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Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
Liebe Gemeinde,
„Ich will dich
stets gleich wie du mich, mit Liebesarmen fassen“; „Du sollst mein
Herze bleiben“; „Ich will von
deiner Lieblichkeit bei Nacht und Tage singen“ – Kein Zweifel, es
ist ein Liebeslied, das wir da eben gesungen haben. Es ist
sogar ein Liebeslied mit happy-end. Am Ende steht die geschmückte
Braut mit ihrem Geliebten auf ewig glücklich vor Gottes Thron. Schöner
kann’s nicht ausgehen mit der Liebe.
Aber nicht nur
das. Beglückender und tiefer als hier kann ein Lebensweg wohl kaum
besungen werden, der von dem ganzen Reichtum eines liebenden Partners
getragen ist. Seinen „großen Schatz“ nennt Paul Gerhardt diesen
Partner in einer Strophe, die in unserem Gesangbuch leider gestrichen
wurde. Seine Liebe schützt ihn, wenn er in Streit und Zwietracht
verwickelt wird, wie mit einer Hülle der Unangreifbarkeit. In der
scheußlichen Traurigkeit, die heute Depression heißt, schenkt sie ihm
das Lächeln, ja das Lachen. Wenn er fröhlich ist, begleitet sie sein
Gemüt mit einem Spiel der leichten, locker klingenden und springenden
Töne. Wenn ihm der Appetit vergeht, nimmt ihm diese Liebe den Druck
vom Magen. Sie ist wie ein „Wasserquell“, wenn die eigenen
Lebenswurzeln verdorr’n, wie ein wunderbarer Schatten in der Hitze des
Lebens, wie eine Artznei bei Krankheit und wie ein Anker für ein auf
dem Meere umhertreibendes Schifflein. Und am Allerschönsten: Sie ist
sein „Sprachgesell“, wenn ihm in der Einsamkeit die Worte ersterben.
Paul Gerhardt kann
sich offenkundig gar nicht genug tun, um nach Bildern aus allen
Bereichen des Lebens zu greifen, welche die „Wunder-Lieb“, die
„Liebes-Macht“, wie er sie erfahren hat, überbordend preisen. Ein
bisschen barock ist das Alles zweifellos, angefüllt mit den in jener
Zeit vor über 350 Jahren sehr beliebten weitläufigen und tiefsinnig
weit her geholten biblischen und weltlichen Schnörkeln. Aber unser
Nachbarpfarrer hier von nebenan an der Nikolaikirche hat das Alles
dennoch so sprachlich zu verdichten vermocht, dass man noch über die
Jahrhunderte hinweg verspürt: Hier redet einer, der etwas von der
Liebe versteht.
Denn hier wird
Alles besungen, was zum Lieben gehört und uns „groß Freund“ bringt.
Die Begeisterung dafür, dass jemand Einzigartiges mich liebt:
der Erfindungsreichtum, diesem Einzigartigen meine Liebe zu
zeigen; das Lebensgefühl, niemals mehr allein zu sein; das
Hinwegschwingen über alle Grenzen, selbst über den Tod hinaus; das
vorbehaltlose Vertrauen zur Treue des Partners und natürlich
auch die Ausgelassenheit und Zärtlichkeit von Liebenden. „Lämmlein“
und „süßes Lamm“ nennt Paul Gerhardt seine große liebliche Liebe, so
wie die Verliebten es tun, wenn sie sich mit Worten liebkosen. Wir
kennen das zum Beispiel aus Hans Falladas Roman „Kleiner Mann was
nun?“, wo der Romanheld seine wunderbar starke Frau sein „Lämmchen“
nennt oder aus Kurt Tucholskys „Rheinsberg“, wo Claire ihren Wolf
beharrlich zum „Wölfchen“ macht.
Doch spätestens
hier, liebe Gemeinde, wo Paul Gerhardts Liebeslied sich dem verliebten
Übermut nähert, wird uns vermutlich etwas mulmig zu Mute. Denn seine
große Liebe ist für unseren Blick ja wahrlich Niemand, der uns das
Schäckern nahe legt. Wir fragen uns im Gegenteil, wie unser Dichter
eigentlich darauf kommt, einen, der auf der „Würgebank“ liegt und von
„Nägeln und Spießen“ gemartert wird, mit derartigen Worten zu preisen. Mel Gibson hat uns
in der filmischen Blutorgie „Die Passion Christi“, die kein fühlender
Mensch zu Ende sehen kann, jedenfalls einen Eindruck davon vermittelt,
was der Kreuzestod Christi mit seinen dazu gehörenden barbarischen
Folterungen in der Realität bedeutet haben könnte. Da sackt doch jede
Blut-Theologie in sich zusammen, welche „purpurrotes Blut“ als Gewand
deutet, in das wir uns freudig-hochzeitlich kleiden können. Da bleibt
doch nichts als Trauer und Entsetzen darüber, was Menschen sich
anzutun vermögen.
Hier aber, in Paul
Gerhards Liebeslied vom geschlachteten Lämmlein spüren wir kaum etwas
von diesem Entsetzen. Dass „Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden,
Striemen, Kreuz und Tod“ für das Lämmlein etwas Schreckliches waren,
wird zwar mit starken, ja stärksten Worten hervorgehoben. Sich in die
Entsetzlichkeit nicht nur des Leidens Christi, sondern aller
Erfahrungen von Leid und Tod zu versenken, ist geradezu ein
Kennzeichen der Dichtung zu Paul Gerhardts, vom Morden des 30jährigen
Krieges heimgesuchten Zeit. Man hat ihr darum – dieser Dichtung –
regelrecht eine Todesverliebtheit nachsagt. Doch hier in unserem Lied
ist das anders. Da ist das Alles eingebettet in ein Pulsieren von
Leben, in dem selbst der Tod, in dem gerade der Tod Leben verströmt.
Doch es ist
heutzutage für sehr viele Menschen nicht ganz einfach, das zu
bemerken. Denn einen Puls kann man nicht wahrnehmen, indem man ihn
bloß angafft. Da muss man das pulsierende Leben schon anfassen und
sich gewissermaßen daran ankoppeln, wenn man es spüren will. Darum
haben die Leute, die sich diesem Liede in der Haltung von Zuschauern
nähern, auch wenig Chancen, nachzuvollziehen, was Paul Gerhardt uns
als sein ureigenstes Erleben besingt. Es wird ja Alles in der
ersten Person gesagt. „Du süßes Lamm, was soll ich dir,
erweisen dafür, dass du mir erweisest so viel Gutes“ werden die
Strophen eingeleitet, in denen nun das Wort „Ich“ vorherrscht.
Der Zaungast aber
spricht: „Ich nicht“ und er fügt wohlgemut hinzu: „Deshalb auch kein
Anderer“. Denn was die ersten vier Strophen dieses Liedes aussagen,
behauptet er, könne kein moralisch denkender Mensch nachvollziehen.
Hier werde nämlich die barbarisch-urtümliche Vorstellung gepflegt,
dass Gott Menschenopfer brauche, um seinen Zorn über die Sünden der
Menschheit zu besänftigen. Die Liste der ob dessen empörten Zuschauer
ist prominent und lang. In unseren Tagen tragen sich sogar nicht
wenige Theologen, fleißig in sie ein.
Die Vorstellung
vom Opfertod Christi muss aus dem Christentum verschwinden, fordern
sie. Selbst Reinigungen des Neuen Testaments von dieser Vorstellung
werden vorgeschlagen. Johannes der Täufer soll nicht mehr sagen:
„Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“ und
Christus selbst soll nicht mehr sagen: „Das ist mein Leib, der für
euch gegeben wird“. Denn das verträgt sich nicht mit dem Gott der
Liebe, den er selbst verkündet hat. Wer liebt, braucht keine
Blutopfer. Dieser Satz ist, liebe Gemeinde, an und für sich natürlich
völlig richtig. Ich selbst würde mir auch wünschen, dass Paul Gerhardt
sein Erleben mit Christus, dem Lamm, nicht so ungeschützt den
Einwänden der Zuschauer ausgesetzt
hätte. Dennoch frage ich mich aber, warum ich selbst, als ich
dieses Lied kennen lernte, auf solche Einwände überhaupt nicht
gekommen bin. Ich musste mich erst beim Theologiestudium, in dem sich
bekanntlich ja auch jede Menge Zuschauer tummeln, mit ihnen
auseinander setzen.
Denn ich bin mit
Paul Gerhardts Lied vom Lämmlein schon sehr lange vertraut und habe es
zusammen mit „O Haupt voll Blut und Wunden“ in jungen Jahren sogar
ganz auswendig gekonnt. Das muss irgendwann im Konfirmandenalter der
Fall gewesen sein, das sich ja ansonsten durch ein beachtliches
Wachstum eines kritischen Geistes auszeichnet. Warum war das hier
nicht der Fall? Ich weiß das
natürlich nicht mehr genau. Vielleicht war ich einfach zu
kirchenfromm. Aber weil dieses Lied – nicht zuletzt dank seiner
Melodie – nun fortan einmal in meinem Kopfe steckte, und zu meinem
Leben gehörte, kann ich doch ungefähr sagen, warum ich es nicht missen
möchte. Es hat mein Empfinden dafür gestärkt, dass all das Versagen,
das Schuldigwerden, das Leiden und Unrechtleiden, das zu jedem
menschlichen Leben gehört, nicht in Sackgassen ohne Licht am Horizont
führt.
Denn dieser Eine,
der Furchtbares zu erleiden hatte, wie so Viele andere nach ihm,
gestattet diesem Furchtbaren nicht das letzte Wort. Er strahlt in Paul
Gerhardts Lied – wie im Neuen Testament zuerst – mitten in seinem
schlimmen Geschick unendliche Güte und Menschenfreundlichkeit
aus. Ich habe da nichts von göttlichem Blutdurst bemerkt und erst
recht nicht von Wut, Empörung und Hass, sondern nur davon, dass Gewalt
und Blut im Leiden dieses Lammes in unserer Menschenwelt ewig gestrig
geworden sind. Wo eine derartige
Erfahrung aber einen Lebensweg begleitet, da wächst so ein Abstand zu
dem, was man selber anrichtet und was Andere einem antun. Es ist ein
Abstand des Aufatmens in Zwangslagen, des Abschüttelns des Schlechten,
das unsereins in seinem Leben anhäuft. Es ist – paradox gesagt – auch
ein ganz überlegenes Gefühl der Demut angesichts der Enttäuschungen,
die uns das Leben vergällen. Es ist Alles in Allem ein immer wieder
neues Freiwerden von all dem schrecklichen Mist, den die Bibel „Sünde“
nennt.
Denn wenn jemand
einen „Sprachgesell“ in seinem Leben hat, der ihn ganz unten in den
Exzessen des brutalen und banalen, eigenen und fremden Bösen beständig
mit seiner Sanftmut abholt, erstirbt ihm die Lust am
Kaputtmachen und Zerstören. Dieser leidgeprüfte Sprachgesell
inspiriert nur mit Güte und Menschenfreundlichkeit und niemals
mit neuen Varianten des Bösen. Darum spielt sich
bei der Berührung mit ihm auch mehr ab, als irgendein Entschluss zu
moralischer Besserung erschwingen kann, der morgen schon wieder
vergessen ist. Das Lämmlein redet nicht heute so und morgen anders. Es
bekommt keine Wutanfälle und resigniert nicht. Es verleiht der Sprache
der Liebe und Sanftmut vielmehr etwas, was kein sterblicher Mensch ihr
geben kann. Es verleiht ihr Dauer. Es haucht ihr den Atem des
Ewigen ein, der uns als Partnerinnen und Partner seiner Liebe
schuf und erwählte und der daran festhält, auch wenn wir die Liebe als
Bestimmung unseres Daseins verraten.
Wer das Lämmlein
zum „Sprachgesell“ hat, kommt darum gar nicht umhin, mit Gott
zu sprechen. In seinem Reden, ja in seinem Dasein, mischt sich Gott in
unser Leben ein, so dass Paul Gerhardts Lied vom Lämmlein fast von
ganz alleine zum Sprechen mit Gott, zur Anrede an ein Du,
zum Gebet, wird. Das Beten ist regelrecht die Art und Weise, in
der hier der Pulsschlag des göttlichen Liebens im Kreuzesweg Jesu
Christi ertastet wird. Paul Gerhardt hat dabei – um es einmal so
auszudrücken – seine Fühler so weit ausgestreckt, wie es sicherlich
nur ein Beter, der zugleich ein phantasievoller Dichter ist, vermag
und vielleicht darf. Er hat sich nämlich, ähnlich wie das Martin
Luther in seinem Liede „Nun freut euch lieben Christengemein“ auch
getan hat – in ein göttliches Selbstgespräch hinein gehört.
Das ist zwar ein
bisschen verwegen. Aber was unser Dichter hier gehört hat, bündelt in
der Konzentration auf Gott doch letztlich nur die Gewissheiten, die
sich auf einem Lebenswege zusammen mit dem Sprachgesellen Christus von
alleine einstellen. Allem voran ist das die Gewissheit, dass Gott
selbst sich mit seiner „Wunder-Lieb“ im Lämmlein Jesus Christus auf
den Weg zu uns gemacht hat, um das Gift, mit dem der Tod unser Leben,
unser Handeln und Denken infiziert, unschädlich zu machen. Der Tod,
den er auf sich nimmt, ist das Ende einer von Todesmächten vergifteten
Welt, die mit „Straf- und Zornesruten“ im Zaum gehalten werden muss.
Er ist der Anfang einer Welt, die sich vom Tode nicht die ewige Kraft
des Liebens rauben lässt, sondern sie im Gegenteil mit offenen Armen
empfängt.
Das Symbol des
Kreuzes in unseren Kirchen zeigt das an. Paul Gerhardt hat darum die
ausgebreiteten Arme Christi am Kreuz als Einladung für unsere
ausgebreiteten Arme gedeutet, mit denen wir einen Liebenden begrüßen.
Das ist sehr tiefsinnig. Aber es kann doch nicht überspielen, dass das
Kreuz ein Symbol des Schmerzes, ein Ausdruck der
Ungeheuerlichkeit menschlicher Barbarei bleibt, die uns das Herz
zerreißt, wie all die Opfer menschlicher Todeswut bis in unsere Tage. Ohne ein Mitleiden
mit diesem Menschen, ohne den Protest gegen die Folterknechte von
gestern und heute, kann der Blick auf dieses Kreuz nicht sein. Das
sollte auch im Gespräch mit Gott, das uns der Tiefe der Weisheit
der Liebe Gottes annähert, die Alles gut macht, nicht vergessen
werden. Darum ist es verständlich, wenn uns Paul Gerhardts
überschwängliches Preisen des lebensspendenden, heilenden Blutes
Christi nicht so leicht über die Lippen geht und uns sein Liebeslied
für das Lämmlein allzu lieblich dünkt.
Aber wir müssen
unsrem Dichter gegenüber auch gerecht sein, was die
Gesangbuchredakteure durch das Herumstreichen in diesem Liede leider
nicht gewesen sind. Sie haben dadurch nämlich unkenntlich gemacht,
dass es sich bei diesem Liede eigentlich gar nicht um ein Passionslied
im Stile von Johann Sebastians Bachs Matthäuspassion, um ein Lied von
Leid und Jammer also, handelt, sondern um ein Abendmahlslied.
Beim Abendmahl aber gedenkt die christliche Gemeinde des Todes Christi
nicht so, dass sie in Trauer und Weh die Lichter auslöscht, wie in der
Todesnacht Christi. Beim Abendmahl wird das Licht des Lebens gefeiert,
das aus dem Tode Christi heraus strahlt.
Es ist darum
schade, dass diese Feier des letzten Mahles Jesu Christi in unserem
Gottesdienst heute, wie leider in den Meisten unserer
Universitätsgottesdienste, nicht vorgesehen ist. Sie wäre die richtige
Einübung in Paul Gerhardts Liebeslied für das Lämmlein gewesen. Denn
im Gedächtnis der christlichen Gemeinde an seinen Tod erwachen und
erblühen die vom Tode frei machenden Kräfte der Liebe. Wer hier
mitfeiern kann, fühlt, wie sich die Verkrampfungen der Todeswelt
lösen. Wer hier mitfeiern kann, findet es gar nicht seltsam, wenn da
einer wie unser Dichter mit der Freude über den Reichtum herausplatzt,
mit dem ihn der Gottessohn der Liebe beschenkt hat.
Sein Singen ist da
so etwas wie der Auftakt zu den Freuden des Reiches Christi, denen
Schuld, Leid und Tod nichts mehr anhaben können. Sein Singen wird da
ganz gewiss zu unserm eigenen Singen werden, das uns die Schritte auf
unserem Lebenswege mit seinen Tiefen und Höhen immer aufs Neue
beschwingt. Amen.
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