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Ich steh an deiner Krippen hier
Liebe Gemeinde,
an diesem 1.
Weihnachtsfeiertag wollen wir uns an einer Weihnachtsfeier eigener Art
beteiligen. Es ist eine Feier, bei der fast Alles fehlt, was uns die
Weihnachtsgeschichte so lieb macht. Maria und Joseph kommen nicht vor.
Die Hirten auf dem Felde finden keine Beachtung. Die Engel schweigen.
Der Stern von Bethlehem leuchtet nicht. Und auch die lieben Tiere sind
nicht da. Es geht deshalb bei dieser Weihnachtsfeier, an der wir uns
heute beteiligen wollen, so zu wie in manchen Filmen. Der Regisseur
blendet die Umwelt eines Menschen aus, um uns ganz darauf zu
konzentrieren, was dieser Mensch jetzt gerade fühlt und empfindet. Mit
einer solchen Ausblendung fast aller Umstände und Begleiterscheinungen
der Geburt Jesu Christi haben wir es auch bei unserer Weihnachtsfeier
eigener Art zu tun. Es geht hier bloß darum, wie einer ganz alleine
Weihnachten feiert.
Da stellt sich
die Frage natürlich fast von selbst, warum wir uns als christliche
Gemeinde an einer derartig merkwürdigen Weihnachtsfeier beteiligen
sollen. Selbst unsere Kirche rühmt das Weihnachtsfest unterdessen als
ein Fest der Familie und nicht der einsamen Seelen. Was sollte uns
also veranlassen, ein Weihnachten eigener Art zu feiern, bei dem fast
alles fehlt, was Weihnachten an Gemeinschaftsgefühlen auslöst? Die
Antwort darauf ist verhältnismäßig einfach. Wir tun das, weil wir
jedes Jahr wieder zu dieser Weihnachtsfeier eigener Art eingeladen
werden. Es fragt sich bloß, was wir mit dieser Einladung anfangen.
Denn wir erhalten sie sicherlich nicht unmittelbar aus der Bibel. Aber
in unseren weihnachtlichen Kirchenliedern ist sie nicht zu überhören.
Das Lied „Ich
steh an Deiner Krippen hier“, das wir eben gesungen haben, spricht
diese Einladung z.B. auf eine besonders eindrückliche Weise aus. Da
fehlen – wie gesagt – Maria und Joseph, die Hirten, die Engel, der
Stern, die Tiere. Da erzählt uns Paul Gerhardt vielmehr nur, was er
ganz persönlich fühlt und denkt, wenn er sich in den Stall von
Bethlehem hinein versetzt. Wenn wir dieses Lied sprechen würden, dann
würden wir sicherlich unwillkürlich stutzen, so wie die Redakteure
unseres Evangelischen Gesangbuches gestutzt haben, als sie dieses Lied
für das Singen heute aufbereiteten. Sie sind da auf so viel gestoßen,
was sie bedenklich fanden, dass sie schwerwiegende Veränderungen und
Streichungen vorgenommen haben. Ich habe das, was da weggefallen oder
verändert wurde, durch Hervorhebungen in der ursprünglichen Fassung
des Liedes kenntlich gemacht.
Es geht gleich in
der zweiten Zeile los. Das „Jesulein“ ist verschwunden, ja sämtliche
Verniedlichungen des Jesuskindes sind gestrichen worden, von denen es
in diesem Liede nur so strotzt. „Mein Herzelein“ nennt unser Dichter
das Kindelein im Krippelein. Er ist so entzückt von diesem Kind, das
er vor lauter Begeisterung ausruft:
„Vergönne mir, o
Jesulein,/ dass ich dein Mündlein küsse, /das Mündlein, das den süßen
Wein,/ auch Milch- und Honigflüsse /weit übertrifft in seiner Kraft“.
Die „Händlein“
des kleinen Jesus, die heller sind als Schnee und Milch, werden
gerühmt und von den Augen heißt es:
„Wo nehm ich
Weisheit und Verstand/ mit Lobe zu erhöhen,/ die Äuglein, die so
unverwandt/ nach mir gerichtet stehen?/ Der volle Mond ist schön und
klar,/ schön ist der güldnen Sterne Schar,/ dies’ Äuglein sind viel
schöner.
Zur Seiten will
ich hier und da/ viel weißer Lilien stecken, die sollen seiner Äuglein
Paar/ im Schlafe sanft bedecken.
Auf den ersten
Blick, liebe Gemeinde, scheint ganz klar zu sein, dass unser Dichter
hier des Guten etwas zu viel getan und auch handfesten Kitsch nicht
gescheut hat. Das überschwängliche Bedienen des Kindchenschemas und
die Überhöhung der Liebe zu einem wunderschönen Neugeborenen werden
zudem dem Sinn der Weihnachtsbotschaft wohl kaum gerecht. Von Gott
und seiner Menschwerdung ist in allen 15 Strophen ausdrücklich nicht
mit einem Wort die Rede. Paul Gerhardt scheint darum verdächtig zu,
mit seiner Weihnachtsfeier eigener Art der ganzen Entleerung und
Verkitschung des Weihnachtsfestes heutzutage Vorschub zu leisten.
Ausgerechnet das, was die Weihnachtsgeschichte nun gerade nicht sagt,
rückt hier in Zentrum: Die Begeisterung fürs Kleinkindstadium, von der
sich selbst unsere östlichen Gewohnheits-Atheisten von der
Weihnachtsindustrie gerne inspirieren lassen.
Doch bevor wir,
liebe Gemeinde, hier den Rotstift ansetzen, sollten wir noch einen
Moment innehalten. Es ist nämlich keinesfalls so, dass die
Jesulein-Verehrung, die uns im Spiegel des ernsten biblischen
Jesus-Zeugnisses so merkwürdig vorkommt, damit aus der christlichen
Weihnachtsfrömmigkeit getilgt wäre. Denn sie ist durchaus nicht nur
auf das Konto ausufernder barocker Dichtung zu schreiben, in der Paul
Gerhardt hier zu schwelgen beginnt. Das Motiv des „süßen Jesuleins“
begegnet vielmehr schon lange, vor allem aber in der Reformationszeit.
In Martin Luthers Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ finden wir
auch den Vers
„Was liegt dort
in dem Krippelein? Es ist das schöne Kindelein./ Es ist das liebe
Jesulein“ - Und: „Ach mein herzliebes Jesulein,/ mach dir ein rein,
sanft Bettelein, / zu ruhn in meines Herzens Schrein“.
Ich vermute, dass
Paul Gerhardt dieses Lied vor Augen hatte, als er sich im Geiste in
den Stall von Bethlehem versetzte. Jedenfalls bemerken wir den
Hintergrund, den Luther bei seinem Bestaunen des schönen Kindeleins
hatte. Es ist das Staunen darüber, dass Gott, dem allmächtigen
Schöpfer der ganzen Welt, nichts Menschliches, nicht das Schwerste und
auch nicht das Kleinste fremd ist, wenn er in einem Menschen, wie wir
es sind, zu uns kommt. Nun gehören auch zu Gott die „Windelein“.
Sie gehören geradezu zur Gottesvorstellung. Mehr noch: Nun macht Gott
in einem elenden „Wiegelein“, wie der Futterkrippe mit Heu und Stroh,
einen Neubeginn mit der Menschheit.
Der große Gott
und dieser winzige Mensch mitten unter uns – die gehören nun zusammen.
Dass wir da Mündlein, Händlein und Äuglein bestaunen, ist keine
Beleidigung Gottes. Es gehört im Gegenteil zum Lobe Gottes, der
in so kleiner Gestalt mit uns etwas ganz Neues anfängt. Luther und
Paul Gerhardt haben darum um Gottes willen ganz bewusst vom
Jesulein im Krippelein geredet. Sie wollten damit zum Ausdruck
bringen, wie grenzenlos Gott sich auf uns Menschen einlässt. Je
kleiner, je göttlicher – das war bei ihrem Blick in die Krippe
geradezu ihre Devise. „Nichts ist so groß, Gott ist noch größer,
nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner“, hat Luther gesagt. Das
treibt das Reden vom Jesulein an. Es ist ein Lob des Mensch gewordenen
Gottes mitten uns und keine Schwärmerei fürs niedlich Kindliche an
sich.
Wird es dazu
gemacht – zu einer Kindchenbegeisterung ohne Gottestiefe – dann gerät
unser Weihnachten in der Tat auf die schiefe Ebene. Auf der rutscht
Gott in der Wahrnehmung von Menschen raus. Was dann übrig bleibt, sind
Streicheleinheiten für die kleinen und großen Kinder von heute und
sentimentale Erinnerungen an die Kinderzeit von gestern. Wir wollen
das nicht schlecht machen. In einer Zeit, in der sich viele
Statistiken damit beschäftigen, was wir unseren Kindern Alles schuldig
bleiben, besteht dazu kein Anlass. Die festliche Konzentration auf die
Kindlein in ihrer Art und Unart ist allemal ein Gewinn für eine
Gesellschaft, die sich um ein menschliches Gesicht bemüht. Wenn die
Christenheit in unserem Lande Derartiges auslöst, muss sie sich nicht
schämen. Aber zufrieden geben kann sie sich dennoch nicht damit.
Denn die
Aufmerksamkeit auf das Kindliche von Weihnachten gehört für eine
christliche Gemeinde zur Gotteswahrnehmung. Der Freude an Gott
haben Luther, aber auch Paul Gerhardt, der ausdrücklich gar nicht von
Gott redet, dienen wollen, indem sie ihrer Freude über das Kindlein in
der Krippe freien Lauf ließen. Insofern brauchen wir nicht in ihren
Liedern herumstreichen.
Allerdings aber
haben die Beiden – und nicht nur sie – mit ihrer Rühmung des
schönen Jesuleins ihr Anliegen auch belastet. Denn in dieser
Rühmung läuft eine gewissermaßen dogmatische Konstruktion mit. Sie
besteht darin, dass der Mensch, mit dem sich Gott verbunden hat, in
seinem natürlichen Erscheinungsbilde eigentlicher kein hässlicher
Mensch gewesen sein kann. Jesus wurde darum nicht nur eine vollkommene
Wohlgestimmtheit der Seele zugesprochen (summa eucrasia auf
lateinisch). Es wurde ebenso angenommen, dass er einen vollkommenen
Körper gehabt habe. Diese Vorstellung schlägt nun auch auf die
Wahrnehmung des Jesuskindes durch. Er ist in seiner Krippe nicht nur
das Schönste aller Kinder. Er ist, wie Paul Gerhardt in unserem Liede
schwärmt, schöner als Alles, was die Erde um uns her und der Himmel
über uns zu bieten haben. Er ist gerade in seiner anrührenden
Kindlichkeit der Schöne, das Schöne schlechthin.
Damit aber ist
offenbar doch ein weites Tor zu einer allzu menschlichen Verschönung
Jesu geöffnet, durch die wir den wirklichen, den biblischen Jesus so
wenig wieder erkennen können wie in all den niedlichen Krippenfiguren.
Und doch würden wir Paul Gerhardt Unrecht tun, wenn wir ihm eine
Verfälschung Jesu vorwerfen würden. Denn natürlich hat der Pfarrer der
Berliner Nicolaikirche gewusst, dass sein schönes Jesulein in der
Bibel nicht vorkommt. Er sagt darum auch: Der wirkliche Jesus fragt
nicht nach der Lust der Welt und des schönen Leibes Freuden. Leiden
für uns prägt sein Leben und nicht die Festaufführung lieblicher
Menschlichkeit. So wird er für uns wichtig. So ist er in das Leben
eines Menschen getreten, der in „tiefer Todesnacht“ zu versinken
drohte.
Paul Gerhardt hat
den dreißigjährigen Krieg, einen Krieg von furchtbaren Ausmaßen und
Grausamkeiten, miterlebt. Der Tod von Frau und Kindern haben in sein
eigenes Leben eine dunkle Spur gezeichnet. Er wusste, wie das ist,
wenn das „Herz im Leibe weint“ und „Fleisch und Blut“ von Trauer
überschwemmt werden. Er wusste von der Schuld, die wir vor Gott und
den Menschen auf uns laden, wenn wir uns ans Meistern unseres Leben
machen. Er ist also ganz gewiss kein Träumer und Schönredner unserer
Lebens, der meint, Gott wolle dieses Leben in Jesus Christus mit
allerlei Klingelingeling zu einem heilen Leben machen.
Die Erfahrung,
die unserem Liede zugrunde liegt, ist vielmehr, dass die Begegnung mit
diesem Menschen unserem angefochtenen und belastetem Leben Halt,
Würde, Sinn und Perspektive gibt. „Nur weil die Erde gewürdigt wurde,
den Menschen Jesus zu tragen, hat es für uns einen Sinn zu leben“, hat
Dietrich Bonhoeffer gesagt. Er hat damit dasselbe gemeint, was Paul
Gerhardt auf seine Weise ausgedrückt hat: Dieser Mensch verleiht uns,
was immer wir anrichten und tun, eine Lebensbasis von göttlicher
Reichweite. „Du wurdest meine Sonne“, heißt das bei Paul Gerhardt. Mit
Dir bin ich anderer Mensch als der, der ich sonst mit meinen
Traurigkeiten wäre, mit meiner verflixten Ichsucht und mit all dem
Unheil, das ich anrichte. Mit dir kann ich mich endlich darüber
freuen, dass ich da bin auf dieser Erde so wie ich bin.
Ja, und dann wird
es Weihnachten, Fest der Geburt des Menschen, dem ein Christenmensch
das alles verdankt. Wie wird er mit einem solchen Erfahrungsschatz
dieses Fest feiern? Nörgelnd, dass alles hier so klein losgeht?
Meckernd darüber, dass die Liebe in unserer Welt so wenig bewirkt?
Frust und sonst welchen Mist vor die Stalltür von Bethlehem werfend?
Das Alles scheidet für den, der mit dem biblischen Jesus Christus
Erfahrungen gemacht hat, von alleine aus. „Ich komme bring und schenke
dir, was du mir hast gegeben“, singt Paul Gerhardt stattdessen.
Mein Herz ist voll, mein Mund quillt über. Dem will ich an diesem Tage
freien Lauf lassen. Und das tut er dann auch.
Was dabei aber
herauskommt, ist geradezu ein Protest gegen die ganzen armseligen und
stinkenden Umstände in einem Stall, in dem Jesus geboren wurde. In
güldenen Wiegen von Samt, Seide und Purpur müsste er eigentlich
liegen. Auf Rosen und Violen (wie die Vergissmeinnicht genannt
werden), auf Tulpen (welche in unserem Gesangbuch sinnloserweise
gestrichen sind), auf Nelken und Rosmarin gebettet müsste er seinen
Weg in die Welt antreten. Danach steht einem Menschen der vom „Geist
und Sinn“, der von Jesus Christus berührt ist, und nicht von der alten
Leier von Tod und Verderben.
Unser Lied setzt
nicht voraus, dass dieses Blumenweihnachten der „Geist und Sinn“ eines
jedes Menschen oder auch gar nur jedes Christenmenschen ist. So
spricht halt der Dichter. Das betonte „Ich“ in fast jeder Strophe hebt
hervor, dass hier ein Mensch seiner persönlichsten Empfindung Ausdruck
verleiht. Paul Gerhardts Lied ist darum wahrscheinlich auch gar nicht
als Gemeindelied gedacht gewesen. Es war für die fromme Andacht von
Einzelnen gemeint. Es fragt uns darum ganz persönlich, wie
wir denn an der Krippe stehen und was wir, die wir keine
Dichterinnen und Dichter sind, von Jesus empfangen haben, das wir ihm
zum Geburtstag zu schenken vermögen.
Paul Gerhardt
selbst gibt uns dafür sogar eine Geschenkempfehlung. Er hat nämlich am
Ende all das, was er mit seiner Kunst vom schönen Jesulein gedichtet
hat, beiseite geschoben. Worauf es zu Weihnachten eigentlich ankommt,
war schließlich stärker. Das aber ist die sehnliche Bitte, ein Mensch
wie er, wie wir aus Staub und Erde, möchten doch selbst das „Kripplein“
sein, in dem die Liebe Gottes in Person unter uns Menschen eine
Heimstatt gewinnt. Mit Blumen, Purpur und güldenen Sternen wird diese
Heimstatt sicherlich nicht ausgeschmückt sein. Sie ist „kein schöner
Fürstensaal, sondern eine finstre Grube“, wie es in Johann Sebastian
Bachs Weihnachtsoratorium heißt. Und doch blinkt sie voller Sonne,
wenn Menschen das Licht eines wahrhaft menschlichen Lebens im Frieden
mit Gott „für und für in ihrem Herzen“ tragen.
Damit aber wären
wir, liebe Brüder und Schwestern, wieder am Anfang unseres Liedes. Was
wir Jesus Christus zu geben vermögen, wird nicht irgendein
Zurechtreinem dieses Menschen sein können. Es wird nur das sein
können, was er uns schon gegeben hat. Das ist aber ist die Freude
darüber, dabei sein zu können, wenn Gott mit uns selbst, mit der
Menschheit einen neuen Anfang macht, bei dem sich alles auf die Liebe
reimt, mit der er uns schon geliebt hat, ehe wir geboren waren. Das
ist die Freude über einen, wie Paul Gerhardt sagt, einzigartigen
„Freund“ in unserem Leben. Mit ihm zusammen werden wir niemals die
Lust an einem wahrhaft menschlichen Leben verlieren, dass im Frieden
Gottes gründet. Mit ihm zusammen hört die Geburt dieses Lebens in
unserem Leben niemals auf. Amen. |
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