|
:: Lebenslauf
:: Bibliographie
:: Artikel
:: Vorträge
:: Predigten
:: Radiosendungen
:: Links
|
|
Liebe Gemeinde,
von einer
Krippe ist in der Bibel an zwei Stellen die Rede und beide sollen
im Zentrum dieser Predigt stehen. Die eine Stelle haben wir an diesem
Tage alle aus der Weihnachtsgeschichte des 2. Kapitels des
Lukasevangeliums im Ohr: ... und Maria „gebar ihren ersten Sohn,
wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie
hatten sonst keinen Raum in der Herberge“. In dieser Krippe treffen
die Hirten, wie ihnen verheißen wurde, den neugeborenen Jesus im Stall
von Bethlehem denn auch an. Die zweite Stelle aber steht im Alten
Testament im 1. Kapitel des Jesaja-Buches. Dort heißt es im dritten
Vers: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe
seines Herrn. (Aber) Israel hat nichts erkannt, uneinsichtig ist mein
Volk“.
Unsere Kirche hat
diese alttestamentliche Stelle seit langen Zeiten mit der
Weihnachtsgeschichte in Beziehung gesetzt. Schon die phantasiereichen
Evangelien, die nicht in das Neue Testament gekommen sind, haben damit
angefangen und die alten Kirchenväter sind ihnen darin gefolgt. Das
hat Wirkung gezeitigt. Ochse und Esel, von denen die
Weihnachtsgeschichte nichts weiß, sind im Laufe der Geschichte der
Christenheit unwiderruflich in den Stall von Bethlehem einwandert.
Auf nahezu jeder
Darstellung der Krippenszene blicken sie mit Maria und Joseph, mit den
Hirten und häufig auch mit ihren Schafen andächtig auf das Jesuskind.
(Wir sehen das hier auf diesem Wandteppich aus unserer Zeit ebenso
wie auf dem wunderschönen Bild aus dem Jahre 1480, das die Titelseite
unseres Gemeindebriefes ziert). Ohne Ochse und Esel ist jede
Weihnachtskrippe, die das christliche Kunstgewerbe auf die
Weihnachtsmärkte und in die Wohnzimmer bringt, unvollständig. Warum
aber – mag sich ein bibelkundiger Christenmensch fragen – haben sich
Ochse und Esel gegen den Text bei Lukas so erfolgreich im Stall von
Bethlehem fest setzen können?
Noch verwunderter
mögen das die fragen, die von der Bibel keine Ahnung haben. Denn
Ochsen und Esel gelten in unserer Sprache und Vorstellungswelt nicht
gerade als Symbole für etwas Edles und Erstrebenswertes. Der „blöde
Ochse“ und der „dumme Esel“ sind im Gegenteil vielmehr regelrecht
Spitzenreiter unter unseren Schimpfworten. In diesem 20. Jahr nach dem
Fall der Berliner Mauer ist z.B. mehrfach daran erinnert worden, dass
Erich Honecker kurz vor seiner Absetzung in diesem Sinne auch den
Ochsen und den Esel bemüht hat. Am 6. Oktober 1989 hat er am Vorabend
des 40. Jahrestages der DDR der staunenden Weltöffentlichkeit
verkündet: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel
auf“.
Viele
Kommentatoren dieses merkwürdigen Ausspruchs haben damals gemeint, der
alte Honecker sei am Ende seiner real-sozialistischen Regierungszeit
wohl nicht mehr ganz bei Troste gewesen. Angesichts eines bankrotten
Staatswesen die Menschen als Ochsen und Esel zu beschimpfen, die auf
eine Erneuerung der Gesellschaft drängten, erschien ihnen als Ausdruck
von Altersstarrsinn dieses einstmals mächtigsten Mannes in der DDR.
Das war es wohl auch, aber zugleich war es doch auch noch mehr;
nämlich eine Jugenderinnerung.
Denn Honecker hat
hinzugefügt, es handele sich bei dem Spruch vom Lauf des Sozialismus,
den Ochs und Esel nicht aufhalten können, um eine „alte Erkenntnis der
deutschen Arbeiterbewegung“. Und in der Tat: Es ist belegt, dass die
Aktivisten der SPD am 1. Mai 1890 am Müggelturm ein großes Plakat
anbrachten, auf dem dieser Spruch stand.
„Ochs und Esel“
fallen einem jedoch beim besten Willen nicht ein, wenn man sich mitten
im Frühling an einem 1. Mai aufmacht, um gegen die Verelendung der
Arbeiterschaft zu protestieren. „Ochs und Esel“ sind in diesem Spruch
vielmehr eindeutig unsere in die Weihnachtsgeschichte eingewanderten
lieben Tiere. Man kann sogar auch erklären, warum sie in der
Arbeiterbewegung vor über 100 Jahren in den schlechten Ruf gekommen
sind, Hemmschuhe, wenn nicht gar Feinde des Sozialismus zu sein. Das
hängt nämlich merkwürdigerweise mit der Entstehung der spezifisch
deutschen Art, Weihnachten am Heiligabend zu feiern, zusammen.
An sich sind ja
Christenmetten zur Mitternacht eine alte christliche Tradition. In
Deutschland wurden sie jedoch im 18. Jahrhundert verboten. Denn es war
in der Bevölkerung üblich geworden, aus diesem Anlass ausschweifende
Saufgelage zu veranstalten und auf den Straßen (ähnlich wie heute zu
Silvester) herum zu krakelen. Die Folge des Verbotes dessen war, dass
sich die Feier des Heiligen Abends in die Familien verlagerte,
allerdings vor allem in die begüterten bürgerlichen Familien. Thomas
Mann hat in den „Buddenbroks“ auf köstliche Weise geschildert, wie man
sich eine solche Feier vorzustellen hat.
Die weitgehend
verarmte Arbeiterschaft aber konnte sich dergleichen nicht leisten.
Deshalb begannen viele Gemeinden, Weihnachtsfeiern für die Familien,
die kein Weihnachten feiern konnten, in den Kirchen auszurichten. Sie
versetzten zu diesem Zwecke den Christbaum und die Krippe mit Ochs
und Esel aus der Wohnstube in die Kirche. Dieses erste Modell
eines „Familiengottesdienstes“ ist dann im Laufe der Zeit zur religiös
erfolgreichsten gottesdienstlichen Feier in Deutschland geworden.
Volle Kirchen am Heiligen Abend prägen das Bild des 24. Dezember in
Deutschland, während der eigentliche Weihnachtsfeiertag, der 25.
Dezember, zu einer Art besinnlicher Nachfeier für die „normale“
Gottesdienstgemeinde geworden ist.
Am Ende des 19.
Jahrhunderts jedoch wurde das kirchliche Bemühen um
Heiligabendfamiliengottesdienste noch zusätzlich durch eine
antireligiöse Konkurrenz angetrieben. Die SPD und andere
„freisinnige“, atheistische Vereine hatten nämlich begonnen,
ihrerseits am 24. Dezember Weihnachtsfeiern mit Bescherungen für
Kinder armer Eltern zu veranstalten. Dabei wurden die christlichen
Weihnachtsfeiern scharf als Verdummung des unterdrückten Volkes
angegriffen.
„Blick auf, ein
Stern in hellem Scheine, der Sozialismus winkt dir zu und der Erlöser
der bist du“, heißt es z.B. in der sog. „Weihnachtsmarseillaise“, die
bei solchen Feiern gesungen wurde. Es ist mehr als wahrscheinlich,
dass die „alte Erkenntnis der Arbeiterbewegung“, Ochs und Esel könnten
den Sozialismus nicht aufhalten, in solchen Feiern ihren Ursprung hat.
Diese „Erkenntnis“ meint eigentlich: Die Religion ist der Hemmschuh
des sozialen Fortschritts der Menschheit. Der „blöde Ochse“ und der
„dumme Esel“ sind ihr Markenzeichen.
Nun gäbe es
einiges dazu zu sagen, wie viel unsere Kirche trotz der just in jener
Zeit ins Leben gerufenen „inneren Mission“ damals an sozialem
Engagement versäumt hat. Die Entfremdung der Arbeiterschaft von der
Kirche ist – besonders im Osten Deutschlands – eine der Wurzeln der
massenweisen „Konfessionslosigkeit“ der Menschen von heute. Aber „Ochs
und Esel“ möchte ich doch gerne vor der Anschuldigung in Schutz
nehmen, mit ihnen sei die Tumbheit für die sozialen Grunderfordernisse
des menschlichen Lebens in die Weihnachtsgeschichte und damit auch in
die Christenheit eingewandert.
Wie im Alten
Testament so oft werden nämlich in unserem Jesajatext die Tiere als
Vorbild für ein verständiges und lebenskluges Verhalten von Menschen
herangezogen. Ochse und Esel wissen, wo sie hingehören. Das ist
die Erkenntnis, die man nach Jesaja bei der Beobachtung ihres
Verhaltens gewinnen kann. Sie kennen ihren Besitzer und wissen, in
welcher Krippe sie Futter finden. Gottes Volk aber hat vergessen, zu
wem es gehört und woher es Kraft für sein Leben empfängt. Zwar feiert
es die religiösen Feste. Aber das bleibt kultisches Brimborium, wenn
„Recht und Gerechtigkeit“ in diesem Volk mit Füßen getreten werden.
Der Prophet Jesaja startet darum nach dem Hinweis auf Ochs und Esel
seine Botschaft mit einer schneidenden Gerichtspredigt, die sich auf
jeder kommunistischen Weihnachtsfeier sehen lassen kann.
Die Anführer des
Volkes werden als „Mörder, Abtrünnige und Diebesgesellen“ angeklagt.
Sie trachten nicht nach Gerechtigkeit, sondern nach Unterdrückung der
Armen. Sie schaffen den „Waisen“ nicht Recht und nehmen sich nicht der
Witwen an. Ihre Hände sind voll Blut. Sie müssen „schamrot“ da stehen,
nicht nur vor Gott und den Menschen, sondern auch vor Ochs und Esel.
Es gibt kein größeres Missverständnis der beiden, als sie zu
Wappentieren einer Religion der Unterdrückung und Verdummung armer,
leidender Menschen zu machen. Der Ochse, den Jesaja hier meint,
veranlasst zum Brüllen und der Esel zum Schreien, wenn Recht und
Gerechtigkeit mit Füßen getreten werden.
Im Stall von
Bethlehem, liebe Gemeinde, aber haben Ochs und Esel allerdings keinen
Grund, sich als Protestochse und -esel zu präsentieren. Da sind sie
ganz friedlich hinein genommen in eine neue Welt der Gerechtigkeit und
des Friedens, die von dem Kinde ausstrahlt, das in der Krippe liegt.
Diese Krippe ist nun nicht mehr bloß ein Futtertrog. Sie, die doch
eigentlich bloß für das Leben von Tieren nötig ist, hat sich durch
dieses Kind zur Lichtquelle einer befriedeten Welt für die ganze
Schöpfung gewandelt.
Wir können es
deshalb schon verstehen, warum die frühe Christenheit dem Ochsen und
dem Esel die Tür zum Stall von Bethlehem geöffnet hat, die beim
Evangelisten Lukas noch geschlossen ist. Sie hat das getan, weil sie
die Zeugen nicht missen wollte, die für die wundersame Wandlung
des Fresstroges von Ochsen und Eseln zur Heimstatt Gottes auf unserer
Erde gut stehen. Sie hat damit auch dem Alten Testament, sie hat
Israel seinen Platz an der Seite des Jesuskindes behauptet.
Es zählt
allerdings zu den weniger glücklichen Einfällen der Kirchenväter, dass
sie Ochse und Esel dann noch einmal auseinander dividiert haben. In
ihrem Bemühen, allen biblischen Worten eine tiefere Bedeutung
abzuschnuppern, haben sie gemeint, der unter seinem Joch ächzende
Ochse sei das Sinnbild Israels und der Lastesel das der Heiden. Das
können wir getrost auf sich beruhen lassen.
Aber die
Geschichte der Verheißung, die durch Ochse und Esel im Stall von
Bethlehem gegenwärtig ist, die bleibt auch für uns eine
Weihnachtsbotschaft von großer Dynamik. Sie setzt mit Ochs und Esel
an ihrer Krippe ein. Sie folgt dem Wege der Menschen bis heute,
die durchs Finstere menschlicher Gottlosigkeit und menschlichen
Unrechts wandeln. Aber sie sieht am Ende ein großes Licht, in dessen
Scheine es heißt: „Denn es ist uns ein Kind geboren, ein Sohn ist uns
gegeben“ und in ihm „wird des Friedens kein Ende sein“.
Indem Ochse und
Esel an der Krippe stehen, in der dieser Sohn liegt, machen sie die
Beständigkeit und Unwiderruflichkeit von Gottes Verheißung
sinnenfällig: Gott wird nicht davon lassen, für seine Geschöpfe, für
uns, eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit zu bereiten. Im
Stall von Bethlehem ist sie schon Wirklichkeit. Da erledigt der sich
der schlechte Ruf, in den Ochs und Esel von einem ideologisch
verzerrten Blick auf Weihnachten gebracht werden sollten, von alleine.
Über den von
Honecker so geschätzten Ochs- und Eselspruch können wir deshalb
wirklich nur kichern. Im Unterschied dazu werden wir die beiden echten
Einwanderer in den Stall von Bethlehem mit Freuden begrüßen. Denn sie
sind mit ihrem biblischen Tiefgang und Horizont unentbehrliche
Gehilfen unserer biblisch verankerten Weihnachtsfreude. Mehr noch: Sie
sind – „sozialistisch“ gesprochen – unsere lieben Genossen
auf dem Wege des Friedens und der Gerechtigkeit, den uns Gott in
Israel und im Stall von Bethlehem gebahnt hat. Amen. |
|