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Eros
und Agape
Das griechische Wort „Eros“ begegnet uns in der
deutschen Sprache von heute fast ausschließlich in sexuellen
Zusammenhängen. Wenn jemand „Erotik“ hört, denkt er an Sex. Das
bedeutet aber, er denkt nicht unbedingt an Liebe. Das griechische Wort
„Eros“ heißt aber Liebe. Es bedeutet jedoch viel mehr als sexuelle
Lust, aber auch etwas anderes als unser deutsches Wort „Liebe“
gemeinhin aussagt. Eros – das ist im Denken der Antike das Streben
nach Vollkommenheit. Dieses Denken versteht jeden einzelnen Menschen
nur als mangelhaftes, unvollkommenes Exemplar der Gattung Mensch. Der
Eros treibt uns darum an, an der Vollkommenheit, die uns außerhalb
unserer selbst begegnet, teilzunehmen, ja sie uns anzueignen.
Andere Menschen
ziehen uns – so dachte man – durch ihre Schönheit an, damit wir durch
sie vollkommener werden können. Sie wecken in uns das Begehren, uns
mit ihnen zu vereinigen und sie genussvoll zu besitzen. In diesem
Sinne wird auch die Sexualität verstanden. Sie schenkt uns eine Lust
am Sein, die wir alleine nicht gewinnen können. Aber auch die Kunst
wird deshalb hoch geschätzt. Sie vermittelt uns die Lust an unserem
Idealbilde. Der Eros, den Platon geradezu als einen „Dämon“ im
Menschen verstanden hat, richtet sich jedoch nicht bloß auf Menschen.
Er treibt uns an, uns durch die Erkenntnis aller Dinge vollkommener zu
machen. Er treibt uns vor allem zur Erkenntnis des Gottes, um uns den
Genuss der Vereinigung mit der höchsten Vollkommenheit und Schönheit
zu verschaffen.
Im Sinne der Bibel hat
das mit wirklicher Liebe nichts zu tun. Auffälligerweise kommt im
griechischen Neuen Testament und in der griechischen Übersetzung des
Alten Testaments noch nicht einmal die Vokabel „Eros“ vor. Die Bibel
gebraucht, wenn sie von Liebe redet, das Wort „Agape“. Was damit
gemeint ist, hat Paulus klassisch im sogenannten „Hohen Lied der
Liebe“ in I Korinther 13 formuliert. Die Spitzenaussage dort lautet:
Die Liebe „sucht nicht das Ihre“ (Vers 5). Sie ist selbstlos und nicht
selbstsüchtig. Sie ist allein darauf aus, den anderen Menschen zu
bejahen und ihm Gutes zu tun. Sie schätzt ihn um seiner selbst willen.
Sie gibt ihm zu verstehen, dass er nichts als liebenswert ist.
Man hat darum von
einem tiefen Gegensatz von Eros und Agape gesprochen. Der Eros macht
die Menschen wie die Dinge und sogar Gott bloß zum Objekt meines
Begehrens. Der Agape geht es um den eigenen Wert und die eigene
Freiheit der Geliebten. Eros ist Sünde. Agape allein ist
menschenwürdig. Doch die Konstruktion eines solchen Gegensatzes wird
dem Phänomen der Liebe nicht gerecht.
Es ist zwar richtig,
dass die Degradierung eines Menschen zum Mittel für den Zweck meines
Lustgewinns menschenunwürdig ist. Es ist aber nicht richtig, dass
Liebe die Opferung unseres eigenen Ichs verlangt. Zur Liebe gehört
immer das Begehren, sich mit einem anderen Menschen zu vereinigen und
das Selbstgefühl bei dieser Vereinigung zu steigern. Zur Liebe gehört
auch das Bedürfnis, von einem anderen Menschen geliebt und bestätigt
zu werden. Wäre die Agape ohne diese Eros-Komponenten, dann würde sie
uns selbst immer ärmer machen. Menschen, die sich ganz für ihre
Partnerinnen oder Partner „aufopfern“, verlieren ihr eigenes Gesicht.
Das „erotische“ Interesse an unserer Selbstverwirklichung behält darum
sein Recht – nicht nur im Verhältnis von Mann und Frau, auch in der
Freundschaft, auch in der sozialen Praxis der Nächstenliebe und
natürlich in der Gottesbeziehung.
In der Liebe, welche
von Agape bestimmt ist, wird dieses Recht auf mein eigenes Leben aber
überboten von dem Wunsch, für einen anderen Menschen da zu sein. Als
„inmitten noch so großer Selbstbezogenheit immer noch größere
Selbstlosigkeit“ hat ein Theologe die Liebe darum definiert; wir
können auch sagen: als inmitten von noch so viel Eros immer noch mehr
Agape. In der Beziehung von Mann und Frau kann dieses Wesen, ja dieses
Glück der Liebe wohl am eindrücklichsten Ereignis werden. Hier treten
Menschen wechselseitig für die Freiheit der Partnerin und des Partners
ein, damit beide als sie selbst aufblühen können. Aber das skizzierte
Zusammenspiel von Eros und Agape macht doch auch alle andere Formen
der Liebe zu einem Ereignis von Glück – nicht zuletzt die Gottesliebe,
die sich der Erfahrung verdankt, geliebt zu
sein.
(Wolf Krötke) |
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