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Zwei Schritte vorwärts – drei Schritte seitwärts
oder
Du stellst meine Füße auf weiten Raum
Es gibt Orte, die
bleiben für uns Menschen nicht dort, wo sie auf der Landkarte sind.
Sie wandern mit uns mit. Wo ich aufwuchs, wo ich zur Schule ging, wo
die wichtigen Entscheidungen in meinem Leben fielen, da haben sich
Orte in mein Leben eingegraben, ohne die ich gar nicht Wolf Krötke
wäre. Wenn du wissen willst, wer jemand ist, dann musst du
fragen, wo jemand ist, hat mich ein weiser Philosoph gelehrt.
Er hatte Recht. Unser Leben wird unser eigenes konkretes Leben, indem
wir kleinen Menschen im großen Raum der Welt an bestimmten Orten
einwohnen. Ein Mensch, der keine Orte anzugeben wüsste, an denen sein
Leben sein ganz besonderes Profil gewann, wäre ein gespenstisches
Wesen.
Doch solche
Orte, die sich mit unserem Lebenswege verbinden, sind keine Orte an
sich. Nur wenn ganz berühmt gewordene Menschen dort gewohnt haben,
pflegen die Städte sich selbst mit deren Namen zu schmücken. Die
Lutherstadt Wittenberg oder die Schillerstadt Marbach laden dann zur
ehrfürchtigen Betrachtung der Gebäude und Lokalitäten ein, in denen
der „große Sohn der Stadt“ weilte und wirkte. Aber in der Regel wird
es doch so sein, dass die Rückkehr an die Orte, an denen wir selbst
einmal gelebt haben, eher enttäuschend verläuft. Man merkt es ihnen
nicht an, was wir hier einmal getan, gedacht und gefühlt haben. Mich
wundert immer wieder, dass ich mich an bestimmten Orten, die zu meiner
Biographie gehören, überhaupt wohl fühlen konnte.
Die Orte,
die zu unserem Leben gehören, garantieren also überhaupt nicht das
Ortserlebnis, das wir an ihnen einmal hatten und das in unserer
Erinnerung lebendig bleibt. Das gilt auch für die Orte unserer
Gotteserfahrung. Sie sind als solche nicht dadurch „heilig“ geworden,
dass sich in unserer Erinnerung mit ihnen ein bestimmtes Innewerden
Gottes verbindet. Ich bin darum skeptisch, ob sie zur „Heimatkunde für
Himmelssucher“ taugen. Der Ort, der mir einfällt, wenn man mich fragt,
wo mir der Glaube an Gott besonders wichtig wurde, eignet sich ganz
bestimmt nicht dafür. Er ist alles andere als „heilig“.
Ich
habe ihn noch einmal gesehen, als die Bürgerrechtsbewegung im Jahre
1989 das Staatssicherheitsdienstgefängnis in Leipzig besetzte. Sie
haben gefilmt, was sie dort antrafen. Ganz sicher bin ich mir freilich
nicht, ob es wirklich meine Zelle war, in die ich da noch einmal
blicken konnte. Sie sahen ja alle gleich aus. Ein breites
Brettergestell zum Schlafen, das den ganzen hinteren Teil des Raumes
ausfüllte. Darüber ein sogenanntes „Fenster“. Es war mit Glasziegeln
zugemauert, die in der Mitte versetzt waren, so dass ein wenig Luft
hindurch kam. Ansonsten ließ dieses „Fenster“ nur dämmriges Licht in
die Zelle dringen. Man konnte nicht wissen, welches Wetter draußen
war. Entzug des Himmels. Nur das Einbrechen der Nacht war bemerkbar.
Vor dem Brettergestell dann höchstens zwei Meter Freiraum nach vorne
und drei Meter seitwärts. Rechts in der Ecke der stinkende „Kübel“.
Vor mir die Tür mit dem Guckloch und ohne Klinke.
Diesen Raum
von zwei-drei Schritten vor und neben dem Brettergestell habe ich
tatsächlich mit mir genommen, als ich nach über vier Monaten endlich
aus dieser Zelle raus war. Jedenfalls ertappe ich mich auch heute noch
immer dabei, wie ich von meiner Arbeit am Schreibtisch aufstehe, und
in meinem Arbeitszimmer hin und her wandere. Ein bisschen hat das ganz
gewiss mit dem Druck zu tun, der sich auf einen Theologen wie mich
legt, wenn er einen Gedanken formulieren will und bringt ihn nicht
heraus. Da entspannt das Rumwandern und nimmt den Druck. Doch die zwei
Schritte vorwärts und die drei Schritte seitwärts, die mir jene Zelle
gestattete, sind mir dabei auch irgendwie gegenwärtig.
Sie
fallen mir jedenfalls ein, wenn ich mir bewusst mache, was ich da tue.
Es waren damals die einzigen Schritte, die ich machen konnte. Heute
kann ich gehen, wohin ich will und sonstwie motorisiert wie durch die
Gegend flitzen. Aber einen solchen besonderen Raum, in dem ich jene
zwei-drei Schritte vorwärts und seitwärts mache, erreiche ich damit
nie. Das ist merkwürdig. Denn jene Zelle war ja so eingerichtet, dass
sie zermürben sollte. Ich habe Menschen kennen gelernt, die in ihr
Platzangst bekamen. Der hintere Teil des Raumes war tagsüber tabu. Für
die Benutzung des Brettergestells gab es strenge Vorschriften. Es war
verboten, sich vor 22 Uhr darauf zu legen. Es war sogar verboten, im
Sitzen zu schlafen. Hast du das gewagt, dann scheuchte dich ein
wütiger Sachse, der hinter dem Guckloch lauerte, mit der Androhung
irgendwelcher Konsequenzen auf.
Bloß
stundenlang am Rande jenes Brettergestells zu sitzen, aber macht
stumpfsinnig, wenn man nichts hat, außer sich selbst. Bücher oder
Zeitungen gab es nicht. Also habe ich den Raum vor mir mit zwei
Schritten vorwärts und drei Schritten seitwärts in Angriff genommen.
Durch das Guckloch sah ich sicher aus wie eines dieser armen Tiere,
die in einem vergitterten Zookäfig ohne Unterlass im Kreise laufen. Im
Unterschied zu den Verhältnissen im Zoo musste ich auch noch
aufpassen, dass ich nicht in einer Ecke vor der Tür stehen blieb. Da
konnte mich der Mann hinter dem Guckloch nicht mehr sehen und war dann
sofort samt seinen „Konsequenzen“ auf dem Plan. Und dennoch habe ich
mich nicht wie ein Käfig-Tier gefühlt.
Ich war
damals gerade mal 19 Jahre alt, als mich der Staatssicherheitsdienst
im Frühjahr 1958 in Gestalt von ein paar martialischen Männern in
Ledermänteln nächstens aus der Wohnung meiner Eltern holte. Sie
fesselten mich, verfrachteten mich in einen „EMW“ und transportierten
mich von Dessau aus schweigend nach Leipzig. Das Stasi-Gefängnis
befand sich sinniger Weise direkt neben der Theologischen Fakultät im
Petersteinweg, wo ich 1957 begonnen hatte, Theologie zu studieren.
Aber mit der Theologie war es nun aus. Mir wurde „Hetze und
staatsgefährende Propaganda“ sowie „Herstellung und Verbreitung von
Hetzschriften“ zur Last gelegt. Wie albern das war, mag hier auf sich
beruhen. Für mich bedeutete es jedenfalls, dass ich nach einem Verhör
bis in die Morgendämmerung in jene Zelle gesperrt wurde, die nun für
eine zunächst unabsehbare Zeit „mein Raum“ in dieser Welt war.
Verlassen
konnte ich ihn einmal in der Woche zum Duschen, alle zwei Tage zum
sogenannten „Hofgang“ und dann – mal in der Nacht, mal am Tage – zu
den stundenlangen Verhören. Die fanden aber manchmal wochenlang auch
gar nicht statt. Das gehörte zur Zermürbungstaktik. Im Übrigen
herrschte den ganzen Tag lang eine unheimliche Stille in dem Bau.
Manchmal leiteten die Heizungsrohre Schreie von irgendwo her weiter.
Der Zellenachbar versucht, durch Klopfen an die Wand Kontakt zu mir
aufzunehmen. Doch kurz nachdem ich so halbwegs das simple
Morse-Alphabet mitbekommen habe und meinen Namen klopfen kann, haben
sie mich schon erwischt.
Mein
Raum ist nun die Wand. Ich musste mich dicht an sie stellen. Hände auf
den Rücken. Grau-grüne Ölfarbe dicht vor mir das Einzige für die
Augen. Hinter mir von Menschen besetzter Raum, denen es Freude macht,
mich auf die 20 Zentimeter zurückzuschrumpfen, die ein Mensch braucht,
um überhaupt da zu sein auf dieser Erde. Strafe dafür, dass ich mehr
beansprucht hatte durch eine Wand hindurch, die Signale aufnimmt. Der
„Hofgang“ ist gestrichen, d.h. die Viertelstunde, in denen sie mich in
ein von hohen Betonmauern umgebenes Rechteck von schätzungsweise drei
mal sechs Quadratmetern führen, aus dem heraus ich den Himmel über mir
sehen kann. Aber ich muss dabei an Menschen auf Wachtürmen vorbei
sehen, die ihre Maschinenpistolen bereit halten. Sie freuen sich, wenn
es ausgerechnet in diesen 15 Minuten anfängt, zu regnen. Der
Staatsfeind wird nass gemacht.
Ich
habe mich nicht sonderlich gegrämt über diese Strafe. Denn der Blick
in den Himmel stachelt in einer solchen Situation die Sehnsucht nach
draußen so sehr an, dass es weh tut. Das muss nicht sein. Später habe
ich außerdem erfahren, dass sie sich Schlimmeres ausgedacht haben, um
Menschen, die Regungen eigenen Lebens zeigten, zur Null zu machen. Vor
allem aber war mir da schon der Raum, den ich vor dem Brettergestell
hatte, auf eigenartige Weise als mein Raum lieb
geworden.
Für
jemand, der niemals in einer solchen Situation war, klingt das
vielleicht ein wenig spinnert. Ständig im Kreise umherzulaufen, ist an
und für sich in der Tat ja nicht besonders prickelnd. In der
Gesellschaft der „Knastologen“, mit denen ich nach meiner Verurteilung
im Zuchthaus zusammen gesperrt war, sind mir geradezu zwanghafte
Kreiswanderer begegnet. Ihnen wurde nachgesagt, dass sie eine
Knastmacke haben. Vielleicht habe ich ja auch eine bekommen. Wer weiß.
Doch wenn ich heute von meinem Schreibtisch aufstehe, um einen
Gedanken durch Gehen zu befreien, dann ist mir der Anfang dieses
Gehens in jener Zelle als das genaue Gegenteil einer Zwangshandlung im
Gedächtnis.
Das
hat einen einfachen Grund. Nachdem ich, um mich zu bewegen, auch eine
Weile lang im Kreise getrottet war, habe ich begonnen, mir dabei alle
Texte aufzusagen, die ich auswendig konnte. Es waren erstaunlich
viele. Denn damals besaß ich ein geradezu wunderbares, wenn auch etwas
einseitig ausgeprägtes Gedächtnis, mit dem mich Gott gesegnet hatte.
Mein Kopf war ein „zwitscherndes Vogelnest“ (wie Heinrich Heine das
ausgedrückt hat) von Gedichten, Balladen, Romanen, voll Kunst und
Kitsch, voll Sang und Klang unterschiedlich wertvoller Art. Goethe,
Schiller und Uhland waren meine Favoriten. Wilhelm Busch und Eugen
Roth haben dafür gesorgt, dass mir das Lachen und Schmunzeln nicht
verging. Meine Wege vor dem Brettergestell wurden so nach und nach zu
Wegen in einen Horizont hinein, den der Sachse hinter dem Guckloch und
die Menschen, die mich verhörten, nicht hatten. Er blieb auch bei mir,
wenn ich mich wieder hingesetzt habe.
Aber
es waren nicht nur Texte dieser Art, mit denen ich mich da frei lief.
Ich habe das große Glück gehabt, in einem Elternhause aufzuwachsen, in
dem die Bibel, Kirchenlieder und sehr viele Luther-Texte gewissermaßen
zum Alltag gehörten. Es hat Phasen in meiner Kindheit und Jugend
gegeben, da hat mir das ganz und gar nicht gefallen. Alle, die in
einem solchen Elternhause groß geworden sind, kennen dieses
Abstandnehmen von der Frömmigkeit der Eltern sicher. Und dennoch hat
sich da ganz Vieles gleichsam nebenbei meinem Gedächtnis eingeprägt.
Anderes – besonders in der Sprache Luthers – hat mich aber auch
angerührt, so dass ich es bewusst auswendig gelernt habe. Ich konnte
einige Gleichnisse Jesu, Teile der Bergpredigt und ziemlich viele
Psalmen aus dem Kopfe. Den Kleinen Katechismus vermochte ich
regelrecht runterzuschnurren. Vor allem aber hatten es mir die
Passionslieder von Paul Gerhard angetan.
Sie
werden heute ja heftig kritisiert, weil sie angeblich einen Gott
verherrlichen, der Leiden und Tod eines Menschen fordert, ehe er
liebt. Auf diesen Gedanken bin ich überhaupt nicht gekommen, als ich
mit dem Liede „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld...“ vor dem
Guckloch ausgeschritten bin. Ich mag die geistlich dumme Kritik an
diesem Liede vom „Lämmlein“ Jesus Christus bis heute nicht. „Im Durst
soll’s sein mein Wasserquell, in Einsamkeit mein Sprachgesell“ –
allein um dieses Verses willen liebe ich dieses Lied. Denn
„Sprachgesell“ – das sind mir alle diese Worte der Gotteserfahrung,
die den Raum eines Menschen weiten, der in die Hände von Menschen
gefallen ist, tatsächlich geworden. Sie haben mir die paar
Quadratmeter vor dem Brettergestell zu einem Ort gemacht, an dem Gott
unsere Füße auf weiten Raum stellt, wie Luther den 31. Psalm so
wunderbar übersetzt hat.
Ich habe
diesen Raum mitgenommen in den Gerichtssaal, wo auf entsprechenden
Wink des sogenannten Richters eine künstlich empörte Menge die
Verurteilung des „Staatsfeindes“ forderte, unter ihnen Abgeordnete der
Theologischen Fakultät. Er hat mir Luft verschafft bei der Fahrt in
der „Grünen Minna“ durch Leipzig. In der saß man gefesselt in einem
engen Kasten, in dem mir die Luft auszugehen drohte.
Ich
habe mir mit diesem Raum die Brust auf dem Leipziger Hauptbahnhof
geweitet. Einen blauen Drillichanzug hatte ich da an mit gelben
Streifen an Armen und Beinen und auf dem Rücken. Eine ebenso verzierte
Kappe saß auf dem Kopf. In einem Trupp von ungefähr dreißig Leuten
wurde ich mit einem anderen Verurteilten zusammen gekettet. Eskortiert
von Wachen mit Maschinenpistolen und Hunden mussten wir an einer
gaffenden Menge den Bahnsteig entlang. Sie hatten den Gefängniswaggon
an einen Personenzug gehängt, der in das schöne Städtchen Waldheim in
Sachsen mit seinem berüchtigten Zuchthaus fuhr. Es war eine
gespenstische Szene, in der man normalerweise in den Boden versinken
möchte. Doch ich erinnere mich ziemlich genau, dass mir das Herz
überhaupt nicht schwer wurde.
Das
alles ist lange her. Ich habe nur wenigen Menschen davon erzählt. Wenn
ich es aber getan habe, sind daraus sehr oft lustige Geschichten
geworden. Das ist nicht einfach ein Zufall. Denn das Absurde ist immer
auch komisch und lachhaft. Auch dafür habe ich mir als ein Mensch, der
gerne lacht, in meinem weiten Raum in der Zelle einen Sinn bewahrt.
Ich konnte dann tatsächlich über alles lachen, als ich da wieder raus
war. So hatte es keine Chance, sich dunkel in mein Leben einzugraben.
Was geblieben ist, aber sind die zwei-drei Schritte vorwärts und
seitwärts, die mich noch immer ins Freie führen. Natürlich haben sie
auch zum Aufschreiben dieser Erinnerung gehört.
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