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Liebe Gemeinde,
in den
Abendgottesdiensten, die wir in den vergangenen Jahren gefeiert haben,
standen Abendlieder auch im Zentrum der Predigt. Denn da wir uns in
diesen Gottesdiensten an den „schönsten Abendliedern unserer Kirche“
erfreuen wollen, ist es recht, dass diese Freunde auch auf das
gesprochene Wort übergreift. So wollen wir es auch heute halten,
obwohl das Lied, um das es jetzt gehen soll, eigentlich keine
richtiges Abendlied ist, sondern nur den sound eines Abendliedes hat.
Es ist auch nicht
ganz sicher, ob es Sie Alle wirklich erfreut, wenn wir im Verlaufe der
Predigt dieses Lied singen werden. Denn es ist zwar eines beliebtesten
Kirchenlieder überhaupt. Bei Umfragen, welche die Hymnologen, die
Liederkundler, veranstalten, landet es regelmäßig auf ganz vorderen
Plätzen. In unserer Kirche aber ist es stark umstritten. Für die einen
ist es ein intimer Begleiter ihres Lebensweges, den sie nicht missen
möchten. Dietrich Bonhoeffer, in dessen Frömmigkeit sich viele Motive
dieses Liedes finden, gehörte z.B. dazu. Die anderen finden es
sentimental, ja kitschig und eigentlich eines Kirchenliedes nicht
würdig und nicht in unsere Zeit passend. Außerdem bietet es den
Theologen viel Stoff zum Herumkritisieren.
Unser Lied ist
deshalb im Evangelischen Kirchengesangbuch von 1950 nicht unter dies
zu singenden Lieder aufgenommen worden. Es steht ohne Noten im
Gebetsanhang. Aber in unserem Evangelischen Gesangbuch von 1993 ist es
wieder voll drin. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass ich es
seitdem jemals in einem Gottesdienst gesungen habe. Dafür aber wird es
umso häufiger bei – Beerdigungen gewünscht, wozu allerdings auch die
Beratung durch die Bestattungsinstitute ihren Teil beiträgt.
Sie ahnen nach
dieser Beschreibung des wechselhaften Geschicks unseres nicht wenig
umstrittenen Liedes also sicherlich schon, worum es sich handelt. Es
geht um „So nimm denn meine Hände und führe mich“. Julie von Hausmann,
eine allein stehende, zeitlebens kränkelnde Erzieherin und
Haushälterin hat es 1862 zusammen mit anderen Gedichten in einem Bande
anonym veröffentlichen lassen, der den Titel trägt: „Maiblumen. Lieder
einer Stillen im Lande“. Schon dieser Titel weist darauf hin, dass wir
uns hier in der Welt einer verinnerlichten, gefühlsbetonten
Frömmigkeit befinden, wie sie vor 150 Jahren in kirchlichen und
besonders in pietistischen Kreisen geschätzt wurde. Der Herausgeber
der „Maiblumen“ war Pfarrer der Herrenhuter Brüdergemeinde in
Berlin-Neukölln.
Unterdessen sind
die „Maiblumen“ längst verblüht. Kaum einer kennt heutzutage noch
Julie von Hausmanns poetische Werke – mit einer Ausnahme. „So nimm
denn meine Hände“ fand eine rasante Verbreitung bis heute und das
durch viele Übersetzungen in andere Sprachen nicht nur in Deutschland.
Diesen erstaunlichen Siegeszug aber verdankt das Lied ohne Zweifel
nicht zuletzt der Melodie, durch die es populär wurde. Sie
stammt von einem Volkslieder-Komponisten, Friedrich Silcher, von
dessen Melodien Sie Alle sicherlich viele kennen. Elisabeth Orphal
lässt ein paar der Bekanntesten dieser Melodien anklingen, damit wir
uns ein wenig mit der musikalischen Atmosphäre vertraut machen, mit
der wir es hier zu tun bekommen.
(z.B. Ich weiß
nicht, was soll es bedeuten, In einem kühlen Grunde, Wenn alle
Brünnlein fließen, Ich hat einen Kameraden, Kein Feuer, keine Kohle,
Der Mai ist gekommen, Das Lieben bringt groß Freud, Ännchen von Tharau)
Volkslieder
zeichnen sich dadurch aus, dass sie in Text und Melodie schlicht und
leicht fasslich sind. Liebesfreund und Liebesleid spielen in ihnen
eine große Rolle. Sie sprechen Herz und Gemüt an, so wie es auch bei
„So nimm den meine Hände“ der Fall ist. Allerdings war die Melodie
ursprünglich gar nicht für dieses Lied gedacht, sondern für – ein
Abendlied. Es heißt: „Wie könnt’ ich ruhig schlafen in dunkler
Nacht“. Dieses Abendlied ist unterdessen gänzlich vergessen. Aber es
passt in seinen Aussagen eigentlich ohne Weiteres mit den Abendliedern
unserer Kirche zusammen. Deshalb sollten wir es ruhig einmal singen.
Es steht auf dem ausgeteilten Liedblatt.
Lied:
1. Wie könnt ich ruhig schlafen in dunkler Nacht,
wenn ich, o Gott und Vater, nicht Dein gedacht?
Es hat des Tages Treiben mein Herz zerstreut;
bei Dir, bei Dir ist Frieden und Seligkeit.
2. O decke meine Mängel mit Deiner Huld,
Du bist ja, Gott, die Liebe und die Geduld.
Gib mir, um was ich flehe: ein reines Herz,
das Dir voll Freuden diene in Glück und Schmerz.
3. Auch hilf, daß ich vergebe, wie Du vergibst,
und meine Brüder liebe, wie Du mich liebst.
So schlaf ich ohne Bangen in Frieden ein
und träume süß und stille und denke Dein.
Vielleicht, liebe
Gemeinde, wäre dieses Lied ja in den lebendigen Liederschatz unserer
Kirche eingewandert, wenn sich Julie von Hausmanns Lied nicht so
unlöslich mit seiner Melodie verbunden, ja verklebt hätte. Das ging
übrigens nur, indem die ursprünglich 6 Strophen zu drei Strophen
zusammen gefasst wurden. Dadurch hat es – besonders durch den
anschwellenden zweiten Teil – denn auch diesen Volksliedcharakter
gewonnen, der sonst eigentlich nur für viele Abendlieder unserer
Kirche charakteristisch ist. Die Frage, ob damit die Ernsthaftigkeit
eines christlichen Leben, die aus dem Text als solchem spricht, nicht
ins Sentimentale und Gefühlsduselige gezogen und verharmlost wird, hat
sich deshalb von Anfang an gestellt. Ein Kirchenmusiker, Eduard Hille,
hat sich aus diesem Grunde 1866 auch hingesetzt und versucht, einen
Choral aus dem Lied zu machen. Der sollte so klingen:

Doch eine
derartige Choralversion hatte keine Chance mehr, sich gegen das
Volksliedhafte zu behaupten. Dieses Volksliedhafte aber hat dazu
verführt, die biblischen Motive für ein christliches Leben, die in
diesem Liede reichlich vorhanden sind, zu überspielen. Besonders krass
wird das in den folgenden Jahren daran sichtbar, dass „So nimm denn
meine Hände“ zu einem äußert beliebten Lied bei Trauungen
wurde. Hier gab vor allem die erste Strophe den Ton an. Braut und
Bräutigam bitten sich gegenseitig, sich ihre Hände zu geben, sich zu
führen und keinen Schritt mehr alleine zu tun. Manchmal wurde das,
weil die Vfn. des Liedes ja eine Frau war, auch nur auf die Braut
bezogen. Sie bittet ihren Eheherrn, sie zu führen.
Ein derart
merkwürdige Verortung unseres Liedes wurde sicherlich auch durch eine
wundersame Geschichte von seiner Entstehung befördert. Das ist nämlich
eine – wenn auch ziemlich traurige – Ehegeschichte. Julie von
Hausmann soll sich demnach in jungen Jahren in einen Pfarrer verliebt
und sich spontan mit ihm verlobt haben. Dieser Mensch aber habe sich
zum Zeitpunkt der Verlobung kurz vor der Abreise nach Indien befunden,
wo er als Missionar wirken wollte. Unsere Julie konnte jedoch nicht
mitfahren, weil sie die nötigen Visa nicht besaß und erst ihr Gepäck
zusammen suchen musste.
So sei der
Missionar denn alleine los gereist, während ihm seine Verlobte ein
paar Monate später auf eine für eine allein reisende Frau in damaligen
Zeiten ziemlich abenteuerliche Weise folgte. Als sie aber endlich in
Indien ankam, war ihr Verlobter tot. Eine Seuche hatte ihn dahin
gerafft. Daraufhin soll sie dann dieses Lied geschrieben haben, in dem
sie ihr Leben jetzt der Führung Gottes anvertraute und so für die
Rückreise gut gerüstet war.
Diese Geschichte
wird in erwecklichen Predigten bis heute tatsächlich verbreitet. Doch
sie ist schlicht Unfug. Man kann das schon daran sehen, dass Julie von
Hausmann in manchen Versionen dem Missionar nach Afrika folgt,
in anderen nach Südostasien. Bei den einen wird ihr der Tod
ihres Verlobten gleich bei der Ankunft mitgeteilt, bei den anderen
stolpert sie erst tagelang durch wildes Land, um dann erschüttert das
Grab Ihres Verlobten zu finden, der erst drei Tage vorher gestorben
war. In der biographischen Hinterlassenschaft unserer Dichterin findet
sich von alledem kein Wort. Sie ist nie aus Europa heraus gekommen und
war auch nicht verlobt. Trotzdem hat diese fromme Erfindung sicherlich
dazu beigetragen, den Sinn unseres Liedes auf das Verhältnis von
Eheleuten zueinander zu beziehen.
Von seinem Inhalt
her verbietet sich das eigentlich von selbst. Aber seine Einwanderung
in’s phantasiereiche Volkslied macht’s möglich. Vergleichbares gilt
für den schon vor 150 Jahren einsetzenden beliebten Gebrauch dieses
Liedes bei Beerdigungen. Die am Grabe ihres Geliebten stehende
junge Frau lädt alle ein, die an Gräbern stehen, ihr Leben jetzt auch
der Führung Gottes anzuvertrauen. Die Zuspitzung unseres Liedes auf
ein Grablied hat zwar einen gewissen Anhalt an seinem Text. „...und
führe mich bis an mein selig Ende“, heißt es da ja. Trotzdem ist
dieses Lied kein Grablied, sondern ein Wegelied für das Leben.
Das Verstehen
dessen, was das für ein Leben ist, ist in unserem Gottesdienst schon
ein wenig vorbereitet worden. Psalm 139 und die beiden Lesungen, die
wir gehört haben, sind biblische Texte, die bei Julie von Hausmann
anklingen. Vielleicht achten Sie ein wenig darauf, wenn wir dieses
Lied jetzt singen, das wegen der abendlichen Grundgestimmtheit seiner
Melodie vielleicht tatsächlich am Besten in besinnlichen Abendstunden
gesungen wird. Ich selber habe es in meinem Elternhause sehr häufig
bei Abendandachten gesungen.
EG 376: So nimm
denn meine Hände
Der Pfarrer Knak
aus Neukölln hat dem Lied, das wir eben gesungen haben, in den
„Maiblumen“ – ein Titel, mit dem Julie von Hausmann übrigens nicht
einverstanden war – eine Überschrift hinzugefügt. Sie lautet: „Ich
will dir folgen, wo Du hingehst“. Sie haben das aus der Lesung von
Lukas 9 sicherlich noch im Ohr. Ein begeisterter Anhänger Jesu ruft
das aus. Aber er muss sich sagen lassen, dass er sich dann auf ein
Leben gefasst machen muss, das unsicherer ist als das der Füchse in
ihren Gruben und der Vögel in ihren Nestern. So sieht die „Nachfolge“
aus, die keine Garantie für ein sicheres Leben in dieser Welt bietet.
In den Fußspuren Jesu wird der Lebensweg in dieser Welt zum
Kreuzesweg, auf dem alle Freude an Jesu Gottesklarheit und
Menschlichkeit von dem Schmerz begleitet wird, den Gottesfinsternis
und Menschenfeindschaft ihm und denen, die im nachfolgen, bereiten.
Julie von Hausmann
hat diese Erfahrung in eigenartiger Weise und in poetischer Freiheit
mit der Gewissheit zusammen gemischt, die aus dem 139. Psalm spricht,
den wir am Anfang gebetet haben. Dass „Gottes Hand“ einen Menschen
leitet und führt, verschmilzt bei ihr mit Jesu Ruf in die Nachfolge.
Wenn Gott ihre Hände nimmt und sie führt, dann ist dieser Ruf keine
fast übermenschliche Zumutung. Dann wird ein Mensch von Gott in die
Nachfolge Jesu geleitet. Es ist dann nicht Hektik angesagt,
sondern ruhige Gelassenheit auf einem Wege, dessen gutes, dessen
„seliges“ Ende gewiss ist.
Maria, die, wie
wir in der andern Lesung gehört haben, im Unterschied zu ihrer
hektischen Schwester nach Hausfrauenart, Martha, hörend zu „Jesu
Füßen“ sitzt, ist für Julie von Hausmann das Urbild eines
gelassenen Christenmenschen in den Stürmen der Zeit. Sie wünscht
sich, zu Jesu Füßen zu ruhen und so durch ihre persönliche
Kreuzesnacht eines schlimmen Migräneleidens geführt zu werden, in der
von Gottes Macht nichts zu spüren ist. Sie empfindet sich dabei
als ein „armes Kind“. Doch als „Kinder“ und schon gar als „arme
Kinder“ hat Jesus niemand bezeichnet, den er in die Nachfolge rief.
Als „Kinder“, als Kinder eines Vaters, verstehen sich vielmehr die,
die Gott als „Vater“ anrufen.
Auch hier
verbindet sich in unserem Liede Jesu Ruf in seine Nachfolge mit dem
Vertrauen zu dem Gott, der selbst in den extremsten Situationen des
Lebens führt und leitet. Auch hier ist eine große Beruhigung
des Lebens die Pointe dieser Verbindung. Eingehüllt in Gottes Erbarmen
wie in einen warmen Wintermantel will das „arme Herz“ des „armen
Kindes“ mucksmäuschen stille sein. Man hat den Eindruck, unsere
Julie-Maria bleibt zu Jesu Füßen sitzen, auch wenn sie
vom Gehen auf ein Ziel hin spricht. Es ist mehr eine innere Reise als
ein „Stehen und Gehen“ in Jesu Mission. Das aber will nicht so recht
zu seinem Rufe in seine Nachfolge passen.
Hier setzt darum
auch das Kopfwiegen unserer Kirche und ihrer Theologinnen und
Theologen ein. Der Ruf Jesu in die Nachfolge ist doch keine
Aufforderung zum Sitzenbleiben im warmen Stübchen! Da geht’s doch
hinaus in die Welt, wo der Wind pfeift. Da muss das Reich Gottes
verkündigt und sein Frieden in einer friedlosen Welt mit Worten und
Taten dargestellt werden. Da heißt es nicht: „Augen zu“, sondern
„Augen auf“. Da geht’s nicht um Freud und Schmerz einer einsamen,
stillen Seele, sondern um Heil und Unheil der Welt!
Das ist, liebe
Gemeinde, natürlich alles richtig. Aber die, die solche Richtigkeiten
ins Feld führen, müssen aufpassen, dass sie dabei nicht selber blind
für das Echte in Julie von Hausmanns Lied werden. „Gebärde dich
nicht allzu weise, warum willst du dich zugrunde richten“? heißt es
schon in den Sprüchen Salomons.
Allzu weise aber
wäre es, die Verinnerlichung der Gewissheit, in der Nachfolge
Jesu von Gottes Hand geführt zu werden, bloß auf das Konto irgendeiner
religiösen Sentimentalität zu schreiben. Ein Mensch in der Nachfolge
Jesu ist doch kein abstrakter Funktionär eines noch so guten
Anliegens! Dessen eigenes Leben, Empfinden und Fühlen ist doch
dabei, wenn er seine Schritte in Jesu Fußspuren setzt. Jesu Ruf
in seine Nachfolge verbietet es aber ganz bestimmt nicht, dass dieses
Leben sich auch äußert und davon redet oder singt, was Menschen im
Innersten bewegt, die mit ihm auf dem Wege sind.
Der große Erfolg
unseres Liedes verdankt sich sicherlich auch dem Eindruck vieler
Menschen, dass hier etwas zum Ausdruck kommt, was sie im Blick auf ihr
eigenes Leben selbst empfinden. Das ist die Sehnsucht, dieses
ihr Leben möge nicht in lauter unzusammen hängende Einzelteile,
Zufälle, Geschicke, Taten und Untaten sinnlos auseinander stieben. Es
ist das Suchen nach einem Weg, auf dem sich unser Leben zu
einem zusammen stimmenden Ganzen, zu einem Lebensweg, ordnet.
Im Liede „So nimm
denn meine Hände“ werden wir in Text und Melodie von einem solchen
Leben mit einem Lebensweg berührt. Es ist nicht unser
Lebensweg. Es ist der Weg einer „Stillen im Lande“ vor 150 Jahren.
Indem wir ihr Lied singen, merken wir das ja auch. Wir singen dann
sozusagen mit Abstand, wie wir das ja übrigens auch mit Liedern tun,
in denen uns eine von anderen Zeiten geprägte Frömmigkeit begegnet.
Aber zugleich kann sich beim Singen unseres Liedes doch auch ein
Gefühl des Einverständnisses melden. Es ist das Gefühl, wie gut es
wäre, wenn sich in der Nachfolge Jesu und unter Gottes Führung auch
unser Leben zu einem Lebensweg ordnete, mit dem wir in
„Freud und Schmerz“ ganz einverstanden können. Amen. |
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