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Jesus und Paulus
FeierTag am 30. April 2006
Sprecher
Heute gibt es ungefähr 2
Milliarden Christinnen und Christen auf der Welt. Menschen vieler
Völker der Welt, aller Rassen und aller sozialen Schichten bekennen
sich zu Jesus Christus. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist
nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau.“ Denn sie
„sind alle eins in Jesus Christus“. Dieser Satz des Apostels Paulus
drückt für die ganze Christenheit heute eine Selbstverständlichkeit
aus. Doch das war nicht immer so.
Wir besuchen eine
christliche Gemeinde in Rom im Jahre 57. Sie ist aus der jüdischen
Bevölkerung hervorgegangen, die damals in der Hauptstadt des römischen
Weltreiches lebte. Durch den internationalen Verkehr in diesem Reich
waren auch Christinnen und Christen aus der Provinz Judäa dorthin
gekommen. Sie redeten von Jesus Christus zuerst in den Synagogen. Nach
und nach trafen sie sich zu eigenen Versammlungen. Mit der Zeit
stießen auch Römerinnen und Römer sowie Menschen aus vielen anderen
Nationen dazu. „Heidenchristen“ nennt man sie, weil sie nicht aus dem
Volke Israel stammten, zu dem Jesus gehörte.
Wir treffen eine Gruppe
dieser Gemeinde auf dem Nachhauseweg von einem Gottesdienst. Sie
unterhalten sich ziemlich aufgeregt. Denn seit einiger Zeit liest der
Gemeindevorsteher in einzelnen Abschnitten den Brief eines gewissen
Paulus an die Gemeinde vor. Paulus kündigt darin an, nach Rom kommen
zu wollen. Er bittet die Gemeinde, ihn bei seinem Vorhaben zu
unterstützen, weiter nach Spanien zu reisen. Er will auch dort das
Evangelium verkündigen. Aber Hannah, einer jungen Frau, die aus Israel
stammt, ist unwohl bei dem, was sie in diesem Brief vernimmt. Sie
kommt darüber mit dem Griechen Krespos ins Gespräch.
Hannah
Also lieber Krespos, ich
bin mir durchaus nicht sicher, ob wir diesen Paulus hier mit offenen
Armen empfangen sollten. Ehrlich gesagt verstehe ich gar nicht Alles,
was er da an komplizierten Sachen in dem Brief an uns schreibt. Ich
bin Christin geworden, weil mir die Botschaft Jesu einfach in ihrer
Klarheit das Herz angerührt hat. Jesus hat gesagt, dass die Zukunft
der Welt in Gottes Liebe zu uns Menschen liegt. Er hat uns darum alle
aufgerufen, uns dieser Liebe anzuvertrauen. Er hat uns ermutigt, den
Sinn unseres Lebens im Lieben unserer Nächsten zu sehen.
Ich stamme ja aus Galiäa,
der Heimat Jesu. Mein Vater hat einen von den Jüngern Jesu gekannt.
Der hat ihm erzählt, wie das damals war. Alle waren einfach
begeistert, wie hinreißend Jesus das Kommen des Reiches Gottes
angekündigt hat, wie er das Gesetz Gottes auslegte, wie er sich den
armen und verachteten Menschen zuwandte und Kranke heilte. Davon höre
ich bei diesem Paulus überhaupt nichts. Was er sagt, klingt alles so
losgelöst vom wirklichen Leben Jesu in Israel. Ich habe darum Sorge,
dass er uns einen anderen Jesus als den verkündigt, den wir kennen.
Krespos
Diese Sorge kann ich dir
nehmen, liebe Hannah. Ich bin erst vor einigen Wochen aus Korinth
hierher nach Rom gekommen. Dort gibt es eine große christliche
Gemeinde, zu der ich auch gehört habe. Sie ist von Paulus ins Leben
gerufen worden. Ich kann dir versichern, da wird in den Gottesdiensten
genauso vom Leben Jesu erzählt wie bei euch hier.
Hannah
Ja und warum schreibt
uns Paulus dann in seinem Brief nichts davon? Er hätte uns doch z.B.
das Gleichnis vom barmherzigen Samariter auslegen können, das ich so
sehr liebe. Stattdessen redet er immer nur vom Kreuzestod Jesu.
Krespos
Er will uns eben sagen,
was ihm besonders wichtig ist. Das bedeutet aber nicht, dass er uns
auffordern will, das Leben Jesu zu vergessen. Er hat sogar einen
jungen Mann bei sich – Markus heißt er – der ist dabei, das ganze
Leben Jesu zusammenhängend aufzuschreiben. Doch das ist gar nicht so
einfach. Markus hat uns einmal in der Gemeinde von den Schwierigkeiten
berichtet, vor denen er da steht. Sie lassen sich im Grunde mit deinen
eigenen Worten zusammen fassen.
Hannah
Mit welchen Worten?
Krespos
Du hast die Sorge
geäußert, bei Paulus würde dir ein anderer Jesus begegnen, als der,
den du durch den Bericht des Jüngers Jesu kennst. So ähnlich hat das
Paulus selber tatsächlich auch einmal ausgedrückt. Jesus „nach dem
Fleische“ kennen wir nicht mehr, hat er geäußert.
Hannah
Na so habe ich das ganz
bestimmt nicht gesagt.
Krespos
Natürlich nicht. Paulus
drückt sich auch für meinen Geschmack häufig etwas ungewöhnlich aus.
Aber hat er nicht recht, dass uns Jesus heute nicht mehr so begegnet
wie zu seinen Lebzeiten? Da haben sich die Menschen gefragt, wer das
eigentlich ist, der da so vollmächtig von Gott redet. Diese Frage ist
mit seiner Kreuzigung schrecklich beantwortet worden. Gott hat ihn
verlassen, lautete die Antwort.
Hannah
Ach, ich verstehe, was
du sagen willst. Bei dieser Antwort ist es nicht geblieben. Jesus ist
nach seinem Tode den Jüngern erschienen. Dadurch trat sein ganzes
Leben, aber auch sein Sterben in ein neues Licht. Auch ich kenne Jesus
heute nur noch in diesem neuen Lichte. Ich nehme ihn mit anderen Augen
wahr als die Menschen, mit denen er zu seinen Lebzeiten zusammen traf.
Krespos
So ist es. Markus aber
steht nun vor der schwierigen Aufgabe, beides darzustellen: Jesus, wie
er zu seinen Lebzeiten auf die Menschen gewirkt hat, und Jesus, der in
Wahrheit der Christus ist, wie wir ihn heute kennen. Ich bin sehr
gespannt, wie Markus diese Aufgabe lösen wird.
Hannah
Trotzdem bleibe ich
dabei: Bei Paulus klingt alles so anders, als bei den Jüngern Jesu,
die sich in Jerusalem zu unserem Herren bekennen. Vor allem bin ich
ganz erschrocken darüber, was er über das Gesetz Gottes sagt. Es sei
nicht nötig, um zu glauben. Das hat Jesus doch ganz bestimmt nicht
behauptet. Ich habe gehört, dass es darüber auch schon eine große
Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus, dem wichtigsten Jünger
Jesu, in Jerusalem gegeben hat.
Krespos
Das ist richtig. Auf dem
sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem hat Paulus darauf bestanden,
dass die, die an Jesus Christus glauben, nicht mehr verpflichtet sind,
die Vorschriften des jüdischen Gesetzes zu beachten. Sie können das
machen, wenn sie wollen. Aber ihr Glaube hängt nicht daran, dass sie
z.B. die Reinigungs- und Speisegebote dieses Gesetzes befolgen.
Hannah
Na, das lass mal lieber
nicht meine Eltern hören. Denn sie leben auch als Christen mit dem
Gesetzen Gottes für unser Volk. Und sie möchten, dass ich das auch
tue.---
Ach schade. Wir sind
schon bei der Gasse angekommen, in der ich wohne. Meine Eltern gucken
schon, wo ich bleibe. Mich würde aber sehr interessieren, wie Du über
die Lehre von Paulus denkst, Christen seien frei vom Gesetz des
jüdischen Volkes. Denn das hat ja große Konsequenzen für das Leben
unserer Gemeinde. Außerdem habe ich noch einiges auf dem Herzen, was
mir in dem Brief von Paulus überhaupt nicht gefällt. Vielleicht ergibt
sich ja einmal eine Gelegenheit, dass wir noch weiter über Paulus und
Jesus, wie ich ihn verstehe, reden können.
Krespos
Die ergibt sich
bestimmt. Wenn Du möchtest, kannst du dich ja mit deinen Eltern beim
gemeinsamen Essen der Gemeinde nach dem nächsten Gottesdienst zu mir
setzen. Da können wir uns weiter unterhalten.
Hannah
Das ist eine gute Idee.
Also dann bis nächste Woche. Auf Wiedersehen, Krespos.
Krespos
Auf Wiedersehen Hannah.
Musik
Sprecher
Eine Woche ist
vergangen. Hannah hat sich unterdessen bei anderen Gemeindegliedern
erkundigt, was die denn so von Paulus wissen. Denn es ist ihr gar
nicht recht gewesen, dass sie bei Krespos den Eindruck erweckt hat,
sie habe keine Ahnung davon, wer Paulus ist. Hannah hat also in
Erfahrung gebracht, dass Paulus eigentlich Saulus heißt und aus Tarsus
in Kleinasien stammt. Sie weiß nun, dass er einmal die Christen
verfolgt hat. Sie weiß auch, dass Jesus diesem Saulus ebenso
erschienen ist, wie seinen Jüngern. Seitdem nennt er sich Paulus.
Seitdem ist er überzeugt, dass Jesus Christus selbst ihn gesendet hat,
um das Evangelium in der ganzen Welt zu verkündigen.
Hannah findet es
erstaunlich, dass selbst Petrus und die anderen Jünger diese Mission
des Paulus akzeptiert haben. Denn sie haben damit grünes Licht für das
Entstehen von christlichen Gemeinden gegeben, die nicht mehr in dem
Gesetz Gottes für Israel verankert sind. Hannah treibt das um. Sie hat
darum sehr aufmerksam zugehört, als der Gemeindevorsteher einen
weiteren Teil aus dem Römerbrief verlesen hat. Nun freut sie sich, als
sie sieht, dass ihr Gesprächspartner von der vorigen Woche ihr und
ihren Eltern bei dem gemeinsamen Essen der Gemeinde Plätze neben sich
frei gehalten hat. Er winkt ihnen zu, damit sie sich neben ihn setzen.
Und das tun sie auch, indem sie sich freundlich begrüßen. Zu Hannah
gewendet aber sagt Krespos:
Krespos
Guten Tag, Hannah. Es
ist schön, dass wir uns weiter unterhalten können. Denn unser Gespräch
aus der vorigen Woche ist mir doch noch sehr nachgegangen. Ich habe
darum, als der Brief von Paulus weiter verlesen wurde, immer wieder
daran denken müssen, wie er wohl heute auf dich gewirkt hat.
Hannah
Vielen Dank Krespos,
dass du diese Plätze frei gehalten hast. Auch ich habe oft an unser
Gespräch denken müssen. Heute hat mir jedoch schon besser gefallen,
was Paulus vom Gesetz Gottes sagt. Es wird durch die Liebe erfüllt.
Genau das hat Jesus verkündigt. Auch sonst habe ich die Stimme Jesu an
vielen Stellen wieder erkannt, z.B. dass Menschen, die lieben, nicht
übereinander richten. Sie sind sich bewusst, dass Gott alleine der
Richter ist.
Krespos
Ich kenne noch einen
anderen Brief von Paulus. In dem redet er geradezu überschwänglich von
der Liebe. Sie sei sogar größer als der Glaube. „Auch wenn ich allen
Glauben hätte“, sagt er da, „so dass ich Berge versetzen könnte und
hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts“.
Hannah
Sagt er das wirklich?
Ich habe das Wort Jesu vom Bergeversetzen ganz anders in Erinnerung.
Wer wirklich glaubt und nicht zweifelt, der kann zu einem Berg sagen:
„Wirf dich ins Meer“ und er wird es tun.
Krespos
Ich bin sicher, dass
Paulus dieses Wort Jesu im Ohr hatte. Ich finde aber, dass er es ganz
im Sinne Jesu aufgefasst hat. Anderen Menschen bloß etwas Gewaltiges
demonstrieren zu wollen, ist lieblos. Jesus selbst hat so etwas auch
nicht gemacht. Was wir aus Glauben tun, soll vielmehr anderen Menschen
zeigen, dass sie geliebt und geachtet sind. Dabei soll uns Gottes
Gesetz helfen. Es ist nicht dazu da, dass wir es benutzen, um vor
anderen groß dazustehen.
Hannah
So habe ich das
eigentlich auch immer verstanden. Gottes Gesetz ist für die Menschen
da und nicht die Menschen für das Gesetz, hat Jesus gesagt. Nur wenn
wir aus Liebe zu den Menschen handeln, verhalten wir uns so, wie Gott
es möchte. Wenn wir das aber tun, dann ist Gottes Gesetz für uns doch
aber ganz wichtig. Es zeigt uns, wo wir konkret Liebe üben können. Ich
begreife darum nach wie vor nicht, warum Paulus behauptet, es sei
nicht nötig, um zu glauben.
Krespos
Vielleicht liegt das
daran, dass Du von Kindesbeinen an mit dem Gesetz Gottes für Dein Volk
aufgewachsen bist. Es ist einfach eine Gewohnheit für dich, in seinen
Weisungen zu leben. Mir ist es da anders ergangen. Ich bin ein Grieche
und im Glauben an die olympischen Götter groß geworden. Dann habe ich
Menschen getroffen, die mich in die christliche Gemeinde mitgenommen
haben. Die haben mir gesagt: Du bist Gott recht so, wie du bist. Du
musst nicht irgendetwas leisten, um vor ihm zu bestehen. Du braucht
dir nur gefallen zu lassen, dass Gott dich liebt.
Hannah
Das klingt tatsächlich
so, wie Jesus die Menschen angeredet an.
Krespos
Ja, aber auch so, wie
Paulus es im Geiste Jesu Christi verkündigt hat: Wir werden ohne die
Werke des Gesetzes durch den Glauben vor Gott gerecht. Ich habe das
als eine große Befreiung erfahren. Denn in meinem alten Glauben lebte
ich ständig in der Angst, die unberechenbaren Götter zu erzürnen. Ich
fand es darum wunderbar, dass die Gemeinde nicht gesagt hat: Erweise
dich erst einmal durch deine Taten als würdig für Gott. Sie hat mich
als einen Menschen aufgenommen, der schon längst vor Gott gewürdigt
ist.
Hannah
So ist es mir auch
ergangen, als mich das Evangelium, die gute Botschaft von Gottes
Liebe, im Herzen berührt hat. Aber ich habe das nicht als Widerspruch
dazu empfunden, dass Gottes Gesetz mir auch ein bestimmtes Handeln
gebietet. Ich tue gerne, was Gott von mir fordert, besonders weil alle
seine Gebote, wie wir vorhin schon gesagt haben, in der Liebe zu
unseren Nächsten ihre Pointe haben.
Krespos
Da kann ich dir nur
zustimmen, ja da würde Paulus selbst dir lebhaft zustimmen. Wer an
Jesus Christus glaubt, tut gerne und freiwillig, was Gottes Gebote von
uns möchten.
Hannah
Genau hier liegt für mir
Empfinden aber auch das Problem. Paulus meint mit dem Gesetz nur die
10 Gebote. Für uns Juden aber bedeutet es noch mehr. Es enthält eine
Fülle Vorschriften für das Leben des erwählten Volkes Gottes. Ich habe
dir ja schon erzählt, dass meine Eltern sie durchaus beachten. Paulus
aber sagt, dass sie für jemand, der an Jesus Christus glaubt, nicht
mehr verbindlich sind. Du selber, Krespos, richtest dich auch nicht
mehr nach ihnen. Treibt das nicht eine Kluft zwischen die
Judenchristen und die sogenannten Heidenchristen? Schlimmer noch, wird
das nicht dazu führen, dass die immer größer werdende Zahl von
Heidenchristen sich gegen die jüdische Herkunft unseres Glaubens
wendet?
Krespos
Das wäre schrecklich.
Ich bete zu Gott, die Christenheit möge niemals vergessen, dass Jesus
ein Jude war und dass der Glaube an den Gott der Liebe durch ihn aus
dem Volke Israel entsprungen ist. Wessen Herz nicht für Israel
schlägt, dessen Herz kann auch nicht für Jesus Christus schlagen.
Aber du hast Recht.
Dennoch besteht hier ein großes Problem. Erinnerst du dich an die
Stelle, an der Paulus darauf zu sprechen kommt? Er, der selber ein
Jude ist, drückt dort seine Trauer und seinen Schmerz aus, dass nun
eine Spaltung in Gottes erwähltem Volk entstanden ist. Nicht alle
Juden erkennen Jesus Christus als Messias an. So wie es aussieht, wird
es in Zukunft ein Christentum neben dem Judentum geben.
Doch verzeih, wir müssen
unser Gespräch jetzt unterbrechen. Der Gemeindevorsteher verteilt die
Aufgaben, die unsere Gemeinde in der kommenden Woche für die Armen und
Kranken wahrnehmen muss.
Musik
Hannah
Ich freue mich, dass ich
morgen den alten Amos besuchen kann. Der kennt sehr viele Geschichten
von Jesus; viel mehr und auch andere als die, die mir aus unseren
Gottesdiensten vertraut sind. Und er kann sie wunderbar anschaulich
erzählen. –
Aber ich will noch
einmal auf den Schmerz über die Zertrennung unseres Volkes
zurückkommen, von dem Paulus redet. Ich empfinde ihn genau so. Die
Familie meines Onkels etwa lehnt den Glauben an Jesus Christus ab. Das
macht die Beziehungen zwischen unseren Familien sehr schwierig. Doch
da erweisen sich gerade die Vorschriften des jüdischen Gesetzes für
unser Leben als ein wahrer Segen. Indem wir uns an diese Vorschriften
halten und z.B. unsere Knaben beschneiden, zeigen wir unseren
Verwandten, dass wir wie sie an den einen Gott Israels glauben. Ich
finde es darum ausgesprochen empörend, dass Paulus gesagt haben soll,
er halte die Beschneidung um Christi willen für Dreck. Schließlich war
Jesus selbst doch auch beschnitten.
Krespos
Ich verstehe, dass eine
solche Aussage auf jüdische Christen, die sich an die Vorschriften des
Gesetzes für ihr Volk halten, schockierend wirken muss. Gerechterweise
muss man aber sagen, dass Paulus im Brief an die Philipper, wo das
steht, nicht von Anderen redet. Er hat hier nur seine eigene
Vergangenheit als gesetzestreuer Jude im Blick.
Hannah
Dennoch hätte er eine
solche Äußerung unterlassen sollen.
Krespos
Das sehe ich auch so.
Denn er war ja gar nicht absolut gegen die Beschneidung. Er wollte nur
nicht, dass sie zur Bedingung für das Christsein wird. Ich musste
nicht erst Jude werden, um Christ zu werden. Aber ich erkenne ohne
Weiteres an, dass die Vorschriften des Gesetzes für Judenchristen so
wertvoll sind, wie du das geschildert hast. Wenn ich – versteh mich
bitte nicht falsch – mit dir verheiratet wäre, hätte ich kein Problem
damit, dass du dich an die Traditionen deines Volkes hältst.
Hannah
Das sagst du jetzt. Doch
die Praxis der Ehen zwischen Juden- und Heidenchristen, die ich kenne,
sieht anders aus. Da bestimmt der Mann, was eine Frau zu tun und zu
lassen hat. In diesem Punkt kritisiere auch ich unsere Tradition.
Jesus ist uns Frauen mit derselben Achtung begegnet wie den Männern.
In seiner Nachfolge waren wir ganz gleich berechtigt. Davon ist heute
in unserer Gemeinde wenig zu spüren. Auch Paulus soll hier völlig
konservativ sein, Stimmt es, dass er den Frauen zumutet, sich zu
verschleiern und im Gottesdienst zu schweigen?
Krespos
Das hat er in der Tat
gefordert. Aber ich glaube nicht, dass er sich damit auf die Dauer
durchsetzen wird. In Korinth tragen die meisten Christinnen keinen
Schleier und auch kein Kopftuch. Ich vermute, dass ihr Frauen hier in
Rom auch nicht damit anfangen werdet, bloß weil Paulus kommt. Wir
müssen mit ihm vielmehr darüber reden, was sein schöner Satz, in
Christus gebe es weder Mann noch Frau für die Christinnen konkret
bedeutet. Ich glaube, hier stehen uns noch einige Entwicklungen bevor.
Hannah
Das wäre gut. Doch ich
fürchte, dass zu diesen Entwicklungen auch das langsame Verschwinden
der judenchristlichen Gemeinden gehören wird, welche sich an die
Vorschriften des Gesetzes halten. Wenn immer mehr Nicht-Juden wie du
das Gemeindeleben bestimmen, dann werden neue Regeln für unser Leben
entstehen. Schon jetzt hat sich z.B. die Feier Sabbats in unserer
Gemeinde auf den Sonntag, den Tag der Auferstehung des Herrn,
verlagert.
Krespos
Es ist eben etwas ganz
Neues im Entstehen: Die eine Gemeinde aus Juden und Menschen aus allen
Völkern der Erde. Mich beeindruckt an Paulus vor allem, dass er dafür
gerade als Jude überall auf der Welt eintritt. Er mutet damit auch den
Menschen, die eine andere Religion haben, ganz schön etwas zu. Den
Riss in der Familie, von dem du sprichst, den kenne ich auch. Mein
Bruder will, weil ich Christ bin, nichts mehr mit mir zu tun haben. Er
redet das dümmste Zeug über unseren Glauben an Jesus Christus, um mich
lächerlich zu machen und zu beschämen.
Hannah
Ob Paulus, der solche
Erfahrungen bei seiner Mission auch gemacht hat, deshalb den
Kreuzestod Jesu so stark betont? Gott zeigt uns seine Liebe gerade in
einem gedemütigen und der Gewalt ausgelieferten Menschen. Wir brauchen
uns dessen aber, wie er am Anfang des Briefes an uns schreibt, nicht
zu schämen, weil die Kraft der Liebe stärker ist als der Tod.
Krespos
Ich denke schon, dass es
Paulus darauf vor allem ankommt. Der Tod Jesu hat die Botschaft Jesu
von der Liebe Gottes nicht durchstreichen können. Dafür steht der Name
des gekreuzigten Jesus Christus gut, der sich auch nach seinem Tode
lebendig erwiesen hat. Er redet für immer davon, dass Gott selber
sogar mit uns Menschen leidet, damit die Liebe unser aller Zukunft
bleibt.
Hannah
Ich würde gerne wissen,
wie die christlichen Gemeinden, die jetzt überall entstehen, diese
Botschaft glaubwürdig in die Welt hinaus tragen werden. In ihr sind
Menschen mit vielen Traditionen zusammen, die in Konflikt miteinander
geraten können. Sie werden in den Ländern, in denen sie leben, auch
von den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnissen
beeinflusst werden. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich mir vorstelle,
vor welchen Herausforderungen die Gemeinde aus Juden und den Völkern
der Welt da in Zukunft steht.
Krespos
Ja, das wissen wir
nicht. Wir können nur hoffen, dass sie Jesus treu bleiben und ihnen
die Botschaft des Apostels Paulus dabei nach Kräften hilft.
Musik
Sprecher
Heute gibt es etwa zwei
Milliarden Christinnen und Christen auf der Welt. Über ihre Geschichte
gäbe es viel zu sagen, was weder mit Jesus noch mit dem Apostel Paulus
etwas zu tun hat. Sie stehen darum heute nicht weniger als in den
Anfangszeiten der Gemeinde vor der Aufgabe, sich über den Grund und
die Konsequenzen des Glaubens an Jesus Christus für ihr Leben zu
verständigen. Jesus und Paulus sind zwei Eckpfeiler dieser
Verständigung. Es ist darum jederzeit nötig, dass die Christenheit das
Gespräch über Jesus und Paulus fortführt, bei dem wir eine Christin
und einen Christen im Jahre 57 in Rom angetroffen haben.
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