|
:: Lebenslauf
:: Bibliographie
:: Artikel
:: Vorträge
:: Predigten
:: Radiosendungen
:: Links
|
|
1. Timotheus 2, 1-6
Liebe Gemeinde,
Beten gehört zum
christlichen Leben wie die Luft zum Atmen. Ohne Beten gibt es keine
Nachfolge Jesu, der seinen Weg betend gegangen ist und der
Christenheit die Worte seines Gebets mit auf den Weg gegeben hat. Ohne
Beten gab und gibt es keine christliche Kirche, die nur glaubwürdig
von Gott reden kann, indem sie mit Gott redet. Ohne Beten wäre
der Glaube der einzelnen Christinnen und Christen so etwas wie eine
religiöse Ideologie ohne Tiefgang und Durchhaltekraft.
Denn Beten macht
Ernst damit, dass Gott in unserem Leben gegenwärtig ist und Kontakt
mit uns hält. Die Aufforderung zum Beten zieht sich darum wie ein
roter Faden durch die ganze Bibel. Der Name des heutigen Sonntags: „Rogate,
Betet“ setzt hinter diese ständige biblische Aufforderung nur noch ein
besonders dickes Ausrufezeichen. Ja, wir müssen leider auch sagen: ein
heute besonders nötiges Ausrufezeichen.
So
selbstverständlich wie Glauben und Beten im Wurzelgrund des
Christentums zusammen gehören, bilden sie nämlich – wie Sie Alle
wissen – im alltäglichen Leben der Christenheit von heute und in
unseren Landen durchaus nicht ein unangefochtenes Paar. Denn Beten hat
viele Widersacher, die ihm zusetzen, es stottrig oder hohl werden
lassen und es schließlich zum Verstummen bringen.
Da sind die
Menschen um uns her, denen Beten – ob mit oder ohne „realen
Sozialismus“ – schon seit Langem etwas völlig Fremdes oder Absurdes
geworden ist. Verirren sie sich auf eine christliche Beerdigung oder
in den Heiligabendgottesdienst stecken sie bei der Aufforderung:
„Lasset uns beten“ peinlich berührt die Hände in die Hosentaschen oder
lassen ihr Gesicht in lauter Abweisung erstarren.
Da sind die
Menschen mit Bildung in der europäischen Geistesgeschichte, die sich
von den Philosophen haben belehren lassen, dass Beten überhaupt etwas
Menschenunwürdiges sei. Es widerspricht nach deren Meinung der
Selbstbestimmung von Menschen zur Vernunft und zur Moral, sich
bettelnd und bittend vor einem Gotte zu erniedrigen. „Wer Fortschritte
im Guten gemacht hat, hört auf zu beten“, hat Immanuel Kant behauptet.
Allerdings hat er glücklicherweise nicht das Umgekehrte gesagt, dass
Aufhören mit Beten auch schon ein Fortschritt im Guten sei. Dazu gibt
es der nicht-betenden Bösewichter denn doch zu viele!
Aber nun haben wir
zu allem Überfluss ja auch noch die richtig wilden Atheisten. Sie
geben heutzutage Friedrich Nietzsches bösen Worten über das
Christentum wieder eine lautstarke Stimme. Es handle sich bei den
Christen „um kleine Mucker und Dreiviertelsverrückte“, hatte dieser
Pastorensohn aus Röcken bei Leipzig behauptet. Sie bildeten sich
tatsächlich ein, dass um „ihretwillen beständig die Naturgesetze
durchbrochen werden“. Die Wissenschaft macht damit Schluss, meinte
Nietzsche und mit ihm die mehr oder weniger wilden atheistischen
Zeitgenossen von heute.
Das Alles – dieses
Niedermachen des Betens – hinterlässt natürlich Spuren in der
Betefreudigkeit der Christenheit. Sie – diese Betefreudigkeit – wird
durchlöchert und geschwächt von einem ganzen Schwall von Einwänden und
Zweifeln aus den verschiedensten Ecken. Man kann es ganz äußerlich am
Nachlassen christlicher Gebetsgewohnheiten bemerken. Eltern, die ihre
Kinder mit einem Abendgebet in den Schlaf geleiten, werden zur
Ausnahme. Das Tischgebet verschwindet aus den Familien. Dass der Tag
morgens mit einer Andacht beginnt, wie ich es selbst es z.B. in meinem
Elternhause erlebt habe, dürfte unterdessen zum seltenen Fall geworden
sein.
Doch ich will
diesen seltenen Fall durchaus nicht als Idealfall eines christlichen
Lebens preisen. Festgelegte Gebetszeiten können das Beten auch zum
äußerlichen Ritus, zum Gesetz, zur abzuleistenden Gewohnheit werden
lassen. Aus der Freiheit zum Beten wird dann der Zwang zum Beten, bei
dem die Seele gar nicht richtig mit dabei ist. Die Kandidaten im
Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde waren z.B.
durchaus nicht alle begeistert, als Dietrich Bonhoeffer ihnen dreimal
am Tage lange Gebetszeiten verordnete. Ihnen fiele nichts mehr ein,
was sie beten sollen, und vorformulierte Gebete würden auf die Dauer
zur gebetsmühlenartigen Leierei, haben sie gemeint.
Beten, liebe
Schwestern und Brüder, ist eben auch ein recht und schlecht
menschliches Werk mit all den Schwächen und Fragwürdigkeiten, mit
denen wir auch sonst unsere Werke belasten. Zwischen einem Gebet von
Herzen, mit dem wir im stillen Kämmerlein unser Herz vor Gott
ausschütten, und der religiösen Organisation des Betens, die es wie
ein Schauspiel sogar ins Fernsehen schafft, menschelt es eben
gewaltig.
Wer ein Leben lang
mit diesem Menscheln beim Beten seine Erfahrungen gemacht hat, wird
sich darum hüten, irgendeine Form des Betens als perfekte Erfüllung
des Gebotes „Rogate, betet“ auszugeben. Im Kämmerlein – allein vor
Gott und umgeben von Gebetsabstinenzlern – versagen uns so oft die
Worte. Da kann es richtig befreiend sein, dass wir in die Gebetsworte
der Bibel, aber auch der kirchlichen Ritualisierung des Betens
einstimmen können. In das gottesdienstliche, öffentliche Beten unserer
Kirche fließen umgekehrt – wie wir das vom Beten in unserer
Nordendgemeinde wohl sagen können – immer wieder ganz viele
persönliche Gebetsanliegen ein, mit denen wir von Herzen einverstanden
sein können.
Es ist darum nicht
geraten, irgendeine Form des Betens gegen die andere auszuspielen. Im
Menscheln kann jede verenden und in wahrhafter Gottesanrufung kann
jede aufblühen. Soll es da nicht zu einem andauernden Hin- und
Herschwanken kommen, dann ist so etwas wie ein Gebetsrückrat nötig,
das nicht gleich von jedem Angriff auf das Beten einen
Bandscheibenvorfall bekommt. Und damit komme ich nun endlich auf die
Epistel des heutigen Sonntags, unseren Predigttext.
Dieser Text spitzt
die Aufforderung „Rogate, betet“ auf die Pointe zu: „Betet für alle
Menschen“. Begründet wir diese Aufforderung zur Fürbitte in großem
Umfang mit dem Willen des Gottes, zu dem die Christenheit
betet. Er will allen Menschen zur „Erkenntnis der Wahrheit“ helfen,
heißt es da. Das klingt für unsere Ohren ein bisschen so, als ginge es
Gott um irgendwelche intellektuellen Leistungen von uns Menschen.
Doch das Wort
„Erkenntnis“ hat hier wie meistens in der Bibel einen anderen Klang.
Es meint das in Erfahrungen verankerte Sichverstehen von Menschen auf
andere Menschen, vor allem aber das Sichverstehen auf Gott. Zur
Erkenntnis der Wahrheit Gottes kommen, bedeutet darum, ganz davon
durchdrungen sein, wie gut es ist, dass Gott mit uns Menschen zusammen
Gott sein will. Weil die Wahrheit Gottes aber den Namen Jesu Christi
trägt, gelten alle Einwände nicht, die gegen dieses Zusammensein
sprechen.
Weder der
gebetslose Unglaube so vieler Menschen noch unser eigenes Menscheln
beim Beten haben die Macht, dieses Zusammensein zu kassieren. Wer sich
auf Gott versteht, wie er uns durch das Leben und Sterben Jesu Christi
eindrücklich wird, kann das für keine letzten Einwände halten. Gott
resigniert nicht, wenn seine Geschöpfe dabei sind, dieses Zusammensein
zugrunde zu richten. Darum resignieren die, die sich auf Gott
verstehen, auch nicht. Im Gegenteil, sie schöpfen Mut, sich an Gottes
Absichten mit der Menschheit zu beteiligen.
Die Aufforderung,
für alle Menschen zu beten, bekommt dadurch einen ganz besonderen
Klang. Es geht beim Beten der Christenheit nicht nur darum, dass
einzelne Menschen sich in innerlicher Frömmigkeit betend der Führung
ihres Lebens durch Gott anvertrauen. Eine solche Frömmigkeit, in der
wiederum z.B. Dietrich Bonhoeffer gelebt hat, kann zwar ein starkes
Rückrat verleihen, wenn Leid, Misserfolge und Nackenschläge unseren
geraden Lebensweg ins Schleudern bringen. „Gott Hand und Führung sind
mir so gewiss, dass ich hoffe, immer in dieser Gewissheit bewahrt zu
werden“, hat Bonhoeffer 1944 ein paar Tage nach dem Scheitern des
Attentats auf Hitler an seinen Freund Eberhard Bethge aus dem
Gefängnis geschrieben.
Bonhoeffer wusste
aber zugleich auch, dass der Gott seines persönlichen, frommen Lebens
der Herr der Geschichte ist, der will, dass alle Menschen sich
auf ein Leben mit ihm und aus ihm verstehen. Die Aufforderung unseres
Predigttextes, für alle Menschen zu beten, verleiht dem Beten darum
einen weiten Horizont, wie Gott ihn hat.
Sie ruft uns auf,
die Augen weit aufzumachen. Sie möchte, dass wir uns wie Gott das
Geschick und Ergehen der Menschen um uns her, ja auf der ganzen Erde
angehen lassen. Sie möchte, dass wir daran mitwirken, dass alle
Menschen sich auf Gott verstehen lernen. Sie beteiligt uns
gewissermaßen an Gottes Weltregierung. Wir dürfen und sollen Gott
aufgrund unserer Erfahrungen in der Welt Vorschläge machen, wie
er mit seinem Geist die Herzen der Menschen erreicht und ihre Wege und
Geschicke zum Besten leitet.
Dass betende
Menschen kleine bettelnde Duckmäuser seien, ist deshalb wirklich nur
eine üble Nachrede aus der antireligiösen Gerüchteküche. Wer an Gottes
Weltregierung teilnimmt, richtet sich vielmehr auf und leistet dem
Elend Widerstand, das Menschen sich durch ihr Tun auf den Hals ziehen
oder in das sie unverschuldet geraten. Wer an Gottes Weltregierung
teilnimmt, pflegt auch keine Illusionen über die naturgesetzlichen
Bedingungen unseres Daseins, die ihm der Schöpfer verliehen hat. Er
wird vom Schöpfer keinen Unfug erbitten, sondern ihm vorschlagen, wie
er uns in den Grenzen unseres Daseins durch dieses Leben leiten
möchte.
Natürlich leiden
die Vorschläge, die wir Gott bittend machen, allesamt an unserer
begrenzten Einsicht und an unseren Irrtümern. Unsere Fürbitten wie
alles unser Beten sind darum darauf angewiesen, dass Gott sie in
seiner Weisheit korrigiert und zurecht rückt und sie so in seine
Umsicht bei seiner Weltregierung aufnimmt. Wenn man sich vorstellt,
alles wäre so in Erfüllung gegangen, wie Menschen es seit
biblischen Zeiten und heute von Gott erbeten haben, kann man ja
regelrecht einen Schreck bekommen. Gott sei Dank, kann man da nur
sagen, dass Gott unser Bitten so erfüllt, wie es seiner ewigen
Weitsicht und nicht unserer irdischen Kurzsichtigkeit entspricht.
Indem wir in
dieser Gewissheit ohne alle Selbstüberschätzung Gott anrufen, hat
unser Beten jedoch eine wichtige Konsequenz für unsere Lebensführung.
Wer Gott Vorschläge zum Wohle seiner Mitmenschen und der Völker dieser
Erde macht, kann die Hände nicht einfach in den Schoß legen. Er
bekennt sich mit diesen Vorschlägen ja selbst zu seiner Verantwortung
für das Ergehen und Geschick der ihm nahen und fernen Menschen. Er
wird also seinen Teil dazu tun, das Elend abzuwenden, um dessen
Beseitigung er Gott bittet. Ora et labora, bete und arbeite, hat ein
alter Spruch diese Einsicht auf einen lateinischen Reim gebracht. Ora
et labora: Bete und tritt selbst für das ein, wofür Du betest, können
wir diesen Reim sicherlich für uns selbst aktualisieren.
Leider kommt der
Zusammenhang unseres Betens mit unserer tätigen Verantwortung für die
Welt in unserem Predigttext aber nicht so gut heraus. Das hängt ein
bisschen mit den altertümlichen Vorstellungen von menschlicher
Weltverantwortung zusammen, denen die biblischen Texte auch sonst
verhaftet sind. Es ist zwar ganz wichtig, wenn unser Text deutlich
macht, dass zu christlichen Verantwortung für die Welt an vorderer
Stelle das Gebet für die Regierungen gehört.
Für den 1.
Timotheusbrief sind das Könige und Obrigkeiten, die dafür sorgen, dass
Menschen ein „ruhiges und stilles Leben“ führen und auch ihrer
Religion ungehindert nachgehen können. Für sie – die Könige und
„Obrigkeiten“ – wird gebetet, dass sie „ihr Amt getreulich führen“,
wie wir nachher gleich mit dem Liede „Herr höre, Herr erhöre“ singen
werden.
Das ist nach
meinem Verständnis ein sehr schönes Lied, weil es die ganze Weite der
Anliegen vor Augen stellt, welche im Gebet für alle Menschen
wesentlich werden. Aber es ist eben ein Lied aus dem 18. Jahrhundert,
das man eigentlich zeitgemäß umdichten müsste. Denn es transportiert
auch noch die Vorstellung: Die Obrigkeit sind Herren da oben und die
Untertanen sind Knechte. Die einen regieren und die anderen gehorchen
und sind stille.
Doch wenn ich
darum bete, dass eine Regierung ihr Amt zum Wohle der Menschen
wahrnimmt, dann werde ich nicht stille in der Ecke hocken, sondern in
Wort und Tat meinen Teil zum Regieren beitragen. Natürlich ist das
eindrücklichste Beispiel aus der jüngeren Zeit dafür das Engagement so
vieler Christinnen und Christen im Jahre 1989 für eine demokratische
Erneuerung der DDR-Gesellschaft. Die heile Welt ist – wie wir alle
wissen – dabei nicht heraus gekommen. Aber es ist auch nicht gut, wenn
aufgrund der Unvollkommenheiten der Demokratie heute wieder viele
Menschen resigniert die Hände den Schoß legen, weil „die da oben“
sowieso machen, was sie wollen.
Solchem
Stillesein gräbt das Beten das Wasser ab. Es schweigt nicht vor Gott,
wenn Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch sich breit machen. Es lässt
Menschen, die beten, mit ihren Möglichkeiten, an ihrem Ort, für eine
gerechte Gesellschaft und einen menschenwürdigen Machtgebrauch aktiv
werden. Das Beten verleiht ihnen dabei einen langen Atem, der nötig
ist, wenn wir darauf blicken, wie viel zu tun ist und wie wenig wir
bewirken. Es bringt, wenn wir am Ende noch einmal auf unseren Text
hören, aber auch noch einen anderen Blick auf unsere Welt ins Spiel.
Und das ist die Dankbarkeit.
Über
all den Problemen, Fehlentwicklungen und Missständen, die Menschen in
unserer Welt plagen, gerät sehr leicht aus dem Blick, wie viel uns und
Menschen auf der ganzen Welt täglich an Bewahrung und Bereicherung
unseres Lebens geschenkt wird. Wir wissen nicht, welche Gebete
der weltweiten und nahen Christenheit darin zur Erfüllung kommen. Aber
dass sie zur Erfüllung kommen, ist doch die eigenartige Gewissheit,
die betende Menschen haben.
Sie verlieren das
Gute nicht aus dem Blick, das ihnen und auch ihren Mitmenschen in der
Nähe und in der Ferne geschenkt wird. Dürfen wir sagen: Es ist, auch
wenn es nur ein kleines Gutes ist und angefochten von vielem Kummer,
letztlich mehr als das viele Elend, das vor Gott zu beklagen ist?
Wir können und
wollen das nicht aufrechnen. Dazu gibt es viel zu nicht
aufzurechnendes Leid in unserer Welt. Aber ein Beten, dass nicht von
der Dankbarkeit dafür getragen ist, was wir Menschen immer schon von
Gott empfangen haben, wäre auch eine ganz abstrakte, einseitige Sache.
Es hätte nicht den Gott vor Augen, der uns immer schon aus grundloser
Liebe reich beschenkt hat. Für uns Christenmenschen gilt darum: Nicht
bloß die Not lehrt Beten. Noch mehr tut es die Dankbarkeit dafür, das
Gottes Wohltaten für unser begrenztes Leben unerschöpflich sind. Amen. |
|