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II Korinther 6, 3-8
Wahrheit inmitten böser Gerüchte und
guter Gerüchte
Liebe Gemeinde,
Gerüchte spielen
in unserem menschlichen Zusammenleben leider eine ziemlich große und
einflussreiche Rolle. Da hat sich etwa an einen Professor das Gerücht
geheftet, dass er besonders scharf prüft – und schon breiten sich
Unsicherheit und Ängstlichkeit bei den Kandidatinnen und Kandidaten
aus. Von einem anderen Professor sagt das Gerücht, dass er bei
Prüfungen einschläft – und schon keimt die Hoffnung, dass Alles doch
ganz leicht werden wird. Da erfahre ich durch Zufall, dass x zu y
gesagt hat, er habe von z vernommen, dass ich irgendetwas Schlimmes
angerichtet habe – und schon wurmt mich das einen ganzen Tag lang.
Wenn ich dagegen mitbekomme, dass ein gutes Gerücht über mich im
Umlauf ist, dann hebt das die Stimmung irgendwie – selbst wenn das
Gerücht nicht ganz stimmt.
Es ist das Wesen
von allen Gerüchten, dass sie nie ganz stimmen. Auf der einen Seite
haben sie sicherlich irgendeinen Anhaltspunkt in der Realität. Ohne
dass da einmal Professor wirklich scharf geprüft hat und der andere
wirklich eingeschlafen ist, entstehen Gerüchte wie die geschilderten
nicht. „Es wird schon was dran sein“, sagen wir deshalb, wenn wir ein
Gerücht hören. Auf der anderen Seite plustert sich ein von Mund zu
Munde gehendes Gerücht aber mit der Zeit auch zu einer Realität ganz
eigener Art auf.
Schon das Wort
„Gerücht“, das ja von „Geruch“ kommt, zeigt das an. Ein „Gerücht“
dringt uns nicht bloß in die Ohren. Es steigt uns in die Nase. Es
lässt uns schnuppern, dass „etwas in der Luft“ liegt. Es verbreitet
eine Atmosphäre, der wir nicht so leicht ausweichen können, weil sie
uns erfreut oder beunruhigt, uns nachdenklich oder ängstlich werden
lässt. Manchmal kommt es sogar zum Brodeln einer ganzen
„Gerüchteküche“, die eine ganze Gesellschaft in Aufregung versetzen
kann, wie wir das z.B. jetzt gerade wieder im Blick auf die
Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise erleben. Aber auch die
Universitätsgottesdienste dieses Semesters standen unter einem Thema,
das mindestens Merkmale trägt, die für eine Gerüchteküche typisch
sind.
Ob die „Götter“
wiederkehren oder ob das nicht Fall ist, soll geklärt werden. Eng und
streng genommen ist das für einen normalen Bürger aus Berlin-Pankow im
Osten Berlins eigentlich eine unsinnige Frage. Kein Mensch bemerkt da
den Aufmarsch von Göttern. Es werden keine Tempel gebaut und keine
Altäre errichtet. Es werden keine Göttergeschichten erzählt und keine
Praktiken geübt, um sich mit „Göttern“ zu verständigen. Dem
durchschnittlichen Ossi in Pankow ist Alles, was irgendwie nach
„Religion“ riecht, sowie so egal. Sei’s nun ein Gott oder viele
Götter: Er schert sich nicht darum. Die „Wiederkehr der Götter“ ist
für ihn darum irgendein jüngstes Gerücht, mit dem es nichts auf sich
hat.
Da hat er
allerdings nun auch nicht ganz recht. Denn ein Gerücht – so sagten wir
– hat immer irgendeinen Anhalt an der Realität. So ist es auch mit der
Rede von der „Wiederkehr der Götter“. Der eine Anhalt dafür ist schon
hunderte Jahre alt und also überhaupt nicht neu. Der andere ist neu
und stammt aus der Wissenschaft.
Was den ersten
Anhalt für das Gerücht von der „Wiederkehr der Götter“ betrifft, so
verdankt ihn die evangelische Christenheit Martin Luther. Er hat in
seiner Erklärung des ersten Gebotes im Großen Katechismus nämlich
lapidar dargelegt, dass die alten Götter aus Vorzeiten in verwandelter
Gestalt unter den Menschen noch höchst lebendig sind. Da vertraut der
eine auf Geld, Gut und Besitz wie auf einen Gott und für den Anderen
haben Ehre, Macht und Ansehen die Qualität von Göttern. Da ist dem
einen seine Familie sein und Alles und dem Anderen sein Beruf. Die
Tendenz, höchst Weltliches wie etwas Göttliches zu verehren und sich
davon abhängig zu machen, scheint in der Menschheit unausrottbar zu
sein. Calvin, Luthers reformatorischer Kollege in Genf, dessen 500.
Geburtstag wir in diesem Jahre feiern, hat uns Menschen darum
regelrecht eine „Götzenfabrik“ genannt.
Und natürlich
arbeitet diese Götzenfabrik auch in Pankow und anderswo. Die
Faszination von Geld und Erfolg, die Hingabe, mit der Sportskanonen
und Figuren aus der Unterhaltungsindustrie wie Götter verehrt werden,
hat natürlich etwas Religiöses. Jeder hat da irgendein „Gottchen“, wie
die Berliner sagen. Insofern kann von einer „Wiederkehr der
Götter“ eigentlich keine Rede sein. Sie sind schon immer da und waren
übrigens auf penetrante Weise auch in den Zeiten da, als in der DDR
der Atheismus eine Staatsdoktrin war.
Doch da ist ja
noch ein zweiter Anker in der Realität für das Gerücht von der
„Wiederkehr der Götter“. Er wird vom Schreibtisch bestimmter
Religionswissenschaftler aus in den Glauben der Christenheit, des
Judentums und des Islam an nur einen Gott hinein geworfen. Es soll ein
Anker der Friedlichkeit sein, die angeblich vom Vielgötterglauben
ausgeht. Die Götter vertragen sich miteinander – lautet das Gerücht
–aber der Glaube an nur einen Gott stiftet Religionshass und
Unfrieden. Er muss den vielen Göttern und den Menschen, die sie
verehren, den Kampf ansagen. Unzählige Belege aus der Geschichte der
Kirche (Stichwort: „Kreuzzüge“) und des Islam bestätigen das. Nur
ein Gott macht aggressiv. Viele „eigene Götter“ zu haben, verheißt
dagegen eine friedliche Welt.
Das stimmt in
dieser Allgemeinheit zwar überhaupt nicht. Man muss sich ja nur einmal
die großen Weltreiche der Antike ansehen. Diese Reiche hatten alle
viele Götter und sind nur durch die aggressive Unterjochung anderer
Völker mit anderen Göttern zu Stande gekommen. Der durch die Römer
zerstörte Tempel in Jerusalem ist bis heute ein steinernes Zeugnis
dafür, dass auch dem Glauben an einen Gott der Garaus gemacht werden
sollte. Aber wie das so mit Gerüchten ist, liebe Gemeinde: „Es wird
schon was dran sein“, sagen sich Viele, denen ein solches Gerücht zu
Ohren kommt.
Seit dem 11.
September 2001, dem religiös begründeten islamistischen Anschlag auf
das World trade Center in New York, hat dieses Gerücht vom wesenhaft
aggressiven Ein-Gott-Glauben zudem neue Nahrung bekommen. Es ist aber
mehr als zweifelhaft, dass es der „Wiederkehr der Götter“ und also
einem wirklichen Vielgötterglauben einen neuen Schwung gibt. Eher ist
das Gegenteil der Fall. Für die sog. „neuen Atheisten“, die in
jüngster Zeit lautstark von sich reden machen, ist jener New Yorker
Auswuchs religiösen Hasses nur ein weiterer Beweis dafür, dass alle
Religionen ein Gemisch von Dummheit und Gewalt sind. Weil sie alle
absurde Vorstellungen von der Welt haben, können sie miteinander nur
so umgehen, dass sie sich gegenseitig die Köpfe einschlagen – lautet
hier das Gerücht.
Aber wie immer die
Gerüchteküche in Bezug auf Gott und die Götter nun auch brodelt: Gute
Gerüchte für das Gedeihen des christlichen Glaubens an Gott in
unserer Gesellschaft sind es eigentlich nicht. Dass die „Wiederkehr
der Götter“ die Götzenfabrik anheizt und diesen Glauben unter den
Verdacht der Gewalttätigkeit stellt, ist nicht gerade eine Empfehlung
für die Christenheit, jene Wiederkehr mit ausgebreiteten Armen zu
empfangen. Darum verwundert es schon, dass im Raume der Kirche
geradezu freudigen Tones von der „Wiederkehr der Götter“ geredet
werden kann. Da ist aber allerdings ein Trick dabei. Es wird diesem
Schlagwort ein anderer Sinn untergelegt. Bei der „Wiederkehr der
Götter“ gehe es eigentlich um die „Wiederkehr der Religion“.
Gemeint ist damit,
dass die Menschen – enttäuscht von der kalten
wissenschaftlich-technischen Welt und vom Atheismus – wieder Interesse
für Jenseitiges, für Spirituelles, Magisches und Mystisches zeigen.
Umfragen, die aber sicherlich nicht Pankow gemacht wurden, bestätigen
das. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Religion schwindet, wird
gleich auf der ersten Seite des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“
der Evangelischen Kirche in Deutschland von 2006 verkündet. Das macht
Hoffnung, die „Wiederkehr der Religion“ werde auch der Kirche zu Gute
kommen. Insofern haben wir hier nun endlich einmal ein gutes Gerücht.
Können wir ihm
trauen? Immerhin werden zur „Wiederkehr der Religion“ ja auch solche
Sachen gerechnet wie der Glaube an Geister, Engel, Feen und Trolle,
wie spiritistische Sitzungen und Wellnessmassagen. Diese „Wiederkehr“
drängt durchaus nicht in die Kirche. Sollen wir uns anstrengen, sie
herein zu holen? Was fangen wir überhaupt mit der ganzen Religions-
und Göttergerüchteküche an, welche die Kirche in unseren Tagen umgibt?
Wir fragen am
Besten bei einem nach, liebe Gemeinde, der sich auf diese Situation in
der Vielgötterwelt der Antike sehr gut verstanden hat, nämlich beim
Apostel Paulus. Er schreibt über seinen Dienst in dieser Welt im 2.
Korintherbrief, Kapitel 6, Vers 3-8:
3 Wir geben in
nichts irgendeinen Anstoß,
damit nicht unser Amt verlästert werde,
4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes:
in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,
5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen,
im Mühen, im Wachen, im Fasten,
6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut,
in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes,
mit Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
8 in Ehre und Schande,
in bösen Gerüchten und guten
Gerüchten,
als Verführer und doch wahrhaftig.
Da haben wir also,
liebe Gemeinde, eine gewissermaßen atemberaubende Schilderung der
Existenz eines Apostels, eines Gesendeten Jesu Christi, vor uns. Diese
Schilderung geht sogar noch weiter. Aber was wir gehört haben, reicht
schon mehr als genug, um uns in der religiösen Gerüchteküche von heute
ein paar klare Orientierungen zu geben.
Dabei können wir
es hier auf sich beruhen lassen, wie die antike Welt des
Vielgötterglaubens den Verkündiger des einen Gottes im Namen Jesu
Christi in Wirklichkeit empfangen hat. „Nöte und Ängste“, „Schläge,
Gefängnisse und Verfolgungen“ sprechen nicht gerade dafür, dass der
christliche Glaube auf eine religiös tolerante Welt getroffen ist.
Dass die Götter, die hier das Sagen hatten, nicht wiederkehren mögen,
ist jedenfalls ausgesprochen wünschenswert.
Aber wichtiger ist
das Positive. Und das ist die nun wirklich strahlend gewaltfreie Art
und Weise, die der Apostel beschreibt, um sich als „Diener Gottes“
auszuweisen. Geduld, Langmut, Freundlichkeit und Liebe sind die
Merkzeichen eines Menschen, dessen Auftrag es ist, die Botschaft von
Gott in Jesus Christus in die Welt hinaus zu tragen. Wenn das in
„Gottes Kraft“ geschieht, dann geschieht’s in der Geisteskraft der
Liebe und nicht mit Muskelkraft.
Es klingt zwar
ziemlich militärisch, wenn Paulus von „Waffen der Gerechtigkeit zur
Rechten und zur Linken“ redet, die er einsetzt. Denn das ruft die
Vorstellung wach, dass ein Krieger in der rechten Hand das Schwert
schwingt und sich mit der linken mit Hilfe eines Schildes verteidigt.
Die Verkündigung des einen Gottes der Liebe war ja in der Tat ein
Angriff auf die antike Götterwelt und sie musste sich in der Tat des
Gegenangriffs dieser Götterwelt erwehren. Aber die „Waffen der
Gerechtigkeit“ waren dabei alles andere als Totschlaginstrumente.
Derartige Instrumente hatten mit Gerechtigkeit noch nie etwas zu tun.
„Gerechtigkeit“ im
Sprachgebrauch des Paulus aber bedeutet, wie Gott in der Kraft der
Liebe für eine Welt des Friedens und der heilen Verhältnisse unter uns
Menschen eintreten. Die „Waffen der Gerechtigkeit“ sind darum die
Verabschiedung der Waffen aus Eisen. Diese Waffen aus Eisen wurden
zwar leider dann doch wieder hervor geholt, als das Christentum zur
Weltreligion wurde. Aber dass dies dem Herzen des christlichen
Glaubens an den einen Gott der Liebe entsprang und entspringt, werden
wir nicht zugeben können. Das ist ein Gerücht, das heute auf Grund der
Geschichte des Christentums zusammen gebraut wird. Doch es hat keinen
Anhalt am ursprünglichen Quell des Christusglaubens.
Wo vom Neuen
Testament inspirierter christlicher Glaube ist, da ist vielmehr auch
die durchgreifende Kritik an der Art von Religion auf dem Plan, die
sich mit der Gewalt verbündet. Aber nicht nur das. Wo christlicher
Glaube ist, da ist auch ein Widerstand dagegen vorhanden, dass
Menschen anfangen, sich selber allzu weltliche Götter zu erwählen und
damit ihr Leben zu vertun. Auch wenn sich daran noch so viele gute
Gerüchte hängen, wie das von der „Wiederkehr der Religion“, redet der
Apostel Paulus da mit einem Wort dazwischen, das Gift für jedes
Gerücht ist. Es heißt: „Wort der Wahrheit“.
Von diesem Wort
halten all die Gerüchte, die sich um die Behauptung der „Wiederkehr
der Götter“ ranken, offenkundig nicht allzu viel. Wahrheit in
religiösen Dingen mache unduldsam, sagen wiederum die Einen. Wahrheit
sei überhaupt bloß eine Angelegenheit relativer Bedeutung, sagen die
Anderen. Jeder verstehe darunter in einer Gesellschaft, in welcher die
Religion zur Privatsache geworden ist, etwas Verschiedenes. Darum sei
es am Besten, das Reden von einer Wahrheit überhaupt
aufzugeben.
Wenn man unter
„Wahrheit“ irgendeine verbohrte Behauptung versteht, dann kann man für
diesen Vorschlag durchaus Verständnis haben. Einzelne oder Gruppen,
die sich darauf versteifen, die eine Wahrheit zu besitzen, sind nach
aller Erfahrung nicht gerade erfreuliche, unduldsame Zeitgenossen.
Ihnen fehlt die Geduld, die Langmut, die Freundlichkeit, das Mühen um
Erkenntnis, das den Apostel Paulus auszeichnet, wenn er im „Wort der
Wahrheit“ seinen Dienst tut. Da kommt wirklich nicht Einer daher, der
beansprucht, die Wahrheit zu besitzen. Da begegnet vielmehr Einer, von
dem eine ganz unverfügbare Wahrheit – die Klarheit der Liebe Gottes –
Besitz ergriffen hat, so dass sein ganzes Leben von dieser
Wahrheit umgetrieben und in Bewegung gesetzt ist.
Als Apostel der
Liebe Gottes kann er nur darum werben, dass Menschen ihr Herz für
diese Wahrheit öffnen. Man ahnt, auf welche Gespräche und
Auseinandersetzungen mit seinen göttergläubigen Zeitgenossen er sich
einlassen musste, wenn er sich regelrecht einen „Verführer“ nennt.
Aber Alles, was er da im Dienste Jesu Christi tut, wäre völlig
unsinnig, wenn es unter der Vorsetzung stünde, dass Gottes in Christus
aufstrahlende Wahrheit vielleicht auch nicht wahr sein könnte.
Wahrheit ist in der Bibel das Ereignis der Liebe und Treue Gottes, auf
das wir uns unbedingt verlassen können, auch wenn wir niemals über sie
zu verfügen vermögen.
Sie ist darum auch
das Licht, das uns davor bewahrt, in der religiösen Gerüchteküche von
heute herum zu irren wie aufgescheuchte Hühner. Wir werden vielmehr
mit seiner Hilfe in Geduld, in Langmut, in Lauterkeit, in
Freundlichkeit, im Mühen um Erkenntnis prüfen können, was es mit der
sogenannten „Wiederkehr der Götter“ auf sich hat. Weil diese
„Wiederkehr“ ein so schillerndes Gesicht trägt, werden da kritische
Fragen bestimmt nicht ausbleiben. Auf der anderen Seite können wir
aber auch in großer Freiheit offen dafür sein, dass sich hier ein
echtes Betroffensein von dem Gott meldet, der in seiner Liebe jedem
Menschen gegenwärtig ist. Amen.
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