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Der
Mensch lebt nicht vom Brot allein
Feier-Tag am
03.10.1999
"Der Mensch lebt
nicht vom Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund Gottes
geht". So steht es im 5.Buch Mose. So hat es Jesus zitiert. Ich möchte
Sie heute Morgen einladen, nach der Gültigkeit dieser biblischen
Wahrheit für unser Leben zu fragen.
I.
Am heutigen
Sonntag fallen gleich zwei Feiertage auf einen Tag. In den Kirchen
wird das Erntedankfest gefeiert. Zugleich ist heute der Tag der
deutschen Einheit. Das eine ist ein Fest von weither. Es stammt aus
den Zeiten, wo die Menschen noch viel unmittelbarer als heutzutage mit
der Landwirtschaft zu tun hatten. Für viele wirkt es deshalb
verstaubt. Mit der Ernte haben nur noch wenige Menschen in unserer
Gesellschaft direkt etwas zu tun.
Der andere
Festtag ist jung. Er wird heute erst das zehnte Mal gefeiert. Aber
auch mit ihm haben viele ihre Schwierigkeiten. Die Einheit
Deutschlands nach 40 Jahren der Trennung ist nicht mehr frisch und
ansehnlich wie eine schöne, erfreuliche Blume. Sie hat ziemlich viele
welke Blätter bekommen. Sie ist alltäglich und mühselig geworden. Sie
hat manche Erwartungen enttäuscht. Es ist darum durchaus unklar, ob
wirklich viele Menschen in unserem Land diesen Tag in froher Stimmung
begehen werden.
Der alte und der
junge Festtag scheinen also ein gemeinsames Geschick zu haben. Sie
lösen nicht gerade Jubel aus. Für die Ernte zu danken, hat man sich
vielerorts längst abgewöhnt. Und so etwas wie dankbare Freude über die
deutsche Einheit will aufs Ganze gesehen auch nicht recht aufkommen.
Vielleicht liegt das daran, dass beides für uns schon zu
selbstverständlich ist: die Fülle der Lebensmittel in den Supermärkten
und das Leben ohne Grenzen, ohne Hochrüstung und ohne die
Parteidiktatur im Osten Deutschlands. Sicherlich spielt auch eine
Rolle, dass Dankbarkeit im Leben von Menschen heute überhaupt nicht so
hoch in Kurs steht. Niemandem etwas zu verdanken haben, gilt eher als
ein Ideal wirklich gelungenen Lebens.
Doch das ist ein
richtig blödes Ideal. D.h. es macht die Augen davor zu, dass wir das
meiste, was in unserem Leben zählt, von anderen empfangen haben: Allem
voran dieses Leben selbst; dann die Zuwendung und Bejahung anderer
Menschen, ohne die wir verkümmern würden wie eine ungegossene Primel;
und so auch die vielen Dinge, die wir zum Leben brauchen. Alle unsere
Lebensvollzüge inmitten von Menschen haben fundamental damit zu tun,
dass wir dabei immer auch Empfangende sind. Das kann man vergessen.
Zweifellos. Alles was uns umgibt, erscheint dann wie ein großer
Verbrauchermarkt, aus dem wir uns irgendetwas grabschen. Aber der
Preis für eine solche Lebenseinstellung ist ziemlich hoch. Indem wir
nicht wahrnehmen, dass wir überall auch Beschenkte sind, verlieren die
Dinge, aber auch die Menschen für uns ihren Glanz. Sie glitzern
höchstens. Jedoch das hört schnell auf, indem wir sie zu irgendetwas
verwerten. Sie werden langweilig und verbrauchen sich bald - so wie
unser Leben, so wie die deutsche Einheit, so wie die anderen Menschen
und natürlich auch und erst recht die Lebensmittel.
Danken können
heißt, dieser Verödung unseres Lebens das Wasser abgraben. Danken
heißt, helle, offene Augen haben für den Reichtum, mit dem wir
beschenkt sind, indem wir auf dieser Erde leben dürfen. Es ist kein
gebücktes und gedrücktes Herumdienern; schon gar nicht vor Gott Denn
der hat uns geschaffen, um aufrecht zu gehen und einen Himmel zu
schauen. Es ist auch kein Schönfärben dessen, was nicht gut ist. Aber
es macht uns zu staunenden Menschen, die selbst das Einfachste, selbst
das tägliche Brot, als ein Geschenk wahrzunehmen vermögen, mit dem wir
als Menschen geehrt werden.
Musik:
E.Karaindrou, Trio and Eternity Theme, Nr. 15
II.
Das Brot, für
das am Erntedankfest gedankt wird, ist ein Wort mit vielen
Bedeutungen. Wir denken bloß meisten nicht daran, was es uns alles zu
sagen hat. Im täglichen Sprachgebrauch handelt es sich um nichts
weiter, als eine Bezeichnung für ein ziemlich simples Nahrungsmittel.
Mehl wird zu einem Laib verarbeitet. Wir schneiden davon Scheiben ab.
Und wir beschmieren sie, damit sie uns schmecken. Trockenes Brot zu
essen macht niemand Spaß. Mit "Wasser und trocken Brot" wurden früher
die Verbrecher ernährt. Wir wollen deshalb nicht bloß Brot haben. Wir
wollen etwas Richtiges darauf.
Die
Brotindustrie gibt sich darum heute ja auch große Mühe, das Ansehen
des simplen Brotes aufzumöblen. Jeder Backwarenladen, der etwas auf
sich hält, bietet mindestens 5 - 10 verschiedene Sorten an; selbst so
Merkwürdiges wie Yogabrot oder Joggingbrot. Das verhindert zwar nicht,
dass auch dieses veredelte Brot in Massen in den Müllcontainern
landet. Altes und hartes Brot mögen wir nicht. Also weg damit. Aber
beim Kaufen soll man wenigstens das Gefühl haben, nicht nur einfach
gebackenes Mehl nach Hause zu tragen. Und der sogenannte
"Frischebäcker" macht uns ja auch vor, sein Brot sei dauernd frisch
und lecker.
Die Wahrheit ist
jedoch: Er muss sich mit solchen Sprüchen Mühe geben, dieses simple
Nahrungsmittel zu verkaufen. Neben der Fülle dessen, was uns zum Essen
feil geboten wird, ist es eben nur ein Nahrungsmittel unter anderen.
Fragt man uns, was wir gerne essen, dann fällt uns sicherlich nicht an
erster Stelle das Brot ein.
Aber merkwürdig:
Dennoch wimmelt unsere Sprache nur so von Redewendungen, in denen das
Brot eine ganz wichtige Rolle spielt. Er sei glücklicherweise "in
Arbeit und Brot", hat mir jemand gesagt. Er verdiene "sein Brot
sauer", kann man von einem anderen hören. Hier ist Brot offenkundig
nicht bloß ein nebensächliches Nahrungsmittel. Es ist vielmehr ein
Ausdruck für alles, wovon wir uns nähren. Ja mehr noch: Es meint
alles, was wir brauchen, um überhaupt menschlich leben zu können. Als
die französischen Frauen am O5.Oktober 1789 mit dem Ruf "Brot" zum
Königsschloss nach Versailles zogen, klagten sie ihre Würde und ihre
Rechte als Menschen ein. Und als die Bolschewiki die Losung "Xleb,
Brot" für die Oktoberrevolution von 1918 in Russland ausgaben, meinten
sie soziale Gerechtigkeit für alle.
Wo Brot fehlt,
um den Hunger zu stillen, da kommen sich Menschen klein und
verächtlich vor. Ihre großen und schönen Möglichkeiten - ihre
Vernunft, ihre Phantasie, ihre Begabungen - verkümmern dann im Kampf
ums bloße Überleben. Die traurigen Augen hungernder Kinder sprechen zu
allen Zeiten davon, dass fehlendes Brot fehlende Zukunft eines Lebens
ist, das menschlich zu heißen verdient.
Brot ist darum
vom altersher ein Wort mit Tiefgang und mit Horizont. Das ist kein
Zufall. Unsere vom Christentum geprägte Sprache hat es so unter uns
heimisch gemacht. "Unser täglich Brot gib uns heute", hat Jesus selbst
die Christenheit beten gelehrt. Dadurch ist das Brot zu mehr geworden,
als zu einem irgendeinem Nahrungsmittel, das man gedankenlos verzehrt.
Ins Gebet gefasst ist es ein Aufruf, uns daran zu erinnern, was wir
wirklich zum Leben brauchen.
Musik:
Karaindrou, Eternity Theme, Nr. 3
III.
Man kann in der
Welt, in der wir leben, nicht für das Brot danken, ohne an die zu
denken, denen es fehlt. Die Bilder vom Elend des Hungers, der Armut
und der Entbehrung werden uns täglich vor Augen geführt. Wir wissen,
dass wir auf der Speckseite der Welt leben. Wir wissen auch, dass
unser Reichtum mit dem Darben der Ärmsten dieser Welt erkauft ist.
Wie können wir
da Gott für das Brot, das wir haben, danken? Muss es uns nicht im
Halse stecken bleiben, weil wir es nicht fertig bringen, es
ausreichend mit anderen zu teilen? Während man bei uns Prämien für
brachliegende Felder zahlt, kann in den ärmsten Regionen der Welt dem
Boden nicht das Nötigste abgerungen werden. Während wir - und sogar
schon unsere Kinder - Übergewichtsprobleme haben, nagt der Hunger am
Leben der anderen.
Das alles ist
uns schon so oft vor Augen geführt worden, dass man sich fast scheut,
aufs neue davon zu reden. Denn geändert hat sich dadurch nichts
Entscheidendes. Wir kommen uns als einzelne ja auch ziemlich hilflos
vor. Die Probleme, um die es hier geht, sind Strukturprobleme, die
grundlegend nur durch eine andere Weltwirtschaftspolitik gelöst werden
können. Ansätze dazu gibt es, auch in unserem Land. Doch die sog.
Entwicklungshilfe steht auch bei uns nicht an einer vorderen Stellen
der politischen Notwendigkeiten. Die Spenden aber, welche die Kirche
z.B. mit der Aktion "Brot für die Welt" oder die Welthungerhilfe
sammeln, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Gott für das
tägliche Brot zu danken, ist darum nicht möglich, ohne über diesen
schrecklichen Zustand zu klagen. Unser Dank wäre unwahrhaftig, wollten
wir diese Klage unterdrücken. Ein wahrhaftiges Klagen aber kann nicht
nur ein Klagen über die Versäumnisse der anderen sein. Wir haben
Grund, auch über uns selbst zu klagen: Über unsere Vergesslichkeit und
über unsere unzureichende Phantasie beim Helfen. Gott hat uns die Erde
nicht zum Bewahren und Bebauen gegeben, damit wir die Hände in den
Schoß legen, wenn sie seinen Geschöpfen nur Dornen und Disteln trägt.
Er hat auch nicht versprochen, mit einigen Zauberkunststücken dafür zu
sorgen, dass uns dabei Mühe und Schweiß erspart bleibt.
Als Jesus
aufgefordert wurde, Steine in Brot zu verwandeln, hat er das als
teuflische Versuchung von sich gewiesen. Statt dessen hat er sich mit
denen eins gemacht, die hungrig sind und auf uns warten, damit wir sie
speisen. Es jammerte ihn dieser Armen, heißt es mehrmals im
Evangelium; so wie es z.B. auch jenen Samariter jammerte, der einen
beraubten und halb tot geschlagenen Menschen am Straßenrand fand.
In einer neueren
Bibelübersetzung hat man dieses etwas altertümlich wirkende Wort
getilgt. Es scheint so wenig zeitgemäß. Deshalb heißt es nun: Der
Samariter sei "innerlich bewegt" gewesen. Doch das ist kein guter
Einfall. Denn es geht ja darum, dass der Jammer, dieses Seufzen,
Stöhnen und Verzweifeln eines anderen Menschen hier zu unserem eigenen
Jammer wird. In diesem Jammer werden uns andere Menschen ganz nah. Wir
können sie dann nicht mehr unter Hinweis auf übermächtige
Strukturprobleme beiseite schieben. Wir werden sie vielmehr in unsere
eigene Sorge um das tägliche Brot aufnehmen.
Vielleicht kann
ja dieser Tag des Dankens, der nicht ohne Klage ist, zu einem Anstoß
werden, wenigstens einem Menschen zu helfen, der keine Zukunft
hat, weil ihm das tägliche Brot fehlt. Ich fände es z.B. gut, wenn
sich sehr viele in unserem Land entschließen könnten, ganz persönlich
Patenschaften für Kinder in der sogenannten dritten und vierten Welt
zu übernehmen. Das ist kein Ausweichen vor den großen
Strukturproblemen, in den armen Regionen unserer Erde. Es hält
vielmehr diese Probleme in unserem Bewusstsein wach, ohne uns hilflos
ermatten zu lassen. Der Dank für unser täglich Brot, der sich ganz
konkret den Jammer eines hungernden Menschen angehen lässt, wird so zu
einem Dank mit tatkräftigen Händen.
Musik:
Karaindrou, Depart and Eternity Theme, Variation III
IV.
Wortloses Brot
ist schlimmes Brot. Es macht einsam. Es vermittelt das Gefühl der
eigenen Wertlosigkeit. Wenn die Obdachlosen, die sich in einer
Großstadtgemeinde jeden Mittwochmorgen zum Frühstück an der
ehrenamtlich organisierten "Berliner Tafel" treffen, bloß wortlos
abgespeist würden, dann wäre das im Grunde eine menschenverachtende
Einrichtung. Denn wer hierher kommt, braucht mehr als nur etwas zu
essen. Er braucht Ohren für seine Geschichte, Augen für seine Lage und
eben ein Wort, in dem sich seine Seele bergen kann.
Doch Worte
dieser Art sind rar unter uns. Sie werden sogar immer seltener, je
mehr wir zu essen haben, je satter wir sind. Das scheint regelrecht
ein unseliges Gesetz zu sein: Das gute tägliche Brot verwandelt sich
in eine fast dämonische Macht, wenn wir zu viel davon haben können. Es
beschlagnahmt unsere Gefühle, unser Denken und unsere Zeit. Wo das
aber geschieht, wird jeder sich selbst der Nächste und für die anderen
zugleich der Fernste. Die Geschichten von Menschen sind unzählbar, die
auf diese Weise in unserer Gesellschaft einsam und verbittert werden,
obwohl sie alles Nötige haben,.
Manchmal will es
so scheinen, als sei das auch der Grund, der so vielen die deutsche
Einheit vergällt. Als die Menschen in der DDR die "friedliche
Revolution" begannen, da ging es ja nicht wie bei den anderen großen
Revolutionen Europas um das Brot im elementaren Sinne. Brot gab es im
Sozialismus genug. Es wurde sogar an die Schweine verfüttert, weil es
so billig war. Was hinter der Mauer wirklich fehlte, war dagegen die
Freiheit, mit anderen Menschen auf der Welt zusammen sein zu können.
Damals war ein Wissen davon vorhanden, dass eine Ideologie des Brotes
alleine nicht zu einem erfüllten Leben reicht. Unterdessen sieht es so
aus, als sei es vor allem darum gegangen, den Wettkampf um immer mehr
äußerliches Wohlergehen erst richtig zu eröffnen. Wer hier nicht
übergenug bekommt, gilt schon als Verlierer. Bei den vielen Menschen
aber, die nun keine Arbeit haben, breitet sich das Gefühl der
Nutzlosigkeit ihres Lebens aus.
Worte, die aus
dem Mund Gottes kommen, sind in dieser Situation sicherlich keine
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Sie sind überhaupt nichts Nutz- und
Verwertbares für irgendeinen Zweck. Aber sie unterbrechen eine
Lebenseinstellung, die den Wert von uns Menschen nach unseren Erfolgen
in jenem Wettkampf beurteilt. Niemand muss sich mit solchen Erfolgen
dafür rechtfertigen, dass er überhaupt da ist. Niemand hat sein Leben
verloren, der in diesem Wettkampf nicht mithalten kann.
Mit Worten, die
aus dem Mund Gottes kommen, werden wir vielmehr alle einzeln immer
schon als unersetzlich wichtige und wunderbare Wesen angesprochen. Sie
rücken uns darum auch das tägliche Brot in unserem Leben an die
richtige Stelle. Wir brauchen es und wir können dafür dankbar sein,
wenn wir es haben. Zum Segen wird es in unserem Leben aber erst, wenn
es von wahrhaft lebensspendenden Worten umschlossen und begleitet ist.
Musik:
J.S.Bach, Choral: O Gott, Du frommer Gott |
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