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Nun ruhen alle Wälder
Liebe Gemeinde,
Abendlieder
gehören heute sicherlich nicht mehr zum alltäglichen Leben der
Menschen. Denn in unserer elektrifizierten und technisierten Welt hat
der Abend für die Meisten seine Bedeutung als Grenzzone zwischen Tag
und Nacht verloren. Er sagt den Menschen nichts weiter. Er ist bloß
der dunkle Teil des Tages, an dem wir uns ausruhen, fernsehen, lesen,
es uns sonst wie gemütlich machen oder einfach weiter arbeiten. Als
dunklem Abend aber schenken wir ihm keine besondere
Aufmerksamkeit. Wir leuchten ihn ja aus. Wir fahren mit unserem Leben
bis zum Schlafengehen mehr oder weniger fort, als ob es Tag wäre. Da
haben es Abendlieder schwer, einen Platz in unserem Leben zu
behaupten. Wenn schon am Abend Musik ertönt, dann ist das in der Regel
darum ganz gewiss keine von Abendstimmung erfüllte Musik, wie das bei
Abendliedern der Fall ist. Wir müssen uns in der Nordendstraße bei den
abendlichen Sommerfesten von Spok oder von der Kasachischen Botschaft
die Ohren zuhalten, um den Krach zu ertragen, der da gemacht wird.
Lang, lang ist’s her, dass es für Menschen wichtig war, sich zu
„finden, wohl unter Linden zur Abendzeit“.
Abendlieder, liebe
Gemeinde, sind darum verdächtig, dass sie uns in eine andere,
vergangene Zeit entführen, die nicht mehr die Unsere ist. Und dieser
Verdacht ist nicht ganz unbegründet. Die schönsten Abendlieder der
Evangelischen Kirche, die wir heute Abend singen, stammen aus dem 16.
17. und 18. Jahrhundert. Das war eine Zeit, in der Menschen noch ganz
anders mit dem Rhythmus der Natur lebten oder leben mussten als wir.
Der Einbruch der Nacht bereitete da der Geschäftigkeit des Tages
wirklich ein Ende. Das dämmrige Kerzen- oder Öllicht in den Häusern
trieb die müden Menschen, die „matten Glieder“, ins Bett und stachelte
nicht an, die Nacht zum Tage zu machen. Beim Blick aus dem Fenster
oder beim Gang vor die Tür schlug einem Schweigen und das vom Glitzern
der Sterne durchsetzte Dunkel entgegen. Menschen, die auf dem Lande
leben, machen diese Erfahrung ja auch heute. Selbst wir Städter können
sie, wenn der Wind günstig steht und uns keinen Stadtlärm zuweht, auf
unserer Terrasse ein wenig machen. Ein Vogel nach dem andern hört auf
zu singen. Langsam hüllt das Dunkel die Bäume ein. Wir haben das
Gefühl, die Welt um uns her geht schlafen.
Aber heutzutage
ist das eher ein Ausnahmegefühl, so etwas wie ein schönes Sonntags-
oder Urlaubsgefühl vielleicht. Für unsere Vorfahren dagegen war das
Dunkelwerden der Welt um sie her etwas, was direkt spürbar in ihr
Leben einfiel. Es brachte sie täglich wie die Wälder, wie Vieh,
Städte und die Felder zur Ruhe. Nach dem, was wir aus jenen Zeiten so
wissen, hat’s da zwar auch genügend abendliche Krachmacher gegeben.
Aber dass die Abende land- landab da unvergleichlich stiller und
dunkler waren als heutzutage, dürfen wir wohl annehmen.
Abendlieder, aber
auch Abendgedichte nehmen uns in die Stimmung hinein, die Menschen in
solcher Stille ergreift. „Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen
Wipfeln/ spürest du/ kaum einen Hauch/ Die Vögelein schweigen im Wald/
warte nur, balde/ ruhest du auch“. Ich vermute, dass Goethe, als er
das 1783 an die Wand einer Hütte auf dem Thüringer „Kickelhahn“
schrieb, Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder gekannt hat“. Denn
in dieser Zeit hatte es just um dieses Lied aus Anlass einer
Gesangbuchrevision in Preußen eine helle Aufregung in ganz Deutschland
gegeben. Es sollte nämlich aus dem Gesangbuch entfernt werden, weil
es, wie der alte Fritz bemerkte, „dummes und törichtes Zeug“
behauptete. Wälder sind nicht wach und beweglich. Sie können nicht
laufen und darum können sie auch nicht ruhen, haben die
naturwissenschaftlich Gebildeten gesagt. Auch schläft höchsten die
halbe Welt, weil auf der anderen Hälfte der Erdkugel ja Tag ist.
Außerdem schlafen die Waldeulen und die Feldmäuse auch nicht. Paul
Gerhardts Lied wurde also verdächtigt, die Menschen zu verdummen.
Darum sollte es weg.
Es ist ziemlich
sicher, dass diese Kritik einen anderen Dichter jener Zeit veranlasst
hat, auf ganz eigene Weise Paul Gerhardts hundert Jahre altes Lied
noch einmal zu dichten. Dieser Dichter hieß Matthias Claudius. Sein
Lied „Der Mond ist aufgegangen“, das zum Volkslied geworden ist,
kennen heute wahrscheinlich mehr Menschen als Paul Gerhardts „Nun
ruhen alle Wälder“. Aber es knüpft direkt daran an. „Der Tag ist nun
vergangen/ die güldnen Sterne prangen/ am blauen Himmelsaal“ heißt es
bei Paul Gerhardt in der dritten Strophe. „Der Mond ist aufgegangen/
die goldenen Sternlein prangen/ am Himmel hell und klar“, wandelt
Matthias Claudius das ab. Der Chor wird uns die ersten beiden Strophen
dieses Liedes singen und wir stimmen dann mit den Strophen drei und
vier ein.
EG 477, 1-4 (Der
Mond ist aufgegangen)
Die Empfindungen,
liebe Gemeinde, die hier in diesem Liede einen Menschen im Erleben der
Stille des Abends überkommen, sind ganz ähnlich wie die, die auch Paul
Gerhardt ausgedrückt hat. Die stille Abendwelt macht aller Hektik des
Tages ein Ende. Sie umfängt uns wie eine „dunkle Kammer“, in der wir
die Sorgen des Tages verschlafen und vergessen können. Sie ist so
etwas wie die Erlösung von diesen Sorgen, wie jeder weiß, der
nach schlimmen, aufwühlenden Erfahrungen am Tage in der Nacht endlich
schlafen kann. Diese Stille erledigt aber auch alle die aufgeregte
Wichtigtuerei, mit der Menschen sich den lieben, langen Tag zusetzen.
Im Bette, im Schlafe, sind sie sich alle gleich: die Dummen und die
Weisen, die Mächtigen und die kleinen Würstchen, die Gesunden und die
Kranken, die Professoren und die Knochenarbeiter.
Es ist, liebe
Gemeinde, für „stolze Menschenkinder“, wie wir es am Tage sind,
also eine ziemlich harte Lektion, welche uns der Abend erteilt.
Er macht uns Alle gleich und er macht uns Alle gleich klein;
erlösungsbedürftig von unseren Tagen. - Das aber klingt für den Tag-
und Tatmenschen natürlich ganz und gar nicht gut. Er will nicht klein
sein wie Alle. Er will auch als Penner ein Kenner sein. Darum packt er
gegenüber der Abendlektion, die Paul Gerhardt uns erteilt, sein Wissen
aus und übt sich in Besserwisserei. Er verweist auf die anderen Hälfte
der Erdkugel, als müssten die Menschen dort nicht schlafen. Er redet
von Waldeulen und Feldmäusen, als würden die etwas an der Nacht
ändern, die uns heute und hier zur Ruhe zwingt. Matthias
Claudius hat nichts gegen das Wissen gehabt, das wir auch in den Abend
hinein tragen. Er trumpft darum selber ein bisschen mit unserem
Kenntnissen auf. Wir wissen natürlich, dass der halbe Mond nicht der
Ganze ist und dass die Nacht nur die halbe Erde in Dunkel hüllt. Aber
für unseren Dichter in den Spuren Paul Gerhardts ist das ganz und kein
Anlass zu „Luftgespinnsten“, das heißt zu Spinnereien vom bloß wachen
oder gar vom allwissenden Menschen gewesen.
Der Abend, wie wir
ihn Alle erleben, wenn wir zu Bette gehen, zerreißt die dünnen Fäden,
die wir am Tage mit all unserem Wissen und sonst welchen Schlauheiten
spinnen, um uns an ihnen empor zu hangeln. Seine Lektion ist kein
Beitrag zu diesem Spiel. Seine Lektion gilt unserem wirklichen Leben
und seinem Ziel. In Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder“
predigt der Abend, mit dem uns die Natur umfängt, geradezu dieses
Ziel. Er predigt uns den Tod oder besser den Vorschein des
Todes, indem er uns den Schlaf, das gänzliche Nichtstun, verordnet. Er
erinnert uns an jedem endenden Tag aufs Neue daran, dass auch wir
enden müssen und dass unser Leben dann in den Hand eines Anderen
liegt.
Es war deshalb
ganz richtig, dass der Kantor an der Berliner Nikolaikirche, Johann
Crüger, dem Abendgedicht seines Pfarrers die Melodie eines Liedes
gegeben hat, das von Tod und Ewigkeit handelt. Es heißt: „O Welt, ich
muss dich lassen“. Wir müssen es mithören, wenn wir Paul Gerhardts
Lied singen. Das wollen wir deshalb auch tun. Wir singen die erste
Strophe, dann spielt Frau Diestelhorst den Orgelchoral, den Johannes
Brahms dazu komponiert hat, und wir singen dann wieder die dritte
Strophe.
EG 521, 1-3 (O
Welt, ich muss dich lassen)
Das Besondere an
diesem Lied vom Sterben, liebe Gemeinde, ist, dass es angesichts des
Todes eigentlich überhaupt nicht klagt oder jammert. Die Angst vor dem
Tode, die doch eigentlich ganz natürlich ist, scheint es nicht zu
geben. Das Sterben wird hier als eine Reise in unser ewiges Zuhause
geschildert, zu der wir uns in „Fried und Freud“ aufmachen können. Das
ist in unserer evangelischen Tradition sehr ungewöhnlich.
Martin Luther ist nicht müde geworden, unsere Konfrontation mit dem
Tod als letzte, schwerste Prüfung darzustellen, die uns arme Sünder in
Not und Schrecken versetzt. Und auch Paul Gerhardts Dichtung ist voll
davon. Unser Lied aber strahlt die ruhige, wenn auch ein wenig
wehmütige Gelassenheit eines Menschen aus, der Abschied nimmt, um sich
auf eine weite Reise zu begeben. Warum dieser Mensch so gelassen sein
kann, sagt er selbst. Im Vertrauen auf Christus vermag er die Welt
loszulassen und sein Leben in Gottes Hand zu legen.
Aber es spielt
auch noch etwas Anderes hinein. Unser Lied ist nämlich eine geistliche
Umdichtung des beliebten Volksliedes „Innsbruck, ich muss dich muss
dich lassen“. In ihm wird besungen, wie einem Menschen zumute ist, der
auf Reisen gehen muss, während seine Liebste in der Stadt zurück
bleibt. Es schildert den Schmerz, den das für die Liebenden bedeutet
und die Hoffnung, welche die beiden auf ihre Liebe und Treue setzen.
Der Chor hat dieses Lied für uns eingeübt.
Chor: Innsbruck,
ich muss dich lassen.
Durch die Melodie
eines Liebesliedes klingen in Paul Gerhardts Abendlied „Nun ruhen alle
Wälder“ also ganz schöne Erfahrungen hinein, die wir nicht bloß am
Abend, sondern vorzüglich am Tage machen. Denn die Liebe trägt durch
die Tage und macht gerade so die Abende sanft. Ich vermute, dass unser
Berliner Dichter die Liebes-Melodie aus Innsbruck schon beim Dichten
im Ohr gehabt hat. Sie nimmt jedenfalls der harten Lektion des Abends,
die uns daran erinnert, dass wir endlich sind und „von dannen“ müssen,
alle Schärfe. Sie gibt dem Abend eine Stimme der Geborgenheit in
der Liebe, die stärker ist als die Angst vor „Unfall und Gefahr“,
die uns die Nacht einjagt.
Bei Paul Gerhardt
wird es regelrecht eine zarte Stimme. Wie Küken unter den Flügeln
einer Glucke können wir uns bei Jesus in den Abend hinein bergen. Er
selber, die menschgewordene Liebe Gottes, wiegt uns in den Schlaf,
indem er die Engelein für uns singen lässt. Natürlich ist das geradezu
kindlich einfach ausgedrückt – „einfältig“ wird Matthias Claudius
sagen. „Breit aus die Flügel beide“ ist deshalb in unserer
evangelischen Frömmigkeit auch zum Abendgebet geworden, das Eltern am
Bette ihrer Kinder sprechen oder mit ihnen singen, um sie in eine
sanfte Nacht zu geleiten. Kinder, die so zu Bette geleitet werden,
sind gut dran, kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen. Doch wir
müssen auch nüchtern bleiben. Gerade dieses Übergehen unserer
schönsten Abendlieder von der harten Predigt des Abends in eine
kindliche Idylle, in der Alles gut ist, macht sie für viele Menschen
heute fragwürdig. Sie sagen nicht zu Unrecht: Es wird am Abend nicht
Alles gut, was wir am Tage anrichten. Schon morgen ist es wieder da.
Was uns die Abendlieder vorsingen, ist bloß die sentimentale Flucht
aus einer Welt, in der in Wirklichkeit nichts oder wenig gut ist.
Es war deshalb für
uns damals in der DDR ein kleines Aha-Erlebnis, als Franz Fühmann vor
Studenten, die im „sozialistischen Realismus“ geschult waren, erklärt
hat, was eigentlich Dichtung, was Lyrik bedeutet. Er hat das
ausgerechnet mit dem Beispiel des Abendgedichtes von Matthias Claudius
getan. Die wunderschöne harmonische Melodie, die Johann Abraham Peter
Schulz diesem Gedicht 1790 gegeben hat, übersingt nämlich den dunklen
Widerhall der Realität, der am Anfang und am Ende dieses Gedichtes da
ist. Wir sollten es deshalb einmal auch ohne diese Melodie hören.
„Der Mond ist
aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“ –
das klingt lieblich. Aber dann kommt der bedrohliche Kontrast: „Der
Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel“. Das klingt bedrohlich. Schweigendes Dunkel
macht Angst. Nebel macht orientierungslos. Unser Dichter bietet
dagegen die Einfalt des Glaubens an unsern Herrn und Gott auf. Aber
die Gefahr bleibt, ausgedrückt im letzten Vers sogar durch die
Interpunktion, die unser Gesangbuch getilgt hat. „So legt euch denn,
ihr Brüder, in Gottes Namen nieder“. Kalt ist der Abendhauch“. Er
macht frösteln. Er verheißt nichts Gutes für die Nacht. Und darum
folgt jetzt regelrecht ein Aufschrei: „Verschon uns“, Komma. „Gott“!
Ausrufezeichen. Mit Strafen“. Komma. „Und lass uns ruhig
schlafen!“ Nochmal Ausrufezeichen. „Und unsern kranken Nachbarn
auch!“ Ein drittes Mal Ausrufezeichen.
Franz Fühmann hat
gemeint, in diesem Text zeige sich das wahre, das grundmenschliche
Wesen der Lyrik. Sie bringt mitten im dichterischen Ausdruck der
Schönheit der Welt und der Kreatur die geheimnisvolle, uralte
Menschheitserfahrung zur Sprache, dass durch diese Welt ein Riss geht.
Sie bringt damit ein Lebensgefühl zum Klingen, das in jedem
schlummert, der sich selbst in dieser wunderbaren und dann doch so
zerrissenen Schöpfung wahrnimmt. Es ist ein Lebensgefühl, das
eigenartig menschlich ist. Denn es lässt uns das Geheimnis
unseres Daseins auf dieser Erde empfinden, das wir niemals auflösen
können. In unseren Abendliedern begegnen in der verdichteten
Atmosphäre der hereinbrechenden Nacht darum ganz gegensätzliche
Stimmungen, die sich dennoch nicht ausschließen. Staunen und
Erschauern sind hier eng benachbart. Der Trost der Ruhe und die
Beunruhigung durch die Ruhe und die Gefahren, die in ihr lauern, gehen
ineinander über.
Wer sich von den
Stimmungen dieser Lieder mitnehmen lässt, wird darum keinesfalls aus
dem wirklichen Leben in eine Idylle entführt. Er wird, wie wir gesehen
haben, im Gegenteil auf Alles konzentriert, was in unserem
Leben wichtig ist. Auf das Wunder der Natur, deren Teil wir sind; auf
unsere Endlichkeit und Gebrechlichkeit; auf die Liebe und auf die
Hoffnung und vor allen Dingen auf Gott. Es ist darum doch ein Verlust,
dass die Menschen unserer Zeit weithin keine Abendlieder mehr kennen,
geschweige denn singen. Denn diese Lieder vertiefen das Empfinden und
das Verstehen unseres irdischen Daseins so, das es unserer
Menschlichkeit und unserem Glauben zugute kommt. Unsere Gemeinden
haben deshalb allen Grund, diese Lieder zu bewahren und lebendig zu
halten. Wohl dem – können wir nur sagen – der in unserer
oberflächlichen Welt Abendlieder singen kann! Amen. |
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