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Hoffnung auf den ewigen Gott
Ich kenne ein Dorf, wo viele Menschen von der Binnenschifffahrt
leben. Da gibt es unter den Schiffern eine alte Tradition. Die meisten
von ihnen treten in jungen Jahren aus der Kirche aus. Wenn sie dann
aber das Rentenalter erreicht haben, treten sie wieder ein. Warum sie
das machen, ist wie bei vielen alten Traditionen nicht ganz klar. Aber
es signalisiert doch eines deutlich: Im Leben, wenn sie da mit ihren
Kähnen auf Havel, Spree und Elbe herumschippern, hat die Kirche nicht
viel zu suchen. Aber wenn das zu Ende geht, dann wird sie so langsam
wieder etwas mehr zuständig. Sie sorgt für eine schöne Beerdigung und
öffnet vielleicht sogar, wenn es so etwas denn wirklich geben sollte,
ein Türchen zum ewigen Leben auch für einen wettergegerbten
Fahrensmann.
Ich weiß nicht, ob ich es wirklich gut finden soll, wenn unsere Kirche
da mitspielt. Denn hier gewinnt die Öffnung von Menschen für Gott nun
doch etwas schlitzohrig Geschäftsmäßiges, das dem Ernst des Lebens und
des Glaubens an Gott unangemessen ist. Auf der anderen Seite kann man
aber doch auch nicht übersehen, das die Alten das Erscheinungsbild
unserer Kirche ziemlich prägen. In der Regel ist das ja ein Grund zur
Klage. Zu viele Alte: das heißt, die Kirche stirbt aus. Aber ich
erinnere mich an diese Klage schon als ich selbst noch jung war –
nämlich vor mehr als 50 Jahren – und die Kirche ist immer noch nicht
ausgestorben. Die Alten, die damals im Gottesdienst saßen, sitzen
heute immer noch da. Irgendwie müssen sie ja nachgewachsen sein. Wenn
das aber so ist, dann hat die Kirche offenkundig für alte Menschen
etwas besonders Attraktives.
Die
Gründe könnten sein: Viele alte Menschen sind einsam. Hier finden sie
eine Gemeinschaft, in der sie wichtig sind und in der sie sich wohl
fühlen können. Hier erwarten sie mit Recht Verständnis für die
Probleme des Altseins und Trost, wenn es ihnen schlecht geht. Nicht
zuletzt aber ist hier ein Ort, an dem die christliche Hoffnung
eine große Bedeutung für ihr alt gewordenes Leben bekommen kann. Denn
wo eine christliche Kirche ist, wird von dieser Hoffnung geredet, mehr
noch: Da sind Menschen, welche diese Hoffnung in sich tragen und
andere zu ihr ermutigen. In der Sprache des Neuen Testaments handelt
es sich um die Hoffnung, dass Gott uns vom Tode erwecken werde.
Leider gibt es heute
innerhalb und außerhalb der Kirche viele Menschen, die eine solche
Hoffnung nicht haben. Entweder glauben sie nicht an Gott. Dann können
sie von ihm auch nichts erhoffen. Oder sie glauben zwar an Gott,
meinen aber, dass er nur für dieses irdische Leben zuständig ist und
deshalb auch gegenüber unserem Tod nichts ausrichten kann. Sowohl die
Einen wie die Anderen müssen darum irgendeine Lebenskunst finden, wie
sie damit fertig werden, dass sie sterben müssen. Die Meisten machen
es so wie unsere Schiffer. Sie verdrängen den Gedanken an ihren Tod so
lange es geht. Aber irgendwann geht das nicht mehr. Da meldet sich der
Tod von alleine, z.B. wenn Menschen sterben, die uns nahe stehen, und
ihr Tod schlimme Lücken in unserer Leben reißt, wenn wir selber schwer
erkranken und spätestens dann, wenn wir alt und älter werden. Dann
nimmt die Macht, die unser Ende auf uns ausübt, deutlich zu. Denn die
Zeit, in der wir sterben müssen, rückt schneller und schneller heran
und wir können immer weniger so tun, als lebten wir ewig. Unsere
geistigen und körperlichen Kräfte schwinden langsam. Immer mehr der
Bekannten und Verwandten um uns herum sterben. Wir sind auf die Hilfe
von Anderen angewiesen, um überhaupt noch unsere Lebenstage zu
bewältigen. „Was gibt es jetzt noch für mich zu hoffen“? – diese Frage
kann man sehr häufig von alten Menschen hören.
Es ist eine
tieftraurige Frage, eine Frage, die schon vom Tod infiziert ist. Denn
sie erwartet die Antwort „Nichts“. „Nichts, Schluss, Aus“ ist die
Sprache des Todes, die sich nach und nach des alten Menschen
bemächtigt. Das Schlimme, das sie uns sagt, besteht darin, dass sie
unser ganzes Leben als nichtig durchstreicht und selbst die Zeit, die
wir noch haben, entwertet. Sie macht auch Angst vor den Schrecken des
Sterbens, so dass Menschen beginnen, sich auszumalen, wie es ist, wenn
sie ersticken, oder wenn sie die Alzheimer-Krankheit bekommen, bei der
ihr Bewusstsein verlöscht und ihr Leib – dieser schöne, blühende Leib
von einst – für andere bloß noch eine Last ist. Der Tod, der seine
mächtigen Schatten in das Leben von alten Menschen wirft, kennt viele
Arten, sie in seine Fänge zu nehmen und sie den Tod erleiden zu
lassen, längst ehe sie sterben.
Ich bin darum froh, zu
einer Gemeinschaft von Menschen zu gehören, in der diese Sprache, die
das ganze Leben am Ende mit dem Tode infiziert, nicht wuchert. Und ich
bin auch froh, dass alte Menschen diese Gemeinschaft suchen, damit die
Wellen des Todes ihr Leben nicht ganz überschwemmen. Hoffnung heißt
immer, dass dem Tode die Macht genommen wird, im Leben von Menschen
mit seinen langen Schatten herumzuwüten. Hoffnung gibt der Zukunft des
Lebens ein Plus vor dem Sterben und Vergehen. Das ist auch ohne den
Glauben an Gott so. Wer von der Zukunft nichts mehr erhofft, fühlt
sich wie tot. Jeder neue Tag wird ihm zum Totengräber. Er schaufelt
das Leben bloß mit der Vergangenheit zu; je älter er wird, um so mehr.
Die Hoffnung dagegen
spannt die Flügel unserer Seele aus, so dass wir voran fliegen in
Zeiten schöner Erfahrungen, in Zeiten der Erfüllung unserer Wünsche,
in Zeiten neuer Erkenntnis und vieler Überraschungen, die uns Freude
bereiten. Solche Hoffnung macht sogar vor der Grenze unseres Todes
nicht halt. Deshalb gibt es auf der Welt sehr viele religiöse
Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Sie stehen zwar alle im
Verdacht, nur Illusionen zu sein. Doch selbst Atheisten träumen davon,
in ihren Kindern weiter zu leben. Derartige Träume der Hoffnung
schenken uns offenbar Lebensmut, weil wir uns, solange wir leben, nur
schwer vorstellen können, dass unser Leben bloß dazu war, in Schmerz
und Trauer wieder zu verschwinden. Die Frage „Was kann ich hoffen“?,
muss darum bei alten Menschen nicht eine vom Tode infizierte Frage
sein. Sie kann Ausdruck des Mutes werden, mit dem wir gerade in der
Nähe zur zeitlichen Grenze unseres Lebens unser Alter als besondere
Lebenszeit anzunehmen vermögen.
Allerdings braucht eine
solche Hoffnung auch gute Gründe. Auf den Flügeln unserer Träume
können wir zwar sehr weit fliegen. Wir können aber auch ganz schön
hart abstürzen, wenn sich herausstellt, dass sie keinen richtigen
Anker in unserem wirklichen Leben hatten. Und das stellt sich leider
oft und besonders in den Härten des Alters heraus. Auch die
christliche Hoffnung ist gegen einen solchen Absturz nicht gefeit.
Schon im Neuen Testament hatte es Paulus mit Leuten zu tun, die sich
Christen nannten, aber bei denen der Grund der christlichen Hoffnung
nicht richtig in ihrem Leben geankert hat. Sie haben darum gesagt. „Es
gibt keine Auferstehung der Toten“ (I Kor 15, 12). Paulus hat darauf
geantwortet: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, dann
sind wir die elendesten unter allen Menschen“ (15, 19). Warum? Wir
trauen dann dem ewigen Gott gar nichts zu, der uns in Christus
begegnet ist. Wir machen ihn zu einem Gott von begrenzter Reichweite,
eingeschränkt auf den Aktionsradius seiner sterblichen Geschöpfe, also
letztlich zu einem Götzen.
Wer an Gott glaubt,
lebt in der Tat zuerst in seiner Gegenwart, in der er uns mit seinem
Geist belebt, uns bejaht und aufrichtet und uns ermutigt, wie seine
Geschöpfe zu leben. Aber indem das geschieht, berührt uns er uns ja
schon mit seiner Ewigkeit, in der er vor Beginn unseres Lebens
lebendig war und auch am Ende unseres Lebens lebendig sein wird. An
Gott glauben, heißt im Lebensgefühl existieren, vom ewigen Gott von
allen Seiten umgeben zu sein. Wo ich als Christ auch hingehe, hoffe
ich darum, dass er mir entgegenkommt und mit seinen göttlichen, ewigen
Möglichkeiten für mich da ist. Hoffnung auf Gott beginnt darum ganz
gewiss nicht erst im Alter. Wahrscheinlich haben es Menschen, in deren
Leben die Hoffnung auf Gott keinen Anker fand, als sie auf der Höhe
ihrer Lebenszeit waren, sogar besonders schwer, diese Hoffnung zu
fassen. Ich bin da im Blick auf unsere Havelschiffer nicht sehr
optimistisch. Sie denken vermutlich, in der Kirche sollen sie Zutrauen
zu irgendwelchen Unsterblichkeitspraktiken fassen. Vielleicht machen
sie sich auch die abenteuerlichsten Vorstellungen über das, was in der
Bibel „Auferstehung“ heißt.
Doch an irgendwelchen
Vorstellungen über irgendwelche jenseitigen Zustände hängt das
Aufleben der Hoffnung nicht. Es hängt vielmehr an der Erfahrung des
ewigen Gottes, in dessen Händen es allein liegt, was aus mir wird,
wenn ich sterbe. Er hat ja schon mein kleines irdisches Leben mit dem
Pulsschlag seines ewigen göttlichen Lebens überreich gemacht. Was soll
mich hindern, darauf zu hoffen, dass er mich in meinem Tode mit dem
göttlichen, mit dem ewigen Leben auffangen wird? „Mit wem Gott redet,
der ist wahrhaft unsterblich“, hat Martin Luther gesagt. Christinnen
und Christen hoffen darauf, dass er sie bei ihrem Namen rufen wird,
wenn sie sterben und dass sein ewiges Leben darum auch sie – über
alles hinaus, was wir uns vorstellen können – verewigen wird.
Wer in dieser Weise auf
der Höhe seines Lebens hoffen gelernt hat, wird in sein Alter
sicherlich nicht bloß irgendwie hineinstolpern. Doch gerade das
erleben wir immer wieder bei alten Menschen. Zuerst erscheint der
Rentenbeginn als die große Chance, frei vom Stress des Berufsalltags
in Ruhe sein Leben genießen zu können. Aber bald wirkt er wie der
große Hammer, der vom nützlich-tätigen Leben abschneidet. Es dauert
nicht lange, dann folgt der große Jammer, der alten Menschen früher
die Bezeichnung „Greis“ oder „Greisin“ eingebracht hat. Dieses Wort
ist von „gries“ abgeleitet und bedeutet einerseits „zermahlen“ und
andererseits „grau“. Ein „Greis“ ist ein vom Leben zerriebener und
gebrechlicher Mensch, ein graues, verschwindendes, griesgrämiges
Wesen. Dieses Wort ist Gott sei Dank heute aus unserer Sprache
verschwunden. Man nennt die Alten „Seniorinnen“ und „Senioren“, um mit
diesem Fremdwort irgendein besonderes Gewicht und eine besondere
Aktivität von alten Menschen zum Ausdruck zu bringen. Das ist ja auch
gut so. Mir käme es mit meinen 66 Jahren auch komisch vor, wenn man
mich einen Greis nennen würde.
Aber so wie einer, der
auf den ewigen Gott hofft, in sein Alter hinein geht, fände ich es
auch nicht schlimm, ohne Fremdwort-Geschwefel nüchtern damit zu
rechnen, dass alte Menschen nun in einem Alter sind, in dem der Tod
sich in ihrem Leben nachdrücklich melden kann. Für eine Christin und
für einen Christen meldet er sich ja schon lange. Jeden Morgen, wenn
ich in mein Arbeitszimmer gehe, werfe ich seit langem einen Blick auf
den Gekreuzigten. Der erinnert mich täglich daran, dass ich sterblich
bin und dass jeder Tag eine einmalige Gelegenheit ist. Mit der heute
so beliebten Todesverdrängung kommt ein Christ darum bestimmt nicht in
seinem Alter an. Aber auch nicht mit all der Jammerei darüber, dass
das Leben nun irgendwie ins Nichts abrutscht. Es rutscht nicht ab.
Denn was abzurutschen scheint, das fängt Gott auf, auf den ein
Christenmensch hofft.
Altwerden im Hoffen auf
Gott gibt uns darum die Kraft, zwischen dem zu unterscheiden, was wir
selbst vermögen und dem, was wir getrost in Gottes Hände legen können.
Dieses Hoffen schenkt uns eine eigenartige Gelassenheit, die wir so in
unserer Jugend nicht kannten. Wenn wir jung sind, dann strotzt alles
nur so voller Möglichkeiten. Wenn wir erwachsen sind, haben sich
unsere Möglichkeiten auf das eingependelt, was wir vermögen. Wenn wir
aber alt werden, dann freuen wir uns der Möglichkeiten, die wir haben,
auf besonders intensive Weise und trauern nicht den Gelegenheiten
nach, die wir nicht mehr haben. Was gestern war, hat der ewige Gott
unterdessen ja längst in seine Umsicht aufgenommen, so dass wir uns
darüber keine quälenden Gedanken machen müssen. Was aber Morgen sein
wird, darauf können wir nach wie vor gespannt sein. Vielleicht lässt
Gott uns so alt werden, dass wir am Ende wie Abraham lebensüberdrüssig
werden oder mit Johann Sebastian Bach singen: „Ich habe genug“.
Vielleicht stehen uns auch schwere Prüfungen unserer Hoffnung bevor.
Wir wissen es nicht. Die Hoffnung auf Gott ist ja überhaupt kein
Wissen. Aber ein Lebenselixier des Alters – das ist sie schon. |
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