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Das Gesicht der Evangelischen Kirche im Osten Deutschlands

Wahrnehmungen 20 Jahre nach der „Wende“

 Vorbemerkung

 

Wie wir ein Gesicht wahrnehmen, ist immer davon abhängig, von welcher Seite wir es anschauen, aber auch, in welchem Lichte es auf uns wirkt und vor welchem Hintergrund wir es anschauen. Man kann ein Gesicht nicht gleichzeitig von allen Seiten und in jedem denkbaren Lichte wahrnehmen. Wer das versucht, dem geht es nicht mehr um ein Gesicht, sondern um so etwas wie ein abstraktes Gesamt- oder um ein bunt-konkretes Panaromabild. Beides hat sein Recht, wenn es um die Rechenschaft darüber geht, wie sich die Evangelische Kirche in Deutschland 20 Jahre nach der „Wende“  oder genauer: fast 20 Jahre nach der deutschen Vereinigung, welche die kirchliche Vereinigung nach sich zog, darstellt. Wenn ich vom „Gesicht“ der Evangelischen Kirche rede, dann geht es mir jedoch nicht um ein derartiges allumfassendes Gesamtbild, das möglichst „objektiv“ sein soll und die Perspektive des Betrachters – so weit das geht – auszublenden hat. Die regelmäßigen EKD-Überblicke mit den vielen Statistiken versuchen das ja auf ihre Weise. Sie sind auch hilfreich, wenn man sich über das vielfältige Erscheinungsbild unserer Kirche auf den vielen und verzweigten Ebenen ihres Daseins informieren will.

         Unser Gesamtthema „von woher wir kommen und wohin wir gehen“ aber ruft eher danach, das Erscheinungsbild unserer Kirche in die Perspektiven zu stellen, in denen es an konkreten Orten, in bestimmten kirchlichen Landschaften und auch im persönlichen Erleben wahrgenommen wurde und wird. In diesem Sinne will ich versuchen, das Gesicht der Evangelischen Kirche in den letzten 20 Jahren, wie es sich an den Orten zeigte und zeigt, an denen ich mich aufgehalten habe und aufhalte, ein wenig zu portraitieren. Es ist ganz klar, dass dem andere Portraits zu Seite treten müssen. Ein Gesicht können wir – wie gesagt – immer nur aus einem bestimmten Blickwinkel und in einem bestimmten Lichte wahrnehmen und es ist gar nicht ausgemacht, dass die Blickwinkel, die ich habe, das wirklich charakteristische Gesicht unserer Kirche erfassen. Alles, was ich zu unserem Thema zu sagen habe, ist darum dringend ergänzungsbedürftig, aber in meinem Sinne für das Portraitieren des Gesichts unserer Kirche auch dringend berücksichtigungsbedürftig.

 

1. Ein Blick zurück: Freie Theologie – freie Kirche

 

Ich beginne mit einer Perspektive, die bei den Rückblicken dieses Jahres eher nicht oder nur marginal vorzukommen pflegt, tatsächlich aber von eminenter Bedeutung für den 40jährigen Weg der evangelischen Kirchen in der DDR und danach war. Das ist die Perspektive eines wissenschaftlichen Theologen aus dem Osten Deutschlands. Ich war in der DDR-Zeit ein solcher Theologe; allerdings im Raum der Kirche. Denn die Evangelischen Kirchen sahen sich in dieser Zeit genötigt, nicht weniger als drei Kirchliche Hochschulen zu errichten. Diese Nötigung entstand, weil die sechs Theologischen Fakultäten, die 1970 zu „Sektionen“ wurden, an der sozialistischen Universität einerseits nicht alle aufnahmen, die Theologie studieren wollten. Das waren in der Anfangszeit der DDR z.B. solche Bewerber, die einige Semester an einer westlichen Hochschule studiert hatten. Hinzu gesellten sich Wehrdienstverweigerer und Bausoldaten, politisch oder wegen ihrer Herkunft Missliebige, ältere Bewerber, die schon etwas anderes studiert hatten, und eine zeitlang die Absolventen kirchlicher Proseminare, an denen Kinder, die nicht zur Oberschule zugelassen wurden, ein vom Staat nicht anerkanntes kirchliches Abitur ablegen konnten. Andererseits boten die allein unter staatlichen Direktiven stehenden Fakultäten bzw. Sektionen nicht mehr die Gewähr, bei der Ausbildung genuin auf den Auftrag der Kirche bezogen zu sein und ein wirklich freies wissenschaftliches Studium zu gewährleisten.

Die Kirchlichen Hochschulen haben demgegenüber Standards sowohl im Hinblick auf die kirchliche Funktion wie auf die freie wissenschaftliche Verantwortung der Grundlagen und des Wesens christlichen Glaubens bzw. der kirchlichen Praxis gesetzt, die auch auf die Fakultäten zurückwirkten. Es konnte dort nicht mehr alles gemacht werden, was Partei und Regierung mit den Fakultäten/Sektionen vorhatten, wenn sich die dort stattfindende Theologenausbildung nicht als untauglich für die Kirche erweisen sollte. Denn diese Theologenausbildung stand vom Anfang bis zum Ende der DDR unter einer klaren Direktive von Partei und Regierung. Sie sollte für die Zukunft eine staatstreue Pfarrerschaft heranbilden. Nur weil das die Absicht war, sind Pläne zur Ausgliederung der Theologischen Fakultät aus der sozialistischen Universität immer wieder verworfen worden.

Was man sich unter solcher Pfarrerschaft vorzustellen hat, ist in einem Perspektivplan des Staatsekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen 10.4.1958 richtungweisend festgehalten. Als Erziehungsziel wird das Bild eines „neuen Typs von Pfarrern“ bezeichnet. Pfarrer dieses Typs seien solche, „die in der DDR ihr Vaterland sehen, die den Friedenskampf und den Aufbau des Sozialismus in Worten und Taten unterstützen, die aus ihrem christlichen Glauben keine reaktionäre Philosophie und keine antikommunistischen Thesen ableiten, sondern erkennen, dass die von ihrer ‚Heiligen Schrift’ geforderte Nächstenliebe am besten im sozialistischen Humanismus konkretisiert und in der sozialistischen Gesellschaft verwirklicht wird; Pfarrer, die daher weitgehend den proletarischen Klassenstandpunkt einnehmen, die ökonomischen und politischen Ziele der SED bejahen und mit ihren Kräften unter den Christen für diese Ziele wirken; Pfarrer, die das religiöse Opium denjenigen reichen, die seiner noch bedürfen, aber nicht mehr Starke durch dieses Opium zu schwächen versuchen“ (BArch, DR-3, 5595.

An der Berliner Sektion Theologie, an der dieses Erziehungsziel besonders konsequent zu verwirklichen getrachtet wurde, sind die Grundzüge dieses Bildes eines neuen Typs von Pfarrern in das berüchtigte „Absolventenbild“ eingegangen, das 1970 die ideologische Grundlage der Umwandlung der Fakultät in eine von einem staatlichen Einzelleiter geführte Sektion Theologie wurde. Es klingt in seinem ersten Teil wie die Anweisung für einen FDJ-Funktionär und in seinem zweiten wie die Karikatur eines Pfarrers. Es heißt dort:

Es heißt dort: „Der Absolvent der Sektion Theologie fühlt sich mit der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung, der ersten wahrhaft menschlichen Gesellschaftsordnung in der Geschichte, fest verbunden. [...] Er hat erkannt, daß der Imperialismus der erwiesene Feind von Frieden und gesellschaftlichem Fortschritt in unserer Epoche ist. Er hat aus der Geschichte gelernt, daß sich nur die Arbeiterklasse konsequent für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt eingesetzt hat und einsetzt. Von daher ist ihm klar, daß der Sozialismus nur dort verwirklicht wird, wo die Arbeiterklasse im festen Bündnis mit allen Werktätigen durch ihre marxistisch-leninistische Partei die Gesellschaft führt. [...] Er studiert nach Abschluß seiner Hochschulausbildung intensiv die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Marxismus-Leninismus von der Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung, um sich einen begründeten parteilichen Standpunkt in der Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus ständig neu erarbeiten zu können. Dies befähigt ihn, seinen Gemeindegliedern [...] auf ihrem Wege in der sozialistischen Menschengemeinschaft zu helfen und dem Mißbrauch von Kirche und Theologie durch die imperialistische Globalstrategie, insbesondere der Verbreitung antikommunistischer Parolen und konvergenztheoretischer Spekulationen wirksam entgegenzutreten. Im gesellschaftlichen Engagement für den Sozialismus wird er seiner Gemeinde ein Beispiel geben.“ Es folgt dann eine Aufzählung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die im engeren Sinne zur Theologie und Gemeindearbeit gehören. Das Alles ist freilich zurück bezogen auf die ersten Aussagen und gipfelt in dem schönen Satz: „Vor innerkirchlichen Anfeindungen, die ihn deshalb treffen könnten, schreckt er nicht zurück“ (Zur Geschichte der Theologischen Fakultät Berlin, Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität 7, 1985, 609f.).

 

Dieses „Absolventenbild“ ist nach ernsten Protesten aus dem Raum der Kirche heraus zwar öffentlich nicht mehr verbreitet worden, war aber in Geltung und wurde noch im Herbst 1989 vom Direktor für Erziehung und Ausbildung Studienbewerbern zur Unterschrift vorgelegt.

Es ist in praxi dann nicht alles so heiß gegessen worden, wie es hier gekocht wurde. Aber es ist ganz unzweifelhaft, dass das Gesicht der evangelischen Kirche bei der Wende völlig anders ausgesehen hätte, wenn die Pfarrerschaft aus jenem „neuen Typ“ bestanden hätte. Neben wahrheitsbewussten Hochschullehrern an den Universitäten ist es den Kirchlichen Hochschulen ist zu danken, dass es nicht dazu gekommen ist. Sie haben, obwohl sie keine Hochschulrechte hatten und die Organe des Staates bis Mitte der 80ger Jahre unablässig Pläne geschmiedet haben, wie ihnen das Lebenslicht auszublasen sei, unter sehr schwierigen Bedingungen für die geistige Freiheit in dieser Kirche gesorgt. Auch das offiziöse Konzept einer „Kirche im Sozialismus“, welches die Kirche in der sozialistischen Gesellschaft beheimaten sollte, hat niemals den freien Spielraum eigenständiger Urteilsbildung in theologischen und gesellschaftlichen Fragen eingeschränkt, der von der Ausbildung an das Gesicht der Kirche in der Breite prägte. Nur so ist es überhaupt erklärlich, dass die evangelische Kirche eine eigenständige, freie geistige Kraft in dieser monistischen Gesellschaft blieb. Nur so ist es auch erklärlich, dass diese Kirche, deren Pfarrerinnen und Pfarrer weitaus überwiegend in der DDR ausgebildet wurden, 1989 zum Zentrum des freien Dialogs und zum Konzentrationspunkt des gesellschaftlichen Wandels werden konnte.

 

2. Der kirchliche Auftrag in fremder Hand: Die Theologischen Fakultäten

 

Knapp anderthalb Jahre nach dem Herbst 1989 war im Amtsblatt der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg in dürren Worten und ohne Kommentar zu lesen, ich sei aus dem Dienst der Evangelischen Kirche „entlassen“ worden. Viele Freundinnen und Freunde, die seit dem Studium, im Studentenpfarramt in Halle/Saale und am Sprachenkonvikt mit mir in der Kirche unterwegs gewesen sind, waren regelrecht entsetzt, als sie das lasen. Für sie gehörten – fokussiert in meiner Person – „kirchlicher Dienst“ und freie, wissenschaftlich-theologische Ausbildung zusammen. Im Geiste galt das natürlich auch für die Kirchen weiter, die sich die Strukturen und die Gesetzlichkeit der Kirchen des Westens Deutschlands zu eigen gemacht hatten. In der Realität aber galt es nicht mehr. Alle drei Kirchlichen Hochschulen in der DDR wurden sofort und im Eiltempo aufgelöst.

Im Grunde kann man sagen: das ganze in der DDR gewachsene Ausbildungswesen der Kirche wurde beendet. Die Predigerschulen wie das Berliner „Paulinum“, an dem auf dem zweiten Bildungswege in der Weise einer Fachhochschulausbildung Theologie studiert werden konnte, wurden geschlossen. Die Institutionen der katechetischen Ausbildung wurden drastisch minimiert und dem religionspädagogischen Ausbildungstyp, der auf die Schule konzentriert ist, angeglichen. Die kirchliche „Christenlehre“, die es in unterschiedlicher Intensität noch in nicht wenigen Gemeinden gibt, trägt die Zukunft des Berufsstandes der Katechetin und des Katecheten nicht mehr. Die theologische Ausbildung aber hat der Staat an den Theologischen Fakultäten der Universitäten übernommen. Ich wurde mit dem Wechsel an die Universität ein vereidigter Staatsbeamter.

         Warum die Kirchlichen Hochschulen aufgegeben wurden, ist klar. Sie waren nicht mehr zu finanzieren. Das hat auch zwei westliche Kirchliche Hochschulen betroffen: Die Kirchliche Hochschulen in Berlin-Zehlendorf und in Bethel. Letztere ist jetzt mit der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal fusioniert. Davon zu erzählen, wie sich die Auflösung der östlichen Kirchlichen Hochschulen damals abgespielt hat und was das für viele verdiente Lehrerinnen und Lehrer der Kirche bedeutete, die es nicht schafften, an die Universität zu kommen, würde hier zu weit führen. Das Ende des Berliner Sprachenkonvikts, des DDR-Ortes meiner theologischen Existenz, ist allerdings insofern erwähnenswert, als das Kollegium hier noch zu Zeiten der ersten frei gewählten DDR-Regierung im Zusammenklang mit der Kirchenleitung selbst die Initiative ergriffen und die Fusion der ganzen Hochschule mit der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in die Wege geleitet hat. Die kirchliche Ausbildung ging in der staatlichen Ausbildung auf. Die Kirche war eine ihrer ureigensten, aber auch teuersten Verpflichtungen los, nämlich selbst für den theologischen Nachwuchs zu sorgen. Was mich damals gewundert hat und zeitweise heute auch noch verwundert, war, dass dieser Vorgang eigentlich auf allen kirchlichen Ebenen quasi als etwas Selbstverständliches angesehen wurde und jedenfalls von keinem irgendwie breiterem Murren begleitet war. Denn die Theologischen Fakultäten gehören ja wie der Religionsunterricht, wie der staatliche Kirchsteuereinzug, die Militärseelsorge und manche andere staatliche Unterstützungen der Kirche im Bereich der Diakonie und der Kulturpflege zu den Staat-Kirche-Kooperationen in der Bundesrepublik, mit denen sich Viele in den Kirchen der neuen Bundesländer schwer getan haben und noch immer schwer tun. Von den Problemen mit der Militärseesorge werden wir noch hören. Aber auch der Religionsunterricht ist 20 Jahre nach der Wende noch längst nicht im Bewusstsein der Gemeinden angekommen. Die Unwilligkeit, sich für sein Gedeihen einzusetzen, ist aus Anlass des Berliner Volksbegehrens für den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach in einer so nicht erwarteten Breite in den Ostberliner Gemeinden zu Tage getreten. Dieser Unterricht sei Sache der Kirche und nicht des Staates, konnte man hier hören. Er verletze das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche. Ein Kirche, die sich Kampagnen für dererlei Verbandelungen von Staat und Kirche zu eigen mache, sei überhaupt nicht mehr die Kirche, in der man sich zu DDR-Zeiten zu Hause gefühlt habe.

         Genau genommen müsste dies alles auch gegen die Theologischen Fakultäten eingewendet werden, wird es in merkwürdiger Inkonsequenz aber nicht. Wenn die Theologischen Fakultäten in Frage gestellt werden, dann geschieht das heute in der Universität von seiten der anderen Wissenschaften bzw. Wissenschaftler und außerhalb der Universität von politischer Seite. In Zeiten der Sparzwänge hat sich das so ausgewirkt, dass das Ausbildungspotenzial der Theologischen Fakultäten durch Sach- und Personaleinsparungen in den letzten 20 Jahren kontinuierlich und drastisch reduziert wurde. Die Erwartung, dass der Staat die Theologischen Fakultäten hegen und pflegen würde, ist heute reiner Illusionismus. Die Kirchen haben, wie es z.B. in Berlin der Fall ist, Mühe, dem Staat in Staatskirchenverträgen gerade einmal ein Minimum der Ausstattung der Theologischen Fakultäten mit Professuren und Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs abzuhandeln. Auf einen diese Fakultäten tragenden gesellschaftlichen Konsensus können sie sich durchaus nicht mehr ausruhen.

         Auf der anderen Seite habe ich als Beamter eines demokratischen Staatswesens aber auch eine Erfahrung gemacht, die mich das spezifische ostdeutsche und da und dort auch westdeutsche Ressentiment gegen das Übernehmen kirchlicher Aufgaben durch den Staat nicht teilen lässt. Dieses Ressentiment nährt sich ja aus der Befürchtung, die Kirche würde sich dadurch von der Macht oder von Machtinteressen des Staates abhängig machen. Mehr oder weniger schimmert dort, wo es lebendig ist, auch das Ideal einer Freikirche durch, die allein aus den Möglichkeiten und damit auch aus den Mitteln lebt, die ihr das Evangelium und der Glaube durch die Existenz der Gemeinden erschließen. Dieses Kirchenideal war in der DDR durchaus verbreitet, obwohl die Kirchen auch hier Staatszahlungen und erhebliche Unterstützung aus dem Westen erhalten haben. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die sog. Trennung von Staat und Kirche, die keinen Rechtsrahmen für die Beziehungen von Staat und Kirche hatte, gerade den diktatorischen Staat nicht gehindert hat, zu versuchen, kräftig in die Kirche hinein zu regieren. Die mehr oder weniger grauen Kooperationen mit Teilen der Kirche, die dabei entstanden, sind uns nach der Wende kräftig genug auf die Füße gefallen und haben den guten Ruf, den sich die Kirche bei der „friedlichen Revolution“ erworben hat, ziemlich beschädigt.

         Die Rechtsstellung, welche eine Theologische Fakultät in unserer Demokratie hat, aber gewährleistet eines vollständig. Das ist die Freiheit des Lehrens und Forschens im kirchlichen Interesse. Sie wird auch dadurch nicht aufgehoben, dass den Fakultäten im Zuge des sog. Bolognaprozesses verschulte Studiengänge aufgedrängt wurden, die nicht für das Pfarramt qualifizieren. In die Inhalte der Lehre aber hat mir an der Universität nie jemand hinein geredet. Ich habe – wenn auch auf einem Niveau der „Ausstattung“, von dem wir in der DDR nicht einmal zu träumen gewagt hatten – genauso weiter gemacht, wie am Sprachenkonvikt. Wenn der Staat bei seinen Kooperationen mit der Kirche diese Freiheit garantiert, dann ist m.E. nichts dagegen einzuwenden, dass Kirche die Möglichkeiten nutzt, die er ihr einräumt. Sie kann die ererbte Struktur eine über das ganze Land verbreiteten Institution auch sonst überhaupt nur aufrecht erhalten, indem sie derartige Möglichkeiten nicht nur im Hinblick auf die theologische Ausbildung in Anspruch nimmt. Gefährdet wird ihre Freiheit nur dann, wenn sich z.B. die Theologie selbst in die Abhängigkeit etwa von wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Interessen begibt, welche ihre Bezogenheit auf den Auftrag der Kirche ruiniert.

         Doch selbst, wenn diese Bezogenheit und sogar Verbundenheit da ist, wird immer wieder auch spürbar, dass man sich in der Universität an einem Ort außerhalb der Kirche befindet, an dem einem die Institution Kirche auch mit einem befremdlichen Gesicht begegnet. Dass z.B. die Generation der Studierenden, die wir vom Sprachenkonvikt mit an die Theologische Fakultät genommen haben, im Zuge des Stellenkürzungsprozesses beinahe gänzlich nicht in den Vorbereitungsdienst übernommen wurde, war bitter. Es bleibt bitter, wenn ihnen heute erklärt wird, unterdessen seien sie zu alt. Hier hat diese Kirche ein phantasieloses, bürokratisches Gesicht gezeigt, das wir so in der DDR nicht kannten. Man schickt Menschen an einen Ort, an den sie eigentlich nicht wollten und lässt sie dann fallen. Ein ganzes Potenzial an theologischer Kompetenz und existenziell verwurzelter Bereitschaft, in den Dienst der Kirche zu treten, ist so nicht nur im Osten, sondern in ganz Deutschland verloren gegangen.

An der Universität aber hat man mit Recht gefragt, ob es sinnvoll ist, der Kirche die Ausbildungsarbeit abzunehmen, wenn die Ausgebildeten ohne Berufschancen in der Kirche sind. Natürlich hat sich das auch bei den Interessenten für das Theologiestudium herum gesprochen. Die Bewerberzahlen gingen durch kirchliches Verschulden erheblich zurück. Unterdessen aber wird angesichts eines in Zukunft zu erwarteten Personalloches mit Hochglanzbroschüren wieder Werbung für dieses Studium gemacht. Diese nicht gerade mit Weitblick gesegnete Zukunftsgestaltung der Institution Kirche aber ist nur ein Indiz für eine gewisse Hilflosigkeit angesichts einer viel weiter reichenden Problematik, vor der vor allem die Kirchen im Osten Deutschlands stehen.

 

3. Die „Volkskirche“ und der „Massenatheismus“

 

Der Bund der der Evangelischen Kirchen in der DDR hat sich mit Dietrich Bonhoeffers Wort programmatisch eine „Kirche für Andere“ genannt. Doch das hat für das strukturelle Erscheinungsbild der in diesem Bund vereinigten Kirchen eigentlich gar keine Konsequenzen gehabt – schon gar nicht die, welche Dietrich Bonhoeffer vorschwebten. Niemand hat ernstlich erwogen, allen Besitz der Kirche an die Armen zu verschenken, allein von den „freiwilligen Gaben“ der Gemeinde zu leben und den Pfarrberuf in der Freizeit anzusiedeln, die neben einem weltlichen Beruf bleibt. Diese Formel wurde – wie übrigens auch im sog. EKD-Impulspapier von 2006 „Kirche der Freiheit“– im abgeschwächten Sinne einer Richtungsangabe des Daseins der Kirche für die Menschen in dieser Gesellschaft verwendet. Das war für die DDR-Gewaltigen provozierend genug. Denn es bedeutete: kirchliche Einmischung in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Es wurde aber in der DDR kein neues Kirchenmodell gegenüber der ererbten Gestalt der Landeskirchen und des Parochialprinzips entwickelt. Die Kirche blieb eine über das ganze Land verbreitete Institution. Ja, sie blieb sogar eine „Volkskirche“, obwohl deren Ende vom Cottbusser Generalsuperintendenten Günther Jacob in den sechziger Jahren in Orwellscher Prophetie für das Jahr 1984 prognostiziert worden war.

Jacob hatte damit, was den Vollsinn des Begriffs „Volkskirche“ betrifft, sicherlich nicht einfach Unrecht. Eine „Volkskirche“, der noch nicht einmal ein Viertel des Volkes angehört, verdient diesen Namen im Grunde nicht. Das institutionelle Gerüst der kirchlichen Präsenz bei allem Volk klapperte darum gewaltig und tut das bis heute. Nicht Recht hatte er dagegen in einer anderen Hinsicht. Für die Kirchen in der DDR blieb auch auf dem dramatisch zusammen geschrumpftem Niveau der Zahl ihrer Mitglieder ein Wesenmerkmal der Volkskirche charakteristisch, nämlich ein kleiner engagierter Kern und darum herum die Meisten, die nur locker, unverbindlich und passiv dazu gehörten. Die manchmal geäußerte Vermutung, unter DDR-Bedingungen würde die Kirche mit den wahrhaft Glaubenden und Bekennenden identisch, traf und trifft nicht zu. Die Kirche hat sich nicht „gesund geschrumpft“.

Zwar erforderte es zur DDR-Zeit durchaus ein gewisses Maß an Zivilcourage, auch in lockerer Weise der Kirche anzugehören. Kirchenzugehörigkeit konnte auch bei geringer Anteilnahme am Leben der Gemeinden heißen, auf Lebenschancen und das Nutzen von Begabungen zu verzichten und vielen unberechenbaren Benachteiligungen und Schikanen des ideologisierten Machtstaates ausgesetzt zu sein. Dass die Courage, dennoch Glied der Kirche zu bleiben, sich aber bei Allen aus einem lebendigen Glauben im eigentlichen Sinne speiste, wird man nicht sagen können. Es waren auch hier Gründe der Gewohnheit, der Tradition, der Kultur im Spiele, die den Menschen aber immerhin so wertvoll waren, dass sie jene Courage aufbrachten. Im Ganzen aber zeigte sich und zeigt sich bis heute, dass in Hinblick auf die Teilnahme der Kirchenmitglieder am Gottesdienst, am Leben der Gemeinde und am Engagement für die Kirche prozentual betrachtet ungefähr die gleichen Verhältnisse anzutreffen sind, wie im übrigen Deutschland auch.

Die Vergleichbarkeit der Kirchen in Ost und West war außerdem durch die rechtliche Verfassung der Kirchen in der DDR gegeben. Sie trug die Merkmale einer Körperschaft des öffentlichen Rechts wie das Erheben von Kirchensteuern, das Beamtenrecht oder die eigene Gerichtsbarkeit. Deshalb passte bei der rechtlichen Vereinigung der Kirchen von Ost und West strukturell auch Vieles zusammen. Die Idee einer völlig anders verfassten „Ostkirche“ erwies sich dagegen angesichts der Evidenz der aus der Weimarer Zeit durchgehaltenen Kirchenverfassung als nicht tragfähig. Zwar wäre damals durchaus die Chance gewesen, Einiges anders zu regeln, als es dann geschah, wie z.B. die Angleichung der Pfarrgehälter an die Beamtenbesoldung der Bundesrepublik und die nur zu beklagende geringe Veranschlagung der Bedeutung der „Christenlehre“ gegenüber dem Religionsunterricht. Aber 1990 war bei der rechtlichen Vereinigung der Kirchen von West und Ost zweifellos die Erwartung im Spiele, dass sich die Menschen nach dem Zusammenbruch einer vierzigjährigen atheistischen Weltanschauungsdiktatur wieder den Kirchen zuwenden und ihr eine starke Basis geben werden.

Doch diese Erwartung getrogen. Der Osten Deutschlands ist ein religiös dürres Land geworden. Selbst Sekten fassen hier keinen Fuß, wie anfänglich befürchtet. Während sich die sogenannten „Errungenschaften des Sozialismus“ im Eiltempo verflüchtigt haben, ist eine besondere Art von Atheismus des überwiegenden Teils der Bevölkerung seine gewissermaßen erfolgreichste Hinterlassenheit. Er hat ein gesellschaftliches Klima geschaffen, in dem das Leben ohne die Kirche und ohne den Glauben zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Der größte Teil der Bevölkerung hat sich auf die Dauer an das Leben ohne den Glauben an Gott und damit ohne die christliche Kirche einfach gewöhnt. In Ostberlin gehören 10 % der Bevölkerung der evangelischen Kirche an; in manchen Stadtteilen sind es so gar unter 5 %.

         Diese Gewöhnung hat im geistigen Haushalt der Menschen zu einem tief greifenden Traditionsabbruch der christlichen Überlieferungen und Lebensorientierungen und zur Entfremdung von den kulturellen Prägungen der Gesellschaft durch das Christentum geführt. Christlicher Glaube oder christliche Frömmigkeit kommen in den Familien nicht mehr vor. Schon die Großeltern, vielleicht sogar die Urgroßeltern, waren nicht in der Kirche; die Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen sind es auch nicht. So ist ein hartwandiges gesellschaftliches Milieu entstanden, das Alles, was ausdrücklich mit „Religion“ zu tun hat, von sich abweist. Dieses Milieu regeneriert sich über den Umbruch der Gesellschaft vor 20 Jahren hinweg beständig selbst. Unterstützt wird das bei der heranwachsenden Generation heute in nicht geringem Maße durch die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen, von denen die große Mehrheit nach der „Wende“ weitermachen konnte. Sie sind aus alter Gewohnheit selbstverständlich Trägerinnen und Träger atheistischer Überzeugungen. Das Urteil z.B., dass Religion „unwissenschaftlich“ sei und einer vergangenen Zeit angehöre, findet hier immer neue Belebung. Lehrer und Eltern sind weitaus überwiegend der Meinung, dass „Religion“ nicht an die Schule gehört.

Es wäre jedoch verkehrt, angesichts des Widerstandes, der sich hier gegen die Bildungsaufgabe der Kirchen im öffentlichen Raum zeigt, die Glaubensferne der konfessionslosen Bevölkerung mit einer kämpferischen Wendung gegen den Glauben gleichzusetzen. So etwas gibt es auch, z.B. bei einigen alten SED-Kadern in der Linkspartei und im „humanistischen Verband“. Vom Freiheits- und Emanzipationspathos des europäischen Atheismus ist der Gewohnheitsatheismus als Massenerscheinung, von dem wir hier reden, jedoch ziemlich weit entfernt. Dergleichen treffen wir heute eher weiter westlich an, wie z.B. jetzt gerade bei den sogenannten „neuen Atheisten“ oder „brights“, welche über die Verderblichkeit von Religion und Gottesglaube aufklären wollen. Die atheistische Konfessionslosigkeit im Osten Deutschlands aber hat im Ganzen keine Aufklärungsinteressen. Sie zeichnet sich vielmehr durch eine gänzliche Gleichgültigkeit gegenüber dem Gottesglauben aus. Die Menschen machen sich nicht mehr die Mühe, an die Frage der Widerlegung des Gottesglaubens oder die Begründung des Atheismus noch irgendwelchen Schweiß zu verschwenden. Für sie ist der Glaube an Gott unter die Schwelle der Konfliktfähigkeit gesunken.

Angesichts dessen kann in den neuen Bundesländern schwerlich von einer „Wiederkehr der Religion“ die Rede sein. Jenes Impulspapier setzt darauf ja ziemliche Hoffnungen. Gleich zu Beginn heißt es: „Die gesellschaftliche Situation ist günstig“ (14) „Es wird neu nach Gott gefragt. Religiöse Themen ziehen hohe Aufmerksamkeit auf sich. [...] Eine in den zurückliegenden Jahrzehnten verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber den im christlichen Glauben gegebenen Grundlagen des persönlichen wie des gemeinsamen Lebens weicht (!) einem neuen Interesse für tragfähige Grundeinstellungen und verlässliche Orientierungen“. In einer Münchener Dogmatik können wir sogar lesen, der „Gewohnheitsatheismus“ komme nur noch in „Rudimenten“ vor. Das ist für den Osten Deutschland schlicht falsch und befördert einen religiösen Illusionismus, der sich um das massenhafte atheistische Umfeld der Kirche kaum schert. In „Kirche der Freiheit“ kommt noch nicht einmal das Wort „Atheismus“ vor.

Ich dagegen scheue mich nicht, zu sagen, dass die geschilderte Art von Gottesgleichgültigkeit die Herausforderung schlechthin für eine Kirche ist, die sich entschieden hat, in der überkommenden Struktur und Organisationsform mit allen Äußerlichkeiten, die daran hängen, Kirche für das ganze Land, für die Menschen an allen Orten und nicht nur für einen bestimmten Personenkreis zu sein. Was ist nötig, um die Nebelwand des atheistischen Milieus, die schwerlich „religiös“ grundiert ist, zu lichten?

 

4. Missionarische Kirche?

 

Summa summarum muss für die vergangenen 20 Jahre gelten, dass sich die Kirchen und Gemeinden im Osten Deutschlands – alle leuchtenden Ausnahmen sofort zugegeben! – mehr mit sich selbst als mit der Frage beschäftigt haben, wie den nichtglaubenden Menschen außerhalb der Kirche der Glaube nahe zu bringen ist. In gewisser Weise war das auch unvermeidlich. Gegenüber den kirchlichen DDR-Verhältnissen mussten Strukturen und Organisationsformen der Dienste der Kirche gefunden werden, die bezahlbar waren. Der Personalbestand aller hauptamtlichen Dienste wurde, wie wir uns schon am Geschick des theologischen Nachwuchses in jenen Jahren klar gemacht haben, deshalb drastisch reduziert werden. Ganze Arbeitsbereiche wurden eingestellt oder erheblich gekappt, ohne dass dadurch finanzielle Selbständigkeit erreicht wurde. Der überaus dankenswerte sog. „Finanzausgleich“ durch die westlichen Kirchen bleibt unentbehrlich, obwohl die Spendenbereitschaft in den Gemeinden beachtlich ist, das Kirchgeld neben der Kirchensteuer eine wichtige Einnahmequelle bildet und mit der Gründung von Vereinen nicht nur zur Kirchgebäudeerhaltung, sondern auch zur Förderung von Gemeinden neue Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen werden.

Es macht sich bei alledem leider immer noch bemerkbar, dass sozial starke Schichten in den Kirchen der neuen Bundesländer unterrepräsentiert sind. Denn eine ganze Palette von Berufen in Politik, Justiz, Wirtschaft, Wissenschaft und Ausbildung (um von Militär und Polizei zu schweigen) konnte von Christinnen und Christen in der DDR nicht wahrgenommen werden. Kinder christlicher Eltern kamen nur vereinzelt in den Genuss, die Oberschule besuchen zu können. Im Bildungssystem selbst waren nur sehr wenige Glieder der Kirche tätig. In der Wirtschaft, jedenfalls auf den höheren Ebenen, hatten sie keine Chance zum Aufstieg. Das dadurch geschaffene soziale Erscheinungsbild der Kirchenmitgliedschaft ändert sich durch Zuzug und die Wahrnahme beruflicher Chancen durch Christinnen und Christen da und dort – vor allem in den Städten – zwar langsam. Dieser Zuzug kommt dort, wo er bemerkbar ist, auch auf erfreuliche Wiese dem Leben der Gemeinde zugute. Ihm steht auf der anderen Seite neben den negativen Effekten der demographischen Entwicklung in ganz Deutschland aber die anhaltende Abwanderung von jungen und leistungsfähigen Menschen in Richtung Westen entgegen, unter denen die Gemeinden nicht nur in den wirtschaftlich schwächsten Regionen des Ostens auch sonst zu leiden haben. Was also ist angesichts dessen zu tun?

Die Kirchen in den neuen Bundesländern haben in den letzten beiden Jahrzehnten auf die entstandene Lage mit Großraumstrategien der Organisation ihrer Dienste zu reagieren versucht. D.h. sie kompensierten und kompensieren die schwache Basis der Gemeindewirklichkeit in der Gesellschaft durch ihre Vergrößerung bzw. Ausweitung der Dienstbereiche. „Fusionierungen“ von alleine nicht mehr lebensfähigen Gemeinden fanden die Fülle statt. „Fusionierung“ von Kirchenkreisen und sogar Landeskirchen ist auch sonst der Ausweg, mit dem die Kirchen die Realität ihrer schwachen Basis im Einzelnen in eine Stärke im Ganzen zu verwandeln versuchen. Was jenes Impulspapier für die nächsten 30 Jahre prognostiziert, hat im Osten schon angefangen.

Doch so sinnvoll das auf dieser institutionellen Ebene auch sein mag, so problematisch stellt sich die Großraumstrategie der Zusammenlegung von Parochien auf die Dauer an der Basis dar. Die Gemeinden müssen viel größer sein als in der DDR-Zeit, um eine Pfarrstelle zu tragen. Teilweise sind Gemeinden entstanden, die zur DDR-Zeit flächenmäßig fast einen ganzen Kirchenkreis ausmachten. Die hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber – nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer – , die sich anderen Menschen zuwenden können, aber werden immer weniger. Eine ähnliche Entwicklung gibt es ja in ganz Deutschland. Aber im Osten vollzieht sie sich auf einem Niveau, das den Auftrag der Kirche im Hinblick auf alle Menschen in diesem Landes tangiert. Vielerorts kann gerade so das Nötige getan werden, um das Leben der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Besonders in ländlichen Gegenden, die noch dazu besonders mit der erwähnten kontinuierlichen Abwanderung gestraft sind, kommt es faktisch schon zur Entstehung von weißen Flecken auf der kirchlichen Landkarte. Schwerpunktbildung und Konzentration des kirchlichen Dienstes an bestimmten Orten ist im Zuge der Regionalisierung der Parochien unvermeidlich.

Das aber reicht nicht, um in einem zu 75 % entchristlichtem Lande Menschen, denen Gott nichts bedeutet, den Glauben an Gott wieder nahe zu bringen. Die von vielen Seiten in Kirche und Theologie mit Recht erhobene Forderung, wir müssten im atheistischen Umfeld eine missionarische Kirche sein, wird von anderer Seite darum auch mit einem gewissen Recht als neuer Illusionismus im Gewande abstrakt-theologischer Richtigkeit kritisiert. So wie die Gemeinden und Kirchen im Osten Deutschlands das Erbe einer für alle Menschen gedachten Kirchenstruktur verwalten und gestalten, bindet es die Kräfte zur Selbsterhaltung. Mission aber bedeutet seit den Zeiten der Urchristenheit, dass die Verkündigung Gottes durch das Gehen der Apostel der Christenheit zu den Nichtglaubenden geschieht, dass die Christenheit in ihrer Lebenswelt einwohnt. Genau das müsste angesichts der dickwandigen Atmosphäre der spezifischen Religionslosigkeit des Ostens geschehen.

Denn von außen lässt sich diese Atmosphäre nicht behämmern und weich klopfen, auch nicht mit religiöser Medienbeschallung. Das prallt ab. Der religiöse Pluralismus unserer Gesellschaft, der natürlich auch im Osten angekommen ist, bewirkt hier keinesfalls, was seine Theoretiker sich davon versprechen, nämlich einen breiten Aufschwung des individualisierten Glaubens und eine Kulturliebhaberei des sog. Christentums. Darum ist der Christentumsmodell Dietrich Rösslers, welchem das Impulspapier der EKD ekklesiale Bedeutsamkeit zuspricht, auch nicht geeignet, der Zukunft der Kirche in der geschilderten Situation den Weg zu weisen. Es rechnet nämlich mit dreierlei Art „Christentum“, einem „kirchlichen“, einem „öffentlichen“ in „kulturellen Zusammenhängen“ und einem „individualisierten Christentum“ in „privater Frömmigkeit“. Für die zwei Drittel Kultur- und Privatchristen ohne Gemeindebindung bildet nach dieser Anschauung die Gesamtkirche das Dach, unter dem sie sich als Christen fühlen können. Um das letzte, kirchliche Drittel kümmern sich dagegen die Gemeinden mit ihren „Kernkompetenzen“.

Es ist nach dem, was wir uns über die lockere Kirchenzugehörigkeit auch im Osten klar gemacht haben, sicherlich nicht zu bestreiten, dass es in schmaler Weise ein sog. öffentliches und privates Christentum auch hier gibt. Hinzu kommt ein Hof von Menschen, die das Kulturangebot der Kirche durchaus zu schätzen wissen oder ein gewisse, religiös angetörnte Sympathie mit der Ethik des Christentums hegen. Der Unterschied zur westlichen Situation besteht nur daran, dass solche Menschen nicht Glieder der Kirche sind und auch nicht beabsichtigen, es aufgrund dieses ihres Sympathisierens zu werden. Die Distanziertheit zur Kirche ist hier nicht unfreundlich, wie denn dem Gewohnheitsatheismus des Ostens – bis auf einige der erwähnten Erscheinungen offenkundiger Verstocktheit – überhaupt das Giftig-Aggressive fehlt. Aber man möchte von größerer Verbindlichkeit der persönlichen Beziehung zur Kirche entschieden nichts wissen. Diese Art partieller Sympathie für die Kulturseite der Kirche oder für ein vages religiöses Flottieren als solches programmatisch zu befördern, hieße darum, die „Konfessionslosigkeit“ zu bestärken. Wenn es wirklich zu einem zahlenmäßigen Wachstum der Kirchen der durch den „real existierenden Sozialismus“ schwer angeschlagenen Kirchen Deutschlands kommen soll, dann wird der Schwerpunkt des Dienstes der Kirche einseitig auf der Auferbauung der Gemeinden liegen müssen, die mit dem Angebot der Taufe auf eine verbindliche Kirchenzugehörigkeit zielen.

 

5. Minderheit mit Zukunft

 

Nach Lage der Dinge und nach menschlichem Ermessen wird es in absehbarer Zeit im Osten Deutschlands keinen „Megatrend“ der Hinwendung der atheistisch-konfessionslosen Bevölkerung zum Glauben und zur Kirche geben. Wir müssen damit rechnen, dass für ganze Generationen dieser konfessionslosen Bevölkerung das Leben ohne Glaube und Kirche endgültig ist. Ob es auch für künftige Generation beim verfestigten Klima oder Milieu der atheistischen Konfessionslosigkeit bleibt, kann man allerdings fragen. Denn dieser Konfessionslosigkeit, die sich vor allem in Gleichgültigkeit gegenüber Glaube und Kirche äußert, ist keine geistige oder kulturelle Kraft zur Zukunftsgestaltung eigen. Sie ist ja als solche nur eine Negation. Sie braucht ethische und kulturelle Anleihen von anderswo, um sich als zukunftsorientiert empfehlen zu können. Man kann das gut an der religiösen Ersatzhandlung der weiterhin florierenden Jugendweihe erkennen. Das ist ein patchwork ohne Mitte. Die Kraft zur Selbstorganisation des Atheismus, wie es die Minigruppe des humanistischen Verbandes, die sich zur Sprecherin aller Konfessionslosen macht, gerne möchte, aber hat sie nicht. Die atheistische Konfessionslosigkeit zeigt in all ihrer Milieuverschlossenheit ein diffuses Gesicht.

         Demgegenüber repräsentiert die Minderheit der christlichen Gemeinden immer noch ein beachtliches religiöses, geistiges und kulturelles Potenzial mit einem Vorsprung an gesammelter menschlicher Erfahrung mit Tiefgang, der schon heute gar nicht zu unterschätzen ist. Dieses Land sähe völlig anders aus, wenn es die Kirche nicht gäbe. In diesem Sinne hat das östliche Impulspapier von 1995 mit den Überschrift „Minderheit mit Zukunft“ nicht nur den Glaubenssatz wiederholt, quod una sancta ecclesia perpetuo mansura sit. Es hat auch im Hinblick auf die faktische Situation deutlich gemacht, dass für die Kirche kein Grund zur Resignation besteht. Sie hat die lebenskräftigere Substanz in ihren Gliedern und den längeren Atem für die Zukunft, als der Glaube an Nichts oder irgendeine Ersatzreligiosität. Mit diesem Vertrauen kann und wird sie versuchen, über die Phase der Selbsterhaltung hinauszukommen und jetzt schon beginnen, Schwerpunkte zu setzen, die dem Vertrautmachen mit dem Glauben an Gott in der atheistisch-konfessionslosen Bevölkerung des Ostens Deutschlands dienlich sind.

         Ich kann jetzt unmöglich einen Überblick geben, was in dieser Hinsicht landauf- landab in den Gemeinden und den aus ihnen hervorgehenden Initiativen wie z.B. der Gründung und dem Ausbau christlicher Schulen und Kindergärten Alles Gutes, Phantasievolles und Neues geschieht, um die Menschen, auf die Kirche aufmerksam zu machen, Berührungsängste abzubauen und den christlichen Glauben in die Gesellschaft hinein ausstrahlen zu lassen. Wir haben darüber hinaus allen Grund, dankbar zu sein, was Alles in den letzten Jahren geschaffen wurde, um den Gemeinden auch äußerlich ein einladendes Gesicht zu geben. Ein bestimmter muffliger Geruch verschwindet immer mehr aus den Gemeindehäusern, Pfarrhäusern und Kirchen. Drei Schwerpunkte, die auf dem Hintergrund der Geschichte von 40 Jahren DDR nach meiner Meinung aber noch viel mehr Aufmerksamkeit verdienen, möchte ich aber abschließend unterstreichen.

1) Die Tatsache, dass der kirchliche Auftrag alleine durch die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – vor allem durch die Pfarrerinnen und Pfarrer – alleine nicht mehr erfüllt werden kann, hat zur verstärkten Beförderung des sog. „Ehrenamtes“ in der Kirche geführt. Es ist auch ganz erfreulich, wie viele Gemeindeglieder dazu bereit sind. Ich habe mir erzählen lassen, dass sich in manchen Gegenden die Prädikaten regelrecht drängeln müssen, um zum Einsatz zu kommen. Wir sollten aber im Bewusstsein halten, dass „Ehrenamt“ eigentlich eine Kategorie aus dem Vereinswesen ist und dem internen Florieren des Vereins dient. Die reformatorische Grundeinsicht vom „Priestertum aller Glaubenden“ aber bedeutet, dass alle Glaubenden sich für die Verkündigung des Evangeliums verantwortlich wissen und in der Lage sind, ihren Glauben in ihrer Lebenswelt, die sie mit Nichtglaubenden teilen, zu artikulieren und darzustellen. Weil es an dieser Fähigkeit mangelte, genügte in der DDR schon verhältnismäßig geringer Druck von Seiten des Staates, um die Kirchengliedschaft fahren zu lassen. Die Gemeinden sollten deshalb Alles daran setzen, ein Verständnis des Christseins zu befördern, zu dem das Eintreten für den Glauben außerhalb des kirchlichen Raums in der Berufs-, Freizeit- und Privatwelt fundamental hinzu gehört. Es ist im Osten Deutschlands wesentlich, dass der Glaube auf diese Weise an den Orten des Lebensvollzuges der kirchenfernen Menschen vorkommt. Schon bei der Taufe, bei Christenlehre und Konfirmandenunterricht und möglichst auch im Religionsunterricht sollte zu diesem aktiven Verständnis des Christseins ermutigt und befähigt werden. Der lässig-passive Nutznietzer eines religiösen Angebots der institutionalisieren Kirche bringt die Kirchen in den neuen Bundesländern dagegen nicht voran.

2) Die Erwähnung der Kinder- und Jugendarbeit, zu der die Elternarbeit und die Arbeit mit jungen Erwachsenen gehört, ist in diesem Zusammenhang nicht zufällig. Sie wird angesichts der geschilderten Situation geradezu logisch der Schwerpunkt des Dienstes der Kirche vor Ort sein. Im Blick auf die konfessionslose Bevölkerung in ihrer Breite gilt mein häufig zitierter Satz: Die Menschen sind der Kirche zwar massenhaft verloren gegangen, sie werden aber nur alle Einzeln wieder gewonnen. Das ist mühselig genug und dauert in langwierigen persönlichen Begegnungen lange. Es kann sein, dass es erst die Kinder und Kindeskinder der heutigen Konfessionslosen sein werden, denen sich der lebenstragende Sinn des christlichen Glaubens erschließt. Schon heute ist es Ostberlin durchaus nicht unüblich, dass nahezu die Hälfe einer Konfirmandengruppe Eltern hat, die nicht in der Kirche sind, und die erst getauft werden müssen. Freundinnen und Freunde bringen sie mit, so dass die Kinder dann diejenigen sind, welche das, was Glaube und Kirche für sie bedeutet, in das atheistisch-konfessionslose Milieu hinein tragen.

Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen muss deshalb noch viel intensiver und breiter das erlebbare Wesen des christlichen Glaubens vermittelt werden, als das nach meiner Beobachtung heute der Fall ist. Hier zu sparen, wie z.B. bei den Studentengemeinden, ist eigentlich durch nichts zu rechtfertigen. Denn im Hinblick auf die heranwachsende Generation besteht die Chance, noch einmal in Breite und ohne den Ballast von Vorurteilen und schlechten Erfahrungen mit der Stärke der christlichen Botschaft Kirche anzufangen, nämlich dass Gott in seiner Menschlichkeit all das zum Leben erweckt, was uns wahrhaft menschlich sein lässt; um es kurz zu sagen: Den Glauben an seine göttliche Klarheit, die Hoffnung auf seine Zukunft und die Liebe zu unseren Mitmenschen.

         3) Um das zusammenzuhalten – Gott und das wahrhaft Menschliche – bedarf es der geistlichen und geistigen Konzentration unserer Kirche. Der religiöse Pluralismus unserer Gesellschaft lädt auch die östlichen Gemeinden in Deutschland zum Herumprobieren mit mancherlei Annäherungen an Transzendentes, Mysteriöses, Esoterisches, Sinngebendes, Erhebendes usw. ein. Das ist nicht schlechthin zu negieren, weil die Entdeckung, dass wir Menschen mehr sind als das, worüber wir verfügen, der Wahrheit des Glaubens zu assistieren vermag. Diese Entdeckung kann aber ebenso in einen Urwald voller religiöser Schlingpflanzen führen, die der Stimme des Evangeliums die Luft abdrücken. Man denke nur an die von Vielen begrüßten Vorschläge meines ehemaligen Berliner Kollegen Klaus Peter Jörns, den Kanon der Bibel als Grundlage der christlichen Botschaft durch ein Konglomerat von religiösen Texten aus allen Religionen zu ersetzen, das Verständnis des Menschen als Gottes Ebenbild zu beseitigen, den Glauben an Gott als Person aufzugeben und dem naturreligiösen Heidentum wieder Raum zu verschaffen. Man denke aber auch an fundamentalistische Gegenbewegungen dazu und das Befördern einer ekstatischen Frömmigkeit, die unmittelbare Berührungen mit Gott verspricht. Das Alles und noch viel mehr kommt in den Gemeinden des Ostens auch vor. Und es lockt, weil es Erfolg verspricht.

Hier einen klaren Blick für das Mögliche und das nicht gut Mögliche zu behalten, ist in gewisser Weise schwieriger, als es im Gegenüber zu einer monistischen Weltanschauung in der DDR war. In jedem Fall erfordert es die Fähigkeit in der Kirche auf allen Ebenen, die Wahrheit des christlichen Glaubens kritisch und im Hinblick auf die eigene religiöse Praxis selbstkritisch zu verantworten. Damit komme ich wieder an den Anfang meines Vortrages zurück. Diese Fähigkeit und Willigkeit zur theologischen Verantwortung unserer Praxis ist angesichts der Fülle der Aufgaben, vor denen die Menschen im Dienste der Kirche stehen, – gelinde gesagt – in den Jahren nach 1989 nicht gewachsen. Wenn ich daran denke, wie einem in der DDR-Zeit theologische Bücher, die durch die Mauer gelangten, geradezu aus der Hand gerissen wurden, dann stimmt das Desinteresse an der Theologie, das sich heute vielerorts ausgebreitet hat, schon bedenklich. Denn es ist nicht gut, dass wir uns gerade in der von mir skizzierten schwierigen Situation in unseren alltäglichen, schwierigen Dienst gewissermaßen verstricken und vergraben. Die Theologie ist da kein Wundermittel. Sie kann weder Glaube, Liebe, Hoffnung noch das geistliche Leben ersetzen. Aber sie hilft der Kirche, die geistige Spannkraft zu behalten, die sie braucht, um ihrem großen Auftrag treu zu bleiben.

 

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de