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      Home / Predigten / Predigt "Nun ruhen alle Wälder" am 01.07.07  
     

 

 

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Nun ruhen alle Wälder

 Liebe Gemeinde,

Abendlieder gehören heute sicherlich nicht mehr zum alltäglichen Leben der Menschen. Denn in unserer elektrifizierten und technisierten Welt hat der Abend für die Meisten seine Bedeutung als Grenzzone zwischen Tag und Nacht verloren. Er sagt den Menschen nichts weiter. Er ist bloß der dunkle Teil des Tages, an dem wir uns ausruhen, fernsehen, lesen, es uns sonst wie gemütlich machen oder einfach weiter arbeiten. Als dunklem Abend aber schenken wir ihm keine besondere Aufmerksamkeit. Wir leuchten ihn ja aus. Wir fahren mit unserem Leben bis zum Schlafengehen mehr oder weniger fort, als ob es Tag wäre. Da haben es Abendlieder schwer, einen Platz in unserem Leben zu behaupten. Wenn schon am Abend Musik ertönt, dann ist das in der Regel darum ganz gewiss keine von Abendstimmung erfüllte Musik, wie das bei Abendliedern der Fall ist. Wir müssen uns in der Nordendstraße bei den abendlichen Sommerfesten von Spok oder von der Kasachischen Botschaft die Ohren zuhalten, um den Krach zu ertragen, der da gemacht wird. Lang, lang ist’s her, dass es für Menschen wichtig war, sich zu „finden, wohl unter Linden zur Abendzeit“.

Abendlieder, liebe Gemeinde, sind darum verdächtig, dass sie uns in eine andere, vergangene Zeit entführen, die nicht mehr die Unsere ist. Und dieser Verdacht ist nicht ganz unbegründet. Die schönsten Abendlieder der Evangelischen Kirche, die wir heute Abend singen, stammen aus dem 16. 17. und 18. Jahrhundert. Das war eine Zeit, in der Menschen noch ganz anders mit dem Rhythmus der Natur lebten oder leben mussten als wir. Der Einbruch der Nacht bereitete da der Geschäftigkeit des Tages wirklich ein Ende. Das dämmrige Kerzen- oder Öllicht in den Häusern trieb die müden Menschen, die „matten Glieder“, ins Bett und stachelte nicht an, die Nacht zum Tage zu machen. Beim Blick aus dem Fenster oder beim Gang vor die Tür schlug einem Schweigen und das vom Glitzern der Sterne durchsetzte Dunkel entgegen. Menschen, die auf dem Lande leben, machen diese Erfahrung ja auch heute. Selbst wir Städter können sie, wenn der Wind günstig steht und uns keinen Stadtlärm zuweht, auf unserer Terrasse ein wenig machen. Ein Vogel nach dem andern hört auf zu singen. Langsam hüllt das Dunkel die Bäume ein. Wir haben das Gefühl, die Welt um uns her geht schlafen.

Aber heutzutage ist das eher ein Ausnahmegefühl, so etwas wie ein schönes Sonntags- oder Urlaubsgefühl vielleicht. Für unsere Vorfahren dagegen war das Dunkelwerden der Welt um sie her etwas, was direkt spürbar in ihr Leben einfiel. Es brachte sie täglich wie die Wälder, wie Vieh, Städte und die Felder zur Ruhe. Nach dem, was wir aus jenen Zeiten so wissen, hat’s da zwar auch genügend abendliche Krachmacher gegeben. Aber dass die Abende land- landab da unvergleichlich stiller und dunkler waren als heutzutage, dürfen wir wohl annehmen.

Abendlieder, aber auch Abendgedichte nehmen uns in die Stimmung hinein, die Menschen in solcher Stille ergreift. „Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln/ spürest du/ kaum einen Hauch/ Die Vögelein schweigen im Wald/ warte nur, balde/ ruhest du auch“. Ich vermute, dass Goethe, als er das 1783 an die Wand einer Hütte auf dem Thüringer „Kickelhahn“ schrieb, Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder gekannt hat“. Denn in dieser Zeit hatte es just um dieses Lied aus Anlass einer Gesangbuchrevision in Preußen eine helle Aufregung in ganz Deutschland gegeben. Es sollte nämlich aus dem Gesangbuch entfernt werden, weil es, wie der alte Fritz bemerkte, „dummes und törichtes Zeug“ behauptete. Wälder sind nicht wach und beweglich. Sie können nicht laufen und darum können sie auch nicht ruhen, haben die naturwissenschaftlich Gebildeten gesagt. Auch schläft höchsten die halbe Welt, weil auf der anderen Hälfte der Erdkugel ja Tag ist. Außerdem schlafen die Waldeulen und die Feldmäuse auch nicht. Paul Gerhardts Lied wurde also verdächtigt, die Menschen zu verdummen. Darum sollte es weg.

Es ist ziemlich sicher, dass diese Kritik einen anderen Dichter jener Zeit veranlasst hat, auf ganz eigene Weise Paul Gerhardts hundert Jahre altes Lied noch einmal zu dichten. Dieser Dichter hieß Matthias Claudius. Sein Lied „Der Mond ist aufgegangen“, das zum Volkslied geworden ist, kennen heute wahrscheinlich mehr Menschen als Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“. Aber es knüpft direkt daran an. „Der Tag ist nun vergangen/ die güldnen Sterne prangen/ am blauen Himmelsaal“ heißt es bei Paul Gerhardt in der dritten Strophe. „Der Mond ist aufgegangen/ die goldenen Sternlein prangen/ am Himmel hell und klar“, wandelt Matthias Claudius das ab. Der Chor wird uns die ersten beiden Strophen dieses Liedes singen und wir stimmen dann mit den Strophen drei und vier ein.

EG 477, 1-4 (Der Mond ist aufgegangen)

Die Empfindungen, liebe Gemeinde, die hier in diesem Liede einen Menschen im Erleben der Stille des Abends überkommen, sind ganz ähnlich wie die, die auch Paul Gerhardt ausgedrückt hat. Die stille Abendwelt macht aller Hektik des Tages ein Ende. Sie umfängt uns wie eine „dunkle Kammer“, in der wir die Sorgen des Tages verschlafen und vergessen können. Sie ist so etwas wie die Erlösung von diesen Sorgen, wie jeder weiß, der nach schlimmen, aufwühlenden Erfahrungen am Tage in der Nacht endlich schlafen kann. Diese Stille erledigt aber auch alle die aufgeregte Wichtigtuerei, mit der Menschen sich den lieben, langen Tag zusetzen. Im Bette, im Schlafe, sind sie sich alle gleich: die Dummen und die Weisen, die Mächtigen und die kleinen Würstchen, die Gesunden und die Kranken, die Professoren und die Knochenarbeiter.

Es ist, liebe Gemeinde, für „stolze Menschenkinder“, wie wir es am Tage sind, also eine ziemlich harte Lektion, welche uns der Abend erteilt. Er macht uns Alle gleich und er macht uns Alle gleich klein; erlösungsbedürftig von unseren Tagen. - Das aber klingt für den Tag- und Tatmenschen natürlich ganz und gar nicht gut. Er will nicht klein sein wie Alle. Er will auch als Penner ein Kenner sein. Darum packt er gegenüber der Abendlektion, die Paul Gerhardt uns erteilt, sein Wissen aus und übt sich in Besserwisserei. Er verweist auf die anderen Hälfte der Erdkugel, als müssten die Menschen dort nicht schlafen. Er redet von Waldeulen und Feldmäusen, als würden die etwas an der Nacht ändern, die uns heute und hier zur Ruhe zwingt. Matthias Claudius hat nichts gegen das Wissen gehabt, das wir auch in den Abend hinein tragen. Er trumpft darum selber ein bisschen mit unserem Kenntnissen auf. Wir wissen natürlich, dass der halbe Mond nicht der Ganze ist und dass die Nacht nur die halbe Erde in Dunkel hüllt. Aber für unseren Dichter in den Spuren Paul Gerhardts ist das ganz und kein Anlass zu „Luftgespinnsten“, das heißt zu Spinnereien vom bloß wachen oder gar vom allwissenden Menschen gewesen.

Der Abend, wie wir ihn Alle erleben, wenn wir zu Bette gehen, zerreißt die dünnen Fäden, die wir am Tage mit all unserem Wissen und sonst welchen Schlauheiten spinnen, um uns an ihnen empor zu hangeln. Seine Lektion ist kein Beitrag zu diesem Spiel. Seine Lektion gilt unserem wirklichen Leben und seinem Ziel. In Paul Gerhardts Lied „Nun ruhen alle Wälder“ predigt der Abend, mit dem uns die Natur umfängt, geradezu dieses Ziel. Er predigt uns den Tod oder besser den Vorschein des Todes, indem er uns den Schlaf, das gänzliche Nichtstun, verordnet. Er erinnert uns an jedem endenden Tag aufs Neue daran, dass auch wir enden müssen und dass unser Leben dann in den Hand eines Anderen liegt.

Es war deshalb ganz richtig, dass der Kantor an der Berliner Nikolaikirche, Johann Crüger, dem Abendgedicht seines Pfarrers die Melodie eines Liedes gegeben hat, das von Tod und Ewigkeit handelt. Es heißt: „O Welt, ich muss dich lassen“. Wir müssen es mithören, wenn wir Paul Gerhardts Lied singen. Das wollen wir deshalb auch tun. Wir singen die erste Strophe, dann spielt Frau Diestelhorst den Orgelchoral, den Johannes Brahms dazu komponiert hat, und wir singen dann wieder die dritte Strophe.

EG 521, 1-3 (O Welt, ich muss dich lassen)

 Das Besondere an diesem Lied vom Sterben, liebe Gemeinde, ist, dass es angesichts des Todes eigentlich überhaupt nicht klagt oder jammert. Die Angst vor dem Tode, die doch eigentlich ganz natürlich ist, scheint es nicht zu geben. Das Sterben wird hier als eine Reise in unser ewiges Zuhause geschildert, zu der wir uns in „Fried und Freud“ aufmachen können. Das ist in unserer evangelischen Tradition sehr ungewöhnlich. Martin Luther ist nicht müde geworden, unsere Konfrontation mit dem Tod als letzte, schwerste Prüfung darzustellen, die uns arme Sünder in Not und Schrecken versetzt. Und auch Paul Gerhardts Dichtung ist voll davon. Unser Lied aber strahlt die ruhige, wenn auch ein wenig wehmütige Gelassenheit eines Menschen aus, der Abschied nimmt, um sich auf eine weite Reise zu begeben. Warum dieser Mensch so gelassen sein kann, sagt er selbst. Im Vertrauen auf Christus vermag er die Welt loszulassen und sein Leben in Gottes Hand zu legen.

Aber es spielt auch noch etwas Anderes hinein. Unser Lied ist nämlich eine geistliche Umdichtung des beliebten Volksliedes „Innsbruck, ich muss dich muss dich lassen“. In ihm wird besungen, wie einem Menschen zumute ist, der auf Reisen gehen muss, während seine Liebste in der Stadt zurück bleibt. Es schildert den Schmerz, den das für die Liebenden bedeutet und die Hoffnung, welche die beiden auf ihre Liebe und Treue setzen. Der Chor hat dieses Lied für uns eingeübt.

Chor: Innsbruck, ich muss dich lassen.

Durch die Melodie eines Liebesliedes klingen in Paul Gerhardts Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“ also ganz schöne Erfahrungen hinein, die wir nicht bloß am Abend, sondern vorzüglich am Tage machen. Denn die Liebe trägt durch die Tage und macht gerade so die Abende sanft. Ich vermute, dass unser Berliner Dichter die Liebes-Melodie aus Innsbruck schon beim Dichten im Ohr gehabt hat. Sie nimmt jedenfalls der harten Lektion des Abends, die uns daran erinnert, dass wir endlich sind und „von dannen“ müssen, alle Schärfe. Sie gibt dem Abend eine Stimme der Geborgenheit in der Liebe, die stärker ist als die Angst vor „Unfall und Gefahr“, die uns die Nacht einjagt.

Bei Paul Gerhardt wird es regelrecht eine zarte Stimme. Wie Küken unter den Flügeln einer Glucke können wir uns bei Jesus in den Abend hinein bergen. Er selber, die menschgewordene Liebe Gottes, wiegt uns in den Schlaf, indem er die Engelein für uns singen lässt. Natürlich ist das geradezu kindlich einfach ausgedrückt – „einfältig“ wird Matthias Claudius sagen. „Breit aus die Flügel beide“ ist deshalb in unserer evangelischen Frömmigkeit auch zum Abendgebet geworden, das Eltern am Bette ihrer Kinder sprechen oder mit ihnen singen, um sie in eine sanfte Nacht zu geleiten. Kinder, die so zu Bette geleitet werden, sind gut dran, kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen. Doch wir müssen auch nüchtern bleiben. Gerade dieses Übergehen unserer schönsten Abendlieder von der harten Predigt des Abends in eine kindliche Idylle, in der Alles gut ist, macht sie für viele Menschen heute fragwürdig. Sie sagen nicht zu Unrecht: Es wird am Abend nicht Alles gut, was wir am Tage anrichten. Schon morgen ist es wieder da. Was uns die Abendlieder vorsingen, ist bloß die sentimentale Flucht aus einer Welt, in der in Wirklichkeit nichts oder wenig gut ist.  

Es war deshalb für uns damals in der DDR ein kleines Aha-Erlebnis, als Franz Fühmann vor Studenten, die im „sozialistischen Realismus“ geschult waren, erklärt hat, was eigentlich Dichtung, was Lyrik bedeutet. Er hat das ausgerechnet mit dem Beispiel des Abendgedichtes von Matthias Claudius getan. Die wunderschöne harmonische Melodie, die Johann Abraham Peter Schulz diesem Gedicht 1790 gegeben hat, übersingt nämlich den dunklen Widerhall der Realität, der am Anfang und am Ende dieses Gedichtes da ist. Wir sollten es deshalb einmal auch ohne diese Melodie hören.

„Der Mond ist aufgegangen, die goldenen Sternlein prangen am Himmel hell und klar“ – das klingt lieblich. Aber dann kommt der bedrohliche Kontrast: „Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel“. Das klingt bedrohlich. Schweigendes Dunkel macht Angst. Nebel macht orientierungslos. Unser Dichter bietet dagegen die Einfalt des Glaubens an unsern Herrn und Gott auf. Aber die Gefahr bleibt, ausgedrückt im letzten Vers sogar durch die Interpunktion, die unser Gesangbuch getilgt hat. „So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder“. Kalt ist der Abendhauch“. Er macht frösteln. Er verheißt nichts Gutes für die Nacht. Und darum folgt jetzt regelrecht ein Aufschrei: „Verschon uns“, Komma. „Gott“! Ausrufezeichen. Mit Strafen“. Komma. „Und lass uns ruhig schlafen!“ Nochmal Ausrufezeichen. „Und unsern kranken Nachbarn auch!“ Ein drittes Mal Ausrufezeichen.

Franz Fühmann hat gemeint, in diesem Text zeige sich das wahre, das grundmenschliche Wesen der Lyrik. Sie bringt mitten im dichterischen Ausdruck der Schönheit der Welt und der Kreatur die geheimnisvolle, uralte Menschheitserfahrung zur Sprache, dass durch diese Welt ein Riss geht. Sie bringt damit ein Lebensgefühl zum Klingen, das in jedem schlummert, der sich selbst in dieser wunderbaren und dann doch so zerrissenen Schöpfung wahrnimmt. Es ist ein Lebensgefühl, das eigenartig menschlich ist. Denn es lässt uns das Geheimnis unseres Daseins auf dieser Erde empfinden, das wir niemals auflösen können. In unseren Abendliedern begegnen in der verdichteten Atmosphäre der hereinbrechenden Nacht darum ganz gegensätzliche Stimmungen, die sich dennoch nicht ausschließen. Staunen und Erschauern sind hier eng benachbart. Der Trost der Ruhe und die Beunruhigung durch die Ruhe und die Gefahren, die in ihr lauern, gehen ineinander über.

Wer sich von den Stimmungen dieser Lieder mitnehmen lässt, wird darum keinesfalls aus dem wirklichen Leben in eine Idylle entführt. Er wird, wie wir gesehen haben, im Gegenteil auf Alles konzentriert, was in unserem Leben wichtig ist. Auf das Wunder der Natur, deren Teil wir sind; auf unsere Endlichkeit und Gebrechlichkeit; auf die Liebe und auf die Hoffnung und vor allen Dingen auf Gott. Es ist darum doch ein Verlust, dass die Menschen unserer Zeit weithin keine Abendlieder mehr kennen, geschweige denn singen. Denn diese Lieder vertiefen das Empfinden und das Verstehen unseres irdischen Daseins so, das es unserer Menschlichkeit und unserem Glauben zugute kommt. Unsere Gemeinden haben deshalb allen Grund, diese Lieder zu bewahren und lebendig zu halten. Wohl dem – können wir nur sagen – der in unserer oberflächlichen Welt Abendlieder singen kann! Amen.

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de