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Römer 5, 5
Liebe Gemeinde,
„die Hoffnung
lässt nicht zuschanden werden.“ So lautet das Thema der heutigen
Predigt. Aber fast bereue ich, diesen Satz aus dem 5. Kapitel des
Römerbriefs des Apostels Paulus herausgepickt und so isoliert in die
Gegend gestellt zu haben. Denn an und für sich ist das nach unserer
Erfahrung ja kein ganz richtiger Satz. Natürlich lässt uns die
Hoffnung – so allgemein gesprochen – wieder und wieder zu Schanden
werden, das heißt, beschämt dastehen, wenn heraus kommt, wie sehr wir
uns mit unserem Hoffen zu Narren gemacht haben.
Denn was hoffen
und erträumen sich Menschen nicht alles in ihrem Leben und wie wenig
wird davon je Wirklichkeit! Welche Hoffnungen hängen sich nicht an
Weltanschauungen und politische Programme und was bleibt davon übrig,
wenn die Zeit ins Land geht? Sollten wir deshalb nicht die Meinung
teilen, dass das Hoffen in Wahrheit ein richtiges Übel ist; –
ein Übel, das uns zu unserer immer neuen Beschämung dazu verleitet,
uns über die Realität, in der wir leben, Illusionen zu machen?
Nach der alten
Fabel von der Büchse, oder vielmehr – richtig übersetzt – von dem Fass
der Pandora, die uns Hesiod überliefert, ist das in der Tat so.
Pandora war nach der griechischen Mythologie die erste Frau auf der
Erde, eine Art Eva also, biblisch gesprochen. Zeus, der Göttervater,
habe, so fabuliert diese Geschichte, der Pandora ein mit allen Übeln
und Leiden gefülltes Fass geschenkt, das verschlossen bleiben sollte.
Aber neugierig, wie die Pandora nun einmal war, hat sie dieses Fass
dennoch geöffnet. Da sind denn alle Übel und Leiden hinaus geflogen
und umkreisen und beherrschen seitdem die Erde. Nur die Hoffnung, ein
letztes Übel also, bleibt in dem Fass, als der Deckel wieder zufällt.
Seitdem ist die
Welt ein trostloser Ort, an dem die Menschheit Böses, Plagen,
Schrecken und Katastrophen aller Art erleiden muss. Um dieses Geschick
erträglich zu machen, öffnet Pandora die Büchse ein zweites Mal und
lässt das Übel der Hoffnung heraus. Es ist dazu da, die Menschen über
das Ausmaß der sie beherrschenden Leidens hinweg zu trösten,
illusorisch hinwegzutrösten.
Es gibt auch eine
positive Variante dieser Geschichte. Danach war jenes Fass mit allen
Gütern gefüllt, die nach seiner Öffnung wieder zu den Göttern
zurückflogen sind. Nur die Hoffnung blieb zurück, um die Menschheit
über den Verlust des Guten hinweg zu trösten. Aber sei es nun so oder
so: Dass wir nicht aufhören, zu hoffen, zeigt nach diesem Verständnis
der Hoffnung nur, wie erbärmlich wir in der harten Realität dran sind.
Wir könnten sie gar nicht aushalten, wenn uns die Hoffnung – mit Kant
und Karl Marx geredet – nicht eine Art Opium verpassen würde. Aber
dieses Opium lässt uns Tag für Tag und spätestens, wenn uns das Übel
des Todes ereilt, doch zuschanden werden. „Pfui, schämt euch
eurer Hoffnung, schämt euch ihr Opiumabhängigen“, rufen uns dieser
letzte Realist, der Tod, und seine Anwälte bei den alten Griechen und
unter unseren Zeitgenossen schon heute zu.
Doch, liebe
Gemeinde, das tun wir offenkundig nicht. Wir schämen uns nicht, weil
wir so viele Hoffnungen haben. Das tut keiner, obwohl er weiß, wie
manche enttäuschte Hoffnungen tiefe Spuren in sein Leben gegraben
haben. Darum stehen wir trotz aller Enttäuschungen der optimistischen
Prognose des Apostels Paulus, dass das Hoffen nicht im Schämen
verendet, doch näher, als wir auf den ersten Blick dachten. Denn ein
Leben ohne alle Hoffnungen wäre ein gespenstisches, ein im Grunde gar
nicht menschliches Leben. Es wäre ein bloßes Abrollen ohne alle
Spannung und Spannkraft, ohne eine Geschichte, ohne helle, offene
Augen. Es wäre die Hölle, wie denn auch über dem Eingang zum
Inferno in Dantes „Göttlicher Komödie“ geschrieben steht: „Die, die
ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“.
Solange wir
hoffen, ist uns diese Erde keine Hölle. Im Hoffen haben wir immer noch
einen Horizont, leben wir nach vorwärts. Im Hoffen steht uns die
Zukunft als etwas Gutes, Angenehmes vor Augen, auf das wir uns freuen
können, das uns Mut macht, das uns anspornt, in den morgigen Tag zu
gehen. In unserer deutschen Sprache heute hat deshalb alleine schon
das Wort Hoffnung nicht diesen negativen Klang wie in jener
alten Fabel. Daran hat die Prägung unserer Sprache durch das
Christentum durchaus eine Aktie.
Niemand sagt: Ich
hoffe, dass ich Zahnschmerzen bekomme oder ich hoffe, dass andere
Menschen mich scheußlich finden. Das Hoffen richtet sich auf das Gute,
ja auf das Beste für uns in der vor uns liegenden Zeit. „Die Welt wird
alt und wird wieder jung und der Mensch hofft immer
Verbesserung“, hat Friedrich Schiller etwas simpel, aber doch durchaus
zutreffend gedichtet. Es ist keinesfalls so, dass nicht erfüllte
Hoffnungen uns das Hoffen überhaupt abgewöhnen. Wenn eine Hoffnung
gestorben ist, dann erwacht bei uns zukunftsbezogenen Wesen schon eine
neue.
Aber nicht nur
das. Auch wenn sich eine Hoffnung erfüllt hat, dann ist flugs wieder
eine andere da. Es kommt sogar vor, dass uns die Erfüllung einer
Hoffnung überhaupt nicht beglückt, sondern uns irgendwie schal
vorkommt. Das schöne, spannende Gefühl der Ausrichtung unseres Lebens
auf ein Ziel ist dann weg. „Es ist besser, hoffnungsvoll zu reisen als
anzukommen“, heißt deshalb ein altes japanisches Sprichwort.
Der marxistische
Philosoph Ernst Bloch, den unsere Realsozialisten in der DDR gar nicht
mochten, hat in diesem Sinne das „Prinzip Hoffnung“ regelrecht zum
Kern seiner Weltanschauung gemacht. Solange wir zur konkreten Utopie
des „Reiches der Freiheit“ unterwegs sind, brennt in uns das Feuer,
die gesellschaftlichen Verhältnisse zugunsten immer größerer
Gerechtigkeit zu verändern. Behauptet jemand, er hätte die gerechten
Verhältnisse schon verwirklicht, dann erstarrt die Gesellschaft – so
wie es dann in der DDR ja auch der Fall gewesen ist.
Doch wie dem auch
sei: Eines wissen alle Hoffenden sicherlich oder setzen es
stillschweigend voraus: Ob Hoffnungen auf Glück, auf Freundschaft, auf
Wohlergehen, auf Gesundheit, auf eine Arbeit und was immer es sei, in
Erfüllung gehen, hängt nicht alleine von uns ab. Das kann man nicht
erzwingen, errechnen und manipulieren. Da spielen so viele Ereignissen
und Faktoren mit, die unvorsehbar sind. Die Hoffnung hat es darum
immer mit dem unverfügbaren Mehrwert der Zukunft in unserem
Leben zu tun. Darin unterscheidet sie sich von der Erwartung.
Auch die Erwartung
ist eine Art und Weise, in der wir uns auf die Zukunft einstellen. Sie
aber rechnet hoch, was nach allen Gesetzen der Logik, der Natur, der
Technik und unserer Kenntnis menschlichen Verhaltens morgen der Fall
sein wird. Zwar kann da auch noch allerhand Unvorhersehbares
dazwischen spuken, so dass ein Fünkchen Hoffnung z.B. auch in der
Erwartung steckt, dass der Wetterbericht stimmt, die Computer billiger
werden und die gebrochene Schulter schneller heilen wird, als
angenommen. Aber die Erwartung lebt eigentlich nicht aus dem
Überraschungsfeld der Zukunft. Sie zieht die Vergangenheit in die
Zukunft hinein aus und stellt sich darauf ein, dass Morgen alles so
sein wird, wie wir es heute erleben, planen und für sicher halten. Es
ist darum kein Wunder, dass ihr der Überschuss der Freude auf das
eigentlich unwahrscheinlich, überraschend Gute von Morgen fehlt.
Die Erwartung hat
deshalb im Unterschied zur Hoffung auch etwas Miesepetriges. Für sie
halten sich nach den Erfahrungen, die wir heute machen, die guten und
die schlechten Erwartungen so ungefähr die Waage. Sagt der eine: Ich
erwarte morgen auf Grund des spannenden Themas ein gutes Seminar,
antwortet die Andere, ja aber der Professor wird genau so langweilig
sein wie gestern. Sagt die Eine: Ich erwarte aufgrund des allgemeinen
Trends in Europa und weltweit, dass die Religion auch in
Ostdeutschland wiederkehren wird, antwortet der Andere: Ja, aber die
Umfragen unter den Ostdeutschen sprechen nicht dafür. Sie werden mit
ihrer atheistischen Konfessionslosigkeit auf unabsehbare Zeit eine
besondere Spezies auf unserer Erde bleiben.
Wir könnten dieses
„Ja-Aber“, in welchem die Erwartung sich aufhält, endlos weiter
illustrieren. Die Hoffnung jedoch beteiligt sich nicht daran. Die
Hoffnung spricht: Das Einzige, auf dass ich mich wirklich verlasse,
sind – Wunder. Dass ein Mensch z.B., an dem ich schuldig
geworden bin, mich nicht für alle Zeiten darauf festlegt, ein
Schweinehund zu sein, sondern mit mir einen neuen Anfang macht, ist
ein solches Wunder. Die Hoffnung, zwei bis an die Zähne gerüstete
Militärmächte würden ohne Gewalt die Waffen strecken, hat uns das
Wunder erleben lassen, das sich 1989 vor unseren Augen gegen alle
Erwartung abgespielt hat. Nur die Hoffnung auf das Wunder, dass der
Hass zwischen den Völkern und Religionen erlischt, gibt die Kraft,
nach Wegen der Versöhnung trotz der Erwartung immer wieder
aufflammenden Hasses zu suchen.
Ja, die Hoffnung
tritt – wundergläubig wie sie ist – sogar gegen den an, den wir
anfangs den „letzten Realisten“ nannten, nämlich gegen den alten
Hoffnungstöter aus dem Fass der Pandora, den Tod. Sie muss gegen ihn
antreten, wenn ihr im Laufe eines menschlichen Lebens nicht die Puste
ausgehen soll. Denn die Zeit, die Zukunft vor uns, wird je länger wir
leben, immer schmaler und das Feld möglicher Überraschungen immer
kleiner. Die Vergangenheit schwillt an, von der wir keine Wunder mehr
erhoffen können. Soll die Hoffnung da nicht schrumpfen und faulen wie
ein alter Apfel, dann muss sie an dem Riegel rütteln, den der Tod
ihrer Sehnsucht nach Zukunft vorschiebt. Und das tut sie ja denn auch.
Von dem Menschen,
der immer „Verbesserung“ hofft, heißt es in Schillers etwas simplen
Gedicht deshalb weiter: „Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf/
noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.“ Es ist, liebe Gemeinde,
eine wilde Pflanzung, welche die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte
mit ihren Religionen da angelegt hat und heute auch ohne Religionen
mit mancherlei Computermüll anlegt. Der Traum von der Unsterblichkeit,
mit dem am Todesriegel gerüttelt wird, hat viele bunte und heute sogar
zunehmend schrille Gestalten. Doch bevor wir uns darin verlieren, wird
es endlich Zeit, dass ich Ihnen den ganzen Text von Römer 5, 5 nicht
länger vorenthalte.
„Die Hoffnung
lässt nicht zuschanden werden“, dieser Satz, liebe Gemeinde, ist
nämlich nur die erste Hälfte unseres Textes aus dem Römerbrief. Paulus
hat ihr auch noch eine Begründung hinzugefügt. Diese Begründung ist
unter all den guten Gründen für das Hoffen, die wir zusammen getragen
haben, einigermaßen überraschend. Sie lautet: „Denn die Liebe Gottes
ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns
gegeben ist“.
Paulus fasst damit
kurz und knapp und trefflich die Grunderfahrung zusammen, aus der
heraus ein Christenmensch lebt. Die Liebe Gottes, die den Namen Jesu
Christi, des Siegers über den Tod, trägt, hat ihn ergriffen. Die
Empfindungen, die das auslöst, sind die Gleichen, die wir auch haben,
wenn ein Mensch uns liebt. Da fließt so ein ganzer Strom von Erhöhung
meines Lebens als etwas ganz Wichtigem in mich ein.
Denn da findet
mich einer ganz wunderbar und will nur noch mit mir zusammen sein. Da
freut sich eine an mir, so wie ich bin. Da erwählt mich eine zu ihrem
Partner. Da sinnt einer auf nichts als Gutes für mich und macht mir
die schönsten, wohl überlegtesten Geschenke, um mich zu erfreuen. Da
tritt ein Mensch für mich ein. Da ist ein Mensch, auf den ich mich
unbedingt verlassen kann und der mir letztlich nichts übel nimmt. Da
versteht mich jemand, obwohl ich ihm das mit allen meinen Macken nicht
leicht mache. Da wird also so viel Wunderbares in mich hinein
ausgegossen, dass selbst die Dichter kaum hinterher kommen, um
den Reichtum der Liebe zu besingen.
Doch wenn es nun
der ewige Gott ist, der seine Liebe zu uns durch seinen Geist
in unser „Herz“ – und das heißt in der biblischen Sprache: in unser
ganzes Leben – ausgießt, dann ist da mehr als noch so
liebeskundige Dichtung. Dann ist da ein Leben von weither, das Leben
Gottes in uns, das uns spürbar ergreift und das uns über alle Grenzen
hinaus treibt, die der menschlichen Liebe auf Erden gesetzt sind.
Ewige
Liebe in unserem zeitlichen und
vergänglichem Leben rüttelt darum nicht bloß am Todesriegel mit
allerlei phantastischen Vorstellungen aus der Welt der Religionen. Sie
bietet nicht Palmenwedel, weiße Kleider und sonstwelche Produkte
religiöser Phantasie auf. Sie treibt die Hoffung auf wundergute
Überraschungen an, die jede Liebe parat hat. Gottes ewige Liebe aber
wird sie uns bis in unseren letzten Atemzug hinein bereiten. Wenn wir
am Ende sind, wird sie für uns da sein. Nicht wir, der Tod wird
zuschanden werden. So spricht die Hoffnung auf Gott. Denn die Liebe
Gottes kennt keine verlorenen Fälle; weder in der Zeit noch in der
Ewigkeit.
Sie setzt deshalb
auch alles Hoffen ins Recht, das bewusst oder unbewusst auf die Wunder
hofft, die ein kleiner Widerschein der großen Liebe Gottes in unserem
Leben, in unserer Welt sind. Nein, Menschen müssen sich wirklich nicht
schämen, dass die so viele Hoffnungen haben. Das sind ja allesamt
Geschwister der großen Hoffnung, die Gottes Liebe seiner ganzen
Schöpfung gegeben hat. Amen.
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