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Römer 6, 18
Krötke
Liebe Gemeinde,
es ist sicherlich geraten, dass wir
beide uns ihnen zunächst einmal vorstellen. Mein Name ist Wolf Krötke.
Ich bin ein pensionierter Professor für systematische Theologie an der
Humboldt-Universität. An diese Universität bin ich aber erst nach der
„friedlichen Revolution“ gekommen. In der DDR-Zeit wurde ich von der
sozialistischen Universität verbannt, weil ich als Student ein Gedicht
geschrieben hatte, das mir fast zwei Jahre Zuchthaus wegen „Hetze und
staatsgefährdender Propaganda“ eingebracht hat. Ich habe darum meinen
Weg an den freien Kirchlichen Hochschulen in der DDR gemacht. Ich
wurde zunächst ein Pfarrer auf einem Dorf in der Nähe von Naumburg an
der Saale, dann Studentenpfarrer in Halle an der Saale und schließlich
Dozent für systematische Theologie am Sprachenkonvikt, der Ostberliner
Kirchlichen Hochschule in der Borsigstraße. Erst nach der „Wende“
konnte ich als Hochschullehrer an die Universität zurück kehren.
Slenczka
Mein Name ist Notger Slenczka; ich bin
der Nachfolger von Herrn Krötke, bin also auch Professor für
Systematische Theologie. Ich bin ganz im Westen, nämlich in Heidelberg
geboren und im wesentlichen dort aufgewachsen, habe nach dem
Zivildienst auf einer Pflegestation eines Heimes für Schwerbehinderte
Theologie studiert, habe nach dem Examen in Göttingen meine
Qualifikationsarbeiten geschrieben, mein Vikariat absolviert, als
Redakteur in einem Verlag gearbeitet und war dann erst 6 Jahre in
Mainz, dann hier in Berlin Professor für Systematische Theologie.
Der Text, der unseren Dialog
leiten wird, steht im Brief des Paulus an die Römer im 6. Kapitel und
lautet:
Denn ihr nun
frei geworden seid von der Sünde, seid ihr Knechte der Gerechtigkeit
geworden.
Krötke
Auf den ersten Blick ist das eigentlich
kein geeigneter Text, um einen besonders DDR-geprägten Ostton
anzuschlagen. Denn die Botschaft von Jesus Christus, welche der
Apostel in seinem Römerbrief verkündet, verträgt kein Herumreiten auf
irgendwelchen Sonderanliegen. Hier gilt weder Jude noch Grieche, weder
Mann noch Frau, weder Sklave noch Freier, wird in allen Briefen des
Paulus immer wieder unterstrichen. „In Christus gilt nicht Ost noch
West“, heißt es dementsprechend ganz richtig, wenn auch etwas simpel,
in einem neueren Kirchenlied, „es gilt nicht Süd noch Nord,/ denn
Christus macht uns alle eins/ in jedem Land und Ort“.
„Er macht uns alle
eins“ – wir merken das an unserem Text daran, dass ganz
selbstverständlich, ganz unkompliziert von Allen, die an Jesus
Christus glauben, dasselbe gesagt wird. Woher sie auch kommen
und wohin sie auch gehen, wo sie auch wohnen und was sie auch tun,
von Allen gilt: Sie sind frei von der Sünde und Knechte der
Gerechtigkeit. Was das bedeutet, darin sind wir beiden Theologen aus
Ost und West uns im Übrigen ganz einig.
Slenczka
Ja, zuerst würde
ich sagen: Es geht Paulus sicher nicht um das, was wir heute unter
politischer Freiheit oder persönlicher Selbstbestimmung verstehen. Er
will der Gemeinde in Rom vielmehr klar machen, welche Konsequenzen es
für sie hat, dass sie im Glauben an Jesus Christus von der Macht der
Sünde frei sind. Die Macht der Sünde – dass ist der absurde Drang von
uns Menschen, unsere Beziehung zu Gott zu zerstören und seine
Schöpfung zugrunde zu richten. Die Gerechtigkeit Gottes, die Jesus
Christus uns zuwendet, aber macht mit uns einen neuen Anfang. Sie
stellt uns in ein heiles Gottesverhältnis und spricht jeden Menschen
als geliebten und bejahten Menschen an.
Krötke
Ich verstehe
unseren Satz aus dem Römerbrief deshalb auch heute so, dass er uns
Christinnen und Christen – ob wir nun aus dem Westen oder aus dem
Osten kommen – im Namen Christi alle gegenseitig in das beste Licht
stellt. Treffe ich einen Christen aus dem Westen, dann werde ich
sagen: Siehe da: Hier kommt einer, in dessen Leben Christus die erste
Stelle einnimmt; also ist er frei von der Sünde und ganz und gar
umgetrieben vom Anliegen der Gerechtigkeit. Begegnet eine Christin mir
aus dem Osten, dann wird sie von mir – hoffe ich – dasselbe sagen.
Nicht die Sünde, diese absurde, dunkle Lust von uns, uns selbst
wichtig und die Anderen klein und nichtig zu machen, bestimmt dann
unsere Begegnungen. Die „Sonne der Gerechtigkeit“, welche die jeweils
Anderen leuchten und aufblühen lässt, ist es dann, die uns das
Zusammentreffen von Christinnen und Christen aus Ost und West zur
reinen Freude macht.
Ich weiß, viele
von Ihnen und noch viel mehr draußen vor der Tür der Matthäuskirche
werden bei einer solchen Aussage etwas ungläubig den Kopf schütteln.
Wir alle haben in den letzten Jahren und auf vielen Ebenen Erfahrungen
mit dem Zusammenprallen und Zusammenrumpeln von Ost und West gemacht.
Ich selbst, der ich Anfang der 90ger Jahre als Dekan der Theologischen
Fakultät der Humboldt-Universität die Vereinigung einer östlichen mit
einer westliche Institution – nämlich mit der Kirchlichen Hochschule
von Berlin-Zehlendorf – zu organisieren hatte, weiß manch’ Liedchen
davon zu singen, wie es da auch unter Christenmenschen gekracht hat.
Aber stärker, prägender für mich waren doch die Bestätigungen für des
Apostels Reden von der tiefen Zusammengehörigkeit aller
Christenmenschen.
Slenczka
Man muss da aber
eben auch sagen, daß es diese Verbundenheit nicht erst seit der Wende
gibt; ich weiß von vielen Gemeinden, in denen es auch schon lange vor
1989 sehr aktive Gemeindekreise gab, die Partnerschaften mit Gemeinden
aus der DDR gab. In der Gemeinde, in der ich mein Vikariat
absolvierte, bestand eine Partnerschaft mit Chemnitz, das damals noch
Karl Marx Stadt hieß; es gab gegenseitige Besuche und wirkliche
Freundschaften über Zaun und Mauer hinweg, deren Fundament eben nicht
allein persönliche Zuneigung war, sondern eine Verbundenheit im
Glauben – ein Glaube, der bestimmt ganz unterschiedlich gelebt wurde
und in sehr unterschiedlicher Weise mit Problemen zu kämpfen hatte;
aber man hatte im Gottesdienst, der immer bei gegenseitigen Besuchen
gefeiert wurde, eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame
Ausrichtung; die Gemeinden wußten voneinander und beteten füreinander
und halfen einander.
Krötke
Wir könnten also
lange fortfahren, aus den letzten Jahren von Erlebnissen zu berichten,
die bestätigen, dass der apostolische Satz von unserer Freiheit und
Gerechtigkeit nicht bloß eine überschwängliche Glaubenswahrheit ist.
Er ist auch gelebte Realität. Er bringt den großen Vorsprung der
Christenheit vor aller Unfreiheit, Ungerechtigkeit und Zertrennung
zum Ausdruck.
In einer solchen
Christenheit ist es gut, wenn Menschen aus Ost und West sich mit ihren
unterschiedlichen Erfahrungen, Gewohnheiten Erwartungen, Freuden und
Leiden versammeln sind und diese Kirche gemeinsam gestalten. Das macht
uns nicht arm. Das macht uns reich. Ich zähle darum überhaupt nicht zu
denen, die sich ihre Erfahrungen aus dem Osten wie einen Panzer
angelegen, mit dem sie sich vor der Macht, vor dem Geist oder dem
Gebaren aus Richtung Westen schützen wollen. Im Zusammenhang mit der „Pro-Reli“-Debatte
ist in nicht wenigen Gemeinden dieser Panzer ja wieder hervor geholt
worden. „Eine Kirche, die vom Staat den Religionsunterricht verlangt,
ist nicht mehr meine Kirche“, konnte man z.B. hören.
Slenczka
Sie betonen, daß
dieser Satz aus dem Römerbrief die Christen aus dem Osten und Westen
Deutschlands verbindet; mich würde jetzt aber doch interessieren: Gibt
es nicht doch besondere Erfahrungen die gerade die Kirchen in der DDR
bei der Wende mit diesem Ruf, 'Diener der Gerechtigkeit' zu sein,
gemacht haben – welche Rolle spielte das für das Engagement der
Christen in der 'friedlichen Revolution', die Sie ja auch mitgestaltet
haben?
Krötke
In gewisser Weise
könnte man den der Evangelischen Kirchen in der DDR Weg wie einen
Kommentar zu Römer 6, 18 verstehen. „Christus befreit – darum Kirche
für Andere“; so hieß das Motto des Bundes der Evangelischen Kirchen
in der DDR im Jahre 1972. Die Gerechtigkeit Gottes verlangte nach
menschlichen Spiegelungen in einer Gesellschaft, die durch manifeste
Ungerechtigkeiten charakterisiert war. „Mehr Gerechtigkeit in der DDR“
war eines zentralen Themen der ökumenischen Versammlung im Februar
1988 in Dresden, welche zur geistigen Keimzelle der „friedlichen
Revolution“ von 1989 wurde. Zum ersten Mal in der jüngeren deutschen
Geschichte stand die Evangelische Kirche nicht auf der Seite einer
ungerechten staatlichen Ordnungsmacht, sondern auf der Seite der
Menschen, die unter ihr zu leiden hatten. Sehen wir von allen
Höhepunkten im privaten Leben einmal ab, dann war der risikovolle Weg
dahin und der nicht vorhersehbare Erfolg des kirchlichen,
gesellschaftlichen und politischen Engagements das größte und schönste
Erlebnis meines Lebens.
Slenczka
Mir ist es da ganz
anders ergangen. Ich lebte im November 1989 in Göttingen. Es gilt,
ehrlich zu sein: Ich habe nicht gelitten unter der deutschen Teilung.
Ich habe in der ganzen Zeit vor 1989 auch nicht gelitten unter der
Existenz der DDR, wiewohl ich wusste und nicht bestritt, dass es sich
um ein Regime handelte, das sich nur durch Unterdrückung und Zwang an
der Macht halten konnte. Ich habe mich nicht solidarisiert mit
denjenigen, die unter der Gewalt dieses Regimes gelitten haben und
denen Unrecht getan wurde. Ich glaube, ich habe nicht einmal eine der
vielen Eingaben unterschrieben, in denen die Freilassung des einen
oder anderen politischen Gefangenen gefordert wurde.
Die DDR war für
mich wie Ausland. Ich bin auch 1989 nicht etwa sofort nach Berlin
gereist, und auch in Göttingen habe ich eigentlich nicht an dem großen
Ereignis teilgenommen, hatte keinerlei Zugang zur Euphorie, sondern
mir war das alles völlig fremd und merkwürdig, wirkte auf mich eher
abstoßend oder sogar gefährlich. Ich sah das staunende Glück – und war
doch seltsam ausgeschlossen: Mich steckte das nicht an. Ich kann nicht
sagen, dass da irgendein Funke übergesprungen ist und ich weniger
befremdet gewesen wäre. Denn die „friedliche Revolution“ hatte mich
nicht von einem Zustand befreit, der mir je zur Last geworden ist.
Heute empfinde ich
mein Wegsehen und mein Schweigen zu den Zuständen in der DDR als
Schuld. Ich war ein Schweiger, der nicht sprach, wo er angesichts des
Unrechts hätte sprechen müssen. Das haben viele aus dem Westen sicher
anders empfunden – aber ich muß auch sagen, daß angesichts meines
satten Schweigens zum Unrecht der Satz 'Ihr seid jetzt Diener der
Gerechtigkeit' eben auch etwas Befreiendes hat: Wenn ich ihn höre,
wird mir etwas zugetraut, dann höre ich, daß ich in den Augen Gottes
nicht nur der satte Egoist bin und zu bleiben brauche, sondern daß ich
Diener der Gerechtigkeit sein darf.
Krötke
Schuldlos sind wir
in Ost und West Alle nicht geblieben. Aus diktatorischen
Verhältnissen, in denen man, um zu leben, auch nach Kompromissen mit
der absoluten politischen Macht suchen muss, kommt niemand als ganz
weißes Schaf heraus; ich nicht, Herr Pfarrer Gauck nicht und auch Frau
Katechetin Birthler nicht. Als nach der „Wende“ offenbar wurde, dass
ein paar Repräsentanten unserer Kirche und einige Andere sich zu tief
in Konspirationen mit der Staatsmacht haben hinein ziehen lassen,
geriet sogar die ganze Kirche in der DDR in den Verdacht, korrupt
gewesen zu sein. Nicht zuletzt die Medien des Westens haben dafür
gesorgt, den guten Ruf stark zu beschädigen, den diese Kirche am Ende
der DDR-Zeit hatte. Das kränkt viele, deren Leben mit dieser Kirche
aufs Intensivste verbunden war, bis heute.
Überhaupt trat und
tritt bis heute im vereinigten Deutschland zu Tage, dass wir äußerlich
gesehen in der DDR-Zeit eine sehr schwache, wenig glanzvolle Kirche
geworden sind. Die atheistische Machtpolitik hat uns schwere Wunden
geschlagen, unter denen noch unsere Kinder und Kindeskinder leiden
werden. Denn der Atheismus, den diese Weltanschauungspolitik in die
Köpfe und Seelen der Menschen gepflanzt hat, wird nicht so schnell
verschwinden wie die Mauer aus Stein. Wenn noch nicht einmal 10 % der
Bevölkerung der Kirche angehören, wie in Ostberlin, dann steht in
Frage, ob diese Kirche ihre ererbte Gestalt einer an jedem Ort
gegenwärtigen Stimme des Evangeliums wird halten können.
Was denken Sie,
die Sie vor noch nicht langer Zeit aus dem Westen jetzt mitten in das
Herz der „Welthauptstadt des Atheismus“ am Hackeschen Markt gekommen
sind, worin solches „Wuchern mit Gottes Gerechtigkeit“ unter lauter
Menschen, die nicht an Gott glauben, bestehen könnte?
Slenczka
Ich weiß gar nicht, ob das so
richtig ist mit der 'Hauptstadt des Atheismus'. Gewiß, Berlin ist
anders als Mainz, wo ich vorher gelehrt und auch gepredigt habe, eine
Stadt, die sehr viel deutlicher geprägt ist von
Selbstverständlichkeiten der christlichen Tradition. Aber sehen Sie
einmal die Gottesdienste an den hohen Festtagen an, an Weihnachten und
in manchen Gemeinden auch an Ostern: Da platzen die Kirchen aus allen
Nähten, da stehen die Menschen Schlange, um in die Gottesdienste zu
kommen.
Und ich weiß gar
nicht, ob die relativ entkirchlichte Situation dabei tatsächlich so
ein Nachteil ist. Es ist wahr: Gegenüber dem christlichen Glauben
bestehen eine Menge von Ressentiments und Vorurteilen und
Fehlinformationen. Um so überraschender, denke ich, ist s für einen
Menschen, wenn jemand plötzlich dessen ansichtig wird: In dieser
Botschaft von Weihnachten, von Ostern, von dem Wort, das Fleisch
wurde, da geht es um mein Leben, dass es zurecht kommt, im Verhältnis
zu mir, und im Verhältnis zu meinen Nächsten ins rechte Lot kommt –
eben: es geht um Gerechtigkeit.
Ich glaube, Berlin
mit seiner Distanz gegenüber dem Christentum ist dafür nicht das
schlechteste Pflaster. Der christliche Glaube ist gerade für Atheisten
für Überraschungen gut.
Krötke
Dennoch besteht
für die Kirchen in den neuen Bundesländern die große Herausforderung,
Menschen, die dem Glauben an Gott gänzlich entfremdet sind, wieder mit
diesem Glauben vertraut zu machen. Meine „DDR-Erfahrung“ wie meine
20jährige West-Erfahrung mit der Kirche und mit der Gesellschaft in
der Bundesrepublik Deutschland ist dabei, dass die
eigentümliche Verankerung alles Menschlichen im Glauben
an den menschgewordenen Gott die zukunftsträchtige Stärke
dieses Glaubens ist. Wo das Wort „Gott“ in Verbindung mit dem Namen
Jesu Christi laut wird, da ist ein unermüdlicher Antrieb, auf einem
menschlichen Leben zu beharren, das sich in freien, gerechten
Verhältnissen bis in Gottes Ewigkeit hinein entfalten kann. Da
ist ein Geist, der aller Resignation angesichts des Weltunheils im
Großen und im Kleinen widersteht.
Diesen Geist
treffe ich überall bei den Christinnen und Christen in Ost und West
und zuerst beim Apostel Paulus selbst an. Er ist aller kirchlichen
Schwerfälligkeit und allem politischen Herumkrackseln in den Krisen
unserer Zeit schon immer voraus. Er ist weder östlich verbohrt noch
westlich eingetaktet. Er ist schlicht christlich. Amen. |
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