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      Home / Predigten / Predigt "Ich steh' an deiner Krippen hier" am 25.12.07  
     

 

 

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Ich steh an deiner Krippen hier

 Liebe Gemeinde,

an diesem 1. Weihnachtsfeiertag wollen wir uns an einer Weihnachtsfeier eigener Art beteiligen. Es ist eine Feier, bei der fast Alles fehlt, was uns die Weihnachtsgeschichte so lieb macht. Maria und Joseph kommen nicht vor. Die Hirten auf dem Felde finden keine Beachtung. Die Engel schweigen. Der Stern von Bethlehem leuchtet nicht. Und auch die lieben Tiere sind nicht da. Es geht deshalb bei dieser Weihnachtsfeier, an der wir uns heute beteiligen wollen, so zu wie in manchen Filmen. Der Regisseur blendet die Umwelt eines Menschen aus, um uns ganz darauf zu konzentrieren, was dieser Mensch jetzt gerade fühlt und empfindet. Mit einer solchen Ausblendung fast aller Umstände und Begleiterscheinungen der Geburt Jesu Christi haben wir es auch bei unserer Weihnachtsfeier eigener Art zu tun. Es geht hier bloß darum, wie einer ganz alleine Weihnachten feiert.

Da stellt sich die Frage natürlich fast von selbst, warum wir uns als christliche Gemeinde an einer derartig merkwürdigen Weihnachtsfeier beteiligen sollen. Selbst unsere Kirche rühmt das Weihnachtsfest unterdessen als ein Fest der Familie und nicht der einsamen Seelen. Was sollte uns also veranlassen, ein Weihnachten eigener Art zu feiern, bei dem fast alles fehlt, was Weihnachten an Gemeinschaftsgefühlen auslöst? Die Antwort darauf ist verhältnismäßig einfach. Wir tun das, weil wir jedes Jahr wieder zu dieser Weihnachtsfeier eigener Art eingeladen werden. Es fragt sich bloß, was wir mit dieser Einladung anfangen. Denn wir erhalten sie sicherlich nicht unmittelbar aus der Bibel. Aber in unseren weihnachtlichen Kirchenliedern ist sie nicht zu überhören.

Das Lied „Ich steh an Deiner Krippen hier“, das wir eben gesungen haben, spricht diese Einladung z.B. auf eine besonders eindrückliche Weise aus. Da fehlen – wie gesagt – Maria und Joseph, die Hirten, die Engel, der Stern, die Tiere. Da erzählt uns Paul Gerhardt vielmehr nur, was er ganz persönlich fühlt und denkt, wenn er sich in den Stall von Bethlehem hinein versetzt. Wenn wir dieses Lied sprechen würden, dann würden wir sicherlich unwillkürlich stutzen, so wie die Redakteure unseres Evangelischen Gesangbuches gestutzt haben, als sie dieses Lied für das Singen heute aufbereiteten. Sie sind da auf so viel gestoßen, was sie bedenklich fanden, dass sie schwerwiegende Veränderungen und Streichungen vorgenommen haben. Ich habe das, was da weggefallen oder verändert wurde, durch Hervorhebungen in der ursprünglichen Fassung des Liedes kenntlich gemacht.

Es geht gleich in der zweiten Zeile los. Das „Jesulein“ ist verschwunden, ja sämtliche Verniedlichungen des Jesuskindes sind gestrichen worden, von denen es in diesem Liede nur so strotzt. „Mein Herzelein“ nennt unser Dichter das Kindelein im Krippelein. Er ist so entzückt von diesem Kind, das er vor lauter Begeisterung ausruft:

„Vergönne mir, o Jesulein,/ dass ich dein Mündlein küsse, /das Mündlein, das den süßen Wein,/ auch Milch- und Honigflüsse /weit übertrifft in seiner Kraft“.

Die „Händlein“ des kleinen Jesus, die heller sind als Schnee und Milch, werden gerühmt und von den Augen heißt es:

„Wo nehm ich Weisheit und Verstand/ mit Lobe zu erhöhen,/ die Äuglein, die so unverwandt/ nach mir gerichtet stehen?/ Der volle Mond ist schön und klar,/ schön ist der güldnen Sterne Schar,/ dies’ Äuglein sind viel schöner.

Zur Seiten will ich hier und da/ viel weißer Lilien stecken, die sollen seiner Äuglein Paar/ im Schlafe sanft bedecken.

Auf den ersten Blick, liebe Gemeinde, scheint ganz klar zu sein, dass unser Dichter hier des Guten etwas zu viel getan und auch handfesten Kitsch nicht gescheut hat. Das überschwängliche Bedienen des Kindchenschemas und die Überhöhung der Liebe zu einem wunderschönen Neugeborenen werden zudem dem Sinn der Weihnachtsbotschaft wohl kaum gerecht. Von Gott und seiner Menschwerdung ist in allen 15 Strophen ausdrücklich nicht mit einem Wort die Rede. Paul Gerhardt scheint darum verdächtig zu, mit seiner Weihnachtsfeier eigener Art der ganzen Entleerung und Verkitschung des Weihnachtsfestes heutzutage Vorschub zu leisten. Ausgerechnet das, was die Weihnachtsgeschichte nun gerade nicht sagt, rückt hier in Zentrum: Die Begeisterung fürs Kleinkindstadium, von der sich selbst unsere östlichen Gewohnheits-Atheisten von der Weihnachtsindustrie gerne inspirieren lassen.

Doch bevor wir, liebe Gemeinde, hier den Rotstift ansetzen, sollten wir noch einen Moment innehalten. Es ist nämlich keinesfalls so, dass die Jesulein-Verehrung, die uns im Spiegel des ernsten biblischen Jesus-Zeugnisses so merkwürdig vorkommt, damit aus der christlichen Weihnachtsfrömmigkeit getilgt wäre. Denn sie ist durchaus nicht nur auf das Konto ausufernder barocker Dichtung zu schreiben, in der Paul Gerhardt hier zu schwelgen beginnt. Das Motiv des „süßen Jesuleins“ begegnet vielmehr schon lange, vor allem aber in der Reformationszeit. In Martin Luthers Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ finden wir auch den Vers

„Was liegt dort in dem Krippelein? Es ist das schöne Kindelein./ Es ist das liebe Jesulein“ - Und: „Ach mein herzliebes Jesulein,/ mach dir ein rein, sanft Bettelein, / zu ruhn in meines Herzens Schrein“.

Ich vermute, dass Paul Gerhardt dieses Lied vor Augen hatte, als er sich im Geiste in den Stall von Bethlehem versetzte. Jedenfalls bemerken wir den Hintergrund, den Luther bei seinem Bestaunen des schönen Kindeleins hatte. Es ist das Staunen darüber, dass Gott, dem allmächtigen Schöpfer der ganzen Welt, nichts Menschliches, nicht das Schwerste und auch nicht das Kleinste fremd ist, wenn er in einem Menschen, wie wir es sind, zu uns kommt. Nun gehören auch zu Gott die „Windelein“. Sie gehören geradezu zur Gottesvorstellung. Mehr noch: Nun macht Gott in einem elenden „Wiegelein“, wie der Futterkrippe mit Heu und Stroh, einen Neubeginn mit der Menschheit.

Der große Gott und dieser winzige Mensch mitten unter uns – die gehören nun zusammen. Dass wir da Mündlein, Händlein und Äuglein bestaunen, ist keine Beleidigung Gottes. Es gehört im Gegenteil zum Lobe Gottes, der in so kleiner Gestalt mit uns etwas ganz Neues anfängt. Luther und Paul Gerhardt haben darum um Gottes willen ganz bewusst vom Jesulein im Krippelein geredet. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, wie grenzenlos Gott sich auf uns Menschen einlässt. Je kleiner, je göttlicher – das war bei ihrem Blick in die Krippe geradezu ihre Devise. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer, nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner“, hat Luther gesagt. Das treibt das Reden vom Jesulein an. Es ist ein Lob des Mensch gewordenen Gottes mitten uns und keine Schwärmerei fürs niedlich Kindliche an sich.

Wird es dazu gemacht – zu einer Kindchenbegeisterung ohne Gottestiefe – dann gerät unser Weihnachten in der Tat auf die schiefe Ebene. Auf der rutscht Gott in der Wahrnehmung von Menschen raus. Was dann übrig bleibt, sind Streicheleinheiten für die kleinen und großen Kinder von heute und sentimentale Erinnerungen an die Kinderzeit von gestern. Wir wollen das nicht schlecht machen. In einer Zeit, in der sich viele Statistiken damit beschäftigen, was wir unseren Kindern Alles schuldig bleiben, besteht dazu kein Anlass. Die festliche Konzentration auf die Kindlein in ihrer Art und Unart ist allemal ein Gewinn für eine Gesellschaft, die sich um ein menschliches Gesicht bemüht. Wenn die Christenheit in unserem Lande Derartiges auslöst, muss sie sich nicht schämen. Aber zufrieden geben kann sie sich dennoch nicht damit.

Denn die Aufmerksamkeit auf das Kindliche von Weihnachten gehört für eine christliche Gemeinde zur Gotteswahrnehmung. Der Freude an Gott haben Luther, aber auch Paul Gerhardt, der ausdrücklich gar nicht von Gott redet, dienen wollen, indem sie ihrer Freude über das Kindlein in der Krippe freien Lauf ließen. Insofern brauchen wir nicht in ihren Liedern herumstreichen.

Allerdings aber haben die Beiden – und nicht nur sie – mit ihrer Rühmung des schönen Jesuleins ihr Anliegen auch belastet. Denn in dieser Rühmung läuft eine gewissermaßen dogmatische Konstruktion mit. Sie besteht darin, dass der Mensch, mit dem sich Gott verbunden hat, in seinem natürlichen Erscheinungsbilde eigentlicher kein hässlicher Mensch gewesen sein kann. Jesus wurde darum nicht nur eine vollkommene Wohlgestimmtheit der Seele zugesprochen (summa eucrasia auf lateinisch). Es wurde ebenso angenommen, dass er einen vollkommenen Körper gehabt habe. Diese Vorstellung schlägt nun auch auf die Wahrnehmung des Jesuskindes durch. Er ist in seiner Krippe nicht nur das Schönste aller Kinder. Er ist, wie Paul Gerhardt in unserem Liede schwärmt, schöner als Alles, was die Erde um uns her und der Himmel über uns zu bieten haben. Er ist gerade in seiner anrührenden Kindlichkeit der Schöne, das Schöne schlechthin.

Damit aber ist offenbar doch ein weites Tor zu einer allzu menschlichen Verschönung Jesu geöffnet, durch die wir den wirklichen, den biblischen Jesus so wenig wieder erkennen können wie in all den niedlichen Krippenfiguren. Und doch würden wir Paul Gerhardt Unrecht tun, wenn wir ihm eine Verfälschung Jesu vorwerfen würden. Denn natürlich hat der Pfarrer der Berliner Nicolaikirche gewusst, dass sein schönes Jesulein in der Bibel nicht vorkommt. Er sagt darum auch: Der wirkliche Jesus fragt nicht nach der Lust der Welt und des schönen Leibes Freuden. Leiden für uns prägt sein Leben und nicht die Festaufführung lieblicher Menschlichkeit. So wird er für uns wichtig. So ist er in das Leben eines Menschen getreten, der in „tiefer Todesnacht“ zu versinken drohte.

Paul Gerhardt hat den dreißigjährigen Krieg, einen Krieg von furchtbaren Ausmaßen und Grausamkeiten, miterlebt. Der Tod von Frau und Kindern haben in sein eigenes Leben eine dunkle Spur gezeichnet. Er wusste, wie das ist, wenn das „Herz im Leibe weint“ und „Fleisch und Blut“ von Trauer überschwemmt werden. Er wusste von der Schuld, die wir vor Gott und den Menschen auf uns laden, wenn wir uns ans Meistern unseres Leben machen. Er ist also ganz gewiss kein Träumer und Schönredner unserer Lebens, der meint, Gott wolle dieses Leben in Jesus Christus mit allerlei Klingelingeling zu einem heilen Leben machen.

Die Erfahrung, die unserem Liede zugrunde liegt, ist vielmehr, dass die Begegnung mit diesem Menschen unserem angefochtenen und belastetem Leben Halt, Würde, Sinn und Perspektive gibt. „Nur weil die Erde gewürdigt wurde, den Menschen Jesus zu tragen, hat es für uns einen Sinn zu leben“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Er hat damit dasselbe gemeint, was Paul Gerhardt auf seine Weise ausgedrückt hat: Dieser Mensch verleiht uns, was immer wir anrichten und tun, eine Lebensbasis von göttlicher Reichweite. „Du wurdest meine Sonne“, heißt das bei Paul Gerhardt. Mit Dir bin ich anderer Mensch als der, der ich sonst mit meinen Traurigkeiten wäre, mit meiner verflixten Ichsucht und mit all dem Unheil, das ich anrichte. Mit dir kann ich mich endlich darüber freuen, dass ich da bin auf dieser Erde so wie ich bin.

Ja, und dann wird es Weihnachten, Fest der Geburt des Menschen, dem ein Christenmensch das alles verdankt. Wie wird er mit einem solchen Erfahrungsschatz dieses Fest feiern? Nörgelnd, dass alles hier so klein losgeht? Meckernd darüber, dass die Liebe in unserer Welt so wenig bewirkt? Frust und sonst welchen Mist vor die Stalltür von Bethlehem werfend? Das Alles scheidet für den, der mit dem biblischen Jesus Christus Erfahrungen gemacht hat, von alleine aus. „Ich komme bring und schenke dir, was du mir hast gegeben“, singt Paul Gerhardt stattdessen. Mein Herz ist voll, mein Mund quillt über. Dem will ich an diesem Tage freien Lauf lassen. Und das tut er dann auch.

Was dabei aber herauskommt, ist geradezu ein Protest gegen die ganzen armseligen und stinkenden Umstände in einem Stall, in dem Jesus geboren wurde. In güldenen Wiegen von Samt, Seide und Purpur müsste er eigentlich liegen. Auf Rosen und Violen (wie die Vergissmeinnicht genannt werden), auf Tulpen (welche in unserem Gesangbuch sinnloserweise gestrichen sind), auf Nelken und Rosmarin gebettet müsste er seinen Weg in die Welt antreten. Danach steht einem Menschen der vom „Geist und Sinn“, der von Jesus Christus berührt ist, und nicht von der alten Leier von Tod und Verderben.

Unser Lied setzt nicht voraus, dass dieses Blumenweihnachten der „Geist und Sinn“ eines jedes Menschen oder auch gar nur jedes Christenmenschen ist. So spricht halt der Dichter. Das betonte „Ich“ in fast jeder Strophe hebt hervor, dass hier ein Mensch seiner persönlichsten Empfindung Ausdruck verleiht. Paul Gerhardts Lied ist darum wahrscheinlich auch gar nicht als Gemeindelied gedacht gewesen. Es war für die fromme Andacht von Einzelnen gemeint. Es fragt uns darum ganz persönlich, wie wir denn an der Krippe stehen und was wir, die wir keine Dichterinnen und Dichter sind, von Jesus empfangen haben, das wir ihm zum Geburtstag zu schenken vermögen.

Paul Gerhardt selbst gibt uns dafür sogar eine Geschenkempfehlung. Er hat nämlich am Ende all das, was er mit seiner Kunst vom schönen Jesulein gedichtet hat, beiseite geschoben. Worauf es zu Weihnachten eigentlich ankommt, war schließlich stärker. Das aber ist die sehnliche Bitte, ein Mensch wie er, wie wir aus Staub und Erde, möchten doch selbst das „Kripplein“ sein, in dem die Liebe Gottes in Person unter uns Menschen eine Heimstatt gewinnt. Mit Blumen, Purpur und güldenen Sternen wird diese Heimstatt sicherlich nicht ausgeschmückt sein. Sie ist „kein schöner Fürstensaal, sondern eine finstre Grube“, wie es in Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium heißt. Und doch blinkt sie voller Sonne, wenn Menschen das Licht eines wahrhaft menschlichen Lebens im Frieden mit Gott „für und für in ihrem Herzen“ tragen.

Damit aber wären wir, liebe Brüder und Schwestern, wieder am Anfang unseres Liedes. Was wir Jesus Christus zu geben vermögen, wird nicht irgendein Zurechtreinem dieses Menschen sein können. Es wird nur das sein können, was er uns schon gegeben hat. Das ist aber ist die Freude darüber, dabei sein zu können, wenn Gott mit uns selbst, mit der Menschheit einen neuen Anfang macht, bei dem sich alles auf die Liebe reimt, mit der er uns schon geliebt hat, ehe wir geboren waren. Das ist die Freude über einen, wie Paul Gerhardt sagt, einzigartigen „Freund“ in unserem Leben. Mit ihm zusammen werden wir niemals die Lust an einem wahrhaft menschlichen Leben verlieren, dass im Frieden Gottes gründet. Mit ihm zusammen hört die Geburt dieses Lebens in unserem Leben niemals auf. Amen.

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de