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Wo ist Gott?
Zur Auseinandersetzung mit dem
Atheismus aus östlicher Perspektive
1. Atheismus im Osten Deutschlands als
gesellschaftliches Milieu
Der Atheismus ist
ein in ganz Deutschland verbreitetes Phänomen. Viele Menschen haben
sich aufgrund unterschiedlichster Erfahrungen auf ihrem Lebenswege
oder durch die Erkenntnisse der Wissenschaften die Meinung gebildet,
dass Gott nicht existiert und dass er deshalb keine Bedeutung für das
eigene Leben hat. Sie wollen dementsprechend mit der Religion nichts
zu tun haben, in welcher die Gottesverehrung praktiziert wird. Sie
halten sich von den Kirchen fern. Nach den neuesten Erhebungen des
Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung sollen sich ca 20 % der
Menschen in den alten Bundesländern als Atheisten verstehen. Das sind
nicht wenige, die im gesellschaftlichen Dialog, wie wir besonders in
Berlin durch allerlei „Zugereiste“ erfahren, auch eine nicht
unbedeutende Rolle spielen. Manche dieser Atheisten haben es sich zur
Aufgabe gemacht, mit politischen Mitteln und publizistischem Druck den
Einfluss der Kirchen auf das gesellschaftliche Leben zurück zu
drängen.
Dennoch
kann man nicht sagen, dass Atheismus in der westlichen Bundesrepublik
eine das Bewusstsein der ganzen Gesellschaft prägende Überzeugung ist.
Es handelt sich hier um die Ansicht sehr vieler Einzelner, die aus den
unterschiedlichsten Gründen Atheisten sind. Im Osten Deutschlands aber
ist das anders und auf dem Hintergrund dieser anderen Erfahrung mit
dem Atheismus rede ich im Folgenden auch zu ihnen. Hier nämlich ist
der Atheismus der Bevölkerung die nahezu erfolgreichste
Hinterlassenschaft des „real existierenden Sozialismus“. Diesem
Gesellschaftssystem, das den Atheismus zu seinen wesentlichen
ideologischen Grundlagen zählte, wurde 1989 unter gewichtiger
Assistenz meiner evangelischen Kirche das Ende bereitet. Der Atheismus
allerdings, mit dem die DDR-Bevölkerung vom Kindergarten bis ins
Altersheim indoktriniert wurde, erwies sich als „Wende“-schlüpfrig.
Auch nahezu zwanzig Jahre nach dem
epochalen Ereignis der „friedlichen Revolution“ sind über drei Viertel
der Bürgerinnen und Bürger der neuen Bundesländer in einer nicht
ernstlich „religiös“ zu nennenden Weise „konfessionslos“. In
Ost-Berlin gehören nur 9,1 % der Bevölkerung der Evangelischen Kirche
an; in manchen Stadtteilen sind es gerade einmal 2 %. Berlin ist vom
amerikanischen Soziologen Peter Berger deshalb die „Welthauptstadt des
Atheismus“ genannt worden. Von einer „Wiederkehr der Religion“ oder
von einer „Respiritualisierung“ der Gesellschaft, wie sie in
Westeuropa und anderen Teilen der Welt beobachtet wird, kann hier
nicht die Rede sein. Die Erwartung, dass sich die Menschen nach dem
Zusammenbruch einer vierzigjährigen atheistischen
Weltanschauungsdiktatur wieder den Kirchen oder sonst einer
religiösen Lebensorientierung zuwenden werden, hat getrogen. Selbst
Sekten fassen hier keinen Fuß, wie anfänglich befürchtet. Der Osten
Deutschlands ist ein religiös dürres Land geworden. Das aber hat
Konsequenzen nicht nur für die Kirchen, die Mühe haben, ihre
geschichtlich ererbte Struktur der Verbreitung über das ganze Land
aufrecht zu erhalten. Es hat auch Konsequenzen für die ganze
Gesellschaft, die sich fragen muss, welcher Geist sie beherrscht, wenn
der Atheismus die Federführung bei den Lebenseinstellungen der
Menschen übernimmt.
Im Osten Deutschland ist die dominante
Rolle des Atheismus für das gesellschaftliche Klima aufgrund seiner
massenhaften Verbreitung nicht zu übersehen. Atheismus ist hier nicht
nur eine persönliche Einstellung von Einzelnen, sondern ein die
Gesellschaft prägendes Milieu. In diesem Milieu ist das Leben
ohne den Gottesglauben und ohne die Kirche zur
Selbstverständlichkeit geworden. Der größte Teil der Bevölkerung
hat sich durch die Jahrzehnte hindurch einfach daran gewöhnt, dass
Gott und die Kirche in ihrer Lebensführung nicht vorkommen.
Diese Gewöhnung hat im geistigen Haushalt der Menschen zu einem tief
greifenden Traditionsabbruch der christlichen Überlieferungen
und Lebensorientierungen und zur Entfremdung von den kulturellen
Prägungen unserer Gesellschaft durch das Christentum geführt.
Christlicher Glaube oder christliche Frömmigkeit kommen in den
Familien nicht mehr vor. Schon die Großeltern, vielleicht sogar die
Urgroßeltern, waren nicht in der Kirche; die Nachbarn, Freunde und
Arbeitskollegen sind es auch nicht. Begegnungen mit der Kirche werden
gemieden. Man kann sich darum die Unwissenheit in religiösen Dingen
selbst bei Gebildeten gar nicht groß genug vorstellen. Es gehört zum
Selbstverständnis des Milieuatheismus, von der Religion keine präzise
Ahnung zu haben, aber dennoch Alles, was ausdrücklich mit „Religion“
zu tun hat, von sich abzuweisen.
In dieser Verfassung regeneriert sich
die Massenatheismus über den Umbruch der Gesellschaft vor 20 Jahren
hinweg beständig selbst. Unterstützt wird das bei der heranwachsenden
Generation heute in nicht geringem Maße durch die Lehrerinnen und
Lehrer an den Schulen, von denen die große Mehrheit nach der „Wende“
weitermachen konnte. Sie sind aus alter Gewohnheit selbstverständlich
Trägerinnen und Träger atheistischer Überzeugungen. Das Urteil z.B.,
dass Religion „unwissenschaftlich“ sei und mit abenteuerlichen
Vorstellungen von der Welt einer vergangenen Zeit angehöre, findet
hier immer neue Belebung. Es ist darum ganz schwierig, den in der
Verfassung Deutschlands garantierten Religionsunterricht an den
Schulen zu etablieren. In Berlin wird er zur Zeit durch das für Alle
obligatorische Pflichtfach „Ethik“ an den Rand gedrängt. Das geht,
weil Lehrer und Eltern weitaus überwiegend der Meinung sind, dass
„Religion“ nicht an die Schule gehört.
Diese Frage ist für die Kirche und die
Theologie, die sich bemühen, in einen Dialog mit den Menschen aus
dem atheistischen Milieu zu kommen, gar nicht einfach zu beantworten.
Dennoch können wir mit einiger Vorsicht einige Eckpunkte benennen,
zwischen denen sich das Leben abspielt, in dem Gott vergessen und der
Atheismus als solcher uninteressant ist.
2. Östlich-atheistische Perspektiven
für das menschliche Leben nach der Wende
Keine bedeutende
Rolle – können wir als Erstes sagen – spielt im atheistischen
Bewusstsein der konfessionslosen Bevölkerung des Ostens Deutschlands
die Weltanschauung des dialektischen und historischen Materialismus
mehr, mit welcher den Menschen in sozialistischen Zeiten mit gehörigem
staatlichen Druck einmal der Glaube ausgetrieben wurde. Das
komplizierte Konstrukt einer Weltanschauung, nach der „die Materie“
sich gesetzmäßig in „dialektischen Sprüngen“ bis auf das Niveau des
menschlichen Bewusstseins entwickelt hat und zugleich den Verlauf der
Geschichte in „Klassenkämpfen“ vorzeichnet, lebt heute nur noch in der
Köpfen von ein paar alten Parteikadern. Ansonsten ist die
Weltanschauungsliteratur des Marxismus-Leninismus in den Jahren nach
1989 massenweise in den Müllcontainern gelandet.
Keine Rolle mehr spielt zweitens
die besondere marxistische Religionstheorie. Sie besagte, dass
Religion als „Opium des Volks“ eine illusorisches Hinwegtrösten über
ungerechte und elende gesellschaftliche Verhältnisse sei, das den
Unterdrückern und Ausbeutern im Klassenkampf nutzt. Entstehen gerechte
gesellschaftliche Verhältnisse, dann stirbt die Religion von alleine
ab. Diese Behauptung ist in der DDR-Realität auf doppelte Weise
widerlegt worden. Zum einen starb die Kirche nicht ab. Den Verlust
ihrer Mitglieder verdankt sie nicht den fabelhaften gesellschaftlichen
und ökonomischen Verhältnissen in der DDR, sondern der Durchsetzung
des Atheismus durch die Machtpolitik der SED. Zum anderen war es am
Ende der DDR die Religion in Gestalt der Kirche, die zur engagierten
Anwältin real gerechter und freier gesellschaftlicher Verhältnisse
wurde, während Unterdrückung und Illusionismus für die atheistische
Weltanschauungspartei typisch waren.
Das atheistische Milieu hat
drittens nach dem Wegfall des Marxismus-Leninismus kein geistiges
Zentrum mehr. Zwar bemüht sich der „Humanistische Verband“ als
Sachwalter aller ostdeutschen und gesamtdeutschen konfessionslosen
Atheisten aufzutreten und macht z.B. in der Auseinandersetzung um das
Wahlpflichtfach Religion in Berlin derzeit einen ziemlichen Rumor.
Aber dieser Verband hat bloß die Größe einer Splittergruppe. Der
Atheismus ist den Menschen nicht so viel wert, um ihn organisiert zu
vertreten. Die Folge ist, dass die unterschiedlichsten
Lebensorientierungen in das atheistische Milieu einwandern und dort
irgendwie privatisiert werden. Denn Atheismus ist ja eigentlich nur
eine Negation. Die alles entscheidende Frage ist, was nach dieser
Negation an Position kommt. Friedrich Nietzsche hat diese Frage
klassisch und bis heute gültig im Aphorismus 125 der „Fröhlichen
Wissenschaft“ mit den Fragen eines „tollen Menschen“ formuliert, der
am hellerlichten Tage eine Laterne anzündet, um Gott zu suchen. „Was
taten wir“, fragt dieser „tolle Mensch“, „als wir diese Erde von ihrer
Sonne (Gott) losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir
uns? ... Stürzen wir nicht fortwährend? ... Gibt es noch ein Oben und
eine Unten? Haucht uns nicht der leere Raum an?“ Solche Fragen wurden
in der DDR- nicht zugelassen. Nietzsche kam in den Bibliotheken in den
„Giftschrank“. Das änderte sich erst Ende der achtziger Jahre.
Die Empfindung der Sinnlosigkeit des
eigenen Lebens, der Nietzsche Ausdruck gab, vor allen unter
Jugendlichen, denen die Sinnlosigkeit ihres Daseins aufs Gemüt fällt,
war aber schon in der DDR unter Jugendlichen ziemlich verbreitet.
Heute ist es leider wahr, dass Rechtsextremisten sich das nutze
machen. Unter der älteren Generation, welche sozialistische Werte der
Gemeinschaftspflege verinnerlicht hat, hat dergleichen dagegen gar
keine Chance. Hier ist der Wunsch nach Geborgenheit in der
Gesellschaft und in der Familie dagegen ein starker Lebenszweck. Sehr
viele aber verhalten sich so, wie wiederum Friedrich Nietzsche die
Reaktion der Gaffer auf dem Marktplatz auf die Fragen des tollen
Menschen beschrieben hat. Sie machen faule Witze. „ Ist er (Gott) denn
verloren gegangen“, fragen sie unter großen Gelächter. „Hat er sich
verlaufen? ... hält er sich versteckt? ... Ist er zu Schiff gegangen,
ausgewandert?“ Sie tun also so, als sei der Verlust Gottes eine
alberne, nebensächliche Kleinigkeit. Die Herausforderung, die Welt und
ihr Leben besser in den Angeln zu halten, als der verloren gegangene
Gott, lassen sie nicht an sich heran kommen. Was dabei heraus springt,
ist nach einer repräsentativen
Studie der „Identity Foundation“ über die spezifische „Spiritualität
in Deutschland“ das Leben von „unbekümmerten Alltags-Pragmatikern“.
Menschen verstehen sich demnach als Produkt der Naturgesetze. Ihr
Lebenssinn es ist, aus ihrem begrenzten Dasein, bis es nicht mehr
geht, das Beste für sich, aber auch für die Kinder, zu machen und dann
möglichst schmerzlos aus dieser Welt zu verschwinden.
Dass ein derartiger unbekümmerter und
diffuser Alltagpragmatismus kein geistiges Potenzial für die Zukunft
unserer Gesellschaft und unserer Welt darstellt, brauche ich hier
nicht lange zu begründen. Seine Nähe zum Nihilismus einerseits und zum
Bedürfnis, sich in Kuschelecken der Gesellschaft zu bergen, machen ihn
zudem zu einem zwischen Lebensverneinung und Lebensbejahung hin und
her schwankenden Phänomen. Es muss darum im Interesse nicht nur der
Kirche, sondern auch der Gesellschaft liegen, diesen Atheismus im
Dialog mit den Menschen, die ihn vertreten, um der Zukunft unseres
Landes willen auf seine Tragfähigkeit für die Lebensorientierung von
Menschen hin zu befragen. Merkwürdigerweise herrscht in dieser
Hinsicht in der Kirche, die auf die „Wiederkehr der Religion“ von
alleine setzt, und im gesellschaftlichen Diskurs aber eine eigenartige
Funkstille. Sie scheint das Spiegelbild des atheistischen Milieus zu
sein, das mit solchen Fragen nicht behelligt zu werden möchte und
keine Lust hat, sich selbst zu rechtfertigen.
In gewisser Weise können wir darum
durchaus dafür dankbar sein, dass sich der Atheismus (statt sich nur
als diffuses Milieu zu präsentieren) in unseren Tagen lautstark und
mit Argumenten von sog. „neuen Atheisten“ zu Worte gemeldet
hat. Seine über ganz Deutschland verbreiteten „Bestseller“ könnten den
„alten Atheismus“ provozieren, sich mit der Religion wirklich zu
beschäftigen, statt sie ohne Kenntnis für erledigt zu halten. Dieser
„neue Atheismus“ könnte auch für die Kirche eine Gelegenheit sein, den
Atheismus als geistiges Projekt ernster zu nehmen, als das der diffuse
Alltagspragmatismus nahe legt, welcher sich als Restbestand der
marxistisch-leninistischen Ideologie im Bewusstsein so vieler Menschen
im Osten Deutschlands fest gesetzt hat. Jedenfalls interessiert es
einen Menschen wie mich, der den Hauptteil seines Lebens atheistischer
Propaganda ausgesetzt war, sehr, wie die „neuen Atheisten“ den „alten
Atheisten“ a la DDR auf die Sprünge helfen könnten.
3. Die Merkmale des „neuen Atheismus“
Mein beschriebenes
Interesse an den Argumenten des „neuen Atheisten“ ist bei der Lektüre
ihrer Bücher leider schon ziemlich bald enttäuscht worden. Allesamt
haben nämlich von der Realität des Atheismus, wie sie bis 1989 die
östliche Halbkugel der Erde beherrscht hat, schlichtweg keine große
Ahnung. Sie stehen auch nicht in der Tradition der großen
Religionskritiker der europäischen Welt wie Immanuel Kant, Ludwig
Feuerbach, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud oder Ernst
Bloch. Wenn sie sich zu einer von diesen europäischen Geistesgrößen
äußern, dann kann man meistens nur mit dem Kopf schütteln. Sein Profil
gewinnt der „neue Atheismus“ dagegen dadurch, dass er aus einem
ausgesprochen religiösen Land stammt, nämlich aus den USA. Entstanden
ist er dort vor allem aus zwei Anlässen.
Die eine Veranlassung ist der
islamistische Terroranschlag auf das World-Trade-Center in New York
vom dem 11. September 2001. Das religiöse Motiv dieses
Anschlags, nämlich die Vernichtung von Ungläubigen und die Verheißung
des Paradieses für die Attentäter, hat dem Argument Auftrieb gegeben,
Religion überhaupt sei eine Quelle der Gewalt gegen Nicht- und
Andersgläubige. Sie müsse deshalb um des Friedens der Menschheit
willen beseitigt werden. Sam Harris, ein amerikanischer
Neurowissenschaftler und Publizist, hat in seinem Buch, „Das Ende des
Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft“ daraus die
Konsequenz gezogen, nur der Atheismus könne die Welt vor solcher
Gewalt bewahren. Ohne Religion, behauptet Harris, gäbe es keinen Hass
auf Anders- oder Nichtgläubige und keine Kriege, wobei der Marxismus
gleich mit zu den Religionen gezählt wird. Alle Religionen, sagt
Harris weiter, stehen sich „ihrem Wesen gemäß feindlich gegenüber“. In
ihnen ist „keine echte Grundlage für religiöse Toleranz und religiöse
Vielfalt zu finden“. Die neuatheistische Literatur ist darum eine
Sammlung von Gewaltgeschichten aus allen Religionen. Mit ihnen wird
belegt, „wie die Religion die Welt vergiftet“. So lautet der
Untertitel des Buches des Journalisten Christopher Hitchens,
eines ehemaligen Trotzkisten, „Der Herr ist kein Hirte“.
Die
andere Veranlassung ist der in den USA verbreitete christliche
Fundamentalismus. So nennt man eine Ausprägung des Christentums,
welche die antiken biblischen Vorstellungen der Bibel von der Welt und
vom Menschen wörtlich als von Gott geoffenbarte Wahrheiten versteht.
Die sog. „Kreationisten“ (die es auch in Deutschland gibt), lehnen
darum die naturwissenschaftlichen Theorien der Weltentstehung und der
Evolution des Leben ab. Sie übertragen die moralischen Vorstellungen
der Bibel von Staat und Gesellschaft, Ehe und Familie direkt in unsere
Zeit und betrachten z.B. die Homosexualität als Sünde. Die „neuen
Atheisten“ behaupten nun, dass alle Religion fundamentalistisch sein
muss. Der Grund dafür ist ihre Unwissenheit in Hinblick auf die
wissenschaftliche Erkenntnis der Welt und des Menschen.
Religiöser Glaube erfindet, sagt
Christopher Hitchens, weil Menschen es nicht besser wissen, aus
Unwissenheit absurde Vorstellungen über die Welt, die Menschen und die
Vorgänge in Natur, Geschichte und individuellem Leben. Gefährlich
daran ist – und hier verbindet sich dieses zweite Motiv für den „Neuen
Atheismus mit dem ersten –, dass jede Religion ihre unbeweisbaren
Erfindungen für die allein richtigen hält und unfähig ist, sie
zu korrigieren. Darum verbindet sich Religion immer mit Hass und
Vernichtungswut gegen andere Menschen, die ebenso unbeweisbare
Vorstellungen hegen. Die Tendenz zur Gewalt kennzeichnet alle
Religionen, weil sie ihre absurden Vorstellungen nur so verteidigen
können, dass sie Menschen mit anderen absurden Vorstellungen den Kopf
einschlagen. „Dummheit, gekoppelt mit [...] Überheblichkeit“ – das ist
das Wesen der Religion.
Um das drastisch einprägen, bedienen
sie sich die „neuen Atheisten“ einer Sprache, die aus dem Rahmen aller
Gesittung fällt. Es ist mir fast ein wenig peinlich, das hier zur
belegen, weil mir nichts daran liegt, Menschen mit atheistischen
Überzeugungen billig zu diskreditieren. Auf der anderen Seite spiegelt
sich in der Sprache aber auch immer der Geist einer Überzeugung, so
dass wir uns ein paar Kostproben dieser Sprache nicht ersparen können.
Nach Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) sind Menschen, die an Gott
glauben, irrsinnig. Den Gott der Bibel nennt er einen „psychotischer
Übeltäter“, ein „Monster“ und ein „grausames Ungeheuer“. Jesus – das
ist der Vertreter einer jüdischen „Gruppenmoral“, die „Anweisungen zum
Völkermord“ gibt. Kirche – das ist Kindesmissbrauch, d.h. nicht nur
„Fummelei in der Sakristei“ und das Quälen von Mädchen durch „grausame
Nonnen“, sondern das Verderben des Geistes von Kindern mit „Unsinn“.
Keine Gelegenheit zum Zynismus wird ausgelassen, so wenn etwa den
Christen empfohlen wird, elektrische Stühle statt Kreuze um den Hals
zu tragen und sich bei einer schlechten Krebs-Diagnose auf eine
„schnellere Reise in den Himmel“ wie auf „einen Urlaub auf den
Seychellen“ zu freuen.
Von diesem Geist und seiner Sprache
inspiriert hat Michael Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher der
Giordano-Bruno-Stiftung, einen „Dawkins für Kids“ verfasst, den der
humanistische Pressedienst unter dem Stichwort „Ferkelgott“ als
„Heidenspaß“ anpreist. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine
Ferkel“ heißt dieses Machwerk. In ihm werden mit scheußlichen
Illustrationen die Vertreter der verschiedenen Religionen als dumme
hasserfüllte Schreckensgestalten lächerlich gemacht. Besonders
abschreckend ist die Darstellung eines jüdischen Rabbis, die der
antisemitischen Nazipropaganda entnommen zu sein scheint. Ursula von
der Leyen wollte dieses Buch wegen seines jugendgefährdenden
Charakters verbieten lassen. Sie hat glücklicherweise davon Abstand
genommen, um es nicht durch ein Verbot erst richtig interessant zu
machen.
Mich wundert angesichts der Sprache und
der Maßlosigkeit, in welcher hier über Menschen geredet wird, welcher
einer Religion anhängen, dass dieser Atheismus den Anspruch erhebt,
dem Frieden in der Welt zu dienen. Hier werden die primitivsten
Vorurteile gegen die Religion und damit doch auch gegen die Menschen,
die ihr anhängen, fast ohne jedes Differenzierungsvermögen geschürt.
Wie das dem gesellschaftlichen Frieden dienlich sein soll, ist mir
unerfindlich. Hier wird kein Dialog angestrebt. Hier wird abgeurteilt
und diskriminiert, ohne auch nur hinzusehen, wie z.B. in der
weltweiten Christenheit über den Umgang mit der Bibel und die
Anwendung von Gewalt gedacht wird. Es lohne sich nicht, sich mit
diesem Atheismus auseinandersetzen, ist darum von vielen seiner
Kritiker gesagt worden.
Auch ich würde, wenn es bloß um meine
Kirche und mich ginge, dieser Ansicht zuneigen. Die evangelische
Kirche rechtfertigt aus Glaubensgründen keine Gewalt und kritisiert
selbst entschieden jedes Bündnis von Glaube und Gewalt in
Vergangenheit und Gegenwart. Um das zu tun, muss kein Mensch Atheist
werden. Diese Kirche ist in ihrer Grundausrichtung auch nicht
fundamentalistisch, sondern weiß sehr wohl zwischen der Wahrheit des
Glaubens und weltbildhaften Vorstellungen ihres Ausdrucks zu
unterscheiden. Sie bejaht und fördert die Wissenschaften, wie ich das
speziell in meinem Beruf als Theologieprofessor tue. Insofern betrifft
dieser Atheismus meine Kirche und mich nicht und ich könnte ihn
getrost auf sich beruhen lassen.
Was mir
dagegen Sorge macht, ist, das dieser Atheismus, sofern er durch die
Presse, aber auch durch den in den Schulen aktiven „humanistischen
Verband“ verbreitet wird, das von mir geschilderte atheistische Milieu
mit einem Zerrbild vom Glauben und von der Kirche zu befestigen droht.
Darum ist es schon nötig, sich mit diesem Atheismus öffentlich und
innerkirchlich auseinanderzusetzen. Bei dieser Auseinandersetzung geht
es jedoch nicht nur um Richtigstellungen, sondern vor allem darum,
durch allen neuatheistischen Rumor hindurch die Kernargumente ernst zu
nehmen, die sowohl im „alten“ wie im „neuen Atheismus“ die Gleichen
sind und die auch vielen Gliedern der Kirche zusetzen.
4. Gottesglaube und
naturwissenschaftliche Erkenntnis
Nicht nur die
„neuen“, sondern auch die „alten Atheisten“ sind der schon
angedeuteten Meinung, dass Religion sich nicht mit der neuzeitlichen
Naturwissenschaft vertrage. Wenn sich jemand dazu äußert, warum er
Atheist ist, bekommen wir das in der Regel zu hören. Dementsprechend
sagt auch Richard Dawkins mit seinem Argument Nr. 1: Die
Naturwissenschaften können keinen Beweis für die Existenz eines
Gottes, für einen übernatürlichen „Gestalter“ der Welt, liefern. Darum
existiert Gott nicht. Hier wird dieser Glaube also als eine verkehrte
„wissenschaftliche Hypothese“ über die Entstehung der Welt und des
Lebens verstanden. Demgegenüber wird geltend gemacht: Das Werden des
Universums und des Leben kann in jeder Hinsicht ohne die
„Gotteshypothese“ erklärt werden. Aus naturwissenschaftlicher
Perspektive Gott existiert mit über 50% Wahrscheinlichkeit nicht.
Doch dieses Argument ist mehr als
schwach. Einen Gott, den man wie die Existenz von Dingen oder Sachen
mit Naturgesetzen „beweisen“ und so in den Griff bekommen könnte, wie
einen Computer, wäre gar nicht Gott, sondern ein Teil der Welt. Zu
Gottes unsichtbarer, geistiger, jenseitiger Wirklichkeit gibt es nur
einen Zugang und das ist der Glaube, der auf Gott trifft, indem
er alles Weltliche transzendiert. Gott und Glaube gehören zuhaufe,
sagt Martin Luther. Glaube ist aber nicht ein illusorisches
Für-wahr-halten von irgendwelchen Naturvorgängen. Glaube ist das
Vertrauen zu einer unsichtbaren, uns unverfügbaren Wirklichkeit.
„Worauf du nun Dein Herz hängst, das ist eigentlich Dein Gott“, sagt
wiederum Martin Luther. Der Glaube mit dem Herzen aber gehört in
unser Leben und nicht in eine davon abstrahierte Theorie von der
Wirklichkeit. Er entsteht aufgrund unserer
geschichtlich-existenziellen Erfahrungen im Leben, die uns zu
Begegnung mit einem Geheimnis unseres Daseins führen, das wir niemals
objektivierend aufschlüsseln können. So wie wir z.B. der unverfügbaren
Treue eines Menschen oder der Wahrhaftigkeit einer Freundin und eines
Freunde vertrauen, so werden wir durch die Erfahrungen, die wir im
Falle des christlichen Glaubens mit Jesus Christus machen, veranlasst,
auf Gott zu vertrauen. Könnten wir das alles beweisen, dann brauchten
wir nicht glauben.
Dawkins aber versteht die Frage nach
der Existenz Gottes wie die Suche nach einem Ding, wie es – das sind
seine Beispiele – eine Weltraum herum fliegende Teekanne oder ein
Spaghettimonster wäre. Er bewegt sich auf dem Niveau des ersten
Weltraumfahrers Juri Gagarin, der auch stolz verkündet hatte, dass er
Gott bei seinem Weltraumflug nicht angetroffen hat. Dass Gott auf
diese Weise nicht bewiesen werden kann, versteht sich von selbst. Für
den Zugang von Menschen zu Gott und damit für den Glauben sind die
Naturwissenschaften darum nicht zuständig. Sie können sich in der
Frage, ob Gott existiert oder nicht, nur der Stimme enthalten.
Der Atheismus jedoch tut das nicht und
hört damit auf, Wissenschaft zu sein. Er beurteilt und deutet
die wissenschaftliche Erkenntnis aufgrund eines Fehlverständnisses des
Glaubens so, dass ihr Nichterkennen Gottes die Nichtexistenz Gottes
belege. Ein „Beweis“ für diese Nichtexistenz im strengen Sinne ist das
allerdings nicht. Ein bisschen über 50% Wahrscheinlichkeit für die
Nichtexistenz Gottes ist nicht viel, weshalb englische
Religionsphilsophen sich heraus gefordert finden, mit dem Computer
auszurechnen, dass doch einige Prozente mehr für einen übernatürlichen
Gestalt der Welt sprechen. Doch das ist eine abwegige Diskussion, in
der Dawkins sich mit dem atheistischen Argument Nr. 2 hervor gewagt
hat, dass etwas nicht existiert, brauche auch gar nicht bewiesen zu
werden.
Ich halte das für ein ehrliches
Argument. Denn es gibt zu erkennen, dass die Überzeugung von der
Nichtexistenz Gottes überhaupt nicht durch naturwissenschaftliche
Erkenntnis zustande gekommen ist, sondern dadurch, dass dieser Atheist
in seinem Leben schlicht ein Nicht-Glaubender ist, der keine
Erfahrungen mit Gott gemacht hat. Er setzt die Nicht-Existenz Gottes
deshalb einfach voraus und versucht das Vorurteil seines
Nicht-Glaubens mit naturwissenschaftlichen Methoden zu begründen.
Dabei macht er aus der Naturwissenschaft, die sich in Glaubensfragen
nur der Stimme enthalten kann, eine antireligiöse Ideologie.
Der christliche Glaube wird sich hüten,
dem mit einer religiösen Ideologie von der Welt- und Lebensentstehung
Paroli bieten zu wollen. Auch er beurteilt und deutet das, was
wir wissenschaftlich wissen, durchaus im Lichte seiner Gotteserfahrung,
zu der er durch die wunderbare Fähigkeit von uns Menschen befähigt
wird, uns das Geheimnis der Wirklichkeit, das Gott ist, angehen zu
lassen. In seiner Perspektive verdankt sich die Welt und wir Menschen
dem Wirken Gottes und nicht dem Zufall. Aber das ist ein
Glaubensbekenntnis im Vertrauen auf Gottes Geheimnis, das unserem
Leben Daseinsgewissheit und Sinn gibt und nicht ein unserem Wissen vom
Werden des Universums und des Lebens mühsam abgezwirbelter Satz. Was
jenes Wissen betrifft, so kann und soll uns die naturwissenschaftliche
Forschung davon so viel wie möglich besorgen. Der Gott, der in uns
Glauben weckt, ist ja zugleich der Schöpfer, der uns diese Welt
zur freien Erforschung und Gestaltung frei gegeben hat. Je mehr wir
von ihr wissen können, desto mehr wird uns das wunderbare,
atemberaubend großartige Werk des Schöpfers gegenwärtig. Darum ist der
Glaube in Freund der Naturwissenschaften. Aber den Naturwissenschaften
die sie völlig überfordernde Aufgabe zuzuweisen, „Gottesbeweise“ zu
liefern, wird einem Glauben an Gott, der sich selbst versteht, nicht
in den Sinn kommen. Dass die Naturwissenschaft den Glauben an Gott
nicht begründen kann, ist darum kein überzeugender Grund, Atheist zu
sein.
5. Die Unentbehrlichkeit des
Gottesglaubens
Auch die Atheisten
bemerken natürlich, dass die Naturwissenschaften bis in die Existenz
von Menschen reichende, tragfähige Begründungen für die Bestreitung
des Glaubens an Gott nicht liefern. Darum schwenkt auch der „neue
Atheismus“ von dem verunglückten Versuch, zu beweisen, dass es Gott
nicht gibt, mit einem Argument Nr. 3 auf ein beliebtes Verfahren des
alten Atheismus um. Er kann ja nicht ignorieren, dass der bei weitem
überwiegende Teil der Menschheit religiös ist und dass das auch für
viele Wissenschaftler gilt. Gerade heutzutage boomt Religion überall
in der Welt, auch das Christentum. Statt Gott wird deshalb die
Religion von Menschen, also die Art und Weise an Gott zu glauben
und ihn zu verehren, aufs Korn genommen. Es soll nachgewiesen werden,
dass Religion eine verkehrte Art ist, von unserem Bewusstsein Gebrauch
zu machen.
Das geschieht, indem eine Theorie vom
Entstehen der Religion konstruiert wird, die zugleich begründen soll,
warum Religion überflüssig, ja verderblich ist. Wir kennen das aus der
europäischen Religionskritik, die uns schon in ihrer marxistischen
Gestalt begegnet war. Marx seinerseits bediente sich der Theorie von
Ludwig Feuerbach, nach der die Religion eine Projektion menschlicher
Wünsche an den Himmel ist. Friedrich Nietzsche dagegen hatte ihr
Entstehen auf die Absicht einer Priesterkaste zurück geführt, welche
die starken Kräfte der menschlicher Lebensentfaltung durch den
Gottesglauben zu schwächen trachtet. Sigmund Freud sah in ihr eine im
Vaterkonflikt entstandene Neurose. All diesen Erklärungen des
Entstehens von Religion bzw. von Gottesglaube fügt der
Evolutionsbiologie Dawkins nun noch eine weitere hinzu. Er
behauptet, dass Menschen beginnen, an Gott zu glauben, sei eine
„Fehlfunktion“ der Evolution des menschlichen Lebens.
Unter „Fehlfunktion“ wird dabei ein
verkehrter Gebrauch einer eigentlichen nützlichen genetischen Anlage
unserer Gattung verstanden. Das Beispiel von Dawkins dafür ist die
Motte. Sie ist genetisch darauf programmiert, sich am Mondlicht zu
orientieren. Diese Programmierung verführt sie, sich mit tödlicher
Konsequenz ins Kerzenlicht zu stürzen. Dementsprechend gilt: Wir sind
genetisch darauf programmiert, unseren Eltern zu vertrauen und also zu
glauben. Das verführt uns dazu, das Ziel unseres Vertrauens zu
verselbständigen. Wir stilisieren dieses Ziel zu einer für sich
existierenden „Überwelt“ Gottes. Durch sog. von Dawkins erfundene „Meme“
(Gedächtniseinheiten) soll sich dieser Glaube wie ein Virus
fortpflanzen.
Die Widersprüchlichkeit dieser Art von
Religionskritik ist mit Händen zu greifen. Erst wird uns erklärt, die
wissenschaftliche Erkenntnis und damit auch die Einsicht in die
Evolution des Leben treibe uns den Gottesglauben aus. Dann aber wird
behauptet, gerade diese Evolution veranlasse uns zu religiösen
„Fehlfunktionen“. Doch wer entscheidet hier, was richtige Funktion von
uns menschlichen Wesen und was „Fehlfunktion“ ist? Wenn wir einmal
evolutionsbiologisch reden wollen, dann hat uns dieser
naturgesetzliche Vorgang doch in die Freiheit gesetzt, das
aufgrund unserer Erfahrungen mit unserem Leben und der Berührung
unseres Geistes von der Transzendenz selbst zu entscheiden. Zu den
Möglichkeiten dieser Freiheit gehört, Unverfügbares in Existenz und
Geschichte in einer alles Objektivierbare überschreitenden Weise als
Wirklichkeit wahrzunehmen. Unsere Wirklichkeitserfahrung, ja unser
Leben, unterläge auch abgesehen von der Gotteserfahrung einer
unsäglichen Verarmung, wenn sie auf die Wahrnehmung von
Objektivierbarem und Messbarem reduziert würde.
Was aber unsere Fähigkeit betrifft,
einem uns entzogenen Grunde und guten Geheimnis unseres Daseins zu
vertrauen, das wir „Gott“ nennen, so ist das geradezu die
Grundbedingung unseres Lebens. Ohne das Grundvertrauen dazu, dass
unser Dasein bejaht und getragen ist, in einen sinnvollen Zusammenhang
gehört und einen Horizont von weither hat, versinkt unser Leben nach
aller Erfahrung in Verunsicherung und Sinnlosigkeit. Menschen sind
darum unausweichlich religiös, auch die, welche sich der
Gotteserfahrung verweigern. In die Stelle Gottes rückt dann
irgendetwas Weltliches ein, dem Menschen in allerlei Ersatz- und
Pseudoreligiosität vertrauen, wie einem Gott. Der Marxismus war in
seinem Glauben an die Materie und das allmächtige Gesetz der
Geschichte penetrant religiös und hat das in seinen Weihefeiern auch
zum Ausdruck gebracht. Auch der Wissenschaftsglaube, den wir bei
Dawkins finden, ist nicht zu Unrecht eine Religion genannt worden. Sam
Harris verkündet im Unterschied dazu eine Art Buddhismus light und für
die Alltagpragmatiker ist schließlich der Schrebergarten oder der
Fußball ihr ein und alles.
Das Problem aller dieser religiösen
Ersatzorientierungen ist, dass sie etwas Relativem im Raum der Welt
wie einem sie absolut bestimmenden Gott vertrauen. Dergleichen
verdient aber nicht Gott zu heißen, weil es das Leben nicht
wertbeständig zu tragen vermag, sondern so dahin sinkt, wie wir es mit
dem atheistischen Materialismus des Ostens erlebt haben.
Es ist aber auch zuzugeben, dass auch
die Religionen, auch das Christentum, in der Gefahr sind, allzu
menschliche Gottesbilder und irrtümliche Anschauungen von der Welt und
vom Menschen die Stelle Gottes setzen. Sofern der Atheismus das
kritisch aufpiekt und z.B. gegen das Einwandern von Unvernunft und
Gewalt in die Religionen protestiert, ist er sogar ein Verbündeter des
Glaubens an den Gott der Liebe, der im Christentum im Zentrum steht.
Denn dieser Glaube ist von seinen Ursprüngen im Alten und Neuen
Testament selber in eminenter Weise religionskritisch, indem er alle
menschlichen Vereinnahmungen Gottes immer wieder mit der Öffnung für
Gott selbst überholt hat. Dass er dazu nicht fähig sei, ist angesichts
der Kirchen- und Theologiegeschichte eine unhaltbare Behauptung des
Alten und Neuen Atheismus.
Ich würde mir wünschen, dass der alte
und der neue Atheismus dies bemerken, und nicht dazu fortschreiten,
ihre Kritik an der Religion in eine Verzerrung des Glaubens an Gott
ausarten zu lassen, die jeden ehrlichen Dialog zerstört. Noch mehr
aber liegt mir am Herzen, dass der Massenatheismus des Ostens
Deutschlands durch die schrillen Fanfarenstöße aus dem Westen nicht
noch tiefer in ein Milieu hinein gestoßen wird, in dem die
Sprachlosigkeit für die Grundprobleme unseres menschlichen Lebens
brütet. Der Glaube an Gott ist neben allem, was sonst noch ist, eine
Ermutigung für jeden Menschen, sich nicht in irgendeinem Milieu voller
Ressentiments gegen die Religion einzugraben. Er lädt jeden Menschen
ein, sich mit seiner Auszeichnung und Würde als von weither geliebter
Mensch im Horizont einer großen Liebesgeschichte Gottes mit uns
Menschen wichtig zu machen und sich für die Zukunft unserer Welt
verantwortlich zu wissen. 1989 wurde in der DDR damit angefangen.
Unterdessen ist das etwas ins Stocken gekommen. Aber es ist damit noch
nicht aller Tage Abend.
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