|
:: Lebenslauf
:: Bibliographie
:: Artikel
:: Vorträge
:: Predigten
:: Radiosendungen
:: Links
|
|
Jesaja 54, 7-10
Im Predigttext des
heutigen Sonntags spricht zu uns ein Prophet Israels, dessen Namen wir
nicht kennen. Was er verkündigt hat, ist in unserer Bibel in das Buch
des Propheten Jesaja eingefügt worden. Aber es ist ganz klar, dass er
in eine andere Zeit und an einen anderen Ort gehört, als der Mann, der
Jesaja hieß. Unser unbekannter Prophet befand sich unter den Tausenden
des jüdischen Volkes, welche die Babylonier verschleppt hatten,
nachdem Jerusalem von ihnen im Jahre 587 vor Christus zerstört worden
war. Er hat erlebt, wie eine Großmacht auch sein Volk zu zerstören
versuchte. Er hat aber auch erlebt, wie diese Großmacht zu zerbröckeln
begann, so dass Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat unter den
Verschleppten aufkeimte. In diese Situation hinein gehören die
wunderbaren Gottesworte, die unser unbekannter Prophet seinem Volke
zugerufen hat. Wir finden sie im Jesajabuch, Kapitel 54, 7-10. Gott
sagt dort:
7 Ich habe dich
einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit
will ich dich sammeln.
8 Ich habe mein
Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber
mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein
Erlöser.
9 Ich halte es
wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr
über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht
mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
10 Denn es sollen
wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht
von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen,
spricht der Herr, dein Erbarmer.
Liebe Gemeinde,
Sie haben es
sicher beim Hören dieses Textes gemerkt: Gottesworte wie diese haben
es an sich, dass sie uns in ihrer eigentümlichen Kraft sofort über die
Situation hinaus führen, in der sie einmal gesprochen wurden.
Natürlich bleiben sie auch die Worte, die dem im fremden Lande
geknechteten Volk Israel vor langer Zeit Hoffnung auf Freiheit im
eigenen Lande gegeben haben. Aber zugleich überspringen sie doch den
riesigen Zeitraum von damals und heute. Es ist als rede Gott mit
diesen Worten einen jeden von uns ganz persönlich an.
„Es ist nur ein
kleiner Augenblick,“ sagen diese Gottesworte uns, „wenn ich dich
spüren lasse, wie das ist, von mir verlassen zu sein. Du musst nicht
an mir irre werden. Absolut verlassen habe ich dich nie, sondern mich
nur ein wenig vor dir verborgen. Aber meine Barmherzigkeit,
meine Gnade und mein Frieden für dich sind unerschütterlicher
als alles, was auf der Erde als unerschütterlich gilt“.
Gott gibt hier uns
also, liebe Gemeinde, durch den Mund eines unbekannten Propheten
direkt zu verstehen, was seine göttliche Art und Weise ist, sich auf
uns Menschen, auf jeden von uns, einzulassen. Er klärt uns
gewissermaßen darüber auf, was wir zu erwarten haben, wenn wir uns auf
ihn verlassen. Das aber ist nichts als überwältigend Gutes, welches
sich in unserem Prophetenwort am Ende in das Wort Frieden, schalom
auf hebräisch, sammelt.
Schalom
– das ist das Ende aller Entzweiung, die uns unser Leben auf dieser
Erde verdirbt. Schalom – das ist der Frieden mit uns selbst, in
dem wir damit einverstanden sein können, wie Gott uns geschaffen hat.
Schalom – das ist der Frieden mit den nahen und fernen Menschen
neben mir, die keinen Grund mehr haben, sich listig oder brutal an die
Gurgel zu gehen. Schalom – das ist der wundergute Einklang
unseres Daseins mit dem Geheimnis unseres Lebens, das Gott ist.
Wer an Gott
glaubt, vertraut darauf, dass sich solcher Schalom, solcher Friede, in
seinem Leben und im Leben aller Menschen ausbreitet, wie ein warmer
Strom, der die harte Eiseskälte zum Schmelzen bringt, in der Menschen
sich mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und mit Gott entzweien.
„Es sollen wohl
Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir
weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen“ – nicht
zufällig ist dieses Gotteswort im Prophetenmund zu einem der in
unserer Kirche am Häufigsten verwendeten Gotteszusagen bei Taufen,
Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen geworden. Es ist das
Evangelium, die gute Botschaft schlechthin, die einen Menschen von der
ersten bis zur letzten Stunde seines Lebens zu tragen vermag. Alles,
was unsere Kirche zu verkündigen und darzustellen hat, ist in dieser
Botschaft vom Gott des Friedens konzentriert.
Insofern könnte
ich eigentlich schon an dieser Stelle das „Amen“ sprechen und damit
die Predigt schließen. Mehr und Besseres gibt es von Gott nicht zu
sagen, als dass seine Gnade für uns nie mehr weichen und der Bund
seines Friedens niemals hinfallen soll. Doch wir müssen aufpassen,
dass wir das „Amen“ zu Gottes einzigartigem Versprechen nicht allzu
schnell oder gar flott und leichtfertig sprechen.
Dann könnte es uns
nämlich passieren, dass uns dieses Versprechen allzu
selbstverständlich wird und am Ende nur noch ein schöner Spruch ist;
ein Spruch, der Gott nichts kostet und über die Erfahrungen, die wir
in unserem Leben mit Gott und den Menschen machen, hinweg rauscht.
Doch ein solcher lockerer Spruch ist das Evangelium aus dem Alten
Testament ganz gewiss nicht, das uns der unbekannte Prophet verkündet.
Wir merken das, wenn wir dieses Evangelium im Zusammenhang des ganzen
Prophetenwortes vernehmen. Denn da kommt auf einmal ganz und gar nicht
harmonisch Selbstverständliches, sondern auch richtig gehend
Erschreckendes mit ins Spiel.
Da bekennt nämlich
Gott selbst, dass es eine Zeit gab, in der er sein Volk, in der er uns
verlassen hat. Nur einen „Augenblick“ lang sei das gewesen. Aber was
beim ewigen Gott ein „Augenblick“ ist, das dauert bei uns in der
irdischen Zeit qualvoll lange. Über fünfzig Jahre musste Israel in
Babylon ausharren und am eigenen Leibe spüren, wie das ist, wenn Gott
sein Volk verlässt. Und diese gottverlassenen Jahre haben sich
vermehrt, haben sich hinein gefressen in die Menschenwelt bis in
unsere Zeit. Der „Augenblick“, in dem Gott nicht da ist mit dem
warmen, kräftigen Strom seines schalom dauert an.
Er dauert an in
Israel, das keinen Frieden in der Welt findet. Er dauert an im Schrei
Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“?
Er dauert an in den unzähligen großen und kleinen Geschichten von
Gewalt, Unrecht, Elend und Weh in der Welt, in denen der warme Strom
von Gottes schalom unter seinen Geschöpfen zu Eis erfroren sein
scheint. Uns erschreckt darum, dass der „Augenblick“ in des ewigen
Gottes Zeitmaß noch immer nicht zu Ende ist. Uns erschreckt darum
auch, dass es laut des Prophetenwortes nicht nur unser Empfinden ist,
dass Gott sich zurückgezogen hat, wenn wir Menschen über uns
herfallen.
Gott selbst
gibt zu, dass es auch zu seiner göttlichen Art und Weise gehört, mit uns so
umzugehen, dass er uns verlässt und sein Angesicht vor uns verbirgt.
Es ist zwar nur ein Augenblick, aber – wie gesagt – mit unserem
irdischen Zeitmaß gemessen ein schrecklich langer Augenblick, in dem
Gott sein Volk, die Menschheit, uns alle sich selbst überlässt. Wenn
das aber geschieht, ist die Schalom-Zufuhr aus Gott in unserer Welt
unterbrochen. Wenn Gott uns wirklich verlässt und sich verbirgt, dann
gibt es keine Antwort auf die Frage: „Wo bist Du Gott“? – auf diese
Frage, die Menschen herausschreien, wenn sie der Gewalt von Menschen
und der Natur, wenn sie Krankheit und Elend ausgeliefert sind.
In unseren Tagen
melden sich im Namen dieser Frage die sogenannten „neue Atheisten“,
lautstark und giftig in Bestsellern, die „Gotteswahn“ und ähnlich
heißen, zu Worte. Sie folgern aus den Erfahrungen der
Gottverlassenheit, dass überhaupt kein Gott da ist, der Menschen
wirksam und heilsam gegenwärtig werden kann. Sie betrachten es
regelrecht als einen Wahn, wenn Menschen einem Gott vertrauen, der sie
so offenkundig auch im Stich lässt, ja der ihnen regelrecht Übles tut,
indem er sie seinen Zorn spüren lässt. Jene lautstarken Atheisten
haben darum so viel wie möglich Bibelstellen aus dem Alten und Neuen
Testament zusammengetragen, in denen Gott als ein übler, gewalttätiger
Tyrann erscheint, der nach Lust und Laune Menschen vernichtet.
Besonders beliebt
ist bei ihnen die Erzählung von der Sintflut, die ja auch in unserem
Text vorkommt. Hier wird an diese Geschichte aus Urzeiten erinnert,
weil mit ihr Gottes Versprechen verbunden ist, die Menschheit zu
erhalten und zu bewahren. In einem nicht anders als widerlich zu
nennenden neuatheistischen Kinderbuch, in dem geschildert wird, wie
sich ein Ferkel und ein Igel auf die Suche nach Gott machen, aber wird
zur Pointe dieser Geschichte, dass Gott alles Leben auf der Erde
vernichtet hat. Ferkel und Igel wenden sich darauf hin entsetzt von
diesem Gott ab.
Wie primitiv und
durchsichtig das nun auch immer gestrickt ist – eines lernen wir
jedenfalls aus diesem Schmuddelwerk: Wenn Menschen sich zu Anwälten
der Abwesenheit Gottes aufschwingen, dann geht das nicht ohne
Verzerrung dessen ab, was den Gott, der in der Bibel bezeugt wird,
auszeichnet. Der Augenblick, in dem Gott die Schalom-Zufuhr für uns
unterbricht, wird dann zur absoluten Gottesfinsternis umgedeutet. In
dieser Finsternis aber schaukeln sich Gotteslästerung und
Menschenverachtung gegenseitig hoch. Die Vertreter der Religionen
werden in jenem Machwerk als Spiegelbilder des gänzlich verfinsterten
Gottes zu dummen, hasserfüllten Schreckensgestalten stilisiert.
Besonders schlimm ist das Bild eines jüdischen Rabbis, das direkt den
antisemitischen Karikaturen der Nazis entlehnt zu sein scheint.
Aber, so werden
wir uns fragen, liebe Gemeinde, gibt Gott selbst zu solcher Lästerung
seines Namens und zu solcher Menschenverachtung nicht auch Anlass,
wenn er sich für unser Zeitmaß so lange Augenblicke verbirgt? Es sei
sein Zorn, der in diesen Augenblicken durchbricht, sagt unser
evangelisches Gotteswort aus dem Alten Testament.
Das jedoch ist
offenkundig eine sehr menschliche Redeweise unseres unbekannten
Propheten von Gott, von der uns wundert, das Gott sich sie sich zu
eigen macht. Denn „Zorn“ – das klingt nach unkontrollierter
Aufwallung, nach irgendwie maßloser, wütender Reaktion auf das Tun und
Verhalten von Jemand, der uns zu nahe tritt, uns Unrecht tut oder uns
beleidigt. „Des Menschen Zorn tut niemals gut“, lesen wir an anderer
Stelle in der Bibel.
Sollen wir also
auch sagen: Auch Gott tut nicht gut, indem sein guter Geist – und sei
es auch nur einen göttlichen Augenblick lang – aufwallt ob dessen, was
Menschen ihm antun und in seiner Schöpfung anrichten? Denn wenn er
sich zurückzieht und die Schalom-Zufuhr unter uns stoppt, dann macht
er doch eigentlich alles noch viel schlimmer als es Menschen tun, die
sich vor seiner Geisteskraft abgeschottet und eingemauert haben. Dann
gibt er doch den Zerstörern des Schalom in den KZs von gestern und
heute und den Lästerern seines Namens in widerlichen Kinderbüchern
erst recht Raum. Warum erbarmt er sich also nicht gleich seiner
ungetreuen Geschöpfe und lässt sie einen viel zu langen Augenblick
lang immer wieder durchs tiefe Tal der der Gottverlassenheit gehen?
Die Antwort darauf
fällt schwer. Denn uns ist es nicht gegeben, die Gedanken Gottes zu
lesen und das Geheimnis seiner Weisheit ohne Rest zu entschlüsseln.
Wir können uns nur an das halten, was er uns von sich zu erkennen
gegeben hat. Das aber ist an erster und letzter Stelle das
Durchwaltetsein seines göttlichen Lebens mit Schalom, das immer wieder
in seinem Erbarmen durchbricht, mit dem er den Eiskeller unserer
gottfernen Friedlosigkeit auftauen will.
In diesem Frieden
des ewigen Gottes aber hat solch blindwütiger Zorn keinen Platz, in
dem wir Menschen maßlos und unheilvoll gegeneinander entbrennen. Wenn
es Passagen in der Bibel gibt, die diesen Eindruck erwecken, dann
korrigiert Gott sie selbst. Wir können das so sagen, liebe Gemeinde,
weil wir ihn vor Augen haben, wie er im Leben und Sterben Jesu Christi
selber die Situation der Gottverlassenheit von Menschen teilt. Was die
Bibel Gottes Zorn nennt, wird dadurch zum Ausdruck des Schmerzes
Gottes über den Widerstand, den seine Geschöpfe seinem schalom
entgegensetzen. Er thront nicht unberührt von dem Allen in der Höhe.
Es berührt, betrifft ihn, stoppt den Friedensstrom aus seinem Leben
für einen Augenblick.
Es ist darum nicht
allein unser Leid, es ist auch Gottes eigenes Leid, das wir spüren,
wenn wir uns von Gott verlassen wähnen und sein schalom uns in unserem
Leben verborgen ist. Im Leiden Gottes aber ist im Unterschied zu
unserem Leiden eine Perspektive. Er gibt uns mit diesem Leiden zu
verstehen, dass er um der Zukunft seines Friedens willen die Situation
menschlicher Gottesverlassenheit teilt, um sie von innen aufzulösen.
Er fährt nicht mit göttlicher Übermacht dazwischen, um uns wie
Marionetten in seinen Bund mit uns zu zwingen.
Denn der
allmächtige Gott, der doch alles kann, kann doch eines nicht: von den
Wegen seines Friedens zu lassen, auch wenn sie ihm und uns einen viel
zu langen Augenblick des Schmerzes über den gebrochenen, geschändeten
Bund zumuten. Es ist aber damit noch nicht aller Tage Abend. Denn
selbst in diesem Schmerz ist jetzt eine Stimme, die uns den Horizont
aufreißt, indem sie zu uns spricht: „Denn es sollen wohl Berge weichen
und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und
der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein
Erbarmer“. Amen. |
|