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Johannes 6, 32-35
Ich lese diesen
Text so, wie er in der Neuen Jerusalemer Bibel, der ökumenischen
Einheitsübersetzung, lautet:
Jesus sagte zu
ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom
Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom
Himmel.
Denn das Brot,
das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
Da baten sie
ihn: Herr gib uns immer dieses Brot.
Jesus
antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird
nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.
Liebe Gemeinde,
was soll denn das für ein menschliches Leben sein, in dem wir keinen
Hunger und keinen Durst mehr haben? So mögen wir uns wohl fragen, wenn
Jesus sich hier im Johannesevangelium das „Brot des Lebens“ nennt, das
diesem Leben, unserem Leben, allen Hunger und allen Durst nimmt.
Hunger und Durst
in dem elementaren Sinne, dass uns leiblichen Wesen Nahrung und Wasser
fehlen, sind zwar ohne Zweifel schlimm, furchtbar schlimm. Wessen
Hunger nicht gestillt und wessen Durst nicht gelöscht wird, der muss
sterben. Gerade in unseren Tagen gehen wieder die Statistiken um die
Welt, nach denen täglich tausende Menschen und vor allem Kinder auf
unserer Erde hungers sterben und weiter sterben werden, während bei
uns auf den Feldern statt Brot für diese Menschen Raps für die Autos
angepflanzt wird.
Keinen Hunger,
keinen Durst zu haben, ist für die Ärmsten der Armen in der Tat der
Wichtigste, das Lebenswichtigste und Schönste, das sie sich zu
ersehnen vermögen. „Manna“, wie es das Gottesvolk, das am Verhungern
war, in der Wüste fand, ist Not für sie. Wenn uns das vor Augen steht,
werden wir Gott nicht nur unablässig um ihr täglich Brot bitten,
sondern mit unseren Kräften das Unsere tun, damit Menschen auf Gottes
Erde sich nicht zu Tode hungern müssen.
Aber doch versagt
unsere Vorstellungskraft ziemlich, wenn wir uns in ein Leben
hineinzuversetzen versuchen, in dem Hunger und Durst gänzlich
unbekannt sind. Wir brauchen uns in unseren Breitengraden im
Unterschied zu den armen, armen Menschen, an die wir zuerst denken
müssen, wenn wir heute das Wort „Hunger“ hören, zwar keine Sorgen
machen, dass wir verhungern und verdursten müssen. Wir leben in einer
Sicherheit, in der wir wissen, womit unser Hunger gestillt und unser
Durst gelöscht werden kann.
Jedoch essen ohne
hungrig zu sein und trinken ohne durstig zu sein, ist nach unseren
Erfahrungen trotzdem keine gute Vision von unserem Leben. Uns fallen –
wenn wir geschichtskundig sind – dabei nicht nur die alten, reichen
Römer ein, zu deren Schlemmen das Erbrechen gehörte, damit sich wieder
der Hunger auf den Genuss (von Singvogelzungen z.B.) einstellt. Die
„Gourmets“ unserer Tage, deren alberne Gerichte nichts mit dem Hunger
zu tun haben, sind auch nicht viel besser. Wir denken außerdem, was
das Trinken ohne Durst betrifft, einigermaßen besorgt an die Sauflust
in unserer Gesellschaft, mit der Menschen sich betäuben, um sich als
Menschen aushalten zu können.
Wer voll gestopft
mit Genüssen und voll getankt mit Betäubungswasser Hunger und Durst
künstlich erzeugen muss, erinnert sich wohl nur noch auf völlig
pervertierte Weise daran, dass Hunger und Durst etwas
Grundmenschliches sind. Wer Hunger und Durst hat, drängt ins Leben wie
Israel in der Wüste. Hunger und Durst sind die elementarste eigene
Lebensregung, die wir zeigen, kaum dass wir geboren sind und nach der
Mutterbrust verlangen. Wenn kranke Menschen, wenn kleine Kinder keinen
Hunger mehr haben, dann besteht Anlass zu größter Sorge um sie. Dann
ekelt sie der Gedanke an das Essen, das heißt an das Leben. Dann
erlischt ihr Lebensmut und ihre Lebenslust.
Hunger und Durst
melden uns dagegen, dass wir Energiezufuhr von außen brauchen,
um leben zu können. Hunger und Durst gehören zu einem Leben, das von
Gott geschaffen ist, um sich zu entfalten und aufzublühen. Es ist
dabei weise so eingerichtet, dass uns die Stillung des Hungers
und das Löschen des Durstes Lust bereiten.
Essen und Trinken
sind unter uns Menschen darum nicht Stopfvorgänge zum Verfetten, wie
es beim tierquälerischen sogenannten „Nudeln“ mit den Gänsen
ausgerechnet zur Weihnachtszeit praktiziert wird. Die Lust des Stillen
des Hungers und des Löschens des Durstes ist bei uns Menschen vielmehr
mit Recht zu einer Kultur des Essens und Trinkens geworden. In
ihr weitet sich die Freude am Essen und Trinken zur gemeinsamen Freude
an unserem wunderbaren Leben.
Die Versammlung
der Familie zum Frühstücken, zum Mittagsmahl und zum Abendessen ist
durch die Mechanismen der modernen Berufs- und Arbeitswelt zwar
schweren Belastungen ausgesetzt. Freundinnen und Freunde finden nur
mit Mühe Termine zu gemeinsamen Essen und Trinken, bei denen sie sich
aneinander freuen können. Mit fastfoot gehen die Menschen, um mit dem
Geist der Zeit Schritt zu halten, zum einsamen Sichselbstnudeln und
hastigen Sich-Vollstopfen über. Aber es gibt immerhin dennoch auch
noch das Andere und ich will hoffen, dass dies besonders in
christlichen Familien, ja überall in der Christenheit der Fall ist.
Denn mit Christus,
dessen Namen Christinnen und Christen tragen, ist untrennbar
verbunden, dass dieser Gottessohn uns als essende und trinkende
Geschöpfe Gottes ernst genommen, ja gewürdigt hat. Sein Gebet um das
tägliche Brot, seine Speisungen der Hungernden und sein letztes Mahl
mit seinen Jüngern erheben das Essen und Trinken zu einem
Urerlebnis unserer Menschlichkeit. Leib und Seele, Mensch und
Mensch, Frau und Mann, Kinder und Alte werden hier in einer
gemeinsamen Erfahrung zusammen geschmiedet. Alle sind hier gleich
bedürftig und für Alle ist das Stillen des Hungers und das Löschen des
Durstes zugleich eine Lust, die auf alle Beziehungen, in der
sie sind, übergreift. Wer miteinander isst und trinkt, will
miteinander leben, will auch in jeder anderen Hinsicht miteinander die
Freude am Leben, das uns Gott gegeben hat, teilen.
Es wäre darum ganz
falsch, wenn wir Christi Selbstverkündigung als wahres „Brot des
Lebens“ so verstehen würden, als wolle sie uns diese Lust an unserem
geschöpflichen, leiblichen, essenden und trinkenden Leben vergällen.
Ein derartiges Verständnis dieses Wortes hat es ja in der Geschichte
der Christenheit durchaus gegeben und das gibt es da und dort auch bis
heute. Von denen, die Christus, das wahre Brot des Lebens, lieben,
wird dann verlangt, dass sie das primitive, erdgebundene Essen und
Trinken von uns Geschöpfen Gottes verachten.
Aber Jesus, wie er
im Johannesevangelium zu uns spricht, blockt dieses Missverständnis
von vornherein ab. Er blockt es auf den ersten Blick sogar ein wenig
bedenklich und für seine jüdischen Zeitgenossen sogar ziemlich
anstößig ab. Das „Manna“ in der Wüste, das Brot fürs irdische Leben
Israels also, sagt er im Unterschied zum alttestamentlichen Bericht,
sei nicht vom Himmel gewesen. Es wird bloß Moses, es wird dem
Irdischen zugerechnet. Aber so behält es auch sein Recht im Irdischen.
Israel, wir, können und sollen uns an dem erfreuen, was die Erde
bietet.
Der Himmel aber,
Gott, bietet uns mehr. Er bietet uns nicht nur Lebensmittel, die
verbraucht werden. Er teilt das Leben selbst aus, dass sich gar
nicht verbrauchen lässt. Mit diesem Brot wird es uns darum nicht so
ergehen wie mit dem irdischen, vergänglichen Brot und dem Wasser der
Erde. Das kann unseren Hunger und unseren Durst immer nur für eine
Weile stillen. Denn die irdischen Lebensmittel sättigen nur eine
zeitlang und sie können nicht verhindern, dass in dieser Zeit unser
Leben letztlich abnimmt und schwindet. Sie können nicht Leben
gewähren, das bleibt.
Das Brot vom
Himmel aber nährt uns mit Gottes unvergänglichem, ewigen Leben. Wir
können regelrecht mit unserem ganzen Daseinsempfinden schmecken, wie
das ist, wenn wir zu Christus kommen und der Glaube an ihn unser Leben
durchströmt. Wir bekommen da nicht bloß ein paar religiöse Häppchen
für die Seele. Unser ganzes Leben wird da vielmehr an das pulsierende
ewige Leben Gottes angeschlossen: An seine Liebe, die stärker ist als
der Tod; an seine Treue, mit der er für uns einsteht, wenn wir am Ende
sind, an seine Herrlichkeit, die unseren Lebenshunger und unseren
Lebensdurst in das beglückende Teilnehmen an Gottes Möglichkeiten
verwandelt.
Wessen Leben von
solchem Brote Gottes genährt wird, ist also ein reicher Mensch. Er
lebt aus einer Fülle unerschöpflichen Lebens. Er hat mehr, als er nur
alleine braucht. Es ist darum normal, dass es die, die vom wahren Brot
des Lebens zehren, dazu drängt, von diesem Brote anderen abzugeben.
Brot, liebe Gemeinde, will ausgeteilt und geteilt werden. So ist es
nicht nur mit unserem irdischen Brot, das der Welt und uns nur zum
Segen gereicht, wenn wir es mit Anderen teilen. So hält es an erster
Stelle Gott selbst, der in seinem Sohne sein Brot des ewigen Leben
überreich unter uns austeilt.
So werden es
deshalb auch wir halten, wenn das Leben Gottes in unserem Leben pulst.
Wir werden es nicht im Brotkasten unserer Kirchenmauern und
Gemeindegrenzen verstecken. Wir werden die, die dieses Brot nicht
kennen, einladen, es zu schmecken. Denn kein Mensch soll auf Gottes
Erde nach Leben hungern. Jeder Mensch ist dazu erwählt, das Brot des
Lebens zu genießen, das ihn nimmermehr hungern und dürsten lässt.
Amen. |
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