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Religion und Naturwissenschaft in evangelischer Perspektive
Religion ist im
evangelischem Sinne eine Praxis der Freiheit. „Ein
Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem
untertan“, beginnt Martin Luthers berühmte Schrift „Von der Freiheit
eines Christenmenschen“. Damit ist gemeint: Die Beziehung auf Gott
macht Menschen frei von allen Abhängigkeiten in der Welt. Luther hat
diesem Satz aber noch einen zweiten hinzugefügt. Der lautet: „Ein
Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann
untertan“. Damit ist gemeint: Ein Christ gebraucht seine Freiheit,
indem er sich in den Dienst seiner Mitmenschen stellt. Ihr freies,
menschenwürdiges Leben ist ihm ebenso wichtig wie sein eigenes.
Diese
evangelische Perspektive hat, wenn auch in einem langen, vielfach
gebrochenen Prozess, für Europa den Abschied vom Mittelalter
eingeläutet. Die Freiheit des „Christenmenschen“ erlaubte es, alle
Autoritäten in Frage zu stellen, die das menschliche Leben
reglementierten. Sie erlaubte zugleich die Vision einer Gesellschaft,
in der sich Menschen aus freien Stücken menschlicher verhalten, als
unter der Knute von Drohungen und Strafen kirchlicher und weltlicher
Autoritäten. Was das in politischer und kultureller Hinsicht für die
Zukunft Europas bedeutete, verdient eine eigene Würdigung. Uns
interessiert jetzt, was das evangelische Freiheitsverständnis für das
Verhältnis des Glaubens an Gott zur Wissenschaft bedeutet.
Orientieren wir uns historisch, dann ist klar, dass evangelische
Freiheit die Freiheit zum ungehindertem Erforschen der Natur
einschloss. Der lutherische Theologe Andreas Osiander hat 1543 in
Nürnberg das Hauptwerk des Kopernikus veröffentlicht, welches das
Weltbild des Mittelalters zum Einsturz brachte. Im Wittenberg Luthers
durfte das kopernikanische System ungehindert gelehrt werden. Johannes
Kepler (1571-1630), einem lutherischen Theologen und Astronomen,
verdanken wir den eigentlichen Durchbruch zur neuzeitlichen
Astronomie.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der das Aufblühen der
Naturwissenschaften in der vom Christentum geprägten Welt befördert
hat. Gott wird in der jüdisch-christlichen Tradition als Schöpfer
der Welt verstanden. Das bedeutet: Er hat eine selbständige Welt
mit eigenen Gesetzen ins Dasein gerufen. Diese Welt ist kein Anhang
oder Ausfluss Gottes. Sie ist kein Tummelplatz „göttlicher“ Mächte,
wie die Religionen der Vorneuzeit annahmen. Sie ist nichts als Welt.
Als solche hat sie der Schöpfer für unser Erkennen und Entdecken frei
gegeben. Von dieser Freiheit sollen und dürfen seine Geschöpfe
Gebrauch machen.
Paradoxerweise ist aber gerade der christliche Schöpfungsglaube zum
Konfliktfeld zwischen den christlichen Kirchen und den
Naturwissenschaften geworden. Auch die evangelische Kirche trägt ein
gerüttelt Maß Schuld daran. Denn sie hat in der Nachreformationszeit
die biblischen Mythen von der Erschaffung der Welt und des Menschen
mit naturwissenschaftlichen Richtigkeiten identifiziert. Die
Entdeckung der Naturgesetzlichkeit des Werdens des Universums und der
menschlichen Gattung galt von daher als Leugnung des Glaubens an den
Schöpfer. Der sogenannte „Kreationismus“ in einigen amerikanischen
Kirchen und anderswo vertritt diese Meinung bis heute.
Doch die historisch-kritische Erforschung der Bibel macht klar, dass
die biblischen Vorstellungen von der Schöpfung keine vom Himmel
gefallenen Wahrheiten sind. Sie verdanken sich zeitbedingten
Beobachtungen. Auf sie haben zudem viele Einflüsse von anderen
Religionen des antiken vorderen Orients eingewirkt. Man kann sie
unmöglich als göttliche Offenbarungen über die objektive Konstruktion
der Welt verstehen.
Die
Wahrheit dieser Mythen liegt für uns heute vielmehr auf einer anderen
Ebene als auf der, mit der es die objektivierende wissenschaftlichen
Forschung zu tun hat. Diese Mythen bringen die Erfahrung von Menschen
zum Ausdruck, dass die Erde und die Menschen in einem ihnen entzogenen
Grunde wurzeln, den sie Gott nennen. Im Christentum kommt es zu dieser
Gewissheit durch die Begegnung von Menschen mit dem Dasein Jesu
Christi. Diese Begegnung löst das Vertrauen dazu aus, dass Gott die
Erde und die Menschheit gründet, trägt und bejaht. Ob dieses Vertrauen
begründet ist, stellt eine Frage für sich dar. Darüber befindet sich
die wissenschaftliche Theologie heute im Gespräch mit der Philosophie.
Die
Erforschung der Naturgesetzlichkeit aber kann weder begründen noch
widerlegen, ob jenes Vertrauen zu einem Schöpfergott gerechtfertigt
ist. Sie hat keinen Zugriff auf den geschichtlich begegnenden
Schöpfergeist, aus dem heraus dieses Vertrauen entsteht. Alle Etappen
der Evolution des Universums und des Lebens sind für sie mit Recht
naturgesetzliche Etappen und keine göttlichen Akte. Der christliche
Glaube begrüßt das. Denn Alles, was uns die Wissenschaft erschließt,
ist eine große Bereicherung nicht nur unserer Kenntnis, sondern auch
unseres Wirklichkeitsempfindens auf dieser Erde.
Die
Behauptung eines tiefen Grabens zwischen dem Glauben und der
Wissenschaft sollte darum endlich ad acta gelegt werden. Diese
Behauptung beruht in jeder Hinsicht auf Missverständnissen. Was den
Glauben betrifft, so weiß sich insbesondere die evangelische Theologie
dazu herausgefordert, daran mitzuwirken, dass in den christlichen
Kirchen, aber auch in anderen Religionen kein archaischer
Fundamentalismus wuchert. Er dient nicht den Fortschritten zu einem
menschwürdigen Lebens auf unserer Erde, zu dem die Wissenschaften und
die technischen Möglichkeiten, die sie eröffnet haben, schon so viel
beizutragen vermochten.
Die
Wissenschaften sollen auch fernerhin diesen Fortschritten zugute
kommen. Das ist allerdings ein brennendes Interesse des christlichen
Glaubens. Denn er versteht – wie gesagt – menschliche Freiheit so,
dass sie zugunsten der Menschen gebraucht werden soll. Wissenschaft
aber kann auch unter die Herrschaft menschenfeindlicher Interessen
geraten. Das haben wir in unserem Zeitalter hinreichend erlebt und
erleben es bis heute. Sie kann zum Element von Ideologien werden, die
genau das Gegenteil von Freiheit bewirken. Wenn die evangelische
Kirche in dieser Hinsicht besonders aufmerksam ist, dann hat das
nichts mit irgendeiner Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun. Es geht
vielmehr darum, dass Wissenschaft einen Horizont von Werten braucht,
die sie menschendienliche Wissenschaft bleiben lässt. Der christliche
Glaube ist bei seiner Bejahung der Wissenschaften ein zuverlässiger
Anwalt solcher Werte. |