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Psalm 18, 30 - Jes. 43,18-19 

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ – dieses Psalmwort gibt unserem Gottesdienst heute das Motto und liegt auch der Predigt zugrunde. 

Ich habe aus bestimmten Gründen, über die noch zu reden sein wird, ihm aber noch einen anderen Text zur Seite gestellt. Er steht beim Propheten Jesaja, Kapitel 43, 18-19 und lautet: 

„Denkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Bisherige. Denn siehe, ich mache ein Neues. Es keimt und sprosst ja schon. Erkennt ihr es denn nicht? Ja, ich bahne einen Weg und bringe in der Einöde Wasserströme hervor“. 

Liebe Gemeinde,

zu den vielen Erinnerungen an die DDR, die ich mit mir herum trage, gehört auch, dass in diesem Lande alles zensiert wurde, was gedruckt werden sollte. Das war für einen im Dienst der Kirche stehenden Dozenten der Theologie wie mich, der seine Einsichten unter die Menschen bringen wollte, eine äußerst mühselige, ja widerliche Sache. Fast jeder Text, den ich veröffentlichen wollte, kam mit der Aufforderung, Veränderungen vorzunehmen, zurück. Manche Texte durften gar nicht erscheinen. Es gäbe viel davon zu erzählen, welche Tricks ich mir ausgedacht habe, um dennoch zu sagen, was ich sagen wollte. Viele Texte aus dieser Zeit vermögen darum heute nur Menschen richtig zu lesen, die in der DDR gelernt haben, auch ein bisschen zwischen den Zeilen zu horchen. 

Was ich aber erst nach der Wende des Jahres 1989 erfahren habe, war, dass sich die Zensur sogar über die Losungen der Herrenhuter Brüdergemeinde hergemacht hat. Vielleicht sind diese Losungen für manche von Ihnen ja auch heute ein täglicher Begleiter. Sie kommen so zustande, dass in Herrenhut 365 oder 366 Bibelsprüche in eine Lostrommel geworfen und dann für jeden Tag des Jahres ausgelost werden. Dazu gibt es nachher noch Einiges zu sagen. Aber darum geht es hier zunächst nicht. Wir wollen unsere Aufmerksamkeit vielmehr auf das Jahr 1987 richten.

Da war als Losung für den Tag des Mauerbaus am 13. August Psalm 24, 7 vorgesehen, wo es heißt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“. Das hat den Zensor, einen Ökumenik-Professor an der Sektion Theologie der sozialistischen Humboldt-Universität, der als IM „Buss“ auch mit der Stasi verbandelt war, misstrauisch gemacht. Er gab zu bedenken, dass dieser Text auf die Berliner Mauer bezogen werden könnte und alle Christenmenschen an diesem Tage beten würden, „macht das Tor“ auf, nämlich das Brandenburger Tor. 

Er hat in sozialistischer Wachsamkeit darüber hinaus in Zweifel gezogen, dass es bei der Loserei der Herrenhuter überhaupt mit rechten Dingen zugehe. Denn schon am nächsten Tag tauchte wieder eine Mauer-Losung auf, diesmal aus Hesekiel 22,30: „Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen würde“. Vollends verdächtig aber war die Losung vom 17. August dieses Jahres aus Psalm 18, 30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“. „Auch über die Berliner“ Mauer? hat der Zensor gefragt. Er hat deshalb angeregt, staatlicherseits zu überprüfen, welche Texte in die Herrenhuter Lostrommel geworfen werden. 

Das ist glücklicherweise unterblieben. Die Genossen im Kulturministerium haben in ihrer Weisheit entschieden, dass diese von ein paar frommen Christenmenschen gebrauchten Bibelsprüche so gefährlich für sozialistische Weltordnung nicht seien, wie unserer wachsamer sogenannter Theologieprofessor vermutete. Trotzdem muss man sagen, dass er mit seiner Vermutung nicht so ganz daneben lag. Denn ich erinnere mich: Mindestens ein Schmunzeln oder ein kleinen Sprung im Geiste über die Mauer hinweg hat diese Losung doch immer wieder ausgelöst, zumal nach 1961 vielerorts noch der unrevidierte Luthertext im Gebrauch und im Gehör war. In dem aber hieß es noch anzüglicher: „Mit meinem Gott kann ich über die Mauer springen“. 

Doch diese Übersetzung war genauso falsch wie die Assoziationen fragwürdig waren, welche das aus dem Zusammenhang von Psalm 18 heraus gerissene Bibelwort bei uns Eingemauerten weckte. An das Erste erinnern uns heute die sogenannten „Neuen Atheisten“, die – wenn auch ohne Ahnung von der DDR – mit neuem Schwung in den Spuren der sozialistisch-atheistischen Kritik am Gott der Bibel wandeln. Richard Dawkins ist mit seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ ist in Deutschland der Bekannteste unter diesen Atheisten geworden. 

Er und seine Mitstreiter zeichnen sich durch eine besonders wilde Polemik gegen den in der Bibel bezeugten Gott aus. Der Gott des Alten Testaments, sagen sie, sei ein blutrünstiger Tyrann, der seine Anhänger dazu anstifte, alle, die nicht an ihn glauben, umzubringen. Dabei haben sie zweifellos ganz richtig bemerkt, dass das Wort vom Mauerspringen in den Zusammenhang mit der im alten Israel gepflegten Vorstellung vom Heiligen Krieg gehört. Das ist, wenn wir Psalm 18, 30 lesen, ja auch gar nicht zu überhören. „Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen“, heißt es in dem Luthertext unserer Bibel. 

Leider ist das auch keine ganz genaue Übersetzung des hebräischen biblischen Wortlauts. Die neue Zürcher Bibel (die ich übrigens Bibelleserinnen und- lesern sehr empfehle) ist da genauer. Sie übersetzt: „Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinen Gott überspringe ich die Mauern“. Was das bedeutet, ist klar. Es geht darum, dass das Volk Israel mit Gott als Kriegsherr an der Spitze mit Waffengewalt in die befestigten Städte der heidnischen Stämme und Völker eindringt und sie „vernichtet“, wie unser Psalm 18 in Vers 41 sagt. 

Tatsächlich hat dergleichen wohl kaum stattgefunden. Unser Psalmentext stammt aus einer Zeit, in der das Volk Israel längst seine staatliche Selbständigkeit verloren und gewiss keine Mauern stürmenden Heerscharen aufzubieten hatte. Es sind Visionen, Wunschbilder, die ein an die Wasser von Babylon verschlepptes Volk hier aufbietet, um sich im Geiste gegen die Übermacht eines Weltreiches Mut zu machen. 

Bedenklich, problematisch für unsere von der Friedensbotschaft Jesu, aber auch von der der alttestamentlichen Propheten geschulten Ohren ist jedoch, dass die Mauerspringer hier Schwerter und Lanzen oder was es damals an Mordwerkzeugen gab, in den Händen tragen. Noch bedenklicher und problematischer ist, dass es Zeiten in unserer evangelischen Kirche gegeben hat, in denen Psalm 18,30 zum Text von regelrechten Kriegspredigten gemacht wurde. Gott heilige hier den Krieg, konnte man von deutschen Kanzeln in der Zeit des Ersten Weltkrieges hören. „Gott mit uns“ stand dementsprechend bis 1945 auf den Koppelschlössern der deutschen Wehrmacht. 

Wir dürfen uns angesichts dessen von den lieben Herrenhutern nicht dazu verführen lassen, uns bloß einen Textzipfel aus Psalm 18,30 heraus zu picken, um uns dazu irgendetwas Schönes oder Tiefsinniges auszudenken. Dieser Text vom Mauerstürmen – und springen fordert uns vielmehr als Erstes heraus, gegen die Verquickung von Gottesglaube und Gewalt, die noch immer irgendwie in ihm steckt, bewusst und konsequent vorzugehen. 

Es ist nämlich nicht so, wie die „Neuen Atheisten“ meinen, dass uns die Bibel auf diese Verquickung festlegt. Sie stellt zweifellos eine Stufe oder Etappe der biblischen Gottesanschauungen dar. Da dürfen wir uns keine Illusionen machen. Die Bibel selbst vertuscht die Gewaltvorstellungen auch nicht, die sich an die Anfänge des Gottesglaubens Israels geheftet haben. Sie nötigt uns damit heute, uns mit ihnen auseinander zu setzen. Dabei wird klar: Gott im Bunde mit der Gewalt – diese Stufe oder Etappe menschlichen Gottesverständnisses ist auf Grund neuer Gotteserfahrung überholt und überwunden worden. 

„Denkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Bisherige. Denn siehe, ich mache ein Neues. Es keimt und sprosst ja schon“, lässt Gott durch den Propheten Jesaja ausrichten. Dieses Neue, das in Israel sprosste, aber ist der Geist des Friedens und der Menschenfreundlichkeit Gottes, der sich in der Bibel anschwellend wie Wasserströme Bahn bricht. Er scheidet, er spuckt die religiösen Phantasien vom heiligen Krieg aus, welche z.B. die Islamisten heute wieder zu beflügeln trachten. Bei Jesus finden wir nicht mehr eine Spur davon. 

Tun wir deshalb gut daran, unseren Kriegstext – in der Hoffnung, ihn zu verwandeln und zu läutern – in das Neue der biblischen Botschaft hinein zu ziehen? Denn etwas Aggressives, Angreifendes hat dieses Stürmen auf die Wälle und dieses Springen über die Mauern doch schon noch an sich. Ist das im Geiste Jesajas, im Geiste Jesu? 

Dietrich Bonhoeffer hat 1932, als er in Berlin-Mitte Konfirmandenunterricht hielt, die Friedensbotschaft Jesu so verstanden, dass sie der Christenheit jede Waffe aus der Hand nimmt und ihnen das Teilnehmen an einem Krieg verbietet. Seine Vorstellung war, dass Krieg unmöglich wird, wenn sich kein Christ in allen Ländern der Welt mehr daran beteiligt. Aber Bonhoeffer war auch kein Illusionist. In einer Predigt aus dem gleichen Jahre redet er angesichts der realen Kriegsgefahr von der Bereitschaft zum Leiden, zum Martyrium, die mit dem Friedenszeugnis der Christenheit verbunden sein muss. 

Die einzige Stelle, an der Psalm 18,30 in seinen hinterlassenen Lebenszeugnissen vorkommt, hat es denn auch damit zu tun. Sie steht 1943 in einem seiner Briefe aus dem Gefängnis. Dort macht er sich Gedanken, ob er wohl der Folter würde standhalten können. Mit meinem Gott überspringe ich auch die Mauer meiner Angst, soll der Verweis auf dieses Psalmwort jetzt offenkundig sagen. Die Festung, die zu stürmen war, hat er nun in sich selbst gesehen. Die Einbettung des Kriegswortes in den Glauben an den Gott des Friedens hat es in ein Wort der Ermutigung und Standhaftigkeit in einer Situation extremen Leidens gewandelt. 

Niemand ist zu wünschen, liebe Gemeinde, dass er in eine solche Situation kommt. Mut und Standhaftigkeit haben die Märtyrer des 20. Juli 1944 ja nicht zuletzt darum bewiesen, damit kommenden Generationen solches Leiden erspart bleibt. Aber dass der Glaube an den Gott, der Friedenswege in der Einöde einer zerrissenen Welt bahnt, ohne Mut, Standhaftigkeit und Leidensfähigkeit nicht sein kann, ist wohl auch wahr. 

„Mit meinem Gott kann ich Wälle erstürmen und über die Mauern springen“ – auch in der DDR-Zeit galt es, dieses ursprünglich gegen Andere gerichtete Wort zum Energiespender für das eigene, freie Leben mit dem Gott des Friedens werden zu lassen. Es galt sogar sehr sinnenfällig. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im Herbst 1961 als Student in einem Zimmerchen in der Borsigstraße über meinen theologischen Büchern saß. Wenn ich von ihnen aufblickte, konnte ich durch das Fenster die Mauer quer über die Gartenstraße sehen. Sie dröhnte damals noch akustisch. Der Osten fuhr am Abend sogenannte „Schallkanonen“ auf und bretterte mit ihnen den Freiheitschor aus Verdis „Nabucco“ in den Westen hinüber. Der Westen antwortete mit dem Freiheitschor aus Beethovens „Fidelio“. Vielleicht war’s auch umgekehrt. Ich weiß es nicht mehr so genau. 

Jedenfalls war angesichts dieser absurden Szene klar: Über diese Mauer kam man in der Realität auch mit Gott nicht mehr hinüber. Sie war zwar schon veraltet, als sie gebaut wurde; so wie heute die Mauern zwischen Israel und Palästina oder in Rio de Janeiro zwischen arm und reich ohne Zukunftshorizont da stehen. Das Gestern einer längst vergangenen Zeit, in der Menschen sich einmauerten, um sich zu schützen, lebte auf verquere Weise wieder auf. Es sollte – übertüncht von Freiheitsmusik und hehren Parolen – unsere Zukunft sein. 

Andererseits aber war auch schon am Beginn der Mauer-Zeit klar: die Wasserströme einer anderen Zukunft, mit denen Gott Menschen tauft, ließen sich mit auch noch so viel Beton nicht kanalisieren. In einer christlichen Gemeinde kann man gar nicht verhindern, dass sie immer wieder aufsprudeln und Menschen Mut machen, alle Ängstlichkeit und Feigheit abzuschütteln.

Niemand konnte damals ahnen, dass dieses Aufsprudeln einmal dazu beitragen würde, das wichtigste und scheußlichste Bauwerk der DDR zu unterspülen. Wir hatten uns darauf eingestellt, dass dieses Monstrum auch unseren Kindeskindern die Grenzen ihres Lebens aufzwingen würde. Auch sonst gäbe es viel davon zu erzählen, wie Anpassung und die Macht der Gewohnheit Sand in den Zukunftsstrom geschüttet haben, welcher aus der Bibel strömt, so dass er zuweilen zum Rinnsal zu werden drohte. Heldengeschichten aus der DDR gibt es nicht sehr viele zu erzählen. Aus dem Leben in einer Diktatur kommt eben niemand als ganz weißes Schaf heraus. 

Trotzdem bleiben doch die Menschen, welche den Sprung über die eigenen Grenzen gewagt und für eine erneuerte, gerechte Gesellschaft eingetreten sind, das Eindrücklichste, was von der DDR geblieben ist. Es gab diese Menschen nicht erst 1989, sondern durch die ganze DDR-Zeit hindurch. Sie haben – am Ende zu ihrem eigenen Erstaunen – die Erfahrung machen dürfen, dass Wahrheitsliebe und Gerechtigkeitsstreben das größere Zukunftspotenzial haben als Alles, was auf Gewalt und Ungerechtigkeit gebaut ist. 

Wir hatten so gehofft, dass diese Erfahrung nach der Auflösung der Ost-West-Konfrontation ein starker Impuls für eine neue Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit auf unserer Erde werden möge. Ich will angesichts dessen, wie die Völker Europas heute zusammen leben, nicht sagen, dass diese Hoffnung gänzlich enttäuscht wurde. Aber die schlimmen Kriege, die heute auf unserer Erde toben, der Hass zwischen den Religionen und alles, was das Stichwort „Globalisierung“ an Ungerechtigkeiten aufruft, haben diesen Impuls fast in Vergessenheit gebracht. 

Es ist darum gut, es ist sehr gut, dass er nicht bloß in der Erinnerung an ein historisches Datum verankert ist. Denn dort, wo es überall auf der Welt christliche Gemeinden und die Dankbarkeit zu Gottes Neuschaffen gibt, da ist er tiefer, nachhaltiger in unserer Welt verankert. Da sprosst er schon; nicht als ein Mauerblümchen, sondern als Gottes Pflanzung für die Zukunft seiner Geschöpfe, in der das Unkraut menschlicher Gewalttätigkeit und Herrschsucht nicht gedeihen kann. Jede christliche Gemeinde baut die Mauern ab, in deren Schatten solches Unkraut gedeiht. Sie wird darum für Alle zum deutlichen Zeichen dessen, dass die Wege, die der Gott des Friedens bahnt, realistischer sind, als die Sackgassen menschlichen Mauerbaus.

Möge die Gottespflanzung einer neuen Welt deshalb auch in Ihrem Leben, liebe Schwestern und Brüder, und im Leben dieser Gemeinde sprossen und gedeihen. Amen.

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de