosigkeit“ einer „Religion aus Feindschaft
gegen Gott“ stürzt (Erbe und Verfall, Ethik (DBW 6, 113). Darum ist
die individualisierte, nur in der Innerlichkeit verankerte Religion in
„Widerstand und Ergebung“ das Gegenbild zum glaubenden Menschen, der
von Christus in die Verantwortung für diese Welt hinein gestellt wird
(vgl. DBW 8, 414; vgl. 402). Darum konnte Bonhoeffer die
Gottlosigkeit, die sich mit der Entwicklung der Autonomie des Menschen
verband, „verheißungsvoll“ nennen.
Niemals hätte
Bonhoeffer deshalb Becks Sicht der Dinge zustimmen können, dass die
Moderne die Religion von der Weltverantwortung entlastet und sie sich
darum um nichts als die Religion im Inneren der einzelnen Menschen
kümmern könne. Einerseits ist diese Deutung bei Beck in sich selbst
nicht stimmig, weil er am Ende den Religionen eine wesentliche
Funktion bei der Lösung der Weltkonflikte bis hin zur Klimakatastrophe
zuspricht. Andererseits ist für Bonhoeffers theologisches Denken das
Zusammensein von Gott und Welt, dessen Repräsentant die
Kirche ist und das den Glauben an Gott in Christus bestimmt,
zentral. Für die Art der religiösen Individualisierung, die Beck im
Blick hat, bleibt darum kein Raum. Deshalb habe ich im Titel des
Vortrages auch vermieden, die existenzielle Dimension von Bonhoeffers
Gottesverständnis seinen Glauben an den „eigenen Gott“ zu nennen.
4.2. Die Kirche als
Ort des eigentlichen Wesens individualisierter Religiosität?
Gerechterweise muss man aber einräumen, dass der Prozess der
Individualisierung der Religion Bonhoeffer auch nicht so vor Augen
stand, wie das bei Beck der Fall ist, nämlich als Religiosität
außerhalb und neben der Kirche. Bonhoeffer kannte zwar aus dem
bürgerlichen Umfeld, in dem er groß geworden ist und in dem er gelebt
und gewirkt hat, eine privatisierte, invidualisierte Religiosität.
Aber er kannte sie hauptsächlich innerhalb der Kirche, wie er selbst
konstatierte. Eine „Bastelreligiosität“ außerhalb der Kirche war nicht
sein Problem. Vergleichbares gilt für das Verhältnis der Kirche zu den
Weltreligionen. Wie schon erwähnt, war Bonhoeffer die Frage nicht
fremd, ob das Christentum eine Gestalt annehmen könne, die in
einer außereuropäischen Religion zu finden sei. Aber trotz seiner
wiederholten Bezugnahmen auf die Religionen, besonders wenn sie sich
an der Vorstellung von Gottes Macht orientieren, hat ihn die
Frage des Verhältnisses der Kirche zu den Religionen nicht annährend
so bewegt, wie das derzeit in unserer globalisierten Welt der Fall
ist.
Bonhoeffer ist des Zeuge, dass diese Befreiung schon
längst stattgefunden hat. Seine Theologie muss wirklich nicht auf eine
sich formierende neupolytheistische Götterwelt warten, um vom
Pulsschlag der Gewaltlosigkeit und des Friedens durchdrungen zu
werden. Insofern läuft die Behauptung eines notwendigen inneren
Zusammenhangs des Glaubens an den einen Gott mit Gewalt und Intoleranz
ihm gegenüber ins Leere. Es gibt keine schärfere Kritik an der
Verbindung dieses Glaubens mit Gewalt und Intoleranz als den Gott
selbst, der in Christus in weltlicher Ohnmacht begegnet. Insofern ist
der Kritik einer Religion, welche sich mit der Gewalt
verbündet, im Zentrum von Bonhoeffers theologischem Denken verankert.
Wir können aber auch
positiv sagen: Wenn es denn so sein sollte, dass sich in der
„Wiederkehr der Götter“ so etwas wie eine wahrhaft tolerante Offenheit
des frei flottierenden, individuellen Religiösen „für Andere“ meldet,
dann könnte es die Aufgabe von Theologie und Kirche werden, die
Menschen mit einem „eigenen Gott“ zu ermutigen, diese „Nebenfolge“
auch in ihrem Leben sichtbar werden zu lassen. Die Gemeinden können
sich dann in der Tat als Orte darstellen, an dem das untergründig
altruistische Wesen individualisierter Religiosität in Erscheinung
treten kann, ohne im diffusen Strudel der „Bastelreligiosität“ zu
versinken.
4.3. Zur Heimholung
der „Wiederkehr der Götter“ in den christlichen Glauben an Gott
Ganz zu Beginn seines Buches schildert Beck die Erfahrungen
von Etty Hillesum, eines Holocaust-Opfers, mit ihrem in keiner
Weltreligion verankerten eigenen Gott. Es ist ein ohnmächtiger Gott,
dem sie selbst meint, helfen zu müssen und der ihr doch sowohl Würde
wie eine tiefe Solidarität mit Anderen schenkt. Ich will dahin
gestellt sein lassen, ob dieser Gott wirklich selbst „erfunden“ ist,
oder nicht vielmehr in den wahren Fußspuren Gottes in dieser Welt
entdeckt wurde. Eine Theologie dieses Gottes, meint Beck
jedenfalls, „müsste die Verbindung zwischen dem Wissen um das
menschliche Selbst und dem Wissen um die Präsenz Gottes im eigenen
Leben ebenso wie die Verbindung zwischen der Liebe des Anderen [...]
und der Liebe zu Gott und die Verbindung des hilflosen Selbst mit dem
hilflosen eigenen Gott ins Zentrum stellen“ (Beck, 23f.). Beck selbst
geht es nicht um solche Theologie. Er macht von ihr fürderhin auch
keinen Gebrauch, sondern zersetzt sie letztlich.
Aber was er hier
skizziert, könnte vielleicht doch an eine solche Theologie wie die
Bonhoeffers unter dem Vorzeichen des christlichen Glaubens angenähert
werden. Denn alle die Momente des Glaubens an Gott, die Beck hier
nennt, treffen wir auf andere Weise auch bei Bonhoeffer an: Da
ist ein tiefes Wissen um das Geheimnis des eigenen Selbst, das mit der
Gewissheit der Gegenwart des weltlich ohnmächtigen Gottes verbunden
ist. Da ist die Liebe zu Gott, die von der Liebe für die anderen
Menschen nicht zu trennen ist. Da ist die eigene Ohnmacht und die
Gottes eine Quelle der Kraft für ein wahrhaft menschliches Leben.
Aber wir müssen wohl
nüchtern sehen: Wenn wir die „Wiederkehr der Götter“ als Gestalten des
je „eigenen Gottes“ an Dietrich Bonhoeffers Glauben und Denken auf
diese Weise anzunähern versuchen, dann sind wir wohl dabei, sie
besser zu verstehen, als sie sich gegenwärtig ohne ihre von Beck
entdeckte Tiefendimension faktisch selbst versteht. Die
Religionslosigkeit besser zu verstehen, als sie sich selbst versteht,
war ja der Weg, auf dem Bonhoeffer ihr Anliegen christologisch in den
Glauben an Gott heim geholt hat. Diese Heimholung bleibt bestehen. Es
gibt kein Zurück hinter die Einsicht, dass die mündige Welt, auch wenn
sie sich noch so gottlos gebärdet, zu Christus gehört. Sofern die
„Wiederkehr der Götter“ auch fundamentalistische Gestalten annimmt,
ist das mit Nachdruck zu unterstreichen. Anders als
religionskritisch gegenüber den faktischen Erscheinungsformen der
„Wiederkehr der Götter“ kann das Anliegen, dass Menschen mit dem
Glauben an Gott in existenzieller Tiefe selbst ganz einverstanden sein
möchten, ohnehin nicht aufgenommen werden.
Wenn wir von christologischer Heimholung des „eigenen
Gottes“ reden, dann müssen wir freilich auf einigen Widerspruch im
Namen gerade des „eigenen Gottes“ gefasst sein. Ich verwende diesen
Begriff der „Heimholung“ in Anlehnung an Bonhoeffers Rede von der
„Heimkehr“ aller echten Werte zur „Mutter Kirche“ in den Zeiten ihrer
Bedrohung (vgl. DBW 6, 344). Die Sympathisanten des eigenen Gottes
aber denken, wenn sie das Wort „Christologie“ hören, an eine scharfe
dogmatische Schreddermaschine. Sie sollten Bonhoeffer lesen. Denn für
ihn bedeutet Christi Name die „Weite des Herzens Christi“ (BDW 8, 34).
In ihr hat das wahrhaft Menschliche, das sich vielleicht in der
„Wiederkehr der Götter“ meldet, ganz bestimmt Raum. Denn die „Weite
des Herzen Christi“ ist ja das Herz des ewigen Gottes für alle seine
Geschöpfe mitten unter uns, das schon von Ewigkeit zu Ewigkeit
„kosmopolitisch“ ist. |
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