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Das Wunder der Weihnacht

FeierTag, am 05.12.2005

Alle wesentlichen Worte können wir daran erkennen, dass sie uns mehr Zeit gewähren, als sie selbst verbrauchen. Doch solche Worte sind rar unter uns Menschen. Wir können zwar stundenlang, tagelang, monatelang, reden und reden und reden. Die Zeit kann uns dabei vergehen, als flöge sie davon. Ein Jahr neigt sich schon wieder dem Ende zu, wenn wir Weihnachten feiern. An Worten war auch in diesem Jahre kein Mangel. Aber wie viele davon sind doch bloß Verbrauchsworte gewesen, flüchtig wie die Zeit selbst, schnell gesprochen und schnell vergessen. Wie wenige davon waren Worte mit Zukunft, die uns nicht loslassen, die uns von selber nachgehen; die uns Zeit geben, statt sie uns zu stehlen; die uns tragen, statt bloß durchzurutschen.

Menschen, in deren Leben solche wesentlichen Worte nicht vorkommen oder keine Rolle spielen, sind schlimm dran. Für sie gibt es eigentlich nichts, was ihnen die Lebenszeit, die vor ihnen liegt, zu einem Raum macht, in dem sie gerne zu Hause sein können. Ein stummes Morgen ohne raumschaffende Worte im Hintergrund ist ein ödes Einerlei von Aufstehen und Schlafengehen, von Arbeit und Ausruhen, von Sorgen ums Auskommen und von Empfindung einer Leere, wenn wir alles besorgt haben. Wie beschwingt gehen wir in den Tag und die Tage, wenn wir die Worte der Partnerin oder des Partners im Ohr haben, die uns sagen, dass sie sich darauf freuen, wenn wir wiederkommen. Wie gut tun Worte, die uns versichern, dass wir gebraucht werden! Wie zersplittert aber wird unser Leben, wenn solche Worte fehlen.

Vielleicht ist es diese Erfahrung, die das Weihnachtsfest für so viele Menschen wichtig macht. Gegen das Zerstieben von lebenstragenden Worten in unseren menschlichen Beziehungen wirkt es wie ein Damm. Zwar wird auch die Weihnachtsbotschaft in den Kaufhäusern und auf den Weihnachtsmärkten ohne Unterlass zerdudelt. Aber selbst in der größten Verkitschung kann man doch noch etwas von dem Grund mit schwingen hören und empfinden, der das Alles trägt. Das sind Worte, die uns mehr Zeit für ein wahrhaft menschliches Leben gewähren, als sie während eines Einkaufsbummels verbrauchen.

Musik: G.F.Händel, Denn es ist uns ein Kind geboren

Das Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts habe ich im Zuchthaus Waldheim verbracht. Die Stasi hatte mich dort reingesteckt, weil ich ein paar Verse über die wunderschöne DDR gezimmert hatte. Und dann wurde es Weihnachten in einer Zelle mit Menschen zusammen, denen das Herz schwer war. Um sich dagegen zu wehren, haben sie gesagt: „Ist doch alles Mist und Schwindel mit dieser Gefühlsduselei. Wenigstens kriegen wir heute was Anständiges zu fressen und 'ne Lulle mehr dazu“. Da habe ich mir ein Herz gefasst und etwas vom dem aufgesagt, was mir Weihnachtliches im Kopfe steckte: Die Weihnachtsgeschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem, von den Hirten auf dem Felde, von dem Engel, von Maria und ein paar Weihnachtslieder. Ganz zum Schluss bin auf Jesaja 9, auf die Verheißung des Friedens in einem Kinde, gekommen. Als ich damit fertig war, hat einer gefragt: „Kannst Du das noch mal wiederholen“?

Ich habe mich gewundert, dass er das fragte. Es waren ja Worte aus uralten Zeiten, 2700 Jahre vor Christus ungefähr. Älter geht’s kaum. Wir können uns nur mit Mühe eine Vorstellung davon machen, wie die Menschen in dieser fernen Vergangenheit lebten. Völlig unbekannte Wörter wie „Midean“, „Zebaoth“ oder der „Thron Davids“ kommen darin vor. Doch sie haben ein Wunder vollbracht. Unsere Zelle war auf einmal nicht mehr nur ein verriegeltes Viereck. Sie wurde ein offener Raum. Ich hab’s richtig gemerkt, als ich selber noch einmal auf diese Verse lauschte, die ich auswendig kannte:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn Du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn es uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Throne Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Sicherlich hängt der eigenartige Zauber, der von diesem Text ausgeht, damit zusammen, dass es sich um ein Gedicht handelt. Martin Luther hat das in deutschen Übersetzung ganz wunderbar herausgebracht. Ein Gedicht reicht uns nicht wie ein Zeitungsartikel bloß ein paar Informationen herüber. Es schafft ein Atmosphäre, einen Raum der Empfindung für etwas Wahres, auf das sich jeder Mensch versteht, wann immer er nun lebt und was immer er sonst treibt. In diesem Falle war es eine Atmosphäre des Friedens mitten in einer Welt von Uniformen, von Knüppeln und Pistolen. Im selbst erlebten finsteren Lande tat sich da ein anderer Lebensraum auf als das Zuchthaus. „Bis’de erst in Waldheim, dann komms’te nicht so bald heim“, so lautete ein schaurig-lustiges Verschen unter den dort Gefangenen, welche die DDR-Justizministerin persönlich verdroschen hat. Wir aber sind an jenem Abend woanders heim gekommen.

Natürlich ist das nur eine ganz winzige Geschichte völlig am Rande der großen Realgeschichte, die bis in unsere Tage weiter geht. In ihr werden die Stiefel der Krieger immer noch geputzt, die heute mit dem Gedröhn von Raketen, Kampfbombern, Flugzeugträgern und Panzern daherkommen. Nicht bloß die Mäntel, sondern die Menschen selbst werden in dieser Realgeschichte durchs Blut geschleift. Wir sehen es fast täglich aus dem Irak und aus so vielen Gebieten unserer Erde mit tiefer Trauer. Niemand hat die Menschen gezählt, die seit Jesajas Zeiten auf diese Weise geschändet wurden. Der „Tag Midians“ lässt noch immer auf sich warten.

An diesem Tage nämlich – erzählt uns die Legende aus dem Alten Testament – soll ein Krieg zwischen Israel und den feindlichen Midianitern auf wundersam lächerliche Weise zu Ende gegangen sein. Gideon habe ein wüstes Posaunenkonzert veranstaltet. Da hätten die Midianiter einen höllischen Schrecken bekommen und seien durchgestartet, so dass man nur noch ihre Hacken sehen konnte. Zehntausende wilder Männer schmissen ihre Schwerter ins Gebüsch und machten, dass sie nach Hause kamen.

Die Sehnsucht, die in dieser Geschichte durch alle Ritzen drängt, ist ganz eindeutig. So möchte es einmal sein: Eine der schönsten Gaben von uns Menschen, das Musizieren, wird stärker als die Wut, in der Menschen völlig sinnlos aufeinander losgehen. Bei Gideon war’s noch ein wüstes Posaunenkonzert, das den Frieden erzwungen hat. Aber bei Jesaja wird es ein sanfteres Lied, ein Lied vom Kinde, das die Hände zum Todschlagen schwer und untauglich werden lässt. The Peace for the Holy land, der Frieden für das Heilige Land, in dem Jesus geboren wurde, schafft sich leise und sehnsüchtig in der Welt Raum: Vor 2700 Jahren, in einem Kind, das um nichts als Liebe wirbt, damals in Waldheim und nun bei uns heute.

Musik: Peace for the holy Land (im Text leise einsetzen!)

Wir wissen nicht, an welches Kind Jesaja gedacht hat, dem er das Lahmlegen unserer alten Stiefelwelt zugetraut hat. Auch seine Namen verraten es uns nicht. Denn wer nennt sein Kind schon Wunder-Rat oder Friede-Fürst? Das sind Jubel-Namen im höheren Chor und nicht solche, die wir unseren Kindern geben oder die wir selbst tragen. Und doch sind es Namen, die eigentlich nur für Kinder taugen. Denn ein Kind ist ein Mensch am Anfang, in dem alle Möglichkeiten schlummern, so zu werden, wie Gott uns gemeint hat. Jedes Kind ist ein solcher Mensch am Anfang, in dem sich die ganze Fülle einer Welt, die nur zum Freuen da ist, versammelt. Kein drückendes Joch, keine Spieße, keine dröhnenden Stiefel und blutigen Mäntel werden in einer Wiege erfunden.

Jeder neu geborene Mensch ist darum tatsächlich die Chance des Werdens einer neuen Welt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Anfang unseres wunderbaren menschlichen Lebens keine Fortsetzung findet, die solche Jubelrufe hervorruft, wie sie der Prophet ausstößt. Die Christenheit jedoch kennt einen derartigen Menschen, in dem der Anfang von uns Allen nicht zugrunde gerichtet wurde. Sie hat darum die Botschaft Jesajas sofort mit Geschichte von Bethlehem zusammen gehört: Mit Jesus, der einen Menschennamen trägt wie wir, aber dessen Leben übervoll ist von Menschlichkeit; mit den Hirten auf dem Felde und nicht mit den dröhnenden Stiefelmenschen und ihren blutigen Mänteln; mit dem lauten Jubel der Engel über den Frieden auf Erden und über Gottes Eifer für unsere Menschlichkeit.

Es mag Zeiten gegeben haben, wo man sich diesen Eifer Gottes ganz anders vorgestellt hat. Im Namen „Zebaoth“ klingt es noch an. Der heißt nämlich eigentlich: „Herr des Heeres“. Er erinnert an die altertümliche Vorstellung, dass Gott sein Volk zu „Heiligen Kriegen“ anstifte, in denen den Gottlosen der Garaus gemacht wird. Leider hat diese Vorstellung auch im Christentum üble Nachwirkungen gehabt. Doch schon Jesaja hat ihr den Nerv gezogen. Seine Botschaft lautet: Wenn Gott eifert, dann eifert er für die Kinder und niemals für die Killer. Dann eifert er für das Kind, das endlich das Wunder vollbringt, lebenslang ein Kind zu sein.

„Jünger als vor 2000 Jahren, jünger als in dem Moment, da heute die Glocken läuten, kann die Welt nicht sein,“ hat ein kluger Journalist unserer Tage gesagt. Wir werden jung, ganz jung, hat er wohl gemeint, wenn das Dasein des Friedenskindes in unser aller Dasein eine Fortsetzung findet. Das Empfinden, noch einmal in den Anfang unseres Lebens voller wahrer Möglichkeiten einzukehren, ist es deshalb wohl auch, das mehr Menschen als sonst am Heiligabend den Weg zur Kirche finden lässt.

Musik: Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein...

Unser deutsches Weihnachtsfest wird seit ungefähr 150 Jahren am 24. Dezember gefeiert und nicht am 25., wie es seit alters her üblich ist. Schon das deutsche Wort „Weihnachten“, geweihte, heilige Nacht, legt den Ton auf das Dunkel der Nacht, in das ein überraschendes Licht fällt. Die Weihnachtslieder aus dem 19. Jahrhundert singen und sagen davon überreichlich. Sie schaffen eine wehmütige, dunkel-helle Szenerie für dieses Fest. Sie sind ein Einfallstor für allerhand Heilige-Nacht-Sentimentalitäten, die sich hierzulande an dieses Fest geheftet haben. Die Alten erinnern sich wehmütig ihrer Kindertage und der Tage mit ihren Kindern unterm Tannenbaum, die nun vorüber sind. Man sieht, wie sie sich Tränen aus den Augen tupfen. Die Jüngeren geben sich Mühe, ihren Kindern die geheimnisumwitterte Atmosphäre dieser Nacht mit der Aussicht auf schöne Geschenke zu vermitteln.

Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu Christi, verträgt das. Ein Kind steht ja in seinem Mittelpunkt. Darum ist alles Kindliche willkommen und die Familiengefühle auch, die nun einmal zu den Kindern gehören. Das Kind in der Krippe, Maria und Joseph, stiften Junge, Erwachsene und Alte an, sich ihre Zuneigung zueinander, ja ihre Liebe zu zeigen. Doch wie schön das auch ist: Jesajas Verheißung des Friede-Fürsten ist damit noch nicht vollständig bei uns angekommen. Der große, raumgreifende Schwung seiner Botschaft, die in Bethlehem Realität wurde, rüttelt am bloß im Privaten und Familiären unserer deutschen Weihnachtsfestlichkeit. Denn es ist ein Schwung, der die ganze Menschenwelt im weiten Raum unserer Erde in Bewegung bringt.

Darum bieten uns die meisten Darstellungen der Geburt Jesu einen offenen Stall dar. Er zeigt an: Der Frieden zwischen Gott und Mensch, der in diesem Kinde real ist, verwandelt die ganze Welt. Sie ist jetzt, weil der Friede-Fürst da ist, kraft des Eifers Gottes für seine Menschheit unwiderruflich eine andere Welt geworden. Um das auszudrücken, zählen wir ihre Tage und Jahre in unseren Kalendern, indem wir sie die Zeit „nach Christi Geburt“ nennen. Für Viele ist das heutzutage leider nicht mehr als eine Datumsangabe. Die Christenheit, die Weihnachten mit Jesajas Schwung feiert, aber weiß, dass sie an etwas ganz Großem teil nimmt. Sie feiert mit dem ersten Lebenstag Jesu den hellen Tag des Beginns einer neuen Welt.

Dieser Beginn ist nicht mehr rückgängig zu machen, „seit unsere Erde gewürdigt wurde, den Menschen Jesus zu tragen“. Sie ist nun, weil er zu ihr gehört, ein Raum des Rechts und Gerechtigkeit. In diesem Raum des Friedens von ewiger Dauer können Menschen mit noch so verschiedenen Überzeugungen erfreut übereinander und freundlich miteinander wohnen. Der Geist der alten Stiefelwelt wehrt sich zwar wütend dagegen. Er führt heute mehr denn je harte Tatsachen und blutige Argumente gegen die Wirklichkeit des Friedens mitten unter uns in Feld. Er beansprucht die Herrschaft über die Realität für sich. Aber wenn seine Logik uns vorschreiben will, was real ist, dann wird es höchste Zeit, an das einzige Wunder zu glauben, auf das wir uns wirklich verlassen können. Es ist das Wunder der Weihnacht.

Musik: Brich an Du schönes Morgenlicht

         
 

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