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1. Korinther 9, 24-27
Liebe Gemeinde,
die Epistel aus
dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus, die wir vorhin gehört
haben, ist in einer Hinsicht einzigartig. Es handelt sich nämlich um
die einzige Stelle in der Bibel, in welcher vom Sport die Rede
ist. „Na und...?“, werden da vielleicht nicht Wenige von ihnen sagen,
die mit Sport aller Art nicht viel am Hut haben, „dass der Sport
nur einmal in der Bibel vorkommt, zeigt doch nur, wie unwichtig
diese Sache für das Leben ist. Gott sei Dank (!) kommt der Sport, für
den sich heute sinnloserweise Millionen und aber Millionen Menschen
weltweit begeistern, nur einmal in der Bibel vor“.
Aber nun gibt es
ja in unseren christlichen Gemeinden auch eine ganze Menge Menschen,
die dem Sport nicht so reserviert gegenüber stehen. Sei es, dass sie
selbst irgendeinen Sport betreiben, sei es, dass sie „Fans“
irgendeines Sportvereins oder einer sportlichen Größe sind: Sie werden
sicherlich angenehm berührt sein, dass der Sport seinen – (quantitativ
gesehen) zugegeben bescheidenen Ort – auch in der Bibel
gefunden hat.
Was die
Qualität betrifft, so erweist sich dieser Ort bei näherem Zusehen
allerdings als ziemlich gewichtig. Zwar kann man sich den Apostel
Paulus – ausweislich seiner Briefe – nur schwer als einen „Fan“ des
Sports vorstellen. Aber er ist bei seiner Missionierung Griechenlands
auf eine massenweise Sportbegeisterung der griechischen Bevölkerung
gestoßen, die er sich in unserer Epistel für sein missionarisches
Anliegen zunutze macht.
In Korinth, wo er
eine christliche Gemeinde gegründet hat, waren es nicht die
olympischen, sondern die Isthmischen Spiele, die alle zwei Jahre die
Bewohner des Isthmos in ihren Bann zogen. „Isthmos“ – so heißt die
Landenge zwischen dem griechischen Festland und der Halbinsel
Pelepones, an der die Stadt Korinth liegt. Die Spiele, die dort also
stattfanden, waren so eine Art Mischung von Sport und Kultur. Es
fanden Lauf- und Wurfwettbewerbe, Box- und Ringkämpfe, Pferde- und
Wagenrennen, aber auch ein Sänger- und Theaterwettstreit statt.
Diejenigen unter uns, die in der Schule noch Friedrich Schillers
ellenlanges Gedicht „Die Kraniche des Ibykus“ lernen mussten, haben
das im Ohr: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge/ die auf Korinthos
Landesenge/ der Griechen Stämme froh vereint/ zog Ibykus, der
Götterfreund“.
In unserem Falle
ist es der Apostel Paulus, der mit seiner christlichen Botschaft in
die Sportstadt Korinth einzieht. Ich will angesichts seiner Kenntnisse
vom Sport vermuten, dass er auch schon einmal im Stadion von Korinth
gewesen ist. Vielleicht haben ihn seine neben ihm sitzenden Nachbarn
mit ihrer Begeisterung auch irgendwie angesteckt und er hat den hoch
trainierten Athleten, die da um den Sieg sprinteten, mit zugejubelt.
Jedenfalls war der Eindruck von ihren Leistungen nachhaltig genug,
dass er der aufblühenden christlichen Gemeinde in Korinth diese
Athleten im übertragenen Sinne als ein Vorbild für ihr christliches
Leben gerühmt hat. Auch Christen – sagt er in unserer Epistel – sind
in ihrer Weise Sprinter, ja sogar – was mir persönlich gar nicht so
sehr gefällt – Boxer.
Wie er das gemeint
hat, kommt allerdings in Martin Luthers Übersetzung dieser Epistel,
die wir vorhin gehört haben, nicht ganz so gut heraus. Man kann Luther
das auch nicht verdenken. Denn im Wittenberg des 16. Jahrhunderts
spielte der Sport, wie ihn der Apostel Paulus vor Augen hatte, ganz
gewiss keine Rolle, so dass Luther hier dem Volk nicht „aufs Maul
schauen“ konnte, was er das sonst bei seiner Übertragung der Bibel in
Deutsche getan hat. Ich übersetze unsere Epistel deshalb noch einmal
neu, wobei ich mir die Freiheit nehme, einige Erläuterungen
einzufügen, die uns den Geist dieses Textes vielleicht etwas
näher bringen. Für mein Verständnis klingt unser Paulus-Brief also so:
Ihr
sportbegeisterten Korinther, die ihr bei den Isthmischen Spielen in
Massen in euer schönes Stadion strömt!
Ihr wisst, wie es
dort bei den Sprint- und Laufwettkämpfen zugeht. Da treten viele an,
aber nur einer kann gewinnen und erhält den Siegespreis.
Nehmt euch diese
Sportler zum Vorbild für euer christliches Leben. Lauft, damit ihr den
Siegespreis des Glaubens erlangt.
Mit lockerem
Jogging, bei dem man nicht aus Puste kommt, werdet ihr allerdings
nichts gewinnen. Jeder Sportler muss hart trainieren und auf viele
Annehmlichkeiten des Lebens verzichten, wenn er eine Chance haben
will, der Erste zu sein.
Er macht das,
damit er einen vergänglichen Kranz aus Kiefernzweigen auf den Kopf
gesetzt bekommt. Wir Christen aber trainieren fürs ewige Leben, damit
wir einen unvergänglichen Kranz erhalten.
Ich selber irre
deshalb bei meinem Lauf im Dienste Jesu Christi nicht irgendwie
planlos in der Gegend herum. Ich boxe auch nicht wie einer, der in die
Luft schlägt.
Vielmehr verpasse
ich – um es etwas drastisch auszudrücken – meinen trägen Leib ein paar
kräftige, gezielte Schläge und mache ihn mir so zum Diener. Denn ich
möchte, nachdem ich anderen das Evangelium verkündigt habe, am
Ende nicht selbst als Verlierer dastehen.
Jeder Vergleich,
liebe Gemeinde, hinkt irgendwo. Davor ist auch der Vergleich des
christlichen Lebens mit dem Hochleistungssport der isthmischen
Kämpfer, den der Apostel hier anstellt, nicht gefeit. Denn das
christliche Leben ist kein Wettkampf und schon gar nicht ein Boxkampf
der Christinnen und Christen untereinander, bei dem es einen Gewinner
und viele Verlierer gibt. Wenn solche Wett- und Boxkämpfe hin und
wieder auch in unserer Kirche ausbrechen, dann ist das nichts als
schlecht.
Der
Vergleichspunkt des Apostels Paulus zwischen dem Sport seiner Zeit und
dem christlichen Leben aber ist ein anderer, als das Zusammenspiel
einer Mannschaft, die nicht gegeneinander arbeiten darf. Bei dem
Gegner, gegen den ein Christenmensch anzutreten hat, handelt es sich
seiner Optik vielmehr um ihn selber. Denn Leistungssport war
schon vor 2000 Jahren wie auch heute nicht anders möglich, als mit
Selbstüberwindung. Ich habe gerade gelesen, wie der Skilangläufer
Rene Sommerfeld sich mit seinen Skiern im Laufschritt mehrmals auf den
ca 1.200 Meter hohen Fichtelberg hinauf quält, um bei der „Tour de
Ski“ eine Chance zu haben, der Erste zu sein.
Die isthmischen
Sportler haben sich in der glühenden Hitze Griechenlands vergleichbar
gequält, um sich Kondition, Spannkraft und Spurtkraft für den
einen Lauf im Stadion anzutrainieren. Genau das ist der Punkt, auf den
Paulus zielt. Auch christliches Leben ist ohne Training, das
Selbstüberwindung kostet, nicht möglich. Denn dieses Leben – vom
Geiste Gottes auf die Bahn, auf die Laufbahn des Glaubens gebracht –
ist kein religiöses Herumspazieren und spirituelles Herumprobieren.
Es wird gestartet:
Im christlichen Falle mit der Taufe. Und es hat ein Ziel: Das Reich
Gottes, in dem Gott uns mit dem Frieden seiner Ewigkeit umfangen wird.
Eingespannt zwischen Start und Ziel haben eine Christin und eine
Christ ihr Leben wie eine Laufbahn vor Augen. Die heute so viel
diskutierte Frage nach dem „Sinn des Lebens“ dürfte deshalb eigentlich
nicht ihr Problem sein. Denn diese Frage drückt ja aus, dass
unser Leben im Grunde startlos und ziellos ist und wir kleinen
Erdenwürmer wie durch ein unendliches Nichts irren.
Ich bin und weiß
nicht wer.
Ich komm’ und weiß nicht woher.
Ich geh’, ich weiß nicht wohin.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin!
Dieses Gefühl der
Sinnlosigkeit des Lebens hat Angelus Silesius, der unter dem
Namen Andreas Scheffler übrigens auch zweimal mit
christlicheren Gedichten in unserem Gesangbuch vertreten ist, schon im
Mittelalter ausgedrückt. Warum Menschen und wie Menschen inmitten des
Gefühls von Sinnlosigkeit und Leere dennoch „fröhlich“ sein können,
„Spaß“ und „fun“, „Jucks und Tollerei“ hoch schätzen, wollen wir heute
einmal auf sich beruhen lassen. Das hohle Innenleben der sog.
„Spaßgesellschaft“ ist ein Thema für sich.
Klar dürfte aber
sein, dass ein Mensch mit einer Laufbahn des Lebens vor Augen
inmitten von so viel Ziellosigkeit so vieler Menschen eigentlich ein
fröhlicher, heiterer Mensch sein kann. „Er zog fröhlich seines Wegs“,
heißt es in der Apostelgeschichte vom Kämmerer aus Äthiopien, als er
sich nach seiner Taufe in seine Christus-ferne Heimat aufmachte. Von
dieser Fröhlichkeit bemerken wir beim Apostel Paulus, der sich in
missionarischer Absicht auf den Leistungssport einlässt, aber nun
leider überhaupt nichts.
Er schildert uns
die Laufbahn des Christenlebens vielmehr so, wie sie auf den von
Anstrengung verzerrten Gesichtern der Sprinter und bei den wilden
Schwingern in Erscheinung tritt, mit denen die Boxer ihre Gegner grün
und blau zu schlagen versuchen. Sicherlich hat er dafür respektable
Gründe. Denn die Laufbahn des christlichen Lebens ist nicht so
abgezirkelt wie im Stadion von Korinth.
Wenn wir sie in
ihrer Erstreckung hinein in zukünftige Zeiten vor uns sehen, scheint
sie sich hinter Bergen und Kurven in undeutliche Horizonte hinein zu
verlieren. Außerdem tun sich da eine Menge von Nebenstrecken auf, die
mit Jogging, bei dem man nicht aus der Puste kommt, ein gemütlicheres
Christsein versprechen. Auch Rasthäuser bieten sich unterwegs an, in
denen man sich allerhand religiösen Speck anfuttern und die Einbildung
nähren kann, schon am Ziel zu sein.
Die Briefe des
Apostels Paulus geben Grund zu der Annahme, dass die Christinnen und
Christen schon damals in der Gefahr waren, auf gemütlichen Nebenwegen
und in religiösen Schlummerecken die Spannkraft eines christlichen
Lebens zwischen Start und Ziel zu verlieren. Niemand ist davor gefeit;
auch der Apostel nicht, dem man in seinem Missions- und Reiseeifer ja
nun wahrlich nicht vorwerfen kann, auf der religiösen Bärenhaut zu
liegen. Auch er muss sich selbst fit boxen, um inmitten all der
Gefahren des Missionsberufes und der Knüppel, die man ihm vor die
Beine wirft, nicht selbst aus der Bahn geworfen werden.
Allerdings wäre es
wirklich besser gewesen, er hätte sich nicht ausgerechnet das Boxen
ausgesucht, um sein Training für die christliche Lebensbahn
anschaulich zu machen. Die blutigen Nasen und dicken Veilchen unter
den Augen, die einem dabei sofort einfallen, haben leider immer wieder
Menschen auf die Idee gebracht, sei besonders christlich, ihren Körper
zu quälen und blutig zu schlagen. Paulus hat solche Selbstmisshandlung
ganz gewiss nicht gemeint. Der Zielpunkt seines Boxens im übertragenen
Sinne ist das Fit-Machen des ganzen Menschen, des Geistes und
des Körpers, für die Laufbahn des christlichen Lebens, auf der so
viele Hindernisse, abseitige Verlockungen und Stolpersteine lauern.
Es braucht ganz
gewiss nicht den Sport, liebe Gemeinde, um uns klar zu machen, dass
wir alle heutzutage einige Kondition benötigen, um inmitten von
Atheisten und irgendwie nebelhaft religiös gestimmten Menschen auf der
Lebensbahn des christlichen Glaubens voran zu gehen. Die Konzentration
darauf und die Spannkraft dazu verleiht nur Gottes Geist aus dem
Evangelium. Aber wenn die Sportbegeisterung damals und heute dazu
hilft, Menschen diesen Geist des Trainings auf der christlichen
Lebensbahn eindrücklich zu machen, dann können wir doch froh darüber
sein, dass der Apostel Paulus damit angefangen hat.
Es ist nur eine
einzige Stelle in der Bibel, an welcher der Sport eine so bedeutende
Rolle für das Verständnis des christlichen Lebens spielt. Im Leben der
Menschen von heute aber sind es Millionen und aber Millionen von
Stellen, an denen der Sport Herz und Gemüt, Zeit und Kraft von
Menschen beansprucht, ja sogar verschlingt. Für Viele ist er
regelrecht zu einer Ersatzreligion geworden. Die Wirtschaft hat sich
seiner bemächtigt. Statt mit Kiefernkränzen auf dem Kopf laufen die
Sportler wie wandelnde Liftfasssäulen herum. Wir werden deshalb viel
vorsichtiger sein, als Paulus zu seiner Zeit, den Sport von heute zur
Veranschaulichung der Anstrengungen des christlichen Lebens heran zu
ziehen.
Aber doch steckt
in dem seit antiken Zeiten in der Menschheit verankerten Wunsch, sich
in den begrenzten Räumen der Stadien und Sportplätze als Wesen mit
Start und Ziel, mit Anpfiff und Schlusspfiff zu betätigen, ein
meistens unbewusstes Wissen um unser göttlich bestimmtes Dasein auf
dieser Erde als Laufbahn. Natürlich ist dieser Versuch, das
wirkliche Leben auf den abgezirkelten Bezirken von Rennbahnen,
Ringseilen, Außenlinien und erfundenen Regeln zu inszenieren,
irgendwie kindisch. Zugleich meldet sich dort jedoch inmitten aller
Verzerrungen etwas eigentümliches Menschliches. Es ist das Streben ein
Ziel zu erreichen, den Punkt zu treffen, in den das Leben mündet.
Ob wir nun
sportlich gesinnt oder nicht, werden wir zugeben müssen, dass es
dieses heimliche Wesen des Sports verdient, in ernsthaftere
Dimensionen überführt zu werden. Der Apostel Paulus hat an einer
zugegeben einzigartigen Stelle in der Bibel damit angefangen. Wenn wir
seinem Vorbild folgen, werden wir die massenhafte Sportbegeisterung
der Menschen unserer Zeit trotz ihrer Auswüchse nicht verachten. Wir
werden sie vielmehr für die göttliche Wahrheit in Anspruch nehmen,
dass dem Training für ein wahrhaftes Ziel seines Leben kein Mensch
entkommen kann. Amen. |
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