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Vergessene Buße – verharmloste Sünde
Plädoyer für zwei „verlorene Wörter“
Das Wort „Sünde“ hat in unserer Zeit einen großen Bedeutungsverlust
erlitten. Es sagt nichts mehr, was Menschen unbedingt angeht, sie
umtreibt und beunruhigt. In einem DDR-Wörterbuch wurde als erste
Bedeutung für das Wort „Sünde“ der Begriff „Fehltritt“ angegeben. Das
bedeutet: Wir tapsen ein wenig daneben, essen und trinken ein bisschen
zu viel, leisten uns „sündhaft“ teure Sachen und schlagen hier und
dort über die Stränge. Aber darüber wird mit Augenzwinkern und nicht
selten sogar mit einer gewissen Art von Stolz geredet. Nur bei den
„Verkehrsündern“ wird’s deutlich ernster. Da muss man zahlen, wenn man
erwischt wird. Und genauso ergeht’s den „Umweltsündern“ oder den
„Dopingsündern und -sünderinnen“. Sie haben mit Strafen zu rechnen,
weil sie anderen Menschen und letztlich sogar sich selbst schaden.
Harmlos sind solche „Sünden“ also ganz bestimmt nicht mehr. Insofern
klingt das Wort „Sünde“ hier schon etwas bedrohlicher als in launigen
Werbesprüchen. Wer Flüsse vergiftet und Landschaften verseucht,
bedroht unser Leben. Und was Doping anrichten kann, führen uns die
Opfer des Leistungssports vor Augen. Das ist zwar schlimm, aber es
ist, weil’s ja bloß eine „Sünde“ ist, nicht ganz schlimm. Ein
Verkehrssünder steckt in keiner auswegslosen Sackgasse. Die
Blitzermeldungen im Morgenradio helfen ihm, beim Verkehrssündigen gut
durchzukommen. Umweltschäden kann man angeblich flicken und in zwei
Jahren bringen die Dopingsünder wieder Höchstleistungen.
Vermutlich hängt dieser menschliche Untaten verharmlosende Gebrauch
des Wortes „Sünde“ damit zusammen, dass dieses Wort in der
christlichen Tradition die Klangfarbe des Verzeihlichen hat. Wo
menschliche Sünde ist, da ist auch Gottes Vergebung, lautet die
Botschaft des Evangeliums. Vergessen wird dabei heute in der Regel
nur, dass Gott zwar vergibt, doch menschliche Untaten niemals
verharmlost und verniedlicht. Das geschieht aber, wenn Menschen
anfangen, sich selbst zu vergeben. Sie versuchen dann, sich aus der
Verantwortlichkeit für ihre Taten herauszumogeln. Sie verniedlichen,
was sie getan haben und stellen es als irgendetwas Harmloses dar.
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Zusammen mit dem Wort
„Sünde“ ist darum auch ein anderes Wort in seinem eigentlichen Sinne
aus unseren Sprachgewohnheiten verschwunden. Es ist das Wort „Buße“.
Die evangelische Kirche erinnert am kommenden Mittwoch mit der Feier
des Bußtages an dieses Wort. Der Bußtag ist zwar als staatlicher
Feiertag abgeschafft. Aber das Anliegen der Buße darf in einer Kirche
der Reformation nicht in Vergessenheit geraten. Es gehört geradezu zur
ihrer Identität. Denn die erste der berühmten 95 Thesen, die Martin
Luther 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, redet
davon, dass im Sinne Jesu Christi unser ganzes Leben eine Buße sein
soll. Das bedeutet: Im Glauben an Gott lernen Menschen, sich selbst
und ihre Taten ohne alle Verschönerung zu sehen und sich dann so zu
verhalten, dass ihr Leben vor den Gottes Augen und den Augen der
Menschen bestehen kann.
Genau
das aber fällt Menschen schwer, die aus den Augen Gottes fliehen.
Schon der alte Mythos von Adam und Eva am Anfang der Bibel hat
realistisch dargestellt, was bei solcher Flucht geschieht. Beide haben
Gottes Weisung missachtet. Aber wenn sie dann zur Rede gestellt
werden, flüchten sie hinter irgendein Gebüsch und verfallen auf
Ausreden. Adam schiebt die Schuld auf Eva, Eva schiebt sie auf die
Schlange. Wir können diese Geschichte bis heute in abertausend kleinen
und großen Geschichten weiter erzählen. Wir können sie besonders
angesichts dessen weiter erzählen, wie sich in Deutschland die Meisten
nach dem Ende von zwei unterschiedlich schlimmen Diktaturen verhalten
haben. Wie viele haben mitgemacht, aber danach will es keiner gewesen
sein! Höchstens kleine Fische im großen Meer von Untaten sind sie
gewesen. Die Schuldigen sind Andere. Die allein haben Unverzeihliches
angerichtet. Das aber wird auffälligerweise nicht „Sünde“ genannt. Da
redet man von Verbrechen, so als sei das eigentlich keine Sünde. Doch
das stimmt nicht.
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Mit dem Wort „Sünde“,
wie es heute gebraucht wird, hat es also eine eigenartige Bewandtnis.
Auf der einen Seite klingt es wie etwas nur halbwegs Schlechtes, mit
dem wir selbst zurechtkommen können. „Sünde“ ist zum Verharmlosen
unseres Tuns nützlich. Darum bedarf es auch keiner Buße. Wer dieses
Wort im Internet bei „Google“ aufruft, erfährt da hauptsächlich etwas
über „Busse und Bahnen“. Es kommt heute höchstens noch bei
Bußgeldbescheinigungen vor. Auf der anderen Seite aber wird das
wirklich Schlimme, das Menschenmörderische, von der Sünde abgekoppelt.
Wo sie ganz unerträglich, ganz brutal auf den Plan tritt, da wird sie
verschwiegen. Da reden wir allenfalls vom Bösen, das gänzlich
unverzeihlich ist.
„Sie
soll nicht wagen, ihm zu vergeben“, sagt Iwan Karamasow in
Dostojewskis Roman von der Mutter, deren kleiner Sohn vor ihren Augen
von der Hundemeute eines russischen Generals zerfetzt wurde. „Sie
dürfte ihm noch nicht einmal dann vergeben, wenn das Kind selbst ihm
verziehen hätte“, sagt Iwan weiter. Denn das unermessliche Leid, das
Menschen über unschuldige Menschen, über Kinder, bringen, ist durch
nichts zu entschuldigen und wir verstehen, warum das so ist. Auch wir
sind damit überfordert, wenn wir den Tätern des Holocaust vergeben
sollten. Denn das hieße für unser Mitempfinden: die Opfer beleidigen.
Uns bleibt nur die Trauer um die Menschen, die Opfer von Rassenwahn
und Antisemitismus wurden. Diese Menschen aber verpflichten uns, ohne
alle Verschleierung davon zu reden, wer für ihr Leid verantwortlich
ist. Es war nicht irgendein anonymes Böses. Es war erst recht nicht
Gott. Es waren Menschen, die für ihre Taten Verantwortung tragen.
Am heutigen Volkstrauertag im Gedenken an die „Opfer von Krieg
und Gewaltherrschaft“ ist diese Einsicht besonders wichtig. Es ist
sowohl ein Tag der Trauer wie der Erkenntnis von Schuld, die sich
nicht wiederholen darf. Es ist aber auch kein ganz einfacher Tag. Denn
er erinnert an Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen den
Tod erleiden mussten. Da ist an das Leiden Unschuldiger ebenso zu
erinnern wie an die Schuld von Menschen. Da muss von Verstrickung und
Verblendung ebenso die Rede sein wie vom Mut zur Wahrheit und zum
Widerstand. Nicht immer gelingt es heute, das Alles gerecht zu
beurteilen und in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. Aber im
Gedenken an die Toten verbietet sich alles Zurechtbiegen menschlicher
Taten und alle Verharmlosung menschlichen Leids. Hier muss das
Verdrängen und Verschweigen enden, das für die Sünde charakteristisch
ist. Der Volkstrauertag hat deshalb durchaus eine Beziehung zum
Bußtag. Er ruft Menschen auf, im Gedenken an die Toten selber ganz
wahrhaftig zu sein. Er braucht Menschen, die es schon in ihrem eigenen
Leben gelernt haben, gegen das Verharmlosen von Sünde und das
Vergessen von Buße anzugehen.
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Die Schwierigkeiten, die
wir heute haben, mit dem Wort „Sünde“ sinnvoll umzugehen, haben einen
einfachen Grund. Sünde ist in der Bibel zuerst die Abkehr von Gott.
Ohne Gott wird das Wort Sünde, wie wir gesehen haben, ein Alberwort
oder es erstirbt uns auf den Lippen. Was Sünde wirklich ist – so
glauben Christinnen und Christen - , kann der erkennen, dem Gott etwas
bedeutet. Und da zeigt sich: Den Startschritt in die Sünde machen alle
Menschen seit Adam und Eva auf die gleiche Art. Es ist der
Startschritt raus aus dem Lichte Gottes hinein in die Lebenskunst ohne
den Geist des Lebens, der Gott ist. Der abschüssige Weg, auf den
Menschen dabei in ihrem Leben geraten, ist voll von Todesspuren. Denn
alles Sündigen verletzt Leben, indem es sich von der Quelle des Lebens
entfernt. Ob es nun die Zerstörung menschlicher Beziehungen ist, die
Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der Natur, der Raubau, den wir mit
unserem eigenen Leben treiben – überall und nicht erst bei den ganz
schlimmen Verbrechen meldet sich der „Tod als der Sünde Sold“, wie der
Apostel Paulus das ausdrückt.
Die
Einteilung der Menschheit in halbwegs harmlose kleine Sünder und in
eine teuflische Welt ist darum vor Gott nicht möglich. Im Lichte
Gottes lernen wir vielmehr, der tödlichen Tragweite der Sünde in allen
ihren Gestalten schonungslos ins Gesicht zu sehen. Das erklärt, warum
Menschen dieses Licht scheuen. Sie kommen sich dann mit ihren Lügen,
den kleinen Schweinereien und schlimmen Taten so erbärmlich vor. Aber
das müssen sie nicht. Denn das Licht, in dem die Sünde vor Gott
sichtbar wird, gibt Menschen nicht der Verachtung preis. Es weist sie
vielmehr in ein Leben ein, in dem Wahrhaftigkeit gegenüber sich
selbst, Liebe gegenüber den Mitmenschen und Verantwortung für eine
menschenwürdige Gesellschaft das Wichtigste werden.
Wenn
Menschen aufgrund dieser Perspektiven für ihr Leben von ihrer Sünde
ohne Scheu zu reden vermögen, dann müssen sie sich also keinesfalls
schlecht vorkommen. Dann können sie sich im Gegenteil aufrichten, um
mit einem besseren, einem menschenwürdigen Leben zu beginnen. „Ich
wäre gern ein Sünder gewesen“, sagt darum ein Zeitgenosse in Michel
Houellebecqs Roman „Elementarteilchen“. Doch er fügt hinzu: „aber es
gelang mir einfach nicht“. Dieser Zeitgenosse ist ein Mensch, dessen
Lebensführung eine einzige Verachtung der Menschenwürde ist. Er hat
die Fähigkeit verloren, überhaupt noch einen Sinn dafür zu entwickeln,
was in unserem Leben gut oder böse ist. Wo das geschieht, verwischen
sich die Konturen unseres Daseins in lauter Gleichgültigkeit, in der
es kein wirkliches Glück und auch kein wirkliches Leid mehr gibt.
„Ich
wäre gern ein Sünder gewesen“ – das ist darum auch nur auf den ersten
Blick ein witziger Geck eines Menschen von heute. Bei näherem Zusehen
merken wir, dass es hier auch um den irgendwie traurigen Ausdruck des
Empfindens geht, einfach nur durchs Leben zu rutschen, ohne dass uns
einer fragt „Wer bist du eigentlich“? Sünder – das wäre wenigstens
die Möglichkeit, zum Stehen zu kommen, sein Antlitz zu zeigen und die
Chance der Antwort: „Hier bin ich, das bin ich“. Sünder – das würde
auch die Frage nach einem neuen, anderen Leben sinnvoll machen. Noch
nicht einmal mehr Sünder sein aber heißt: nur schiefe Ebene, nur
Ausnutzen des Lebens ohne Hoffnung. Noch nicht einmal Sünder sein, ist
trostlos, weil es Menschen ohne die Möglichkeit der Buße in ein
horizontloses Leben stürzt.
Die
Worte „Sünde“ und „Buße“ vor dem Zerfall zu bewahren, ist darum eine
wichtige Aufgabe der Christenheit in der heutigen Zeit. Sie geben
Menschen einen festen Stand in einem Leben inmitten von soviel Gleiten
und Auseinanderfallen. Wer von der Sünde reden kann, hört mit dem
Verschleiern und Vernebeln auf, das sie für ihr tödliches Wirken
braucht. Er kann sich selbst und Anderen gegenüber wahrhaftig sein. Er
bekommt den Mut zu einem Leben im Widerstand gegen die Mächte des
Todes, die im Sündigen von Menschen Besitz ergreifen. Wer von der
Sünde reden kann, der ist also schon dabei, sie in seinem Leben hinter
sich zu lassen.
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