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Liebe Gemeinde,

wir wollen in diesem Abendgottesdienst das Loben in den Mittelpunkt stellen. Denn der Abend ist eine Zeit am Tage, die dafür besonders gut geeignet ist. Das gilt nicht nur darum, weil aller Stress und alle Anstrengung da aufhören und wir zur Ruhe kommen. Der Abend ist gewissermaßen auch eine festliche Zeit, in der wir uns jeden Tag ohne allen Stress und ohne alle Anstrengung einander zuwenden und Zeit füreinander nehmen können.

Wir erzählen uns da, was wir erlebt haben, was uns erfreut und betrübt hat. Wir schauen ein bisschen nach vorne, was morgen sein wird. Wir unternehmen etwas, das uns gut tut. Ein guter Tag kann ohne einen guten Abend nicht sein. Der Gruß am Ende des Tages, der da lautet: „guten Abend“, hat deshalb sicherlich einen tiefen Sinn. Er erinnert uns daran, das sich am Abend entscheidet, was unsere Tage wert sind.

Fallen solche guten Abende weg und gewöhnen wir uns an, mitten aus all dem Stress des Tages heraus nur ausgelaugt, müde und einsam ins Bett zu plumpsen, dann laugen solche Tage unser Leben aus und füllen sie nicht. Gute Abende sorgen dagegen dafür, dass dieses Auslaugen unterbrochen wird. Sie sorgen dafür, dass wir uns Tag für Tag Zeit nehmen, uns an dem freuen, was unser Leben reich und voll macht. Gute Abende verhindern, dass das Schlimme, das wir wahrlich genug am Tage erleben, sich zu einem riesigen Berg anwächst, der uns erdrückt. Wenn wir am Abend zusammen kommen, reden wird darüber, stehen uns bei, trösten uns, machen uns Mut, blicken auf das, was Hoffnung gibt.

Wir sind heute Abend hier als christliche Gemeinde zusammen kommen. Da versteht es sich fast von alleine, das wir den Sinn des „guten Abends“ in einen noch größeren Horizont stellen als ihn unsere privaten Abende haben. Das ist der Horizont des Glaubens an den Gott, der die Quelle alles Guten ist, was unsere Tage uns bringen, aber auch der Grund aller Hoffnung wider alles Schlimme, das uns in diesen Tagen überfällt.

Der „gute Abend“ ist darum für die Christenheit auf Erden angefüllt mit dem Lobe Gottes für uns reiches, für unser trotz aller schlimmen Erfahrungen reich gemachtes Leben. Man kann dieses Lob nicht besser ausdrücken als so, wie es der Psalm 103 getan hat, in den wir an diesem Abend einstimmen und mit ihm sprechen wollen:   

Lobe den Herrn, meine Seele
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den Herrn, meine Seele
und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilt alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.

Sicherlich ist das eines der bekanntesten biblischen Worte. Es steht auf abertausenden von Spruchkarten und ist x-mal vertont worden. Es ist ja von Hause aus auch ein Lied, ein Psalm. Wir tun deshalb gut daran, dieses Loblied in uns klingen zu lassen und das wollen wir auch tun, indem wir die ersten beiden Strophen der Vertonung dieses Liedes singen, das in unserem Gesangbuch unter der Nummer 289 steht.

Nun lob, mein Seel' den Herren (EG 289, 1-2)

Liebe Gemeinde! Aufs Loben kommt es hier in unserem Psalm an. Es ist geraten, dass wir fragen: Was ist das? Loben scheint auf den ersten Blick ganz einfach zu sein. Jemand tut uns irgendetwas Gutes, das uns anrührt. Uns begegnet ein Mensch, der uns erfreut. Wir erhalten ein Geschenk, das uns das Herz höher schlagen lässt. Da platzt das Loben sozusagen von ganz alleine heraus. „Das hast Du aber gut gemacht“, sage ich zu meinem Enkel. „Es ist schön, dass ich gerade Dir heute begegne“, versichere ich einem Freund. „Das ist ein wundervolles Geschenk, Du Liebe, mit dem Du genau das Richtige getroffen hast“, lobe ich meine Frau. Zu solchem Loben muss man uns nicht auffordern und das brauchen wir auch nicht trainieren. Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über.

Wenn uns jemand die Seele zum Klingen bringt, dann spielen wir ihm darum ganz selbstverständlich die Melodie, die den Grundton des Lobens hat. Wir wollen ihn einfach erfreuen, indem wir ihm sagen, wie gut es ist, das er da ist und wie viel uns das bedeutet, was er tut. Loben ist deshalb auch etwas ganz Zweckloses. Es hat seinen Sinn in sich selber. Es ist ein kleines Fest echter Freude, bei dem Menschen sich wohl tun, indem sie ihre Seelen füreinander klingen lassen.

Fangen wir dagegen an, mit dem Loben irgendwelche Zwecke zu verfolgen, dann sind wir schon dabei, diese schöne menschliche Möglichkeit zu verderben. Dann gerät das Loben in ein schiefes Licht. Denn Loben heißt ja nicht einfach: sachlich irgendetwas Gutes feststellen. Das gehört in die Statistik. Loben geht weit darüber hinaus. Es will den Menschen, den wir loben, ein wenig emporheben, ihm ein kleines Fest der Hochstimmung bereiten. Fangen wir aber mit solchem Emporheben von Menschen an, weil wir uns damit ein paar Vorteile erschmeicheln wollen, dann wird das Loben zur peinlichen Phrase.

Wir alle haben sicherlich unsere Erfahrungen damit, was dann abläuft. Da fängt einer an, einen anderen „über den grünen Klee zu loben“, wie es z.B. in der Politik häufig der Fall ist. Die Parteien üben sich gegenwärtig gerade in dieser Kunst zugunsten ihrer Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten oder einer Bundespräsidentin. Aber alle wissen: Da wird zu dick aufgetragen. Es wird auch gelobt, was eigentlich gar nicht des Lobes wert ist. Ich könnte aus der akademischen Welt, in der ich lange gearbeitet habe, viele Geschichten davon erzählen, wie gelobhudelt wird, um Karrieren zu befördern

Menschen schmeichelt es leider nun einmal, wenn sie gelobt werden. Gerade die, die Macht haben, sind merkwürdigerweise darauf erpicht, tüchtig gelobt zu werden. Diejenigen unter uns, die noch DDR-Erfahrung haben, wissen davon ein Lied zu singen. Die Mächtigen in Partei und Regierung wollten im Grunde ohne Unterlass von allen gelobt werden. Wer da nicht mitmachte, fiel schon aus der Rolle. Ein Witzbold hat die DDR darum geradezu das Land der „Lobetrotter“ genannt. Die Kluft zwischen den übertriebenen Lobsprüchen, die uns unterdessen aufs neue in den Wahlkämpfen begegnen, und der Wirklichkeit ist eben im Grunde bloß lächerlich. Wo die Seele nicht mehr mitklingt, wenn Menschen sich loben, entstehen bloß Sprechblasen, die gleich zerplatzen, wenn man sie ein wenig antippt.

Was unter uns, liebe Gemeinde, lächerlich ist, das wäre jedoch geradezu töricht, wenn wir damit auch Gott gegenüber anfangen würden. Sprechblasen für Gott, die kommen noch nicht einmal in eine Höhe, in der sie zerplatzen können. Die kullern bloß ein bisschen auf der Erde rum. Wir können sie uns im Grunde sparen, weil es sinnlos ist, Gott mit großen Sprüchen schmeicheln zu wollen, wie einem eitlen Menschen oder einem in seine Großartigkeit verliebten Machthaber. Denn „Gott“ das heißt ja: Hier hört aller Schein auf.

Schon wenn wir das Wort „Gott“ in den Mund nehmen, dann schließt sich diese Kluft, mit der Menschen das Loben so verderben und lächerlich machen. Vor Gott müssen wir sein, wer wir wirklich sind. „Alles, was in uns ist“, wird da offenbar. Und deshalb hat das Loben in unserer Beziehung zu Gott sein echtes Zuhause. Es ist nicht nur ein kleines Fest zweckloser Freude aneinander, mit dem wir uns am Abend mitten unter so viel verdorbenen Lob hin und wieder gut tun. Hier kann es ein großes Fest werden, auf dem wir immer alles, was in uns ist, ohne Hemmung klingen lassen können.

„Alles was in mir ist, lobe den Herrn“, so sagt es ein Mensch in unserem Psalm, der sich anschickt, Gott zu loben. Das ist großartig, dass er das so sagen kann. Sein ganzes Sein soll singen und klingen für Gott. Wem das vergönnt ist – so vom Loben ausgefüllt zu sein –  der verdient wahrlich ein heiler Mensch zu heißen. Der singt so, wie wir das jetzt auch mit dem Lied „Du meine Seele singe“, Vers 1, 2 und 8 auch tun wollen.

Du meine Seele singe (EG 302, 1-2. 8)

Paul Gerhardt, dem wir dieses lobesverständige Lied verdanken, hat eigentlich unübertroffen gesagt, wie einem Christenmenschen zumute ist, wenn er sich anschickt, Gott zu loben. „Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen Deinen Ruhm“, hat er gesagt. Er war und wir sind, so wie wir uns kennen, eben keine heilen Menschen. „Alles, was in uns ist“, eignet sich ganz bestimmt nicht, auf eine Melodie des Lobens eingestimmt zu werden. Wir kennen die Traurigkeiten und die Zerrissenheiten unserer Seele. Wir kennen das Dunkle in uns, das wir vor anderen Menschen sorgsam verbergen und dem beim besten Willen kein Jubelton für Gott abzuringen ist.

Uns ist überhaupt nicht so doll nach Loben zumute, wenn wir die sinnlosen Schmerzen ansehen, die andere und wir selbst auf dieser Erde verschulden und zu erdulden haben. Die Lasten der Vergeblichkeit, der Enttäuschung und Bitterkeit stutzen die Flügel unserer Seele hoch zu Gott.

„Lobe den Herren, meine Seele“? – es scheint so, liebe Schwestern und Brüder, dass wir dafür überhaupt nicht die richtigen Leute sind. Von den falschen Leuten gelobt zu werden, aber kann Gott nicht gefallen. Das kann niemand gefallen. Denn es zieht ihn Zwielicht wie alles verlogene Lob. Gott ins Zwielicht bringen, selbst wenn's noch so golden glitzert, aber heißt, das Gotteslob selbst zugrunde richten. Es ist der Anfang vom Verstummen, in dem schließlich ganz vergessen wird, dass das Loben in unserem Glauben an Gott doch sein eigentliches zu Hause hat.

Doch mit diesem Eingeständnis, dass wir eigentlich die falschen Leute für's Loben Gottes sind, bringen wir unseren schönen Lobpsalm mitnichten zum Verstummen. Wir sagen ihm da nämlich gar nichts Neues. Denn auch hier redet einer wie wir, der sich gegen sein Verstummen vor Gott zu wehren hat.

„Vergiss nicht“, ermahnt er sich geradezu. Es steht ihm vor Augen, wie er sich vor Gott eigentlich gar nicht blicken lassen kann. Er denkt an Gebrechen, die ihm seinen Gott, aber zugleich das eigenes Leben verleidet haben. Besser als wir ist er wahrlich nicht. Aber dass er der Falsche für's Gotteslob ist, das kann er dennoch nicht zugeben. Denn bei dieser traurigen Selbsteinschätzung macht Gott nicht mit. In seinen Augen bleiben wir nämlich die richtigen Leute fürs Loben, weil er uns abnimmt, was uns daran hindert. Und deshalb tut er etwas, was wir uns normalerweise nicht zutrauen.

Er rührt unsere Seele mit Worten wie mit denen unseres Psalm ans, so dass sie sich weitet und weitet zu einem Raum, in dem alles Bedrückende, alle vergangene Schuld und aller Kleinmut keinen Platz mehr haben. Für unseren Psalm ist es geradezu ein Krönungsraum, in dem wir die Krone göttlicher Würdigung tragen dürfen. Sie trägt die Perlen seiner Gnade und Barmherzigkeit, die nun alles, was in uns ist, zieren. Königinnen und Könige bemerkenswerter Art sind wird also Alle, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir die Abende unserer Tage, ja unseres Lebens in das Gotteslob einmünden lassen.

Wer diese Krone trägt – und das sind Alle, die Gott loben – wer also diese Krone göttlicher Klarheit trägt, wird seine Abende und damit sein Leben nicht verpennen und verschnarchen. Er, sie, werden sich vielmehr zutrauen, Alles das, was sie den Tag lang so tun und lassen, in das Gotteslob münden zu lassen. Sie werden sich aufrichten und in das Gotteslob einstimmen wie in ein großes, befreites Aufatmen. Amen.

Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all (EG 293, 1B-2O)

 

 

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de