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Von guten Mächten

Liebe Gemeinde,

Dietrich Bonhoeffer ist der bekannteste und am meisten gelesene evangelische Theologe unserer Zeit. Seine wichtigsten Bücher, Schriften und Texte sind in fast alle Sprachen der Welt übersetzt. Jeder Zettel, den er hinterlassen hat, ist in die große 17-bändige Ausgabe seiner Werke aufgenommen worden und noch immer wird etwas gefunden, was im Bonhoeffer-Jahrbuch veröffentlicht wird. Für den Hausgebrauch ist gerade eine Sammlung sog. „Sinnsprüche“ von ihm herausgegeben worden. Es gibt ein Bonhoeffer-Oratorium. Nicht nur in Deutschland tragen Gemeinden, Heime, Schulen, Krankenhäuser, Straßen und Plätze seinen Namen. Über sein Leben ist ein Spielfilm gedreht worden und es entstehen immer neue Dokumentarfilme. Man hat Dietrich Bonhoeffer darum tatsächlich schon einen „Heiligen“ der evangelischen Kirche genannt, obwohl er selbst ausdrücklich keiner sein wollte.

Die Frage, warum das so ist, können wir einfach beantworten. Dietrich Bonhoeffer hat sich als Pfarrer, Theologe und Christ am Widerstand der Deutschen Wehrmacht vom 20. Juli 1944 gegen Hitler beteiligt und er hat diese Beteiligung mit dem Tode bezahlt. Er ist am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet worden. Dieses schreckliche Ende macht ihn für uns heute zu einem außerordentlichen Zeugen Jesu Christi. Zeuge heißt ins Griechische übersetzt „Märtyrer“ und bedeutet seit den Zeiten der Alten Kirche Blutzeuge. Seine Statue steht in Westminster Abbey in London unter den anderen großen Blutzeugen des 20. Jahrhunderts. Alles, was Dietrich Bonhoeffer getan, gedacht und gesagt hat, wird für uns deshalb zu einer Wahrheit, die mit seinem Blute besiegelt ist, die uns Respekt, ja scheue Ehrfurcht einflösst. Ich habe neulich in dem jetzt ausgegrabenen Bunker im KZ Buchenwald gestanden, in dem Bonhoeffer auf dem Wege nach Flossenbürg in eine Zelle eingequetscht wurde, in der er noch nicht einmal liegen konnte. Wer dort steht, dem wird in Trauer und Mitempfinden erst einmal der Mund verschlossen.

Wenn wir uns dann aber den Zeugnissen seines Lebens zuwenden, dann begegnet uns ein Christ und Theologe, der uns durch eine große Gradlinigkeit und Tatkraft beeindruckt. Dietrich Bonhoeffer war ein Mensch, dem halbe Sachen zuwider waren. Wenn er etwas gedacht und getan hat, dann hat er aus seinem Glauben an Gott heraus ganz gedacht und getan, dann ist er aufs Ganze gegangen. Sein Eintreten für die Juden war kompromisslos. Seine Forderung an die weltweite Christenheit, den nächsten Krieg zu ächten und den Christen das Teilnehmen an einem Krieg zu verbieten, war unzweideutig. Bei seinem Wirken in der Bekennenden Kirche Deutschlands hat er in großer Entschiedenheit darauf bestanden, dass an der Wahrheit des Bekenntnisses der evangelischen Kirche keine Abstriche gemacht werden. Sein Versuch, mit den Vikaren der Bekennenden Kirche ein fast klösterliches Leben zu führen, beeindruckt durch Konsequenz und Ernst. Und schließlich hat er bei seiner Beteiligung am Widerstand alle Bedenken, die er als Pfarrer hatte, sich an einem Tyrannenmord zu beteiligen, zurück gestellt. Er hat das nach menschlichem Ermessen einzig Mögliche getan, was die Meisten nicht wagten, um den Mord am jüdischen Volke und das Sterben von Millionen Menschen im Kriege beenden zu helfen. 

In Dietrich Bonhoeffer begegnet uns also ein Christ, Pfarrer und Theologe, dessen Glauben durchgehend Konsequenzen für sein Leben hat. Er steht zu diesen Konsequenzen, auch wenn ihn das in die Isolation und in die persönliche Erschöpfung treibt, auch wenn ihm das beruflich den Boden unter den Füßen wegzieht und sein Leben in Gefahr gerät. An ihm orientieren sich darum Menschen, die unsere Kirche selbst tatkräftig im Geiste Jesu Christi erneuern wollen, die in der Friedensfrage nicht resignieren und dafür eintreten, dass die Christenheit heute beim Kampf gegen Ungerechtigkeit, Hunger und Elend auf unserer Erde in der ersten Reihe steht.  

Sie tun recht daran. Denn so wie Dietrich Bonhoeffer den christlichen Glauben verstanden hat, ist er ein starker Motor für alle Christinnen und Christen, die weltverändernde Liebe Gottes überall tatkräftig zu bezeugen. Bei den vielen Feiern, die aus Anlass seines 100. Geburtstages stattgefunden haben und stattfinden, ist die Ermutigung, die von Bonhoeffers Leben und Werk für unseren Auftrag als Christinnen und Christen in unserer Welt ausgeht, darum auch kräftig hervorgehoben worden.

Zu dieser Würdigung Bonhoeffers, liebe Gemeinde, aber scheint eines überhaupt nicht zu passen. Das ist das Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben“, das wir eben gesungen haben. Es ist ein leises, ein besinnliches, sehnsuchtsvolles und tröstendes Lied. Es ist, wenn wir das so sagen dürfen, ein sehr frommes Lied, in dem ein Mensch sich, sein Leben, das Leben seiner Nächsten, ganz Gott anvertraut. Die tiefe Gotteszuversicht, die es atmet, berührt uns, wenn wir es singen. Sie lässt uns selber stille werden. Sie teilt sich vor allem Menschen mit, die in schweren Zeiten bei Gott Trost und Kraft für ihr Leben suchen. Es ist darum kein Zufall, dass dieses Lied bzw. dieses Gedicht weltweit der bekannteste und beliebteste Text von Dietrich Bonhoeffer ist. Er ist tatsächlich über 50 mal vertont worden. Besonders seine letzte Strophe „von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag“, steht auf unzähligen Karten, Kalendern und Plakaten. Es für nicht wenige Menschen der einzige Text, den sie überhaupt von Dietrich Bonhoeffer kennen.

Es war auch einer der ersten Texte aus seiner Haftzeit, der nach 1945 einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. In der Familie Bonhoeffers lief eine Schreibmaschinenabschrift um, die der Freund Bonhoeffers, Eberhard Bethge, dann unter der von ihm hinzugefügten Überschrift „Neujahr 1945“ veröffentlicht hat. Aber erst seit 1992 wissen wir Genaueres über die Entstehung dieses Gedichts. Da wurden nämlich die Briefe veröffentlicht, die Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis an seine 18-jähige Braut, Maria von Wedemeyer, geschrieben hat. Der letzte dieser Briefe stammt vom 19. Dezember 1944 und in den hat er, wie er sagt, „ein paar Verse“ für Maria, die Eltern und Geschwister als „Weihnachtsgruß“ gelegt.  

19. Dezember 1944! Da befand sich Bonhoeffer seit zweieinhalb Monaten in den Kellern des Gestapo-Gefängnisses in der Prinz-Albrechtstr. Man hatte ihn dorthin aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Tegel verlegt, wo zunächst nur wegen Wehrkraftzersetzung gegen ihn ermittelt wurde. Nach dem Bekanntwerden seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler ist er an diesen Ort des Schreckens verlegt worden. Seine Perspektive war nun die Hinrichtung durch den Strang. Das ist die Situation, in der dieses Gedicht für die Menschen, die ihm lieb und teuer waren, entstanden ist. Sie bricht ja in der dritten Strophe auch überdeutlich hervor. Der „Kelch des Leidens gefüllt bis an den Rand“ wird ihm gereicht. Doch wenn ich das singe, dann muss ich in mir immer so etwas wie eine Hürde nehmen. Denn nicht die SS, die ihr mörderisches Handwerk verrichtet, wird diesen Kelch nach Bonhoeffers Aussage reichen. Gott wird es tun.

Sie kennen, liebe Brüder und Schwestern, diese Wendung vom „Kelch des Leidens“ sicherlich aus der Gethsemane-Geschichte. Jesus bittet, dass dieser Kelch an ihm vorüber gehen möge. Aber nicht sein Wille, sondern der seines Vaters soll geschehen. Das Markusevangelium berichtet davon, dass Jesus als er das sagte, anfing, zu „zittern und zu zagen“. Bonhoeffer hat das natürlich gekannt. In seinen Briefen aus dem Gefängnis wird das Wachen mit Christus in Gethesemane geradezu zum Kennzeichen der Christenheit der Zukunft. Aber wenn er den Tod, den er vor Augen hat, „dankbar und ohne Zittern“ aus Gottes „guter und geliebter Hand“ nehmen möchte, dann scheint er sich ja mehr zuzumuten, als Christus selbst.

Doch das scheint nur so. Denn er hat sich den aufrechten Gang in der Situation des Todes nicht als irgendeinen Kraftakt zugemutet, den er selber vollbringen kann. Sein Glaube an Gott war so konkret, dass sich sowohl sein Tun wie sein Leiden „Gottes Hand und Führung“ verdankt, wie er immer wieder sagt.  „Du darfst nie daran zweifeln“, schreibt er aus dem Gefängnis an Eberhard Bethge, „daß ich dankbar und froh den Weg gehe, den ich geführt werde“. „Laß uns nie an dem irre werden, was uns widerfährt“, ermahnt er seine Braut, „es kommt alles aus guten, guten Händen“. „Ich traue Deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in Deine Hand“, betet er darum zu Gott. „Mach Du mit mir, wie es Dir gefällt und wie es gut für mich ist. Ob ich lebe oder sterbe, ich bin bei Dir und Du bist bei mir mein Gott. Herr ich warte auf Dein Heil und auf Dein Reich.“        

Wir sind, liebe Gemeinde, heutzutage ja eher geneigt, Gott nur für das Gute und Angenehme zu danken. Und selbst da gibt es unter uns Christinnen und Christen Hemmungen. Kann man denn Gott so direkt für das in Anspruch nehmen, was sich in unserem Leben abspielt? Bonhoeffer hat das getan – nicht nur in seiner vielfachen Aktivität, in der er mit Gottes Liebe aufs Ganze gegangen ist, sondern gerade da, wo ihm die Hände gebunden waren. Er hat das alles als Stationen auf einem Wege mit Gott verstanden, auf dem uns Gott durch Höhen und Tiefen zu sich führt, in sein Reich. Die letzten Worte, die wir von ihm kennen, sprechen davon. Der englische Geheimdienstoffizier Payne Best, mit dem er in dem erwähnten Bunker im KZ Buchenwald zusammengesperrt war, hat sie uns überliefert. Sie heißen: „Wollen Sie diese Botschaft von mir dem Bischof von Chichester ausrichten: Sagen Sie ihm, dass dies für mich das Ende ist, aber auch der Anfang“.

Zu Gott geführt zu werden, in sein ewiges Leben, durch welches Handeln und welchen Tod auch immer, war für ihn der Sinn und die Kraft eines christlichen Lebens. Es gibt nichts Sinnloses, Vergebliches im Leben eines Christenmenschen. Alles, was wir tun und was wir erleiden müssen, ordnet sich im Glauben an Gott vielmehr zu einem Weg, auf dem wir die Erfahrung machen, das uns selbst das Schlimmste zum Besten dient. Es bringt uns Gott nur umso näher. Das ist eine Glaubenserfahrung, liebe Gemeinde, die ohne Zweifel schwer missverstanden und schwer missbraucht werden kann. Man kann sie nicht zu einem allgemeinen Prinzip machen und etwa sagen: Na dann wollen wir uns mal möglichst viel Leiden wünschen, damit wir näher an Gott herankommen. Einen solchen Gedanken suchen wir bei Bonhoeffer vergebens. Was er hier sagt, kann nur einer aussprechen, der mit Gott in höchster Aktivität für seine Welt auf den Wege ist, der sich wie wir alle danach sehnt, dass Gott uns Freude schenkt „an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz.“ Doch wenn dieser Glanz sich nun verdunkelt hat, so heißt das nicht, dass Gott weg ist, dass der Glaube an seinen Weg mit uns aufhört.

Wo uns des „böser Tage schwere Last“ niederdrückt, macht Bonhoeffer vielmehr noch einmal eine neue Erfahrung, die hilft, diese Last aus Gottes Hand zu nehmen und so in ein neues Jahr zu gehen. „Gute Mächte“ umgeben ihn, behüten ihn, trösten ihn. In dem Brief an seine Braut hat er beschrieben, was er damit meint. Es sind die „Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher“. Sie bilden ein „großes unsichtbares Reich“ sagt er, ein Reich, „in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat“.  

Es ist ein Reich, liebe Gemeinde, das zur Welt gehört und nicht das Himmelreich. Und doch ist es nicht dasselbe wie die Welt, die sich bloß in nackten Tatsachen und knallharten Fakten erschöpft. Sie stellt unser Leben in einen Raum, der unendlich weiter ist, als der kleine Ort, an dem wir leben oder an dem Bonhoeffer festgehalten wurde. Menschen, die solchen Raum nicht haben, sind sehr arm dran. Sie sind auf das zurückgeworfen, was wir Erdwesen brauchen, um unser Leben fristen. Eine furchtbare Leere nagt an ihrer Seele, so dass sie sich in allerhand Pseudoräume der Medienindustrie und Unterhaltungsbranche flüchten, die spätestens zusammen brechen, wenn der Fernseher aus. Wir Menschen brauchen das Atmen in der Welt, die unsichtbar um uns sich weitet, wenn wir nicht an uns selbst ersticken wollen. Es kann freilich auch eine Welt sein, in der dunkle Mächte spuken, eine Welt voll Wahn, welche uns beherrscht. Denken wir nur an das Unheil, das Rassenhass und größenwahnsinniger Nationalismus zu Bonhoeffers Zeiten angerichtet haben. Schauen wir uns den Religionsfanatismus an, der in unseren Tagen unheilvoll aufflammt. Welche Macht kann das alles über Menschen gewinnen, so dass sie schnell Gewalttaten bereit sind.

Aber es gibt auch das Andere: Die guten Mächte, die vom Leben, Reden und Tun anderer Menschen ausgehen und die für uns eine Welt schaffen, in der wir Hause sein können, in der wir uns geborgen wissen. Bonhoeffer hat es sicherlich so empfunden, dass es für ihn eine Welt ist, die durch Menschen, die glauben, geschaffen wurde: durch die Menschen der Bibel, durch die, mit denen er in der Kirche auf dem Wege war, durch die, die für ihn beten, die Gottes Licht in der Welt an Weihnachten zusammen feiern und deren Worte sich zu einem Lobgesang Gottes vereinen.

 Doch was Bonhoeffer hier ausspricht, liebe Gemeinde, ist, wenn wir es recht bedenken, mehr als nur eine persönliche Empfindung. Ist es denn nicht auch für uns alle so, dass wir, indem wir Christinnen und Christen sind, an einer Welt des Glaubens, der guten Gedanken von Gott und von uns Menschen, an der Kraft der Gebete, an der Musik zur Ehre Gottes, am Geist, der vom Leben anderer ausgeht, teilnehmen? Ist es nicht so, dass unser Glaube an Gott auch in der Atmosphäre der weltweiten Christenheit geborgen ist, die uns viel stärker prägt, als wir das vielleicht wahrnehmen? Denn was fließt nicht alles durch die Texte, die Lieder und Gebete der Christenmenschen von gestern und heute, von nah und fern in unsren eigenen Lebensumkreis, in unser Empfinden und Urteilen ein! Wer eine Christin und Christ ist, ist darum niemals allein. Wir sind, indem wir zu Gemeinde Jesu Christi gehören, in eine weite unsichtbare Welt des Glaubens, Liebens und Hoffens hineingestellt, die uns hilft, das Leben unter Gottes Führung in guten und bösen Tagen dankbar zu bejahen.

Diese Welt bewahrt uns davor, uns in die kleinkarierten Probleme festzubeißen, die uns im Alltag der Gemeinden und unseren Lebens zu schaffen machen. Sie schenkt allen, die an Gott glauben, den Mut, diesen Glauben gerade dann zu bewähren, wenn es uns schlecht geht, wenn unsere Kirche sich so kümmerlich darstellt und nicht wenige meinen, Gott habe diese Welt voller Kampf und Hass vergessen. Wenn wir uns dann auf die guten Mächte besinnen, die der Geist Gottes im Leben von Menschen freigesetzt hat und nicht aufhört, freizusetzen, dann sind wir schon über all unsere Verzagtheit hinaus.

Nehmen wir nur Dietrich Bonhoeffer! Er ist im Leben so vieler Menschen auf der ganzen Erde unterdessen ja selber zu einer von den guten Mächten geworden. Das ist mehr und Besseres als ein Heiliger, den man auf einen Sockel stellt und verehrt. Das ist ein Christ, dessen Glauben, Leben und Denken nun auch zu unserem Glauben, Leben und Denken gehört. Das ist ein Christ, der uns froh macht, dass wir mit ihm zusammen Kinder Gottes sein dürfen. Amen.

 

         
 

Prof. D. Dr. Wolf Krötke - Nordendstr. 60 - 13156 Berlin - E-Mail: wolf.kroetke@web.de