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Wenn
Gott schweigt
„Unser Gott kommt und schweigt nicht“ (Psalm
50,3). Das ist ein Kernsatz der Bibel. Nur weil Gott nicht schweigt,
kann er überhaupt für uns Gott sein. Ein stummer Gott ist im Sinne der
Bibel gar nicht Gott. Die Atheisten von heute bestätigen das auf ihre
Weise. Indem sie ihn nicht mehr vernehmen, ist er für sie nicht mehr
da.
Doch so harmlos ist
das mit Gottes Schweigen nicht. Wer Gott nicht vernimmt, ist Gott
nicht einfach los. Selbst Atheisten reagieren gereizt, wenn man sie
„gott-lose Menschen“ nennt. In der DDR-Zeit hat mir die Zensur
verboten, sie derartig zu bezeichnen. „Gottlos“ – das klinge so
verächtlich. Da hatten die Zensoren sicherlich ausnahmsweise einmal
recht. Wenn ich zu Einem, der nicht an Gott glaubt, sage: „Du
gottloser Mensch“, dann klingt das in seinen Ohren wie eine
Verurteilung. „Du nichtiger, fragwürdiger Mensch“, hört er da, „deinem
Leben fehlen doch alle guten Gründe“. Das lässt sich niemand gerne
sagen.
Merkwürdig ist nur,
dass „gott-los“ selbst für richtige Gottesleugner diesen Klang hat.
Vermutlich transportiert hier unsere Sprache noch etwas mit, was sich
auch einer biblischen Erfahrung verdankt. Der Gott, der von Hause aus
nicht schweigt, schweigt doch! Wenn das aber geschieht, kommen sich
Menschen wie ausgespuckt vor; von allem Guten verlassen, aussichtslos
allein und elend. „Gott schweige doch nicht, bleibe nicht still und
ruhig“, fleht darum ein anderer biblischer Beter (Psalm 83, 2). Denn
wenn Gott schweigt, fehlt unserem Leben die Kraftzufuhr seines Geistes
und Lebens. Andere Stimmen, andere Mächte besetzen dann lautstark und
gewaltig die Leerräume der Gottesstille.
Nicht alle Menschen
empfinden das als schlimm. Des Typ des Gottlosen begegnet in den
Psalmen wiederholt als sorgloser Mensch, dem es gut geht bei Gottes
Schweigen. „Mir fehlt nichts“, ruft der „Konfessionslose“ von heute,
der den Besuchern aus der Gemeinde die Türe vor der Nase zuknallt. Da
er Gott noch nie hat reden hören, merkt er auch gar nicht, wenn er
schweigt. Ist er nicht besser dran als die, die Gottes Schweigen
quält, weil sie Erfahrungen damit haben, wie es gut es ist, wenn er
redet?
Wir müssen diese Frage
gerade in einer Zeit ernst nehmen, in der Gott für so viele Menschen
nichts bedeutet. Wer da Ohren und Herzen für Gottes Reden öffnen
möchte, liefert ihnen zugleich den Grund für taube Ohren und
verschlossene Herzen mit. Gott schweigt auch. Alle, die glauben,
machen diese Erfahrung. Sie ist mit dem Schrei des sterbenden Jesus in
den Glauben an ihn eingraviert. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du
mich verlassen“? hat der Mensch verzweifelt geklagt, durch den Gottes
Liebe geredet hat, wie durch keinen Anderen. Mit den Worten des 22.
Psalms hat er da in all die Klagen der Menschen vor ihm über Gottes
Schweigen eingestimmt. Er hat vorweg genommen, was für unabsehbar
Viele nach ihm zur letzten Frage in ihrem Leben wurde.
Gott schweigt – das
ist in der Nachfolge Jesu die Erfahrung gerade der für Gott offenen
Menschen. Wir dürfen sie nicht mit der Unempfindlichkeit für Gott
verwechseln, die sich Menschen in willkürlich gewählter Gottesferne
angewöhnen. In solcher Gottesferne können Menschen zu Betonmauern für
Gott werden. An ihnen darf und soll die christliche Gemeinde mit ihrem
Zeugnis vom Reden Gottes kräftig rütteln. Aber wenn Gott tatsächlich
selber schweigt, obwohl Menschen sich nach seiner Gegenwart sehnen,
dann ist das niederschmetternd. Dann stellt er nämlich selber den
Glauben und das Vertrauen zu ihm in Frage. Nicht nur Zweifel, auch
Verzweiflung beginnen sich in unserer Seele einzunisten.
Gottes Schweigen tut
uns weh. Es baut sich gerade dann wie eine dunkle Wand vor uns und in
uns auf, wenn Gottes Reden nötig wäre. Menschen, die dem Hass und der
Wut anderer Menschen ausgeliefert sind, nimmt es die Hoffnung und die
Tatkraft. Opfern von Naturgewalten verweigert es Antworten. Von
Krankheit Gequälten treibt es die Dankbarkeit dafür aus, dass sie
überhaupt am Leben sind. Da ist nicht Atheist noch Christ, nicht
Religiöser noch nicht Religiöser. Alle bekommen zu spüren, wie es ist,
„wenn wir in höchsten Nöten sind“ und Gott schweigt. Können, dürfen
Menschen in solchen Situationen überhaupt noch von Gott reden?
Wenn Gott schweigt,
ist Gott für uns verschlossen. Eigentlich kann das auch nur unser
Verstummen zur Folge haben. Wer selber mit Leiden geschlagen ist oder
anderen Menschen im Leiden beizustehen versucht, erfährt das ganz
direkt. Das Wort „Gott“ wird uns wie Blei im Munde. Wir bekommen das
Gefühl, uns an Gott und an den Menschen zu vergreifen, wenn wir jetzt
anfangen wollten, sein Schweigen zu erklären. „Sei doch endlich
stille“, möchten wir am Liebsten jemand zurufen, der sich im Reden
versucht, wenn Gott schweigt. Es gibt Zeiten, in denen können wir nur
mit Gott schweigen. Die Gemeinden, welche den alten Brauch des
Durchlebens der Osternacht wieder entdeckt haben, versuchen zu Recht,
sich einer solchen Erfahrung anzunähern.
In dieser Nacht aber
kommt noch etwas Anderes ins Spiel als nur der dunkle Abgrund des
Schweigens Gottes. Da bemerken wir in der Erwartung des Osterlichtes
in Gottes Schweigen so etwas wie Gottes eigenes, tiefes Berührtsein
vom Schmerz Jesu Christi, vom Leiden seiner Geschöpfe. Fernab von
Golgatha ist es fast unmöglich, Gottes Schweigen als Miterleiden der
Schmerzen zu verstehen, die uns selbst stumm machen. Da ist die Kluft
zwischen Gott und uns zu groß. Da redet die Bibel von Gottes Zorn und
Gottes Strafen für unsere Missetaten. Wir dürfen das durchaus nicht
wegstreichen. Wenn Gott schweigt, werden wir allemal auf das gestoßen,
was ihm an unserem Leben nicht gefallen kann.
Karfreitag aber lässt
uns verstehen, dass Gott auch in seinem Schweigen der Gott bleibt, der
mit uns ist. So wie er uns hier mit seinem Schweigen berührt, trägt er
die schweren Erfahrungen mit, die wir machen, wenn er schweigt. Sie
können dann in all ihrer Schwere aufhören, letzte Erfahrungen zu sein,
die Menschen in der Gottesferne verschließen. Denn sie verhindern
nicht endgültig, im Schweigen Gottes schon das Sprechen seiner Liebe
zu vernehmen.
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