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Überall Bibel – aber keiner
kennt sie
„Überall und nirgends sein“, das ist nach
Euripides das Kennzeichen eines unglücklichen Menschen. Er
schweift durch viele Orte, aber er kommt nirgends an. Er ist Vielen
irgendwie bekannt, aber keiner kennt ihn. Wer „überall und nirgends“
ist, der verflüchtigt sich im Nebel von Dasein und Nichtdasein. Hält
man ihn für verschwunden, dann taucht er auf. Hält man ihn für da,
dann ist er weg.
Das Schlaglicht auf die Bibel heute,
das unserer kurzen Besinnung zum Beginn der Arbeit der von
Cansteinschen Bibelanstalt Berlin e.V. voran steht, gesellt dieses
Buch offenkundig dem Typos des unglücklichen Menschen zu.
„Unglückliche Bibel“, könnte man gewissermaßen sagen. Überall ist sie.
Aber nirgends haftet sie. Natürlich ist das metaphorisch zu nehmen.
„Überall“ konnte schon der Orest des Euripides nicht wirklich sein.
Und „nirgends“ war er auch faktisch nicht. Dementsprechend gilt:
„Überall“ war auch die Bibel nie. Und dass „keiner“ sie kenne, kann
man nicht ernstlich behaupten. Und doch verdichtet unser Schlaglicht
ein Geschick dieses Buches in unseren Tagen und besonders in unseren
berlin-brandenburgischen Gegenden. Dieses Geschick wird gerade von
denen wahrgenommen, die ihre Bibel kennen. Bibelspuren sind für sie
allenthalben sichtbar: In der Umgangssprache der Menschen und in den
Sprichwörtern, in der Literatur von gestern und heute, im Ausdruck der
Bilder und Gebäude, im Kino, im Internet, usw. Aber es „klingelt“
sozusagen nichts, wenn die biblischen Worte und Bilder gebraucht
werden oder begegnen. Sie sind eingeebnet ins alltägliche
Sprachgebaren und eingeordnet in Sehgewohnheiten ohne nachhaltiges
Aufmerken.
Wir haben keinen Anlass, diesen
Vorgang – allgemein betrachtet – für problematisch zu halten. Es
spricht durchaus für die Bibel, dass so sie weitgehend in
unsere Alltags- und erst recht Festtagskultur einwandern konnte, ja zu
einer der prägenden Säulen dieser Kultur wurde. Biblische Motive,
Weisheiten, Geschichten und Paradigmen des Verhaltens klingen noch
immer in unserer Sprache und unserer Kulturwelt mit. Da es sich dabei
weithin um wahrhafte Äußerungen unseres Dranseins auf dieser Erde und
unter den Menschen handelt, wirkt die humanisierende Kraft der Bibel
auch dort noch fort, wo man sie gar nicht kennt.
Nur hin und wieder und
heute sogar verstärkt erinnern sich die Medien oder der Kunstbetrieb
und nicht zuletzt die Werbung an biblische Themen und Topoi. Sie ist
noch immer gut genug, die alte Bibel, wenn es gilt, Grundmenschliches
auf den Punkt zu bringen oder für irgendwas Neues Aufmerksamkeit mit
Worten von altersher zu erregen. Manchmal wird bei diesem von allen
möglichen Interessen geleitetem Bibelgebrauch sogar auch etwas
erwischt, worum es in diesem Buche wirklich geht. Aber summa summarum
muss man leider sagen, dass der diffuse und sporadische Bibelgebrauch,
der in unserer Gesellschaft durchaus im Schwange ist, kaum etwas dazu
beträgt, dass Menschen die Bibel auch wirklich kennen lernen. Sie
wissen ja nicht einmal, dass es z.B. die biblische Geschichte vom
verlorenem Sohn ist, die in einem Kinofilm als Geschichte von heute
vorgeführt wird. Indem ihnen die Bibel im Ganzen fehlt, erkennen sie
auch nicht mehr die Bibel im Einzelnen.
„Überall Bibel“ – das
ist also wahrlich keine Feststellung, auf der sich diejenigen ausruhen
können, die in die Welt gesandt sind, um Menschen mit der Bibel zum
Glauben an Gott einzuladen. Denn es bedeutet beileibe nicht: „überall
Jesus Christus“, „überall der Gott Israels“, „überall das Evangelium,
die gute Botschaft“. Das aber macht die Bibel in ihrem eigentlichen
Sinne aus. Darum heißen ihre beiden Teile „Testamente“, Zeugnisse. Ein
Bibelgebrauch, der das vergisst oder unterschlägt, ist wie der
Gebrauch einer Gabel zum Suppelöffeln. Man kann an den Zinken
höchstens ein bisschen ihren Geschmack erlecken. Der Genuss des vollen
Löffels – um vom Sattwerden zu schweigen – bleibt verwehrt. Das
unterscheidet darum den Bibelgebrauch in der Kirche vom gelegentlichen
Herumstochern in diesem Buch. Sie will Menschen den vollen Löffel
reichen. Oder sagen wir es mit Carl Hildebrand von Canstein, in dessen
Fußspuren wir uns hier bewegen, sie will „Gottes Wort“ den Menschen
„in die Hände bringen“.
Heutzutage bedeutet
das allerdings noch etwas anderes als zunächst im 18. Jahrhundert.
Damals ging es darum, den „Armen“ die Bibel „zu einem geringen Preis“
zugänglich zu machen. Bei uns kann sich jeder, der will, eine billige
Bibel leisten. Sie wird zu entsprechenden Zeiten sogar bei „Aldi“
angeboten. Von außen kommt man also in unserer Zeit ziemlich leicht an
eine Bibel heran. Das Problem ist dagegen, wie man in sie hinein
kommt. Wenn ein Einzelner, der weit weg von der Kirche und vom Glauben
lebt, einfach einmal so anfängt zu lesen, das schafft, werden wir
sicherlich geneigt sein, von einem mittleren Wunder reden. Der
Normalfall dürfte dagegen sein, dass sich dieses Buch für einen
Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts gerade verschließt, wenn er es
liest. Denn wie soll er sich auf alles einen Reim machen, was ihn da
aus Zeiten von weither mit merkwürdigsten Geschichten und
Vorstellungen überfällt?
Ich kenne Menschen
guten Willens, die schon beim Geschlechtsregister in Gen 5 das
interessierte Bibellesen aufgegeben haben. Wie sollen sie denn auch
gewissermaßen aus heiterem Himmel das Alte auf das Neue Testament
beziehen? Wie können sie sich in der apostolischen Überlieferung
zurecht finden? Dieses Buch sprengt in seiner Struktur so gut wie alle
Lesegewohnheiten von heute. Als einen Roman kann man es höchstens
streckenweise lesen. Aber diese Strecken wollen erst einmal gefunden
sein. Ein Sachbuch ist es auch nicht. Ja, was ist es dann? „Heilige
Schrift“ steht auf den meisten älteren Buchdeckeln. Doch was ist an
diesem Buch „heilig“? „Gottes Wort“ sollen wir in der Hand halten.
Aber wo ist das in den vielen Wörtern? Solche Fragen, die beliebig
vermehrt werden könnten, machen Eines völlig klar: Bibelverbreitung
und sei’s 555 Millionen Mal weltweit – Bibelverbreitung ohne
Bibelbereitung, Bibelbereitung zum Lesen nämlich, ist in unserer
Weltgegend kein sehr sinnvolles Unternehmen.
Der natürliche Ort
aber, an dem diese Bereitung der Bibel für’s Lesen zu geschehen hätte,
ist zweifellos die christliche Gemeinde. Ich brauche das hier nicht
lange begründen. Eine Gemeinde ohne Bibel wäre in der Selbstauflösung
begriffen. Der Gottesdienst, die Sakramente, der Unterricht, die
Seelsorge, schlechthin alles, was sie ausmacht, wären ohne sie grund-
und bodenlos. Wer die christliche Gemeinde trifft, trifft die Bibel.
Man sollte darum meinen, Bibelgebrauch sei für alle, die zur Gemeinde
gehören, selbstverständlich. Doch das ist offenkundig nicht der Fall.
Nach einer EKD-Umfrage im Jahre 2003 halten nur 22 % der
Gemeindeglieder in den alten Bundesländern Bibellesen für wichtig, um
evangelische Christen zu sein. Wenn das (woran ich etwas zweifle)
wirklich stimmt, wäre das schon ein beträchtlicher Wert. Mir ist durch
die Jahre hindurch aufgefallen, dass z.B. junge Menschen, die mit dem
Studium der Theologie anfangen, in der Regel des Bibellesens durchaus
unkundig waren. Nicht dieses Buch, sondern das Erleben von Menschen
war es und ist wohl auch noch immer, was vor allem zu diesem Studium
motiviert. Aber auch abgesehen davon ist kein Zweifel, dass das
Schlaglicht „Überall Bibel – aber keiner kennt sie“ auch seine
ziemlich langen Schatten in unsere evangelischen Gemeinden hinein
wirft.
Wenn wir das so sagen,
soll überhaupt nichts schlecht gemacht oder klein geredet werden, was
an Bibelstunden, Bibelseminaren und Bibelunterweisung im Unterricht
stattfindet, was an täglicher Bibellese für viele Gemeindeglieder
wichtig ist und vor allem im Gottesdienst an Bibelaktualisierung
geschieht. Es ist nichts als gut, dass es das alles gibt; viel mehr
gibt, als öffentlich dokumentiert wird. Aber dennoch kann niemand
behaupten, der Schatz an Gotteskraft und Menschen-Realität, der in der
Bibel pulsiert, strahle durch unsere Gemeinden leuchtend in die Welt
hinaus. Dazu sind es denn doch zu Wenige, die mit der Bibel leben und
sich so auf sie verstehen, dass ihre Botschaft immer aufs Neue Manna
für sie ist, welches auch anderen den Mund wässrig macht.
So sollte es in einer
reformatorischen Kirche aber eigentlich sein. Das „allgemeine
Priestertum aller Gläubigen“, das Luther im Auge hatte, meinte eine
Gemeinde von Bibel-Leserinnen und -Lesern. Aber so ist es nicht
geworden. Den Gründen, warum es so nicht geworden ist, wollen wir hier
nicht nachgehen. Wir haben uns hier nicht zum Rückwärtsblicken
versammelt. Klar ist aber, dass sich eine evangelische Kirche, die
sich selbst ernst nimmt, mit diesem Zustand unter keinen Umständen
abfinden kann.
Der neue Start der
Arbeit der von Cansteinschen Bibelanstalt Berlin e.V. ist deshalb als
ein Signal für die Gemeinden zu verstehen, ihr Leben aus der Bibel
nachdrücklicher und breiter zu wagen. Sie bietet Hilfe an, wenn das
Gestrüpp des Historischen und Gestrigen den Zugang zum lebendig
ansprechenden Wort verwehrt. Sie will ganz einfach das Zurechtfinden
der Menschen von heute in den Zeugnissen von Gotteserfahrung, die in
diesem Buch gesammelt sind, befördern. Sie möchte, dass niemand in Gen
5 stecken bleibt, der wissen will, was es mit diesem Buch auf sich
hat. Sie will daran arbeiten, dass die so dringend nötige Mission
unter den Menschen, denen ein atheistischer Weltanschauungsstaat den
Glauben abgewöhnt hat, Kraft aus diesem Buch schöpft und mit ihm ein
Anker der Unausweichlichkeit Gottes im Leben vieler Menschen platziert
wird.
Das ist ja schon an
sich schon eine sehr große Aufgabe, so dass man angesichts der
geringen Mittel, die dieser unverdrossenen Aktivität im Geiste unseres
Lindenbergers zu Verfügung stehen, nur offene Arme überall in unserer
Kirche wünschen kann. Und das tue ich. Aber wir können auch hier und
heute nicht um den Gegenwind herumschippern, der einer derartigen
Aktivität in unserer kirchlichen Realität und vor allem in der
Theologie kräftig ins Gesicht bläst. Es ist durchaus nicht so, dass
die Bibel in der evangelischen Kirche und Theologie durchgehend als
das Zentrum geschätzt wird, auf das es in einer christlichen Gemeinde
vor allem ankommt. Der alte römisch-katholische Einwand, hier werde
ein „papierener Papst“ ohne Bodenhaftung im „Leben“ aufs Schild
gehoben, feiert vielmehr unter den Bedingungen der religiös und
weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft im sog. „Protestantismus“
fröhliche Urständ. Worauf es ankomme, sei die Wahrnehmung Gottes im
„wirklichen“ religiösen Leben der Menschen von heute und nicht eine
verschriftete Gotteswahrnehmung von anno dunnemals. Die habe ihr
gewisses Recht, sofern wir sie heute nach unserem religiösen Gusto
nachzuvollziehen vermögen. Sie kann deshalb durchaus als Spielmaterial
herangezogen werden. Aber von der kirchlichen Behauptung, die Bibel
sei Kanon – auf deutsch: Maßstab unseres Glaubens und unseres
Leben aus dem Glauben – sei „Abschied“ zu nehmen.
Ich zitiere hier
meinen ehemaligen praktisch-theologischen Kollegen Klaus-Peter Jörns
an der Kirchlichen Hochschule in West-Berlin und dann an der
Humboldt-Universität. Er zieht mit dem Buch „notwendige Abschiede“ die
Summe seines Wollens. Aber er steht hier nur als einer von den sehr
Vielen vor allem in der sog. praktischen Theologie, deren Profil im
gerade erschienenen RGG-Artikel „Wort Gottes“ so beschrieben wird,
dass es in dieser Disziplin der Theologie keine „programmatische“
Rolle mehr spiele. Unter dem Strich bedeutet das: Von Canstein ade!
Denn die Bibel sei mit ihren mesepotanischen, ägyptischen,
semitischen, hellenistischen und lateinischen Vorstellungswelten
nichts weiter als ein multireligiöses Zeugnis verschiedener
„Wahrnehmungsgestalten“ Gottes. Man könne ihr ohne weiteres
muslimische, hinduistische und buddhistische „Wahrnehmungsgestalten“
gleichberechtigt zur Seite stellen.
Das Buch von Jörns
endet darum mit dem, wie er sagt, „frommen Wunsch“, einen „Kanon aus
den Kanons“ zusammenzustellen. Verschiedene nach Kriterien der
„Authentizität“ für uns heute ausgewählte Typen von
„Wahrnehmungsgestalten“ Gottes aus der Bibel, dem Koran, dem
Buddhismus und Hinduismus sollen der Grundtext der kirchlichen
Verkündigung werden. Eine Beerdigungsliturgie für einen Hauskater,
welche die Erde als „Mutterschoß“ für sein neues Leben reklamiert,
gibt zudem deutlich eine Offenheit für das Anliegen der
Naturreligionen zu erkennen.
Wie – das ist hier die
Frage – positioniert sich der Start der von Cansteinschen Bibelanstalt
Berlin e.V. in dieser kirchlich-theologisch-religiösen Szene von
einiger Bedeutung? Das hier erwähnte Buch nimmt in Anspruch, die
Meinung der Meisten Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Kirche zum
Ausdruck zu bringen oder wenigstens ihr Grundproblem zu bearbeiten.
Ich denke, dieser Anspruch ist unberechtigt. Doch wer heute auf seine
Fahnen schreibt, die Bibel für das Verstehen von Menschen aufschließen
zu wollen, muss auch damit rechnen, dass Einige seiner natürlichen
Verbündeten – die Gemeinden und ihre Pfarrerinnen und Pfarrer, um von
den Professoren zu schweigen – ihn im Stich lassen. Die
theologische Auseinandersetzung über die Bedeutung der Bibel als
Kanon alles kirchlichen Tuns und Lassens wird deshalb die
Aktivitäten der von Cansteinschen Bibelanstalt Berlin e.V. begleiten
müssen. Sie hat z.B. zu begründen, warum es nicht geraten ist, Schrift
und religiöse Erfahrung, Schrift und „wirkliches Leben“ in einen
Gegensatz treiben. Sie wird darzulegen haben, wie dem Einwand, „Gottes
Wort“ gäbe es gar nicht, das sei nur eine dogmatische Konstruktion der
Kirche, zu begegnen ist. Sie wird sich der Frage stellen müssen, wie
der reformatorische Grundsatz „sola scriptura“, die Schrift
allein, unter den Bedingungen religiöser Pluralität zu vertreten und
zu verantworten ist.
Diese Arbeit an einem
theologischen Profil der Bibelerschließung für Menschen von heute ist
nicht zuletzt darum wichtig, weil Bibelschrumpfung der geschilderten
Art eine Gegenbewegung provoziert, an der uns gar und gar nicht
gelegen sein kann. Das ist der Fundamentalismus. Er will die
Bibel bewahren und ihre Geisteskraft beweisen, indem er die
menschliche und zeitbedingte Dimension der biblischen Zeugnisse der
kritischen Nachfrage entzieht. Das kann Menschen faszinieren und
fasziniert sie auch tatsächlich. Denn hier wird auf eine starke
emotionalisierende Unmittelbarkeit jedes Bibelwortes abgezielt, die
zugleich Sicherheit vor den religiösen, ethischen, wissenschaftlichen
und politischen Verunsicherungen unserer Zeit verspricht. Die Gefahr,
dass ein solcher archaisierender Bibelgebrauch die Fremdheit der Bibel
in unserer Gesellschaft noch verstärkt, ist nicht zu übersehen.
Demgegenüber liegt es
in der Tradition der von Cansteinschen Bibelanstalt, die Begegnung mit
dem Ereignis des Wortes Gottes und den kritischen Umgang mit
der menschlichen Gestalt seiner Bezeugung zu verbinden. Selbst Thomas
Mann hat ihr das als ihren besonderen Vorzug schon am Ende des 19.
Jahrhunderts in seinem „Dr. Faustus“ nachgerühmt. Diesen Ruhm einer
guten und für die Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche dringend
nötigen Sache gilt es heute zu mehren. Möge es denen, die an diesem
Tage wieder das Anliegen der von Cansteinschen Bibelanstalt aufnehmen,
zum Segen unserer Kirche und der Menschen unseres Landes gelingen!
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