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Das Neue im
Rhythmus der Jahre
FeierTag, am
01.01.2004
I.
Der Neujahrstag hat für
viele Menschen wahrscheinlich keine besondere Bedeutung. Sie schlafen
ordentlich aus, um die Silvesterfeiern aus dem dicken Kopf und den
lahmen Gliedern zu bekommen. Ab heute müssen sie sich angewöhnen, 2004
als Datum auf die Briefe und Formulare schreiben. Morgen oder
spätestens Montag aber wird wieder gearbeitet. Da haben wir wieder die
alten Sorgen. So richtig neu ist zu Neujahr also eigentlich überhaupt
nichts. Der Beginn von 2004 sieht genauso aus wie der Beginn von 2003.
Ein neuer Tag ist jeder Tag. Da reiht sich auch der Neujahrstag ein.
Nur
für diesen oder jene ist der einzige Tag im Jahr, den wir mit dem
Begriff „neu“ bezeichnen, ein Anstoß, in ihrem Leben tatsächlich
irgendetwas neu werden lassen. Ab heute wird vernünftig und maßvoll
gegessen. Ab heute wird nicht mehr geraucht. Von heute an wird
gejoggt, mit den Kindern gespielt statt Fernzusehen usw. Neujahr ist
für viele nicht zufällig der Tag der guten Vorsätze. Er erinnert sie
daran, dass ihr Leben doch eigentlich nicht der alte Trott sein muss,
in dem wir uns in lauter Gewohnheiten eingerichtet haben, die uns
selber nicht gefallen. Ein Leben, in dem gar nichts mehr Neues
geschieht, trübt das Gemüt. Es ist langweilig. Dagegen kann etwas
getan werden.
Wir
mögen über die guten Vorsätze von Neujahr lächeln, die häufig doch so
bald wieder vergessen werden. Sie sind dennoch ein kleiner Protest
dagegen, dass unser Dasein bloß die Wiederholung von gestern und
vorgestern sein soll. Wenn sich nichts Neues in unserm Leben ereignet,
fühlen wir uns wie tot. Dass Neujahr auch wirklich etwas Neues
anstoßen möge, ist darum ein verständlicher Wunsch von vielen. Doch
die Sehnsucht bloß nach irgendetwas Neuem ist auch zweideutig. Nicht
alles Neue hebt unser Lebensempfinden und macht uns froh. Es gibt auch
schrecklich Neues und das kann auf den Straßen, durch bösartige
Krankheiten und verwirrte Menschen tief in unser Leben eingreifen.
Nicht alles Neue öffnet uns Lebenshorizonte. Es vernichtet sie auch.
Wenn
wir Neujahr zum Anlass nehmen, dem Neuen in unserem Leben Schwung zu
verleihen, dann meinen wir also nicht x-beliebig Neues. Dann meinen
wir das Neue, das unser Leben wahrhaft lebendig macht. Was aber ist
das? Eine Diät, das Abgewöhnen einer Sucht, ein bisschen mehr
gegenseitige Aufmerksamkeit in der Familie? Ich möchte Sie an diesem
Neujahrsmorgen einladen, den Möglichkeiten und Grenzen nachzusinnen,
die dem Neuen zufallen, wenn es im Glauben an Gott wahrgenommen wird.
Musik: Edvard Grieg,
Peer Gynt N.1, op. 46, Morgenstimmung
II.
Christlicher Glaube ist
genau genommen dasselbe wie Begeisterung fürs Neue. Neues
Testament, neues Zeugnis, heißt die Sammlung der Schriften, auf
die er sich gründet. Neue Kreaturen, neue Geschöpfe,
werden in diesen Schriften Menschen genannt, die an Jesus Christus
glauben. „Siehe, ich mache alles neu“, sagt Christus selber im
vorletzten Kapitel der Bibel. Das Christentum wiederholt das seit
zweitausend Jahren. Ist das Reden vom Neuen da nicht unterdessen
abgestanden und alt geworden? Wird nicht „alle Jahre wieder“ zu
Ostern, zu Pfingsten und zu Weihnachten das Gleiche erzählt? Ist es
darum nicht eigentlich schon das Veraltete und Langweilige?
Die
Medien unserer Tage, die nur existieren können, wenn sie
sogenannte
"Neueste Nachrichten“ zu bieten vermögen, vermitteln diesen
Eindruck. Fast zu jedem
wichtigen
christlichen Fest gibt es irgendwelche Sendungen und
Zeitschriftenartikel, die etwas Neues vom christlichen Glauben
vermelden. Meistens sind es ziemlich abenteuerliche Meldungen. Jesus
hat gar nicht gelebt oder er ist gar nicht gekreuzigt worden, können
wir da hören. Seine Jünger haben erfunden, dass er ihnen begegnet ist.
Es ist alles ganz anderes gewesen, als es in der Bibel steht. Die
Kirche hat die alten Bekenntnisse gefälscht usw. Das Neue, das uns
hier aufgetischt wird, ist zwar in der Regel gar nicht neu. Oft wird
bloß irgendeine längst widerlegte Hypothese aus der wissenschaftlichen
Erforschung der Entstehung des Christentums aufgeschnappt und peppig
aufbereitet. Ob dass Neue tatsächlich wahr ist, steht auf einem
anderen Blatt. Hauptsache ist, dass die Neuigkeit im alten Glauben
rumrumpelt und Aufregung stiftet.
Wäre
das Neue, von dem das Neue Testament redet, von dieser Art, dann wäre
es so schnell wieder verschwunden wie ein Zeitungsartikel, der im
Papiercontainer landet. Bloß Neues wird in rasendem Tempo alt. So geht
es mit den neuesten Automodellen, mit den neuesten Moden, den neuesten
Liedern, Filmen, Büchern und natürlich auch mit den neuesten
Entdeckungen. Sie reizen uns, sie kitzeln uns, sie faszinieren uns mit
dem Zauber des noch nie Dagewesenen. Sie geben uns das Gefühl, dass
unser Leben pulst und nicht bloß vor sich hin dampft. Sie machen das
Dasein schwungvoll, powerfull. Wenn das Neue aber bloß ein Windei ist
– ein rostendes Auto, eine nachgeahmte Mode, ein geklautes Lied, eine
halbgewalkte wissenschaftliche Entdeckung – was ist dann?
Die
eine Möglichkeit ist: wir bleiben Sklavinnen und Sklaven des
Neuigkeitsfimmels, der bereit ist, sich von einem hohlen „event“ zum
anderen jagen zu lassen. Dann verbringen wir unser Leben wie ein
Haschen nach Luftblasen. Weil sie alle zerplatzen, müssen ständig neue
her. Nichts haftet und gibt uns Boden unter die Füße. Am Ende ist das
Neue dieser Art selbst langweilig und tötet uns den Sinn für das
wahrhaft Neue. „Mich kann nichts mehr überraschen“, sagen Menschen,
welche die Nase vom Neuen voll haben. Doch das ist irgendwie auch
schlimm. Wer nichts Neues mehr erwartet, bekommt traurige, leere
Augen.
Das
Neue, das lebendige, frohe Augen schafft, darf also nicht sofort vom
Alten, längst Gewohnten, aufgefressen werden. Es müsste von der Art
sein, dass es nicht veraltet. Doch was könnte das sein? Dinge, Geräte,
Maschinen, Computer können es nicht sein. Die verbrauchen sich, setzen
Rost an, werden klapprig, haben veraltete Programme. Neues, das nicht
veraltet, kann also nichts Totes sein wie es alle menschlichen
Produkte sind. Es muss lebendig sein und die Kraft haben, sich gegen
das Rosten, Klappern, Veralten, Verbrauchtwerden, durchzusetzen.
Neues, das nicht veraltet, dürfte also nicht aufhören, neu zu
werden.
In
unserem Leben gibt es tatsächlich Vieles, das nicht aufhört, neu zu
werden. Alte Liebe rostet nicht, sagt der Volksmund und meint: Da, wo
wirklich geliebt wird, ist gerade die Liebe von gestern jeden Morgen
neu. Wenn unser Herz für einen Menschen, für eine Gemeinschaft, für
eine Aufgabe entzündet ist, dann ist das jedesmal so, als sei’s das
erste Mal. Da hat es gar keine Bedeutung, das mich schon so oft die
gleiche Begeisterung erfasst hat. Wer etwas vom Glauben an Gott
versteht, wird zugeben müssen, dass er hier auch so etwas erleben
kann. Denn der ewige Gott ist ja kein Teil der Welt, die wir in der
Hand haben, die wir berechnen und verplanen können. Dass er mich mit
seinem Leben und Lieben berührt und ich das in meiner Seele spüre, ist
niemals selbstverständlich. Es ist jedesmal neu und überraschend. Was
kümmert mich da der Rhythmus der Jahre, die sich wiederholen? Gott
wiederholt sich nicht. Er überrascht mich ständig aufs Neue damit,
dass sein Dasein für mich „all Morgen frisch und neu“ ist.
Musik: Choral: „All
Morgen ist ganz frisch und neu“
III.
Wo Neues ist, da ist
auch Altes. Neues gibt es in dieser Welt niemals ohne das Vergangene,
das wir schon kennen und das uns vertraut ist. Würde uns etwas absolut
Neues begegnen, das in keiner Beziehung zu den Erfahrungen steht, die
wir schon gemacht haben, dann könnten wir es gar nicht verstehen. Wir
wären gewissermaßen auf einen anderen Stern versetzt, auf dem nichts
mehr gilt, was das Leben auf unserer Erde ausmacht. Liebeserfahrung,
Gotteserfahrung, wie ich sie geschildert habe, kann durchaus diesen
Effekt haben. Das Neue fasziniert so, dass alles andere unwichtig
wird. „Ich weiß nicht, wo ich bin, was ich tue“, singt der Verliebte
in seinem Liebessternenhimmel. „Welt ich bleibe nicht mehr hier, hab
ich doch kein Teil an Dir“, stimmt der Glaubende, von Gottes neuer
Welt Faszinierte, ein. Alles, was einmal war, unser bisheriges Leben
im Rhythmus der Jahre, ist zu etwas gänzlich Unwichtigem, Veralteten
geworden.
Doch
wir müssen aufpassen. Im Lichte des immer Neuen, das uns erhebt und
erfreut, wird nicht alles Alte zu einer Nacht, in der alle Katzen grau
sind. Das geschieht vielmehr da, wo das Leben auf die trübsinnige
Summe gereimt wird: „Es gibt nicht Neues unter der Sonne“. Dieser
lebenserfahrene Satz steht auch in der Bibel, nämlich im Buch des
„Predigers“. Dort wird gepredigt: Tag folgt auf Tag, Monat auf Monat,
Jahr auf Jahr. In diesem rythmischen Einerlei verbringen wir unser
Leben mit denselben sinnlosen Mühen: Fürs Essen, Wohnen und Anziehen
sorgen, Geld verdienen, Kinder hochziehen. Und dann die Tretmühle des
Alltags: schlafen und aufstehen und schuften, schließlich Krankwerden,
schließlich Rente und Altwerden und zum Schluss Sterben.
Wer
es so sieht, wird unserem merkwürdigen Prediger zustimmen: „Es ist
alles nichtig, es ist alles umsonst“ (1,2). Umsonst unsere Freuden,
umsonst unsere Leiden. Am Ende landen wir alle im großen Schlund der
Vergänglichkeit. Der aber wirft jetzt schon seine langen Schatten auf
alles, was
wir tun und sind. Heutzutage legt er sich schon auf die Seelen
ganz junger Menschen. Sie haben das Gefühl, es sei ganz egal, ob sie
leben oder nicht. Darum können sie ihr Leben
manchmal so leichtfertig aufs Spiel setzen.
Ein
Neues, welches das Alte zu bloßem Müll macht, wäre ganz bestimmt kein
gutes Neues. Auch die Liebenden müssen ihrem Lieben mitten in der
alten Welt Gestalt geben. Auch die Glaubenden müssen ihren Glauben in
den Räumen und Zeiten der vergänglichen Welt darstellen. Wenn sie da
den Nichtigkeitsspredigern von gestern und heute Glauben schenken,
dann wird ihre wunderbare Liebe, ihr frischer Glaube Stück um Stück
vom Stumpfsinn der Wiederholung des Alten durchsuppt. Das Neue, das
Gott in unser Leben bringt, aber hat mit uns etwas Besseres vor, als
flüchtiges und nichtiges Veralten.
Musik: Johann Christoph Bach, Motette: „Der Mensch vom Weibe
geboren...“
IV.
„Ich fühle mich wie neu
geboren“, sagen Menschen sehr häufig, die von einer Krankheit genesen
sind oder irgendeine Kur gemacht haben. Sie meinen damit: Mein Leben
steht noch einmal an einem Anfang. Mich belasten die Sorgen und
Schmerzen von Gestern nicht mehr. Ich bin wieder richtig neu-gierig
auf mein Leben, das vor mir liegt.
Die
Bibel kann den Glauben an Gott tatsächlich auch wie das Genesen von
einer Krankheit beschreiben, nach dem man sich wie neu geboren fühlt.
Unsere Krankheit ist, dass wir weder mit dem Neuen noch mit dem Alten
in unserem Leben richtig zurecht kommen. Gegen das Fieber des Haschens
nach bloßen Neuigkeiten schlucken wir die Pillen des Trübsinns der
vergehenden Zeit. Gegen den dumpfen Schmerz der Sinnlosigkeit unseres
vergänglichen Lebens greifen wir nach dem Rauschgift der schnellen
Erlebnisse. Gotteserfahrung löst dieses Hin- und Hertaumeln auf. Sie
beruhigt mit der unendlichen Sanftmut der Ewigkeit Gottes alle
Nervosität des Fliehens in irgendetwas scheinbar Neues, bei dem wir
den Boden unter den Füßen verlieren. Sie schenkt Gelassenheit
gegenüber allen menschlichen Inszenierungen von hektisch Neuem.
Die
andere Seite von Gotteserfahrung aber ist: Sie schafft einen Horizont
unseres Lebens, in dem das Neue immer einen Vorsprung vor dem Alten,
Vergehenden hat. Weil sie mit den ewig neuen Möglichkeiten Gottes in
unserer Seele ankert, macht sie uns gespannt auf alles Neue, das sich
wie ein Vorschein der Ewigkeit Gottes in unserem vergänglichen Dasein
meldet. Mit Gott wird unser Leben niemals langweilig. Er macht uns
neugierig auf das Wertvolle, auf Erfüllungen von Liebe und
Freundschaft, auf die Erneuerung des Abgenutzten, auf das lösende Wort
und die rechte Tat zur rechten Zeit. Er stiftet uns zur Freude am
überraschend Schönen und Geheimnisvollen in seiner Schöpfung an, zur
Freude an den Gestalten und Tönen, welche die Kunst von Menschen
darstellen kann.
Für
unser von der Ewigkeit Gottes berührtes Empfinden der Realität gibt es
darum genau genommen keine Wiederholungen. Nur das Böse wiederholt
sich mit dem immer gleichen Stumpfsinn, der das Zerstören und
Vernichten in all seinen groben und feinen Formen auszeichnet. Es
spielt uns den Rhythmus der Jahreszeiten und Feste als eintöniges
„Lied vom Tod“ in die Ohren, bei dem uns die Gänsehaut kommt. Gott
aber macht uns mit seiner lebendigen Geisteskraft von weither den
Rhythmus der Jahre zu einen Pulsschlag, an dem wir das immer
neue Wunder unseres von ihm bejahten Lebens spüren und entdecken
können. In jeden Tag, in jedes besondere Datum strömt von ihm her ein
Überschuss an Leben und Lebensempfindung ein, auf den wir gespannt
sein können. Das wird selbst dann so sein, wenn wir sterben. Solange
wir aber leben, macht es uns jeden normalen und jeden herausgehobenen
Tag im neuen Jahre zu einem mit Spannung erwarteten Tag.
„Was
gibt es Neues“? – so sind wir schon unzählige Male gefragt worden,
wenn wir nach Hause kamen, Bekannte oder Arbeitskollegen trafen. Wir
erzählen dann irgendetwas, was wir erlebt, gesehen und gehört haben.
Wir reden also von der Vergangenheit, vom Alten, von dem die Anderen
bloß noch nichts wissen. Wenn sie es aber wissen, dann frustrieren sie
uns nur oft mit der Reaktion: „Kennen wir, haben wir auch erlebt.“
„Was gibt es Neues“? – auf diese Frage können wir eigentlich nur
antworten, indem wir mit den Fragenden zusammen in die Zukunft
blicken. Wo Gott im Spiel ist, da ist dieser Blick selbstverständlich.
Darum veralten die biblischen Geschichten nicht und auch nicht unsere
christlichen Feste. Darum wird das Jahr 2004, selbst wenn wird älter
werden, kein Jahr unseres Veraltens sein. Wir können es wirklich als
Neu-Jahr begrüßen.
Musik: (einsetzend bei:
„Wo Gott im Spiel ist...“), Motette von J.S. Bach, “Singet dem Herrn
ein neues Lied“.
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